01.09.1965

USA / HELLSEHERWolke auf dem Weißen Haus

An einem Tag des Jahres 1952 - nach der katholischen Morgenmesse hatte Jeane Dixon, die fromme Frau eines wohlhabenden Washingtoner Immobilienmaklers, eine düstere Vision.
Während sie betend vor einer Marienstatue kniete, erschienen ihr: die Zahl 1960, ein strahlend junger Mann, braunhaarig und blauäugig, das Weiße Haus und darüber eine schwarze Wolke.
Eine innere Stimme dechiffrierte die Botschaft aus einer anderen Welt: 1960 werde ein junger Braunschopf zum Präsidenten der USA gewählt und während seiner Amtszeit ermordet werden.
Vier Jahre später vertraute Jeane ihr visionäres Wissen einem Reporter des Wochenblattes "Parade" an. "Parade" veröffentlichte Jeanes Wahl- und Mordprophezeiung am 13. Mai 1956. Und noch einmal vier Jahre danach wurde tatsächlich ein junger, blauäugiger Mann mit braunem Schopf ins Weiße Haus gewählt: John F. Kennedy.
Nach Kennedys Wahl wurde Jeane Dixon von ihrer Schreckens-Vision immer häufiger verfolgt. Die schwarze Wolke über dem Weißen Haus "wurde größer und größer" und fing an "herabzusinken" (Jeane Dixon).
Im Herbst 1963 - Kennedy hatte sich gerade zu seiner Reise in die Südstaaten entschlossen - läutete Jeane Sturm an der Haustür von Kay Halle, einer Freundin der Kennedy-Familie. Sie beschwor Miß Halle, dem Präsidenten die Reise auszureden: "Er wird unterwegs getötet werden." Kay Halle aber hütete sich, dem Präsidenten mit Weissagungen zu kommen. Kennedy reiste nach Dallas.
Am 22. November 1963 lunchte Jeane Dixon mit Damen der Gesellschaft im Washingtoner Hotel Mayflower. Jeane aß appetitlos und blieb auffallend stumm. "Kindchen, warum essen Sie denn nicht?" fragte Mrs. Kaufmann, eine ältere Lady, die blasse Mittvierzigerin. Jeane: "Ich bin unruhig, dem Präsidenten wird heute etwas Schreckliches zustoßen."
Wenige Minuten später meldete der Rundfunk: "Auf den Präsidenten ist geschossen worden."
Die unheimliche Vorahnung des Mordes von Dallas war nicht das erste Zeugnis für Jeane Dixons Sechsten Sinn. Seit Jahren gilt sie als "Washingtons berühmteste Hellseherin" (so der Komiker Bob Hope). Jeane hat sich den Ruf durch phänomenale Prophetien verdient, wie die Journalistin Ruth Montgomery in einer jetzt veröffentlichten Dixon-Biographie behauptet*.
Jeane Dixon, Tochter der deutschen Einwanderer-Familie Pinckert, war schon als Kind hellsichtig. Eine Zigeunerin entdeckte in den Linien ihrer Hand einen sogenannten Davidstern und folgerte: "Dieses Kind ist mit einer einmaligen Gabe der Prophetie gesegnet." Die alte Zigeunerin schenkte Jung -Jeane eine Kristall-Kugel als magisches Auge für Blicke in die Zukunft.
Jeanes Kugel-Blicke entschleierten zukünftige Ereignisse der Großen Politik und des grauen Alltags, Schicksale politischerGrößen und einfacher Bürger:
- Dem Präsidenten Roosevelt, der sie im Spätherbst 1944 ins Weiße Haus bat, weissagte sie - auf dringliches Befragen.- sein Ableben innerhalb von sechs Monaten (FDR starb im April 1945).
- Für die Schauspielerin Carole Lombard, die dritte Frau Clark Gables und seine "einzige große Liebe" (Gable), sah Jeane 1942 eine sechswöchige "Gefahrenperiode" und riet ihr, in dieser Zeit nicht mit dem Flugzeug zu reisen. Carole flog trotzdem und stürzte ab.
- Schon 1945 weissagte das Washingtoner Orakel die Teilung Indiens - im Juni 1947 - auf den Monat genau.
- Einmal - während des Krieges - beschwor Jeane ihren Mann, ein bestimmtes Flugzeug nach Chicago nicht zu nehmen. James Dixon hörte auf seine Frau, die Maschine Stürzte kurz vor Chicago ab.
- Einem ungläubigen Winston Churchill prophezeite sie im Frühjahr 1945 für den Juli eine von aller Welt für ausgeschlossen gehaltene Wahlniederlage. Tatsächlich wurde der Sieg-Premier geschlagen.
Wenn Jeane Dixon durch Kristall in die Zukunft blickt, sieht sie meist Unheil. Zum Glück stellen sich nicht alle Kristall-Katastrophen ein (so sagte sie für 1958 den Ausbruch des Dritten Weltkrieges voraus). Aber der große Weltenbrand wird nun daran läßt die Washingtoner Kassandra keinen Zweifel - in den 80er Jahren kommen. Amerika, Europa und die Sowjet-Union müssen sich dann gemeinsam des rotchinesischen Drachens erwehren.
Doch aus dem Unheil sieht Jeane Dixon letztlich das Heil erwachsen: "Ein Kind, das am 5. Februar 1962 einer armen Bauernfamilie im Nahen Osten geboren worden ist, wird die Welt von Grund aus umgestalten." Und: "1999 wird Friede auf Erden sein."
* "A Gift of Prophecy: The Phenomenal Jeane Dixon". Verlag William Morrow & Co., Inc., New York; 4,50 Dollar.
Prophetin Jeane Dixon
"Der Präsident wird getötet werden"

DER SPIEGEL 36/1965
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