Von Morlock, Martin
Beide sind in Göttingen geboren, in München zur Schule gegangen, beide entstammen einem "bayrisch-liberalen" Elternhaus und befleißigen sich politischer Aktivität. Beide hören auf den Nachnamen Vogel. Es sind Brüder.
Divergenzen hinsichtlich Taufnamen, Lebensalter und Bildungsgang fallen, gemessen an einer deutlichen Ähnlichkeit der Züge und des Timbres, wenig ins Gewicht - ja, die brüderliche Übereinstimmung fände kaum ihresgleichen, gäbe es nicht ein weiteres Unterscheidungsmerkmal: Der ältere ist SPD-Oberbürgermeister der Stadt München, der jüngere kandidiert im pfälzischen Wahlkreis Neustadt-Speyer für die CDU.
Ich besuche zunächst den Dr. phil. Bernhard Vogel, 32, bisher Stadtrat, CDU-Kreisvorsitzender und Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaften in Heidelberg, und höre von ihm, daß seine Kampf-Region (50 Gemeinden) bei der letzten Bundestagswahl ein CDU-Stimmen-Plus von neun Prozent erbracht habe, folglich als "aussichtsreich" gelten dürfe.
Auch erteilt mir der Politologe in seinem Feldquartier zu Speyer, Kurt-Schumacher-Straße, Belehrung über den geringen Einfluß von Wahlkampagnen auf die politische Struktur eines Gebietes. Er erhoffe sich weniger von Wahlveranstaltungen als vom pfälzischen Beharrungsvermögen und von der Tatsache, daß sein Urgroßvater in Speyer Regierungspräsident war.
Wie er denn an die Christlich-Demokratische Union geraten sei, frage ich den Wahlkämpfer.
Seine Gründe: ein "guter Deutschlehrer", der die Bundestagsdebatten der frühen fünfziger Jahre ins Klassenzimmer funken ließ, und "aktive Tätigkeit in der katholischen Jugend".
Dr. jur. Hans-Jochen Vogel, 39, gibt mir im neugotischen Münchner Rathaus nur lustlos Bescheid. Seine sozialdemokratische Parteinahme, erfahre ich im Beisein eines städtischen Stenographen, rühre im wesentlichen von einer Rede Kurt Schumachers im Jahre 1949 her.
Die Brüder begegnen einander selten, doch treffen sie sich, gibt es "heiße Debatten". (CDU-Vogel: "Wenn Mutter nicht dabei ist; sie nimmt es zu ernst.")
Bernhards Mutmaßung über Hans-Jochen - der Münchner OB, konservativ genug, seine Familie "autoritativ zu führen", sei "ganz froh darüber, daß er sich als Kommunalpolitiker nicht zu tief in die SPD-Politik einlassen muß" - wird vom großen Bruder, dem ich sie vorlese, barsch zurückgewiesen. Nicht so das Dafürhalten, Hans-Jochen sei "lieber in München der Erste als in Bonn einer unter vielen". "Ich habe", bestätigt das Stadtoberhaupt, "eine Vorliebe für überschaubare Verhältnisse."
Auf meine Frage an beide: "Ist Ihnen der Gedanke, daß Ihr Bruder die Gegenpartei vertritt, angenehm, unangenehm oder gleichgültig?" antwortet Hans-Jochen Vogel: ",Angenehm' wäre zu viel; ich würde sagen 'gleichgültig', mit positivem Akzent. Ich freue mich über jeden Anständigen, der sich aktiv um Politik kümmert."
Bernhard Vogel gibt mir zur Antwort: "Ich finde es angenehm, daß er sich überhaupt politisch betätigt, unangenehm, daß er bei der falschen Partei engagiert ist."
Bliebe nachzutragen, daß - laut Bernhard - einst der jüngere vom älteren Bruder gezüchtigt wurde, daß des Erstgeborenen bessere Schulzeugnisse häufig zur Aufrichtung lästiger Leitbilder dienten und daß - "wie das halt so ist unter Geschwistern" - kein abgetragenes Kleidungsstück des Hans -Jochen zu verschlissen schien, noch Bernhards Knabenblößen zu bedecken.
Damit nicht genug, auch der SPD -Vogel entsinnt sich eines Vorgangs, der beim CDU-Nestgefährten eine "altersmäßig bedingte Opposition" wachgerufen haben könnte: Im Krieg, als Klein-Bernhard nicht rechtzeitig eingeschult werden konnte, mußte ihn Hans-Jochen ein Vierteljahr lang im Lesen und Schreiben unterrichten, ein Unterfangen, das sich auf die zwischenbrüderlichen Beziehungen "verheerend" ausgewirkt habe.
Woraus zu ersehen ist, daß man als SPD-Politiker gar nicht früh genug vorsichtig sein kann.
Hans-Jochen Vogel
Bernhard Vogel
DER SPIEGEL 37/1965
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