29.09.1965

„MAN SCHIESST NICHT AUF DEN WEIHNACHTSMANN“

In der zweiten Morgenstunde des Montags nach der Wahl ließ Ludwig Erhard die nächtliche Huldigung, die mit singenden Fackelträgern und prostenden Liebedienern in den Bonner Kanzler-Bungalow eingedrungen war, plötzlich hinter sich und ging im Musikzimmer an die Schubladen, in denen seine Schallplatten sind.
Mit einem traumsicheren Griff in den ewig ungeordneten Stapel der konservierten Töne fand er, was er suchte. Sorgsam legte er die Platte auf und drehte, den linken Arm gegen die Holztäfelung der Schrankwand gestützt, das Stereo-Gerät mit der rechten Hand auf volle Lautstärke.
Dann trat er ein paar Schritte zurück bis zu dem Sessel, in dem er in den Stunden zuvor, flankiert von Frau Luise und dem getreuen Ludger Westrick, die siegesschwangeren Wahlmeldungen des Ersten Fernsehprogramms verfolgt hatte, und hörte dort, versunken in Harmonie, die Melodie, die ihm bei Winston Churchills Beerdigung ans Herz gegriffen und die ihn zugleich lebhaft an das Lied von der "Lore, Lore" erinnert hatte: "Glory, glory, halleluja ..."
So verwandelte der Volkskanzler die in dieser Nacht zur Gewißheit gewordene Zuversicht, daß er des deutschen Menschen Herz eben besser kenne als irgendein anderer, in einen orgelnden Triumph, der ihn bewegt fand - und allein.
Als das Lied zu Ende war, sahen die verstummten Freunde - jenseits der in den Boden versenkten Trennwand zum Empfangsraum ihren Kanzler zweimal an der Zigarre ziehen. Dann erhob er sich und ging, ohne Worte von Ewigkeitswert zu hinterlassen, zu Bett. "Also gut' Nacht", sagte der Sieger knapp. Und: "Morgen ist ein schwerer Tag."
Die Nacht, die schlimme, schwere Nacht, blieb dem Verlierer. Als der "Genosse Trend" sich allmählich davonzustehlen begann aus dem Zahlengebäude der Wahlergebnisse, verließ Willy Brandt die Schlachtenbummler im großen Sitzungssaal der SPD-Baracke und machte sich in seinem Büro gefaßt auf ein neues altes Leben - ein Leben ohne die Zustimmung der Mehrheit eines Volkes, dem er angehört.
Abgefallen waren die Etiketten der Verkaufspsychologen, versunken war das modernistische Beiwerk der Wahlkampagne. Zum Herold der Hiobsbotschaften hatte Willy Brandt ein konventionelles Radio erwählt. Das Fernsehprogramm mit seiner wirbeligen Computer-Präsentation war zwar eingeschaltet, doch der Ton abgedreht. Stumm verweigerten die Zahlentafeln mit den Zwischenergebnissen und den Vorausberechnungen dem Mann im drastisch renovierten Amtsraum Erich Ollenhauers den Trost der runden 40 Prozent.
Die Freunde, die kamen und gingen, trafen ihren geschlagenen Kandidaten ruhig und gesammelt an, bei Zigaretten und Rotwein - denn der Schnaps, den Brandt der physischen Anforderung der Wahlkampagne geopfert hat, schmeckt ihm nun nicht mehr. Keiner hörte ihn klagen. Sachlich entwarf der Verlierer das Eingeständnis seiner Niederlage: "Ich will um die Dinge überhaupt nicht herumreden. Die SPD hat ihr Wahlziel nicht erreicht." Gefaßt und in guter Haltung trat er damit vor die Fernsehkameras.
Die Ausbrüche ungehemmter Wut, die um ihn herum gelegentlich losgelassen wurden, schienen genausowenig zu ihm durchzudringen wie zuvor das wortlose Geplapper der Ansager und Kommentatoren auf dem Fernsehschirm.
Die eiserne Konzentration, die ihm
in den Stunden der Krise stets geholfen hat, sich selber unter Kontrolle zu halten, umgab ihn wieder wie eine schützende Kapsel. Und seine seltsam aus stiller Resignation und unverhoffter Erleichterung zusammengemischte Stimmung ließ die verbitterten Genossen ahnen, daß ihr Rat und ihre Hilfe, oder auch ihr stummer Tadel, ihn gar nicht mehr erreichten.
Niemand begleitete Willy Brandt, als er die Idee, daß er in seinem Vaterland, dem er in den Jahren des Wahnsinns entflohen - war, einmal an der Spitze der Regierung oder an der Spitze der Opposition seinen Platz finden könne, zu Grabe trug.
Allein faßte er am -Dienstagabend im Haus der Berliner Vertretung in Bonns Joachimstraße seine Abdankung -in ein paar handgeschriebene Vortagsnotizen, deren genauen und vollständigen Inhalt nicht einmal seine engsten Freunde kannten. Nur Rut Brandt, die am Abend zuvor in Bonn gelandet war, mochte sicher sein, daß sie gekommen war, ihn heimzuholen.
Seinen Weggefährten in der Partei hingegen machte es Willy Brandt erst am Mittwochabend, als er der Öffentlichkeit seine Rückkehr nach Berlin kundtat, zur Gewißheit, daß er genug hatte und daß jeder Versuch, ihn mit sozialdemokratischer Parteiräson und einem Appell an seine Verpflichtung für den neuen Kurs abermals aufs Titelbild der SPD zu bannen, scheitern mußte.
Denn nicht Kapitulation vor den Überforderungen seiner Amter hatte ihn zum Aufgeben gebracht und auch nicht Kummer über die Zweiflerln den eigenen Reihen, sondern die schmerzende Erkenntnis, daß die breite Mehrheit des deutschen Volkes es dem Emigranten Brandt nie glauben werde, daß auch er ein guter Deutscher sei. Ganz offen und fast gelöst, so als habe der Schmerz ihn frei gemacht von der sinnlosen Last des Sisyphus, bekannte sich Willy Brandt zu seinen Wunden, bekannte, daß er trotz allem wappnenden Widerstand zu tief verletzt sei, um noch einmal Kraft und Zuversicht an den Versuch zu wagen, einem Odium zu entrinnen, das er selber gar nicht als ein Odium begreift.
"Ich bin mit sauberen Händen nach Deutschland zurückgekommen - mit sauberen Händen", sagte er rauh, und die Runen- der Bitternis um seine, Mundwinkel, die sonst nur wie flüchtige Schatten auf der gebräunten Haut erscheinen, wurden für einen Augenblick zu tiefen Kerben. Dennoch sei ihm auch diesmal wieder eine untergründige "Dreckkampagne" nicht erspart geblieben. "Und ich gebe es zu: Ich bin nicht unversehrt aus dieser Kampagne herausgekommen."
Herbert Wehner, der neben Willy Brandt im stummen Ingrimm auf seinen Pfeifenstiel biß, wußte nur zu-genau, was gemeint war. Vierzehn Tage hat er in der Schlußphase des Wahlkampfes nach eigenem Bekenntnis damit zugebracht, Einstweilige Verfügungen zu erwirken gegen Plakate und Transparente wie jenes, das während der Wahlkampferöffnung der SPD in Dortmund an einem herumfahrenden Lautsprecherwagen erschien: "Wir wählen keinen Landesverräter."
Und so wußte Wehner, der weder in der Wahlnacht noch in den von Resignation und Müdigkeit erfüllten Tagen danach seine bissige Schlagfertigkeit einbüßte, daß er machtlos war gegen eine Festlegung, die er Willy Brandt auszureden versucht hatte und die dieser nun dennoch mit demonstrativer Endgültigkeit traf: "Ich bin kein Anwärter auf das Amt des Kanzlerkandidaten für 1969."
Doch auch im Lager der Sieger herrschte nicht nur Glückseligkeit. Konrad Adenauer war nicht der einzige, der den "schweren Tag", den Ludwig Erhard als Triumphator der Wahlnacht angekündigt hatte, mit Unbehagen begann. Auch unter jenen Christdemokraten, deren Vorbehalte gegenüber Ludwig Erhard weit nuancierter sind, gab es genügend, denen die plebiszitäre Urgewalt des Volkskanzlers persönliche Ambitionen oder politische Reformkonzepte verdorben hatte - genügend jedenfalls, um jeglichen Siegestaumel im Keim zu ersticken.
Als der Kanzler am Donnerstag zur ersten Zusammenkunft der neugewählten Parlamentsfraktion kam, rührte sich in dem Gedränge, wo jeder jedem und manche Bundestagsneulinge sogar alteingesessenen Bonner Journalisten zur Wahl gratulierten, keine Hand. Unbemerkt fast und nur gelegentlich von einem Zuruf oder einem Gruß benetzt, ging der Wundermann zu seinem Platz wie ein Wandler an der Brandung. Der Beifall, der später durch die geschlossenen Turen in die Lobby drang, klarig flau wie das Händeklatschen nach dem dritten oder vierten Vorhang in einem Provinztheater. Der Sieger selbst tat nichts, was Begeisterung hätte entfachen können, auch noch nichts, woran zu erkennen gewesen wäre, wie er den Sieg zu nutzen gedachte. Ludwig Erhard erlitt den Zuwachs an neuer, aus eigenem Recht erworbener Macht still und in sich gekehrt, als wisse er eigentlich noch nicht so recht, was er nun damit anfangen solle.
Mit Anteilnahme, doch ohne Gegenwehr, beobachtete er, wie seine parlamentarischen Legionen sich formierten, um'ihn bei der bevorstehenden Regierungsbildung respektvoll, aber unzweideutig in die Mitte zu nehmen. Und mit derselben unerschütterlichen Zuversicht, die er dem Wahlausgang entgegengebracht hatte, wartete er jetzt darauf, daß die Stunde kommen werde, in der die Kulissenkämpfer mit ihren Kabalen scheitern und dann allein von seiner Redlichkeit die Lösung erhoffen werden.
Denn daß sich am Ende alles zum besten für ihn fügen wird - das hält der Mann, den Konrad Adenauer nicht "auf Null" zu bringen vermochte, neuerlich für erwiesen. "Ich hab's euch ja gesagt, daß es so kommen wird", war in der Wahlnacht sein beliebtester Kommentar.
Für seine Siegeserklärung hatte er zwei Entwürfe machen lassen: einen für die absolute und einen für die relative Mehrheit, einen Entwurf für den Fall, daß die SPD stärkste Partei geworden wäre, gab es nicht.
Wer im Bonner Durcheinander der vergangenen Woche für die stimmengewaltige Bestätigung des Volkskanzlers noch immer keine rechte Erklärung gefunden hatte, dem wußte Erhards amerikanischer Biograph Jess Lukomski Rat. "You don't shoot Santa Claus", sagte er trocken. Man schießt nicht auf den Weihnachtsmann.
Sieger Erhard: Aus dem Stereo-Gerät "Glory, glory, halleluja"
Verlierer Brandt: Als habe der Schmerz ihn frei gemacht
Von Hermann Schreiber

DER SPIEGEL 40/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 40/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„MAN SCHIESST NICHT AUF DEN WEIHNACHTSMANN“

Video 03:36

Neue SPIEGEL-Ausgabe "Die Lage ist historisch"

  • Video "Virales Video aus Toronto: Verspätungs-Party auf dem Flughafen" Video 01:33
    Virales Video aus Toronto: Verspätungs-Party auf dem Flughafen
  • Video "Dramatisches Video: Soldat flieht unter Beschuss aus Nordkorea" Video 01:13
    Dramatisches Video: Soldat flieht unter Beschuss aus Nordkorea
  • Video "Mordprozess in Freiburg: Tatverdächtiger gesteht die Tat" Video 00:56
    Mordprozess in Freiburg: Tatverdächtiger gesteht die Tat
  • Video "Trump zu US-Missbrauchs-Vorwürfen: Frauen sind etwas ganz Besonderes" Video 01:27
    Trump zu US-Missbrauchs-Vorwürfen: "Frauen sind etwas ganz Besonderes"
  • Video "Holiday Train Show: Modelleisenbahn - rein pflanzlich" Video 01:04
    "Holiday Train Show": Modelleisenbahn - rein pflanzlich
  • Video "Verschollenes U-Boot: Wärmequelle auf Meeresgrund entdeckt" Video 00:51
    Verschollenes U-Boot: Wärmequelle auf Meeresgrund entdeckt
  • Video "Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid Oumuamua" Video 01:07
    Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid "Oumuamua"
  • Video "Bundestagssitzung nach Jamaika-Aus: Wie die sieben Zwerge" Video 02:32
    Bundestagssitzung nach Jamaika-Aus: "Wie die sieben Zwerge"
  • Video "Livestream-Fail bei Sprengung: 3,2,1 und - und dann kam der Bus" Video 01:07
    Livestream-Fail bei Sprengung: 3,2,1 und - und dann kam der Bus
  • Video "Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway" Video 00:57
    Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway
  • Video "Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber" Video 00:58
    Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber
  • Video "Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte" Video 02:25
    Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte
  • Video "Die Nacht der Entscheidung: Das war eine absurde Situation" Video 03:32
    Die Nacht der Entscheidung: "Das war eine absurde Situation"
  • Video "Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt" Video 00:47
    Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt
  • Video "Größtes Luftschiff der Welt: Airlander 10 in England abgestürzt" Video 00:59
    Größtes Luftschiff der Welt: "Airlander 10" in England abgestürzt
  • Video "Neue SPIEGEL-Ausgabe: Die Lage ist historisch" Video 03:36
    Neue SPIEGEL-Ausgabe: "Die Lage ist historisch"