29.09.1965

ANALYSESicher war sicher

Der Zigarrenqualm, der am 19. September aus Ludwig Erhards Wahlkabine emporkräuselte, symbolisierte die Wünsche der Wähler: Der Schornstein soll weiterrauchen.
Sie folgten dem SPD-Slogan "Sicher ist sicher" und wählten deshalb CDU. Sie stimmten weniger gegen die SPD, die ihnen bessere Wohlfahrt im Wohlstand verhieß, als vielmehr für den Kanzler, dessen Wohlgestalt Wohlstand schon repräsentiert.
"Die Wähler", so Bremens pensionierter Landesvater und Alt-Sozialdemokrat Wilhelm Kaisen, "wollen primär Sicherheit, gerade auch im wirtschaftlichen Bereich, und die sehen sie bei der CDU zur Genüge gewährleistet."
Nichts, so scheint es, unterschied diese Wahl von anderen Wahlen der deutschen Nachkriegsdemokratie. Gleichwohl leistete sich das Wahlvolk etliche Extravaganzen.
Ausgerechnet im überwiegend katholischen Saar-Revier verzeichnete die SPD enormen Stimmenzuwachs. Ausgerechnet im liberalen Industrieländle Württemberg bekam die CDU die absolute Mehrheit, und an der protestantischen Wasserfront errang sie den größten Stimmenzuwachs.
Die SPD registrierte Zuwachs in ländlichen und katholischen Gebieten, in denen sie nie so recht Fuß hatte fassen können. Die CDU gewann in protestantischen und städtischen Regionen, in denen sie sich bislang schwer getan hatte.
"Der allgemeine Trend", so erkannte Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Konrad Grundmann, Chef der rheinischen CDU, "liegt nicht mehr so sehr im Weltanschaulichen."
"Genosse Trend", durch den ideologischen Hausputz der Sozialdemokraten mobilisiert, brachte die bislang starren Wähler-Fronten mancherorts in Bewegung. Wie die Wahlprogramme der beiden großen Parteien, wurden auch Wähler austauschbar.
Und die neutralisierten Stimmbürger honorierten mehr als sonst den Fleiß einiger Landesverbände - wie in Nordrhein-Westfalen, wo die Sozialdemokraten mit ungewöhnlichem Aufwand Stimmen aktivierten. Die SPD konzentrierte auf Rhein und Ruhr, wo fast ein Drittel aller wahlberechtigten Bundesbürger wohnt, "etwa ein Viertel unseres ganzen Energievolumens" (SPDWahlpropagandist Garbe), und sie ließ an mutmaßliche Nichtwähler geknotete Taschentücher verteilen - auf daß Wahl und Votum- für die Sozialdemokraten nicht versäumt werde.
Oder sie blickten interessierter als bisher auf attraktive Regional-Politiker - wie in Baden-Württemberg, wo der kluge und liberale Landeschef Kurt Georg Kiesinger regiert. Kiesingers Gabe, stets das passende Wort, immer die rechte Geste zu finden - sei es beim Besuch der Briten-Königin, sei es bei einer Bauernversammlung -, und sein an Theodor Heuss erinnerndes weltmännisch-gelassenes Auftreten vermochten selbst jenen Bürgern, die bei CDU nur an Restauration oder Konfessionsschule denken, den Horror vor einem christdemokratischen Votum zu nehmen.
Verminderte Ressentiments der Katholiken gegen Sozialdemokraten und ein evangelischer Kanzlerkandidat, der anders als sein Vorgänger Adenauer in protestantischen Regionen keine religiösen Vorurteile zu überwinden hatte; dynamische Landesverbände, die fast um jedes Haus fochten; bequeme Lokalorganisationen, die es beim Plakatekleben bewenden ließen - eine Vielzahl sich kreuzender Einflüsse prägte das besondere Kennzeichen dieser Wahl: den unterschiedlichen Erfolg der großen Parteien in den einzelnen Bundesländern.
Die CDU erhielt überdurchschnittlichen Stimmenzuwachs
- in Niedersachsen, wo sie ihren knappen 10 000-Stimmen-Vorsprung aus dem Jahre 1961 auf rund 241 000 Stimmen ausbauen konnte. Sie gewann 6,8 Prozent der Wähler hinzu;
- an der Wasserkante, wo sie in Hamburg 5,7 Prozent, in Schleswig-Holstein 6,4 und in der roten Hochburg Bremen gar sieben Prozent mehr Stimmen als vor vier Jahren bekam;
- in Baden-Württemberg, wo Kurt
Georg Kiesinger jetzt mit einem CDU-Stimmenanteil von 49,9 Prozent im nach Bayern schwärzesten Land der Bundesrepublik herrscht. Die Sozialdemokratische Partei
- durchbrach in Nordrhein-Westfalen
zum erstenmal die 40-Prozent-Grenze (Stimmenanteil: 42,6) und triumphierte im gesamten Ruhrgebiet;
- kletterte im Saarland auf 39,8 Prozent und gewann gegenüber der letzten Bundestagswahl 6,3 Prozent hinzu - mehr als irgendwo sonst. An der Saar honorierten die Wähler den sozialdemokratischenFriedensschluß mit der Kirche, Im katholischsten Land der Bundesrepublik (73,4 Prozent Katholiken) verlor die CDU 2,2 Prozent ihres Stimmenanteils. Und im katholischsten Wahlkreis des katholischen Saarlandes, in Saarlouis-Merzig mit einem Katholikenanteil von 93,5 Prozent, gewann die SPD 7,1, verloren die Christdemokraten sogar 5.3 Prozent.
Nicht anders in den katholischen Regionen links des Rheines: SPD-Zugewinn im Wahlkreis Aachen-Land - 5,9 Prozent CDU-Verlust - 3,4 Prozent. Und im tiefschwarzen westfälischen Wahlkreis Paderborn (CDU-Kandidat: Katholik Rainer Barzel) verloren die Christdemokraten 2,4 und gewann die SPD (Kandidat: Protestant Ulrich Lohmar) 4,3 Punkte.
Umgekehrt: Die Christdemokraten profitierten - außer im protestantischen Norddeutschland - in überwiegend evangelischen Landesteilen des Westens und Südwestens. Sie erhielten im ostwestfälischen Minden 3,4 Prozent Zuwachs, im Wahlkreis Bielefeld-Land 4,3 Prozent. Die Sozialdemokraten blieben dort weit unter ihrem Gewinnpegel in Nordrhein-Westfalen.
Fest in christdemokratische Hand gerieten die protestantischen Industriebezirke rings um Stuttgart. In der Daimler-Benz- und IBM-Stadt Sindelfingen schraubte die CDU ihren Stimmemanteil von knapp 34 auf 42,2 Prozent hinauf, im nahegelegenen Holzgerlingen gar von 33,8 auf 50 Prozent. Und in den schwäbischen Industrie-Ballungsräumen Leonberg-Vaihingen (CDU-Zuwachs: 9,6 Prozent), Nürtingen -Böblingen (11 Prozent) oder Calw (10,7 Prozent) desertierten die Arbeiter in Scharen von der SPD zur CDU.
Sie wählten Wohlstand, in dem sich's Häusle baue läßt, und sie stimmten für eine Reihe jugendlicher Helden, die in der "Jungen Union" wie in Kiesingers Staatsapparat hochgezüchtet wurden. Christdemokratischer Elan siegte gegen sozialdemokratische Biederkeit zum Beispiel
- im Wahlkreis Göppingen, wo Dr. Manfred Wörner, 31 und jüngster CDU-Kandidat des Bundesgebiets, den SPD-Veteranen und Bundestagsabgeordneten Karl Riegel, 50, bezwang;
- im evangelischen Wahlkreis Reutlingen, wo der katholische Regierungsrat Dr. Heinrich Geißler, 35, den SPDKämpen und Bundestagsabgeordneten Dr. Friedrich Schäfer, 50, souverän mit 14 000 Stimmen Vorsprung auspunktete.
Wie stark, dank verwechselbarer Parteiparolen, Persönlichkeiten in das Blickfeld des Wählers gerückt sind, illustrieren die Wahlerfolge zweier Spitzenkandidaten: SPD-Vize Carlo Schmid siegte in Mannheim mit 52,6 Prozent der Erststimmen; für seine Partei stimmten im selben Wahlkreis nur 49,5 Prozent. Und in seinem Wahlkreis Düsseldorf-Mettmann bekam Bundesaußenminister Gerhard Schröder 4,7 Prozent mehr Stimmen, als für die CDU -Liste abgegeben würden.
Für die Sozialdemokraten zahlte sich zudem aus, daß viele ihrer Bewerber im Ruhrgebiet Erfolge auf Bürgermeistersesseln und in der Lokalpolitik vorweisen konnten. Von den 66 Direktkandidaten an Rhein und Ruhr stellte die SPD 1961 nur 25, die CDU 41; diesmal erhielt (nach der Neueinteilung der Wahlkreise) von 73 Direktmandaten 35 die SPD, die CDU mußte sich mit 38 bescheiden.
In Oberhausen beispielsweise, wo bisher bei Bundestagswahlen die Stimmenmehrheit auf die CDU entfallen war, kam die - Oberbürgermeisterin Luise Albertz in direkter Wahl durch und verbesserte den SPD-Stimmenanteil von 43 auf 50,5 Prozent.
Wie im übrigen Bundesgebiet, so gewann auch in Nordrhein-Westfalen die CDU ein gut Teil ihrer Stimmen auf Kosten der Freien Demokraten. Jene verlorenen Söhne und Töchter, die 1961 gegen Konrad Adenauer die FDP gewählt hatten, kehrten jetzt wieder zur Mutter CDU zurück.
In verschiedenen West-Wahlkreisen gleichen die Stimmengewinne der Christdemokraten rechnerisch exakt den Stimmenverlusten der Freidemokraten. So im Wahlkreis Detmold-Lippe, in dem die FDP 1961 noch 21 Prozent der Stimmen erhielt, diesmal 6,8 Prozent einbüßte und die CDU 6,9 hinzubekam.
Auch beim Reste-Verkauf der kleineren Parteien schnitten die Christdemokraten am besten ab - freilich mit regionalen Unterschieden.
Weder in Bayern, wo die Gesamtdeutsche Partei (DP und BHE) und die Bayernpartei ein Wahlbündnis mit der CSU geschlossen hatten, noch in Niedersachsen, wo die Gesamtdeutschen mit den Sozialdemokraten paktierten, ging das Kandidaten-Geschäft für die Großen glatt auf.
In Niederbayern, einem traditionellen Hort der Bayernpartei, gelang nicht der CSU, sondern der SPD ein respektabler Stimmengewinn: Sie nahm in den fünf niederbayrischen Wahlkreisen um 3,7 Prozent zu.
Anders im Niedersachsen-Wahlkreis Stade, dem Stammgebiet der zerfallenen Deutschen Partei. Hier erhielt 1961 die CDU 33,1, das Bündnis DP/BHE 16,1 Prozent. Diesmal bekam die CDU 33,1 + 19,1 = 52,2 Prozent - außer den 16 Prozent DP-Wählern retirierten die restlichen drei Prozent höchstwahrscheinlich von der FDP zu den Christdemokraten.
Auch die DP-Überbleibsel im schleswig-holsteinischen Bauernvolk - das dank des Goldregens aus der Regierungsschatulle seit 1955 seinen Trecker -Bestand verdoppeln, die Zahl der Melkmaschinen verdreifachen konnte - wurden mutmaßlich von der CDU aufgesogen.
In zwei Bundesländern schreiben CDU wie SPD ihre Achtungserfolge einer erstmals in diesem Wahlkampf kultivierten Werbe-Masche zu: dem Türklinken-Putzen.
Die Christdemokraten probierten es in Bremen. CDU-Landesgeschäftsführer Dr. Johann-Tönjes Cassens, 32, führt den sensationellen Wähler-Zuwachs in seiner Stadt vorwiegend darauf zurück, daß alle drei Kandidaten "ganz zielbewußt das persönliche Gespräch mit dem Wähler gesucht haben".
Cassens, der bei seinen Hausbesuchen in bremischen Arbeitervierteln perfekt plattdeutsch schnackte, versicherte am Montag nach der Wahl, er habe selbst eingeschworene DFU-Wähler "zum Umfallen gebracht, indem ich ihnen die sowjetzonalen Notstandsregelungen vorlegte".
Die Wunderwaffe bewährte sich auch an. Rhein und. Ruhr, wo die Sozialdemokraten sich speziell um wahlmüde Bürger bemühten.
Für die SPD scheint das neuentdeckte Wahlkampfmittel jedoch nur bedingt einsatzfähig zu sein. Etliche Ortsvereine berichteten an die Bonner Baracke, daß ihre Mitglieder höchst ungern die Klinken wetzen. Die Genossen, einst auf Agitation gedrillt, mögen in einer Wohlstandsgesellschaft keine Werbesprüche zwischen Tür und Angel anbringen.
Stimmenfänger Cassens (CDU), Luise Albertz (SPD): Klinken geputzt

DER SPIEGEL 40/1965
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