07.07.1965

„DANN MÜSSEN SIE SICH EINKRALLEN!“

Generaloberst Heinz Guderion, Oberbefehlshaber der 2. Panzerarmee, flog am 20. Dezember 1941 von der Ostfront ins Führerhauptquartier, um Hitler von der Notwendigkeit zurückgezogener Winterstellungen zu überzeugen. Schlamm, Frost und Schnee hatten die deutschen Divisionen nahezu bewegungsunfähig gemacht. Der Mangel an Quartieren und Winterkleidung hatte zu schweren Erfrierungen bei der Truppe geführt. Guderians Versuch, Hitler zu beeinflussen, schlug fehl: Am zweiten Weihnachtsfeiertag wurde er entlassen und in die Führerreserve des OKH versetzt. Den Dialog mit Hitler im Führerhauptquartier gibt er in seinen "Erinnerungen eines Soldaten" wieder**.
Der Vortrag begann mit meiner Schilderung der operativen Lage der 2. Panzerarmee und der 2. Armee. Sodann ging ich auf die Absicht ein, beide Armeen in die Susha-Oka-Stellung abschnittsweise zurückzuführen.
Ich war überzeugt, daß Hitler darüber unterrichtet sei. Um so größer war meine Überraschung, als er mit Heftigkeit ausrief: "Nein, das verbiete ich!"
Ich meldete, daß die Bewegung bereits im Gange sei und daß es vorwärts der genannten Flußlinie keine geeignete Dauerstellung gäbe. Wenn er Wert darauf lege, die Truppe zu erhalten ... dann bliebe ihm gar keine andere Wahl.
Hitler: "Dann müssen Sie sich in den Boden einkrallen und jeden Quadratmeter Boden verteidigen!"
Ich: "Das Einkrallen in den Boden ist nicht mehr überall möglich, weil er 1 bis 1 1/2 m tief gefroren ist und wir mit unserem kümmerlichen Schanzzeug nicht mehr in die Erde kommen."
Hitler: "Dann müssen Sie sich mit schweren Feldhaubitzen eine Trichterstellung schießen. Wir haben das im Ersten Weltkrieg in Flandern auch getan."
Ich: "Im Ersten Weltkrieg hatten unsere Divisionen in Flandern Abschnittsbreiten von 4 bis 6 km und zu ihrer Verteidigung zwei bis drei Abteilungen schwerer Feldhaubitzen mit verhältnismäßig reichlicher Munition.
"Meine Divisionen haben 20 bis 40 km Frontbreite zu verteidigen, und ich besitze je Division noch 4 schwere Haubitzen mit je etwa 50 Schuß. Wenn ich sie zum Schießen von Trichtern verwenden wollte, so würde ich mit jedem Geschütz 50 flache Mulden von Waschschüsselgröße und rundherum einen schwarzen Fleck erzeugen, aber niemals eine Trichterstellung! In Flandern hat es nie solche Kältegrade gegeben, wie wir sie jetzt erleben.
"Ich brauche meine Munition außerdem zur Abwehr der Russen. Wir bringen ja nicht einmal spitze Stangen für den Leitungsbau unserer Fernsprecher in den Boden; selbst die Löcher hierfür müssen gesprengt werden. Woher sollen wir die Sprengmunition für den Stellungsbau in solchem Ausmaß nehmen?"
Hitler bestand aber auf der Ausführung seines Befehls zum Halten, wo wir gerade stünden.
Ich: "Dann bedeutet dies den Übergang zum Stellungskrieg in ungeeignetem Gelände wie an der Westfront des Ersten Weltkrieges. Wir werden dann die gleichen Materialschlachten und die gleichen ungeheuren Verluste erleben wie damals, ohne eine Entscheidung erkämpfen zu können. Schon In diesem Winter werden wir durch eine solche Taktik die Blüte unseres Offizier- und Unteroffizierkorps und den für beide geeigneten Ersatz opfern, und dieses Opfer wird ohne Nutzen sein und außerdem unersetzlich."
Hitler: "Glauben Sie, die Grenadiere Friedrichs des Großen wären gerne gestorben? Sie wollten auch leben, und dennoch war der König berechtigt, das Opfer ihres Lebens von ihnen zu verlangen. Ich halte mich gleichfalls für berechtigt, von jedem deutschen Soldaten das Opfer seines Lebens zu fordern."
Ich: "Jeder deutsche Soldat weiß, daß er im Kriege sein Leben für sein Vaterland einzusetzen hat, und unsere Soldaten haben bisher wahrhaftig bewiesen, daß sie bereit sind, dieses Opfer auf sich zu nehmen. Man darf dieses Opfer aber nur verlangen, wenn sich der Einsatz lohnt. Die mir erteilte Weisung muß aber zu Verlusten führen, die in gar keinem Verhältnis zu den erreichbaren Ergebnissen stehen ...
"Ich bitte zu bedenken, daß nicht der Feind uns viele blutige Verluste zugefügt hat, sondern daß die abnorme Kälte uns doppelt soviel Leute kostet als das feindliche Feuer. Wer die Lazarette mit den Erfrorenen gesehen hat, weiß, was das zu bedeuten hat."
Hitler: "... Sie lassen sich zu sehr von den Leiden des Soldaten beeindrucken. Sie haben zuviel Mitleid mit dem Soldaten ..."
Ich: "Selbstverständlich ist es meine Pflicht, die Leiden meiner Soldaten zu mildern, so gut ich kann. Das ist aber schwer, wenn die Männer jetzt noch immer keine Winterbekleidung haben und die Infanterie großenteils in Drillichhosen herumläuft ..."
Hitler brauste auf: "Das ist nicht wahr. Der Generalquartiermeister hat mir gemeldet, daß die Winterbekleidung zugewiesen ist."
Ich: "Freilich ist sie zugewiesen, aber sie ist noch nicht eingetroffen. Ich verfolge ihren Weg genau. Sie liegt jetzt auf dem Bahnhof in Warschau und kommt von dort seit Wochen infolge von Lokomotivmangel und Verstopfung der Strecken nicht weiter. Unsere Anforderungen im September und Oktober wurden schroff zurückgewiesen, und jetzt ist es zu spät." Der Generalquartiermeister wurde geholt und mußte meine Darstellung bestätigen.
Goebbels' Bekleidungsaktion zu Weihnachten 1941 war die Folge dieser Aussprache. Ihr Ergebnis kam im Winter 1941/42 nicht mehr in die Hände der Soldaten ...
Nach Tisch, als die Aussprache fortgesetzt wurde, schlug ich vor, in das OKW und in das OKH Generalstabsoffiziere zu versetzen, die diesen Krieg in Frontstellungen erlebt hätten:
"Aus der Reaktion der Herren des
OKW habe ich den Eindruck gewonnen, daß unsere Meldungen und Berichte nicht richtig verstanden und Ihnen infolgedessen auch nicht richtig vorgetragen werden. Ich halte daher für notwendig, fronterfahrene Offiziere in die Generalstabsstellen des OKH und OKW zu versetzen ... In den beiden Stäben hier oben sitzen die Offiziere seit Kriegsbeginn, also über zwei Jahre, ohne die Front gesehen zu haben ..."
Hitler erwiderte entrüstet: "Ich kann mich jetzt von meiner Umgebung nicht trennen."
Ich: "Sie brauchen sich auch von Ihren persönlichen Adjutanten nicht zu trennen ... Wichtig ist eine Neubesetzung der maßgebenden Generalstabsstellen mit Offizieren, welche frische Fronterfahrungen, besonders im Winterkrieg, besitzen."
Auch diese Bitte wurde schroff abgelehnt.
** Heinz Guderian: Erinnerungen eines Soldaten". Kurt Vowinckel Verlag, Heidelberg.
Guderian (l.), Hitler*: "Sie haben zuviel Mitleid, Herr General!"
* Bei der Verleihung des Ritterkreuzes am 27. Oktober 1939.

DER SPIEGEL 28/1965
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