08.09.1965

STAATSSTREICHOperation Gibraltar

In der Nacht vom 18. zum 19. Juni um 1.45 Uhr drangen vier Offiziere mit schußbereiten Maschinenpistolen in die Privatwohnung des algerischen Präsidenten Ben Bella im fünften Stock der Villa Joly in Algier ein.
Die vier - Generalstabschef Oberst Zbiri, Geheimdienstchef Djellal, Major Chabou und ein weiterer Offizier der algerischen "Volksarmee" - hatten Auftrag, den Staatschef zu verhaften.
Ben Bella schlief im gestreiften Pyjama mit geballten Fäusten. Der Generalstabschef weckte ihn: "Monsieur Achmed, Sie sind nicht mehr Präsident von Algerien! Sie brauchen Entspannung..."
Der Putsch von Algier überraschte damals die Welt. Erst jetzt enthüllte ein algerischer Mitwisser, daß der Sturz des Präsidenten und Volkshelden Ben Bella einen Großen der Welt nicht verblüffte: Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle war von Verschwörern eingeweiht worden*.
Anlaß für den Putsch war der Plan Ben Bellas, sich seiner mächtigsten politischen Gegner im Kabinett - Verteidigungsminister Oberst Houari Boumedienne, 40, und Außenminister Abd el -Asis Bouteflika, 30 - zu entledigen. Der Präsident wollte die beiden Minister in einer Sondersitzung des Politbüros der Staatspartei FLN absetzen lassen.
Boumedienne und Bouteflika erfuhren davon. Generalstabschef Oberst Tahar Zbiri, von Ben Bella als neuer Verteidigungsminister ausersehen, hatte die Pläne des Präsidenten seinem alten Kriegskameraden Boumedienne hinterbracht.
Der Verteidigungsminister beschloß, rasch zu handeln. In der Villa des Majors All Mendjelf versammelten sich unter Boumediennes Führung die Ben-Bella -Gegner
- "Volksarmee"-Major Slimane;
- der 1963 von Ben Bella kaltgestellte
Innenminister Achmed Medeghri;
- Außenminister Bouteflika;
- Hauptmann Athmane D., technischer Berater im Verteidigungsministerium und graue Eminenz Boumediennes.
Die sechs Verschworenen waren eng befreundet. Im Kriege hatten sie gemeinsam in der tunesischen Grenzstadt Ghardimaou Im Hauptquartier der Algerischen Befreiungsarmee unter Stabschef Boumedienne gearbeitet.
Bei Mokka und amerikanischen Zigaretten begann Boumedienne mit heftigen Anklagen gegen Ben Bella. Er machte den Präsidenten für das Anwachsen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die Korruption im Staat verantwortlich.
Außenpolitisch beklagte der Oberst die "heuchlerischen und widernatürlichen Allianzen", die Ben Bella eingegangen sei. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Westdeutschland im Schlepptau Nassers sei ein "monumentaler Fehler", weil er Algerien eines lebenswichtigen Kredits beraube. "Meine Brüder", so schloß Boumedienne, "der Zeitpunkt ist gekommen... um alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen, damit wir Ben Bella und seine Lakaien, ohne allzuviel Zeit zu verlieren, mit Gewalt verjagen können."
Das Unternehmen erhielt den Decknamen "Djebel Tarik" (Gibraltar) - zur Erinnerung an die glorreichen arabischen Eroberungen der Vergangenheit:
Der "Tag J", der Tag des Staatsstreichs, so beschlossen die Verschworenen, sollte vor dem 29. Juni, dem Zusammentritt der geplanten afro-asiatischen Konferenz in Algier, liegen, bevor Ben Bella sich zusätzliches Prestige verschaffen könne.
Plötzlich hatte Boumedienne Bedenken. "Was wird Frankreich tun?" fragte er. "Wird es nicht, zumindest zeitweilig, die Finanzhilfe sperren? General - de Gaulle schätzt es nicht, wenn man ihn vor vollendete Tatsachen stellt."
Major Slimane empfahl, einen Emissär nach Paris zu schicken und direkten Kontakt mit der französischen Regierung aufzunehmen. Hauptmann Athmane D. erinnerte sich, daß er Im August 1964 den Generalsekretär Tricot vom französischen Verteidigungsministerium kennengelernt hatte. Sie seien Freunde geworden; Tricot habe ihn In seine Wohnung zum Essen eingeladen und dort "voller Heimweh" von Algerien gesprochen.
Die Verschwörer beschlossen, Athmane solle sofort nach Paris reisen. Offizieller Auftrag: Verhandlungen über die Zulassung junger Algerier zu den französischen Militärschulen. Seine wahre Aufgabe: die Haltung Frankreichs zu dem geplanten Staatsstreich zu erkunden.
Anfang Juni erläuterte Boumediennes Abgesandter einem hohen Beamten der französischen Regierung den Putsch-Plan der algerischen Verschwörer. Der
Hauptmann versicherte im Auftrage seines Chefs, daß die Putschisten die Zusammenarbeit mit Frankreich fortsetzen und die französischen Interessen in Algerien schützen wollten.
Am 10. Juni ließ de Gaulle dem Abgesandten Boumediennes durch zwei Diplomaten für seine Zusicherungen danken. Hauptmann Athmane D. erfuhr, daß sich Frankreich nicht in die inneren Angelegenheiten Algeriens einmischen, daß es General de Gaulle jedoch begrüßen würde, wenn bei den bevorstehenden Ereignissen "jedes unnütze Blutvergießen vermieden" werde.
Athmane telegraphierte sofort nach Algier: "Kind Tarik heute 17 Uhr geboren. Mama hatte starke Schmerzen. Ertrug sie bewunderungswürdig."
Am 11. Juni flog der Hauptmann nach Algier zurück. Noch am selben Tage berichtete er im Generalstabs-Kartensaal der "Nationalen Volksarmee" Algeriens über seine Mission. Athmane: "Die französische Regierung wird keine Schwierigkeiten machen."
Die Zahl der Verschwörer, die sich Im Kartensaal an einer großen Hufeisen -Tafel versammelt hatten, war inzwischen angewachsen. Boumedienne hatte führende Offiziere in seine Pläne eingeweiht. Alle begrüßten es, daß die Armee wieder die entscheidende Rolle in der Führung des Landes übernehmen wolle. Zu den neuen Putschisten zählten:
- Tahar Zbirt, der Generalstabschef der "Nationalen Volksarmee";
- Oberst Slimane Hoffmann, ein ehemaliger Offizier der französischen Armee und Adoptivsohn eines alten Fremdenlegionärs (dem er seinen deutschen Namen verdankt); er soll mit seiner Panzer-Division die "Speerspitze der Revolution" bilden;
- Major Chabou, ebenfalls ein alter
französischer Offizier;
- Major Djellal, Direktor des militärischen Sicherheitsdienstes und "Großinquisitor, der algerischen Armee; seine unermüdliche Jagd auf Abweichler und Liberale brachte ihm den Spitznamen "McCarthy Algeriens" ein.
Oberst Boumedienne teilte jedem der Offiziere seine Rolle für den "Tag J" zu. Die einzelnen Phasen seines Operationsplans würden von den Verschwörern durch Handheben gebilligt:
- Die Aktion beginnt in der Nacht vom
Freitag, dem 18., zum Samstag, dem 19. Juni, 1.45 Uhr.
- Die vorbereitende Abriegelung der
Stadt durch die Panzerverbände des Obersten Hoffmann soll um 0.30 Uhr beendet sein.
- Besetzung aller strategisch wichtigen
Punkte der Stadt, der öffentlichen Gebäude, der Ministerien, des Hauptpostamts, der Elektrizitätswerke, der Admiralität und des Regierungspalastes sowie des Rundfunks.
- Um 1.45 Uhr: Verhaftung des Staatspräsidenten Ben Bella und des Präsidenten der Nationalversammlung, Hadj Ben Alla; beide sind sofort zum Flughafen "Maison-Blanche" zu transportieren. Von dort bringt sie ein Militärflugzeug nach der Sahara-Oase Tamanrasset, wo sie eine Abteilung der. Armee in Gewahrsam nehmen soll.
Die "Operation Tarik" verlief genau nach Plan - mit Ausnahme der beiden Verhaftungen. Ben Bella versuchte, die Putsch-Offiziere zunächst mit patriotischen Reden von ihrem Vorhaben abzubringen. Dann schlug der Ex-Staatschef mit den Fäusten um sich.
Bei diesem Handgemenge wurde Ben Bella am rechten Arm leicht verwundet. Eine verirrte Kugel traf ihn, sagten die Putschisten später, aus der Waffe eines seiner eigenen Leibwächter. Dr. Dimitri Bascheff, ein bulgarischer Arzt, wurde gerufen, um den Ex-Präsidenten zu verbinden.
Mit einer Stunde. Verspätung rollte schließlich der Staatsgefangene Ben Bella, den rechten Arm in einer schwarzen Schlinge, von Jeeps mit schußbereiten Maschinengewehren eskortiert, zum Flugplatz. Dort wartete bereits eine "Iljuschin 18", ein Geschenk Chruschtschows an den ehemaligen Staatschef, um ihn in sein vorläufiges Exil Tamanrasset zu fliegen.
Um 2.30 Uhr startete die Maschine. Parlamentspräsident Ben Alla, ein ehemaliger französischer Offizier und alter Parteigänger Ben Bellas, der als zweiter Staatsgefangener mitfliegen sollte, war nicht dabei. Als ihn drei Offiziere der algerischen Armee verhaften wollten, verbarrikadierte sich Ben Alla in seiner Wohnung und leistete erbitterten Widerstand, bis ihn ein Feuerstoß aus einer Maschinenpistole tötete - inmitten seiner Familie, seiner Frau und seiner sechs Kinder.
Sechs Stunden später erfuhr die Welt, was Frankreichs Regierung bereits seit Wochen wußte: Algerien hat einen neuen Herrn: Oberst Houari Boumedienne. Der Oberst machte sich zum Premier und Verteidigungsminister, der Präsidentensessel blieb leer.
De Gaulle aber präsentierte seinen Wechsel für die Putsch-Hilfe: Ein neuer Erdölvertrag, den Paris mit Boumedienne abschloß, sichert Frankreich den Verbleib des Sahara-Öls in der Franc -Währungszone zumindest für die nächsten 15 Jahre.
Ben Bella hatte vor seinem Sturz mit der Verstaatlichung der französischen Erdöl-Anlagen in der Sahara gedroht.
* Safir Gharzali: "Premier Réeit du Renversement de Ben Bella", in "France-soir".
Putsch-Opfer Ben Bella, Putschist Boumedienne: Frankreichs Präsident war eingeweiht
Verschwörer Slimane
"Mama hatte starke Schmerzen"

DER SPIEGEL 37/1965
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