08.09.1965

ORAKEL VOM BODENSEE

Da liegt sie endlich auf dem Tisch, die große Wundertüte, die Zauber-Kladde für den Pöbblick-Riläischns -Mann, das Soufflierbuch für jeden, dem nach Beliebtheit der Sinn steht, der unentbehrliche Ratgeber für Markenartikler und Wahlkämpfer aller Art: sechshundert Seiten dicht bedruckt mit Tabellen, Diagrammen und statistischen Kolonnen. Die Lektüre ist mühselig wie alle Initiationsriten; wer sich eine Meinung über die Meinung bilden will, der muß sich einweihen lassen in die Mysterien der Demoskopie.
Doch nicht schwarz wird es dem Adepten vor Augen, der das Zahlenwerk studiert, sondern rosa. Wenn wir es nur mit dem rechten Wohlwollen lesen, so tritt uns aus seinem Raster ein Bildnis entgegen, in dem wir uns freudig wiederfinden, denn es ist repräsentativ: Jeder von uns ein rosiges Pünktchen im Großen und Ganzen unserer Republik. Das Resultat, mit Fleiß und Umsicht erfragt, ist ein kollektives Selbstporträt, darauf zu sehen ist: der Marzipan-Deutsche wie er leibt und lebt, das unendlich vervielfältigte Abziehbildchen des regierenden Volkskanzlers, der herzige Held eines erbaulichen Comic strips, die Parodie auf einen Nationalcharakter.
"Wenn ich mich frage, ob ich mir Vorwürfe machen muß, so kann ich ehrlich sagen: Nein. Natürlich kommt es schon mal vor, daß ich im praktischen Leben etwas falsch mache. Aber Ich glaube, daß ich eigentlich meist richtig handele und mit mir zufrieden sein kann."
Nicht Ludwig Erhard spricht hier, sondern, mit einer Mehrheit von 56 gegen 32 (bei zwölf Stimmenthaltungen), der deutsche Mann. Und hier folgt eine Liste seiner vornehmsten Tugenden, wie er sie an sich selber wahrnimmt: Er Ist gewissenhaft, pflichtbewußt, pünktlich, fleißig, strebsam, und er hat Familiensinn. Die erwachsenen Einwohner des Landes sind eher ernst (31 %) als heiter (26 %) veranlagt. Sie haben genügend Zeit (57 %). S schlafen gut (54 %) und glauben (mit 53 %) mehr an das Gute als an das Schlechte (23 %) im Menschen.
Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, daß der deutsche Mensch (zu 57 %) auf eine glückliche (und nur zu 14 % auf eine unglückliche) Kindheit zurückblicken kann. Auch verstehen sich 83 % aller Verheirateten gut bis ausgezeichnet. Die Zufriedenheit des Traum-Deutschen macht aber keineswegs bei der eigenen Person halt. Sie erstreckt sich, mehrheitlich, auf das Erreichte insgesamt: auf die eigene Wohnung, auf die eigene Arbeit, auf die eigene ökonomische Lage, ja sogar auf die Reklame und auf die Ladenschluß -Zeiten.
Der Deutsche ist, wer hätte es anders erwartet, ein tierlieber Frühaufsteher. Er hält Maß. Er ist genügsam. Mit den Verhältnissen in den deutschen Krankenhäusern beispielsweise, die von unwissenden Kritikern gelegentlich schlechtgemacht werden, waren 68 % aller Patienten zufrieden; auch dritter Klasse liegt man, wie die Mehrheit versichert, ganz gut. Hart, aber gerecht, also ganz im Sinne des Herrn Bundespräsidenten, soll es in der Kinderstube und im Klassenzimmer zugehen. Ungezogene Kinder sind zu verhauen; ein Taschengeld kommt nicht in Betracht; die heutige Jugend ist zuviel auf Vergnügungen aus; der Lehrer soll seine Schüler ruhig ohrfeigen, wenn sie es verdienen. Der deutsche Mensch kann auf eine glückliche Kindheit zurückblicken ...
Antiklerikale Karikaturen sollten verboten werden. Besonders gern gelesen werden Hemingway, Ganghofer, Goethe, Schiller, Pearl S. Buck und John Knittel; besonders gern gehört der "Kaiserwalzer", "Die Mühle im Schwarzwald" und "Nach der Heimat möcht ich wieder"; besonders sympathische Leute sind Albert Schweitzer, König Baudouin, Professor Grzimek, Curd Jürgens und Wernher von Braun. Die dringlichsten Wünsche, wenn es darum geht, eine Wohnung hübsch und gemütlich zu machen, richten sich auf eine Sammeltasse, eine Kristallvase, auf Kacheln oder Teller mit einem Spruch darauf sowie auf einen Rauchverzehrer. Die beliebtesten Gartenzwerg-Entwürfe heißen: Der fröhliche Gärtner, Gesangstunde und Freundschaft. "Glauben Sie, es wäre am schönsten zu leben, ohne arbeiten zu müssen?" Antwort: 80 % - Nein, 13 % - Ja, 7 % - Unentschieden. Kanzler, freue dich!
Aber freu dich nicht zu früh. Denn die mythologische Kunstfigur, mit der wir es hier zu tun haben, ist äußerst unberechenbar. Sie steckt voller Widersprüche. Mit der gesellschaftlichen Verfassung des Landes scheint der Durchschnitts-Deutsche, diese Ausgeburt der Demoskopie, erzzufrieden - und ist zugleich tief davon überzeugt, daß seine Administration arbeiterfeindlich, seine Justiz eine Klassenjustiz ist. Die Marktwirtschaft hält er für die beste aller ökonomischen Welten - doch fordert er kategorisch eine Preiskontrolle durch die Behörden. Mit der Bonner Außenpolitik ist er einverstanden - doch verlockt ihn die Idee einer Neutralisierung Deutschlands. Immerhin 35 % bejahen die Maxime: "Die Regierung soll so handeln, wie sie es für richtig hält, ob das immer nach dem Willen der Mehrheit ist oder nicht." Aber 52 % erklären sich in gewissen Situationen (zum Beispiel, wenn es sich um die atomare Rüstung der Bundeswehr handelt) für den politischen Generalstreik.
Und schließlich, als letztes Beispiel für die Unzuverlässigkeit des demoskopischen Maskottchens, ein paar Zahlen, die dazu angetan sind, allen Bonner Parteivorständen schlaflose Nächte zu bereiten: "Wenn man von einer Partei sagt, daß sie sozialistisch ist: spricht das für oder gegen diese Partei?" Antwort: 51 % - Spricht dafür; 8 % - Spricht gegen; 14 % - Weder-noch; 27 % - Unentschieden. Wehner, gräme dich!
Aber gräm dich nicht zu sehr. Denn die Wahrheiten, welche die Zauber -Kladde kundtut, sind auf Flugsand gebaut. Wer sie ernst nimmt, der tut es auf eigene Gefahr. Schon der Titel gibt mehr Rätsel auf, als er zu lösen verspricht. Denn an der Meinung, die das Buch veröffentlicht, ist nichts Öffentliches: Sie kennt keine Gründe, keine Argumente, keine Logik, keine Diskussion, keine Verantwortung. Sie ist anonym und folgenlos, ein bloßer Brei; mithin das genaue Gegenteil dessen, was der Titel verspricht. Und somit besagt auch unser Extrakt daraus bitter wenig, im Guten und im Bösen. Denn zu jeder einzelnen Antwort müßte man, genau genommen, eine Menge von Daten beibringen, um sie überhaupt interpretierbar zu machen: Zeitpunkt und Basis der Erhebung, genauer Wortlaut und genauer Kontext der gestellten Frage. Dies alles muß der Rezensent verschweigen; das "Jahrbuch" verschweigt es nicht; doch bei diesen Fakten hätte das Geschäft der Interpretation und der Kritik, erst einzusetzen, statt sich mit den allzublanken Antworten zu begnügen.
Hierfür drei Beispiele, die allerdings weniger zum Porträt der Befragten als zu dem der Frager beitragen. In dem Kapitel "Bildung, Wissen" findet sich die folgende Erkundigung: "Wenn zum Beispiel in der Zeitung das Wort 'Utopie' steht, was soll man sich darunter eigentlich vorstellen?" - Das Allensbacher Institut verzeichnet 28 % "richtige Angaben" und liefert gleichzeitig eine Definition dessen, was es für eine "richtige Angabe" hält: "eine Wahnvorstellung, Phantasterei". Damit haben die Demoskopen sich selbst getestet - und ihre "Bildung" ist zu leicht befunden worden.
Auch mit ihrer Logik ist es oft nicht weiter her als mit der ihrer Versuchspersonen. "Wir haben", so behaupten sie dreist und dogmenfürchtig, "in Westdeutschland die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: 1. Eine Plan-Wirtschaft, in der die Preise immer gleichbleiben, weil sie die Regierung festgesetzt hat, aber dann ist manchmal eine Ware knapp, und man kann sie nur auf Karten kaufen. 2. Eine freie Wirtschaft, in der die Waren zwar immer zu haben sind, aber je nach Angebot und Nachfrage schwanken die Preise. Welche von diesen beiden Möglichkeiten ziehen Sie vor?" Dies ist ein Musterbeispiel für gezinkte Fragestellung. Man nehme suggestive Phrasen, unbewiesene Voraussetzungen und sachliche Unrichtigkeiten zu gleichen Teilen und vermenge das Ganze zu einem ideologischen Quark: Das Resultat wird todsicher sein und keinerlei Interesse verdienen.
Noch phantastischer mutet eine Umfrage über die Schuld an der deutschen Teilung an. "Was von dieser Liste hier halten Sie persönlich für richtig, welcher Punkt hat Ihrer Meinung nach am meisten zur Spaltung Deutschlands beigetragen, mal abgesehen davon, daß wir den Krieg verloren haben?" Mit diversen Begründungen finden sich die folgenden Antworten: Amerika und
England sind schuld. Die Amerikaner sind schuld. Die Russen sind schuld. Die Engländer sind schuld. Die Franzosen sind schuld. Schließlich auch: "Wir Deutschen sind selbst schuld." Dafür wird die folgende Begründung offeriert: "Wir haben uns nicht energisch genug gegen die Spaltung aufgelehnt, sondern alles hingenommen, wie es eben kam."
Dieses Stück Demagogie wäre einer eingehenden Analyse wert. Der Nebensatz "mal abgesehen davon, daß wir den Krieg verloren haben" zeigt die Grazie eines Amateur-Taschenspielers, der einen falschen Fünfziger zum Verschwinden bringt. In seinem "abgesehen" steckt, wie die Schachtel in der Schachtel, noch ein zweites Abgesehen: davon nämlich, daß wir den Krieg nicht nur verloren, sondern auch angefangen haben. Weiter kann man das understatement und die historische Hexerei kaum treiben. Welcher Punkt hat nach Meinung des Allensbacher Instituts am meisten zu dem Feuerschaden beigetragen, mal abgesehen von den Brandstiftern?
So wird die Sprachregelung, der die Antworten gehorchen, von den Fragen getroffen. Wie weit die Allensbacher ihr selber unterliegen, zeigen die Zwischenüberschriften ihres Buches. In schöner wissenschaftlicher Unschuld sagt diese Publikation, die sich selbst für seriös hält, "Pankow", wenn sie die Regierung der DDR, und "Ernstfall", wenn sie den Krieg meint. Ganz zu schweigen von der methodischen Ahnungslosigkeit, die sich in direkten Fragen nach dem nazistischen und antisemitischen Potential der Versuchspersonen verrät: als wäre auf derartige Erkundigungen irgendeine unbefangene und glaubwürdige Auskunft denkbar! Der hilflose kleine Anhang des Buches,'der sich mit der sogenannten "Intimsphäre" beschäftigt, zeigt die Naivität der Demoskopen in reinster Form: "Sind Sie später einmal in Berührung mit homosexuellen Erlebnissen gekommen?". Wer Antworten auf derlei Fragen für bare Münze nimmt, ist selber schuld.
Hier deuten sich freilich nicht nur die Grenzen eines Instituts, sondern auch
die Grenzen der Demoskopie als einer wissenschaftlichen Methode an. Wahrscheinlich ist sie ein Verfahren, das sinnvolle Aussagen nur über die allereinfachsten, eindeutig formulierbaren Meinungen und Absichten ermöglicht. Beispielsweise: Kaufen Sie Ihre Milch lieber offen, im Karton oder in der Flasche? Gedenken Sie die CDU, die FDP oder die SPD zu wählen?
Bei jeder Fragestellung, die darüber hinausgeht, kommen Fehlerquellen von einer Größenordnung ins Spiel, die den Wert des Resultates schwer beeinträchtigen muß. Sie liegen in der Formulierung der Fragen, den stillschweigenden Voraussetzungen, die sie implizieren, ihrem unüberprüfbaren und unabsehbaren Kontext - sie liegen aber auch in der Deutung der Antworten und im Gebrauch, der von ihnen gemacht wird. Insofern ist das "Jahrbuch", das hier vorgelegt wird, eher ein magisches als ein wissenschaftliches Instrument. Es gleicht einem Orakel.
Die strukturelle Ähnlichkeit mit den mantischen Praktiken der Alten Welt liegt auf der Hand. Demoskopische Befragungen werden im allgemeinen in Auftrag gegeben: Der Unwissende bringt den' Priestern von Alensbach seine Opfergaben dar und stellt seine Fragen. Die Pythia antwortet nicht auf eigene Faust, sie gibt die Fragen an eine höhere Instanz weiter, an die Stimme Gottes, die im Jargon der Demoskopen "repräsentativer Querschnitt" heißt.
Die Antworten dieser vox dei sind immer vage, mehrdeutig, auf Auslegung angewiesen, voller Widersprüche; unmöglich zu sagen, welchen Anteil am Orakelspruch die Gottheit und welchen die Priesterschaft - hat, die ihn in die Sprache der gewöhnlichen Sterblichen übersetzt. Rauch steigt um ihre Häupte auf. Mühselig ist ihr Geschäft. Kein Wunder, daß sie selbstbewußt und daß sie empfindlich sind gegen Kritik. Mysterien kritisiert man nicht, und unbillig ist es, von den Medizinmännern, die in den Eingeweiden unserer Meinung lesen, Vernunft zu fordern.
Enzensberger
"Jahrbuch
der öffentlichen Meinung 1958 - 1964" Verlag für Demoskopie Allensbach und Bonn
642 Seiten
75 Mark
Deutschen-Idol Ganghofer
Pünktlich, zufrieden
Deutschen-Idol Grzimek
Tierlieb, genügsam
Deutschen-Idol Gartenzwerg
Gewissenhaft, heiter
Von Hans Magnus Enzensberger

DER SPIEGEL 37/1965
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ORAKEL VOM BODENSEE

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