29.09.1965

„ICH SEHE DEN STURM AUFZIEHEN“

Ich erinnere mich der Worte, die Abraham Lincoln vor hundert Jahren schrieb, als er noch nicht Präsident war und ältere Politiker ihn angriffen: "Ich sehe den Sturm aufziehen, und Ich weiß, daß Gott ihn lenkt. Wenn Gott für mich einen Auftrag hat, dann bin ich bereit." Heute sage Ich Ihnen: Wenn das Volk der Vereinigten Staaten mich zum Präsidenten wählt, bin ich bereit. John F. Kennedy, 4. Juli 1960.
3. Fortsetzung
Der Mann und die Macht
John F. Kennedy war ein glücklicher
Präsident. Glucklich sein, so sagte er oft und frei nach Aristoteles, sei die Fähigkeit, alle Fähigkeiten in Übereinstimmung mit höchster Tugend einzusetzen. Das Präsidentenamt bot ihm die deale Gelegenheit dazu.
Der neue Präsident war Zeit seines Amtes stolz wie ein kleiner Junge, daß er im Weißen Haus wohnte. Am zweiten Amtstag lud er seinen Freund Paul Fay (Unterstaatssekretär im Marine-Ministerium) und seinen Bruder Teddy nach der Messe zu einer Besichtigungstour dorthin ein. Er saß auf dem einzigen Stuhl in dem noch fast leeren, ovalen Büro, drehte sich darauf herum und fragte vergnügt: "Paul, findest du, daß es zu mir paßt?"
Paul sprach aus, was sie alle dachten: "Ich habe das Gefühl, jeden Augenblick wird jemand hereinkommen und sagen: ,Nun aber genug, Burschen, raus mit euch!'"
Noch wenigstens zweimal in dieser Woche führten Kennedy und Jacqueline Gäste durch das, was er den "Besitz" nannte.
Dabei fragte er Franklin Roosevelt jr. nach der Geschichte von Zimmern und Möbelstücken aus. Er machte Ken Galbraith (später US-Botschafter in Indien) auf die Löcher im Fußboden aufmerksam, die von den Golfschuhen seines Vorgängers Eisenhower stammten. Die Besichtigungstour war - nach Galbraith - "ein gelungener Spaß. Kennedy drehte Möbelstücke um, betrachtete Etiketten, beklagte sich, daß es zu wenig Originalgemälde gebe, und probierte das Bett Abraham Lincolns aus. Dabei führte er noch eine kontinuierliche politische Unterhaltung".
Er liebte das Amt und wuchs mit dieser Bürde. Enttäuschungen stärkten
seine Entschlossenheit. Nur ein einziges Mal sprach er zu mir mit Bitterkeit über seinen Posten. Das war im Oktober 1962, ein paar Minuten vor der Direktübertragung seiner Kuba-Rede. Die Kongreßführer waren bei der Lagebesprechung mit tausend Einwänden, aber mit keinem konstruktiven Vorschlag gekommen. Müde vom Kampf mit den Abgeordneten, sagte er zu mir, während er sich für das Fernsehen umzog; "Wenn Sie diesen... Job haben wollen, dann können Sie ihn von mir aus haben."
Aber schon wenige Augenblicke später war er wieder von entschlossener Tatkraft erfüllt.
Politische Angriffe oder Rückschläge trafen ihn weniger als persönliches Mißgeschick. Er weinte beim Tode seines kleinen Sohnes Patrick. Der Präsident, der im Weißen Haus häufiger mit seinen Kindern zusammen war als je zuvor, hatte sich auf dieses Kind besonders gefreut.
Mehr noch als Jacqueline schien er gebrochen, als Patrick zwei Tage nach seiner vorzeitigen Geburt im August 1963 an einem Lungen-Defekt starb.
"Er nahm seine Hände überhaupt nicht von dem kleinen Sarg", sagte Kardinal Cushing, der die Totenmesse gelesen hatte. "Ich fürchtete, er würde ihn mit sich nehmen."
Schon früher in seiner Amtszeit hatte ihn ein persönliches Unglück betroffen und vorübergehend mutlos gemacht. Im Dezember 1961 erhielt er im Weißen Haus die Nachricht, sein Vater habe in Palm Beach einen Schlaganfall erlitten.
Angesichts der Qualen des für immer gelähmten alten Mannes dachte der Präsident laut über die schwere Entscheidung der Ärzte nach, die noch dort verzweifelt um den Rest eines Menschenlebens kämpften, wo ein friedlicher Tod Erlösung bedeutete.
John F. Kennedy hielt sich nie für besonders "mutig". Aber er lebte nach Hemingways Definition, mit der er sein Buch "Profiles in Courage" einleitete: "Grace under Pressure" ("Standhaftigkeit und Würde unter äußerem Druck"). Das Präsidentenamt stellte zwar nicht die gleichen physischen Anforderungen wie der Wahlkampf, verlangte aber von dem rückenkranken Kennedy und seinen Mitarbeitern lange Arbeitszeiten, dauernde Aktivität und Konzentration.
Die gymnastischen Übungen, die er seit 1961 täglich unter der Leitung des New Yorker Arztes Hans Kraus machte, halfen ihm sehr. Die Übungen stärkten nicht nur seinen Rücken, sondern machten Kennedy auch muskulöser und schlanker.
Manchmal kränkten ihn noch Bilder, auf denen er ein dickliches Gesicht hatte, jedoch sein Gewicht pendelte sich schließlich bei 79 Kilo ein. Er aß nicht diät, veranlaßte den Küchenchef aber einmal, seinen Lieblingsnachtisch, Schokoladencreme, bis nach dem nächsten Fernsehauftritt zu streichen.
Sein Gesicht wurde faltiger, sein Haar ergraute leicht, und Dave Powers, Mitglied des Kennedy-Stabes, meinte: "Er sieht jeden Tag mehr nach einem Präsidenten aus." Um Zeit zu sparen, ließ er sich seinen Friseur und seinen Schneider ins Büro kommen.
Präsident Kennedys Tag im Weißen Haus begann nicht zu irgendeiner heroischen Stunde vor Morgengrauen. Er wachte gegen 7.30 Uhr auf, las schnell die Morgenzeitungen und unterhielt sich dann oft telephonisch mit jemandem darüber. An einem normalen Arbeitstag telephonierte der Präsident rund fünfzigmal, oft auch vor oder nach der Dienstzeit von seiner Wohnung aus.
Er rasierte sich immer in der Badewanne, um Zeit zu sparen. Nach dem Bad frühstückte er um 8.45 Uhr, manchmal im Bett beim Zeitungslesen und ein- oder zweimal in der Woche mit führenden Parlamentariern, Mitgliedern seines Stabes und anderen.
Zwischen 9.00 und 9.30 Uhr kam er ins Büro, las seine Post und den 3000 Worte langen täglichen Informationsbericht des Geheimdienstes CIA. Dann begannen die Konferenzen. Neben den offiziellen Terminen für die Presse führte er zahlreiche inoffizielle Gespräche mit Journalisten. Ebenso hielt er es mit seinem Stab.
"Ich sitze im Weißen Haus", sagte er, "und was ich lese... und ... sehe, ist die Summe dessen, was ich lerne und erfahre. Je mehr Leute ich also treffen und je mehr ich mich mit anderen Ideen bekannt machen kann, ein desto besserer Präsident kann ich sein."
Amerikanische Botschafter wurden bei ihren offiziellen Abschiedsbesuchen nicht nur instruiert, sondern auch ausgefragt. Journalisten, die ihn interviewten, fanden sich in der Rolle der Interviewten. Beamte und Reporter, die von Überseereisen zurückkehrten, wurden aufgefordert, ihn gründlich über ihre Beobachtungen zu unterrichten. Seine Frau mußte ihm schriftlich über ihre Eindrücke von US-Beamten in Indien und Pakistan berichten (und sie tat es, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen).
Vor Haushaltsentscheidungen inspizierte er persönlich militärische Einrichtungen, Atomkraftwerke und Raumfahrtzentren. Sein Hubschrauber-Pilot hatte einmal Mühe, ihn von einer Landung in einem 420 Meter breiten Krater auf - dem Atomversuchsgelände von Nevada abzuhalten.
Konferenzen hielt er so kurz, wie es das Thema erlaubte. Viele dauerten nicht länger als fünfzehn Minuten, sehr wenige dauerten über eine Stunde, aber wenn es nötig war, wurde auch mehrere Stunden lang beraten. Bei langen Sitzungen am Nachmittag bestellte er für die Teilnehmer oft Kaffee. Er beschränkte seine eigenen Äußerungen auf ein Minimum, unterbrach aber seine Gesprächspartner (ganz gleich, wie wichtig oder wie nett sie waren), wenn sie Phrasen droschen oder wiederholten, was ohnehin klar war.
Kennedy konzentrierte sich ganz auf den jeweils Sprechenden, selbst wenn er dabei auf einem vor ihm liegenden Schreibblock herumkritzelte. Hielt er ein Thema für abgeschlossen oder eine Entscheidung für endgültig, sammelte er seine Papiere ein. Wenn hartnäckige Konferenzteilnehmer diesen. Wink nicht verstanden, erhob er sich plötzlich und sagte good-bye.
Obgleich er pünktlich sein wollte und obgleich Assistent Ken O'Donnell, der über Kennedys Zeitplan wachte, weniger 'wichtige' Gespräche geschickt unterbrach, mußte der Präsident angesetzte-Termine häufig um eine Stunde verschieben. Immer war der. Tag bis zum Rand angefüllt, oft blieb Kennedy bis 19.30 oder 20.30 Uhr im Büro. Manchmal kehrte er nach einem gewöhnlich spät angesetzten Abendessen noch einmal ins Büro zurück.
Selbst wenn er Gäste zum Abendessen oder zu Filmvorführungen hatte, schlich er sich oft 15 Minuten nach Filmbeginn weg und kam erst wieder, wenn der Film zu Ende war.
Sonntags gab es keine offiziellen Bürostunden. So kam er auf durchschnittlich 45 bis 55 wöchentliche Bürostunden. Dazu kam Abendarbeit in der Wohnung. "Er lebte so schnell", sagte seine Frau einmal, "weil er alles wissen wollte."
Um das Tempo durchhalten zu können, unterbrach Kennedy die tägliche Arbeit gegen 13.30 Uhr und, wenn möglich, abends noch einmal. Dann schwamm er (gewöhnlich mit Dave Powers) in dem auf 32 Grad angeheizten Schwimmbecken des Weißen Hauses. Sogar auf der Höhepunkt der Kuba-Krise, Im Oktober 1962, nahm der Präsident sich dafür die Zeit.
Während im Hintergrund ein Plattenspieler Unterhaltungs- und Filmmusik abspielte und während er mit Powers Sportgeschichten und Anekdoten austauschte, erholte er sich.
Nach dem Schwimmen, dem Abfrottieren und der Gymnastik kam das Mittagessen - manchmal offiziell mit ausländischen Gästen, mit Redakteuren oder führenden Geschäftsleuten oder Gewerkschaftern. Wenn er allein war, las er während des Mittagessens und danach im Bett weiter. Oder er ruhte kurz auf einem Heizkissen. Zwischen drei und vier Uhr kam er wieder ins Büro.
Wir alle, ganz gleich, wie lange oder wie gut wir ihn kannten, sprachen ihn nur mit "Herr Präsident" an und sagten privat ebenso wie in der Öffentlichkeit nur "der Präsident". In Gesprächen mit seiner Frau fand ich das ein bißchen umständlich, nicht aber in Unterhaltungen mit dem Justizminister, der es meist ebenso hielt.
Jeder aus seinem Stab, jedes Kabinettsmitglied und jeder Kongreßabgeordnete, der Wichtiges zu besprechen hatte, konnte, wenn notwendig, den Präsidenten allein sprechen. "Vielleicht mußte man mal bis spät in der Nacht warten", sagte General Maxwell Taylor einmal, "aber wenn man ihn dringend sprechen mußte, wurde man auch empfangen."
Gegen 19.30 Uhr, nach Ende der Besprechungen, war die günstigste Zeit für mich, alle unerledigten Dinge mit dem Präsidenten zu besprechen. Gewöhnlich war er dann gelöst und manchmal in Hemdsärmeln. Während wir uns unterhielten, sah er sich vielleicht die Fernseh-Nachrichten an oder unterschrieb Post oder ging in Mrs. Lincolns Büro um alles zu lesen, was auf ihrem Schreibtisch lag.
In diesen Stunden war er in bester Form, die Ereignisse des Tages zu überdenken. Er sprach dann über diese oder jene Vorfälle, erzählte eine Anekdote, bat mich, ein neues Problem oder einen Vorschlag zu prüfen, und fragte mich über alles mögliche um meine Meinung.
Eines Abends zum Beispiel war er völlig damit beansprucht, Namen für neue Polaris-Unterseeboote auszuwählen Er amüsierte sich darüber, daß die Quäker gegen den Namen des heldenhaften Pazifisten William Perm waren und das Pentagon gegen Namen von Indianerhäuptlingen protestierte, die gegen die Vereinigten Staaten gekämpft hatten. Die Marine fand, daß der Name "Häuptling Rote Wolke", international gesehen, 'einen besonders ungünstigen Klang hätte.
Der Abend wurde auch von anderen Mitarbeitern genutzt, die ihn während des Tages nicht hatten sprechen können. Und häufig kamen auch seine Kinder, 'Caroline und John, ins Zimmer gelaufen, um vor dem Zubettgehen noch ein bißchen mit ihrem Vater herumzutollen oder sich einen Bonbon von Mrs. Lincolns Schreibtisch geben zu lassen.
Der Vater ging, je nachdem wie beschäftigt er war, auf ihre Fragen und Possen ein oder fuhr in seiner Arbeit fort, ohne sie zu beachten, bis er fertig war. Er stellte sie manchmal seinen Gästen vor, wobei Caroline knickste und John eine kleine Verbeugung machte. Dann schickte er sie ins Vorzimmer, wo Caroline zeichnen durfte, während sich John mit Spielsachen beschäftigte, die Evelyn Lincoln stets für ihn bereithielt.
"Was ich auch immer tue oder sage", erzählte mir Präsident Kennedy eines Nachmittags in seinem Schlafzimmer nach einem wichtigen Telephonat mit seiner Sekretärin, "Mrs. Lincoln (innerhalb von elf Jahren nannte er sie nicht ein einziges Mal Evelyn) wird süß und gefaßt sein. Wenn ich jetzt gerade gesagt hätte, ,Mrs. Lincoln, ich habe Jackie den Kopf abgeschnitten, würden Sie mir bitte eine Kiste rüberschicken?, würde sie immer noch antworten. ,das ist ja wunderbar, Herr Präsident, ich werde die Kiste sofort schicken ... Haben Sie Ihr Mittagsschläfchen gehalten?'"
Das Arbeitszimmer war vom Präsidenten und seiner Frau mit nautischen Motiven neu gestaltet worden. Schiffsmodelle zierten die Regale, und Bilder von Schiffen und Seeschlachten beherrschten die Wände. Auf der einen Seite seines Schreibtisches stand eine Walfangharpune sowie Schwert und Flagge von Kommodore John Barry*, auf der anderen die amerikanische und die purpurn-goldene Flagge des Präsidenten.
Selbst sein Schreibtisch, den Jacqueline in einem Lagerraum des Weißen Hauses entdeckt hatte, war im 19. Jahrhundert aus dem Holz eines Kriegsschiffes angefertigt worden. Familienphotos, ein von seiner Frau gemaltes Bild und zwei ausgestopfte Wasserläufer von Cape Cod brachten Abwechslung in die Dekoration.
Auf dem Schreibtisch herrschte tagsüber gewöhnlich Durcheinander, ebenso wie auf dem mit Zeitungen und Zeitschriften beladenen Tisch dahinter. Immer vorhanden waren ein Metallhalter für seinen Tagesplan, eine Schreibtischgarnitur aus schwarzem Ailigatorleder, die ihm General de Gaulle geschenkt hatte, das übliche Schreibgerät und, zwischen zwei Buchstützen, besonders in Leder gebundene Exemplare seiner fünf Bücher:
Der von ihm herausgegebene Band über seinen Bruder, "As We Remember Joe", "Why England Slept". "Profiles in Courage" sowie seine zwei Bücher mit Reden: "The Strategy of Peace" und "To Turn the Tide" (die Herausgabe von "The Burden and the Glory" war während seiner Präsidentenzeit noch nicht abgeschlossen)*.
Der Amtssitz des Präsidenten ist immer dort, wo der Präsident sich gerade aufhält. Im Gegensatz zum Kongreß und Obersten Gerichtshof ist der Präsident nie außer Dienst, und er kann sich auch nicht vertagen.
Der Vizepräsident übernimmt, wenn der Präsident außer Landes ist, nicht wie in anderen Ländern die Geschäfte. Von überall hatte Kennedy deshalb Verbindung mit der Telephonzentrale im Weißen Haus, überall wurde er vom Geheimdienst bewacht, stets folgte ihm der jeweilige Diensthabende eines wechselnden Teams von Portepee-Unteroffizieren, der in einem schmalen schwarzen Koffer die Geheimcodes für den Präsidentenbefehl zu einem atomaren Vergeltungsschlag trug.
Überall erhielt Kennedy seine täglichen Geheimdienst-Berichte. Auf seinen vielen Reisen zu militärischen Einrichtungen (wie auch von seinem Schreibtisch aus) testete der Präsident manchmal Schnelligkeit und Zuverlässigkeit der Nachrichtenverbindungen. Aufgescheuchte Offiziere im Kriegs -Raum des Pentagon oder in einem abgelegenen Stützpunkt des Strategischen Bomberkommandos (SAC) nahmen dann die Hörer selten benutzter Telephone ab und hörten: "Hier ist Präsident Kennedy. Ich überprüfe gerade die Nachrichtenverbindungen. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?"
Dem Wert und Sinn von Spezial -Leitungen zu Spezial-Telephonen gegenüber blieb Kennedy dennoch skeptisch. Er und ich schreckten eines Morgens während seines ersten Amtsjahres auf, als ein bis dahin unentdeckt gebliebenes Telephon im Schlafzimmer unsere Konferenz unterbrach. Die Dame an dem anderen Ende war nur schwer zu überzeugen, daß sie nicht die Nummer des Veterinär-Krankenhauses gewählt hatte. "Nein, hier ist John Kennedy", sagte der Präsident. "Nein, hier ist tatsächlich Präsident Kennedy."
Überall las er die meisten seiner gewohnten Tageszeitungen**, die, wenn notwendig, mit dem Flugzeug nachgeschickt wurden. Auf allen Reisen nahm er die dicke, schwarze Alligator-Aktenmappe mit, die er seit seinen ersten Tagen als Abgeordneter benutzte.
Unterbrechungen der Routine hatten verhindert, daß er an ihr zerbrach. Der Präsident hielt es für sich und sein Familienleben am zuträglichsten, das Weiße Haus am Wochenende, wenn möglich, für wenigstens 24 Stunden zu verlassen.
Im Sommer verreiste er für das ganze Wochenende, und gelegentlich machte er auch längere Ferien. Hin und wieder besuchte er im Sommer und im Herbst sein Haus in Hyannis Port am Cape Cod und den Sommersitz der Familie seiner Frau in Newport (Rhode Island). Im Frühling und im Winter machte Kennedy in Palm Beach längere Pausen.
Wochenendpausen verbrachten die Kennedys in Camp David, dem offiziellen Landsitz des Präsidenten in der Hügellandschaft von Maryland, oder auf dem gemieteten Landgut Glenora in Virginia. 1963 bauten sie dort ein eigenes Haus.
Der Präsident erholte sich am besten auf dem Wasser. Wenn er auch seltener segelte als früher, so liebte er die See doch, wie er sie seit der Kindheit geliebt hatte.
An Bord der Familien-Jacht oder der des Präsidenten genoß Kennedy den Abstand zwischen sich und dem Secret Service.
Tages- oder Wochenendreisen zu Geburtstagsfeiern seiner Familie waren etwas Besonderes. Der Präsident konnte gefühlvoll sein, wenn es um Geschenke und um Familienfeiern ging. In Hyannis Port fuhr er seine Kinder und alle ihre rund zwanzig Cousins und Cousinen, die gerade da waren, jedes Wochenende zum Konfitürenladen des Ortes.
Obwohl weder sein Rücken noch sein Amt viel Training zuließen, war er der geborene Golfer. Er brauchte für die Runde im Durchschnitt nur wenig über 80 Schläge.
Red Fay erzählte von einem Spiel im Mai 1960 in Cypress Point (Kalifornien), bei dem der damalige Präsidentschaftskandidat einen Ball, der nach dem Treibschlag direkt auf das Loch rollte, beschwor, nicht hineinzugehen. Der Rummel um ein "hole-in-one", sagte er, könne einem Demokraten zu einer Zeit, da die Golfspielerei eines Präsidenten (Eisenhower) Gegenstand unfreundlicher Kommentare sei, kaum nützen.
Kennedy übte nie Putten auf dem Übungsgrün, das Eisenhower hinter dem Weißen Haus hatte anlegen lassen. Wenn sein Schläger durch die Luft sauste, stellte er sich oft vor, Ben Hogan, Arnold Palmer oder ein anderer der professionellen Golf-Asse zu sein (oder wenn er einen Fußball in die Hand nahm, Y.A. Tittle, der berühmte Abwehrspieler der New Yorker Giants).
"Er fing niemals ein Spiel an", sagte der britische Botschafter und häufige Golf-Partner David Ormsby-Gore, "ohne ein überaus kompliziertes System von Gewinneinsätzen auszuarbeiten." Die Diskussion darüber dauerte dann bis über das dritte Loch hinaus. Beim neunten Loch waren schließlich alle Wetten verdoppelt worden.
Wenn Kennedy nicht arbeitete, hatte er - wie Jacqueline - gern Leute um sich, die fröhlich, amüsant, aktiv, gut informiert und ungezwungen waren.
Nach den ersten Wochen im Weißen Haus sah Kennedy ein, daß er als Präsident nicht mehr gut mit alten Freunden um das Washington-Denkmal schlendern oder sie zwanglos zu Hause aufstöbern konnte, wie er es noch am ersten Abend seiner Amtszeit mit dem Journalisten Joe Alsop getan hatte. Dort hatte der hungrige Kennedy Schildkrötensuppe gegessen - anderes war nicht im Hause - und die Erlebnisse des Amtsantritts besprochen. Aber die Gewohnheit, alte Freunde zu jeder Tages- und Nachtzeit anzurufen, behielt er bei.
Keiner seiner Freunde gab John Kennedy so viel seelische und geistige Kraft, wie seine Frau, seine Tochter und sein Sohn ihm gaben. - Er liebte Frau und Kinder tief und war stolz auf sie. Die Liebe und der Stolz, die sie für ihn empfanden, machten es ihm wiederum viel leichter, seine Bürde zu tragen.
Der intellektuelle Präsident, den seine Kritiker für kalt und seine Bewunderer für kompliziert hielten, konnte sehr gut-mit Kindern umgehen
- mit seinen eigenen, mit meinen, mit
allen. Er sprach nie herablassend mit ihnen, und sie verstanden ihn immer.
"Er sprach mit mir", so vertraute der dreizehnjährige Sohn eines Mitarbeiters seinem Tagebuch an, "wie ein Geschäftsmann mit dem anderen."
Verteidigungsminister McNamara erzählte gern, wie der Präsident, auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise, vor dem Abendessen auf Caroline einsprach: "Caroline", sagte Kennedy, "hast du Süßigkeiten genascht?" Sie reagierte nicht. Eine zweite Frage blieb ebenfalls unbeantwortet. Schließlich bot er die ganzeAutorität des Oberkommandierenden auf und fragte: "Caroline, antworte mir. Hast du genascht - ja, nein oder vielleicht?"
Ähnlich erging es ihm mit John jr. Der Kleine begleitete ihn einmal zu unserem gemeinsamen Frühstück, bei dem wir eine Pressekonferenz vorbereiteten, und war dann nicht mehr loszuwerden.
Alle Ermahnungen seines Vaters, zu gehen, ernteten lauten Protest. Entschlossen, seinen Sohn zu ignorieren, eröffnete der Präsident mit seinem gewohnten "Was haben wir heute?" die Sitzung. Die erste Antwort kam von John: "Ich habe ein Glas Wasser."
Beide Eltern machten sich, die Mutter mehr als der Vater, Sorgen über die Auswirkungen des übermäßigen öffentlichen Interesses an ihren Kindern. Jacqueline meinte, daß weder ihr Mann noch sein Pressesekretär ihre Bedenken völlig teilten. Als ich einmal zu ihr sagte, der Präsident und sein Pressechef Salinger fänden einen Caroline-Artikel, über den Jacqueline sich beklagt hatte, ausgezeichnet, meinte sie: "Die sind gerade die Richtigen, um das zu beurteilen."
Im Weißen Haus waren sich die Eheleute sehr nahe. Zu Jacquelines Überraschung hatte seine Wahl zum Präsidenten ihre Ehe nicht strapaziert, sondern gefestigt. Es waren ihre glücklichsten Jahre. Jacqueline und die Kinder hatten mehr von ihrem Mann und Vater als je zuvor. Er fand bei seiner Frau Glück und Liebe, wie er sie bis dahin nicht gekannt hatte.
Mit ihrem leisen, leichten-Spott machte sie jede Präsidenten-Pose zunichte, wenn Kennedy es einmal nicht selber tat. Der Justizminister Robert Kennedy sagte: "Jack weiß, daß sie ihn nie mit 'Was gibt's Neues in Laos?' begrüßen würde."
Sie wurde in der ganzen Welt zu einem Symbol für amerikanische Kultur und guten Geschmack.
Niederträchtige Gerüchte über den Präsidenten und seine Frau, die während des Wahlkampfes auftauchten, gingen auch später von Zeit zu Zeit wieder um. Nichts brachte Kennedy so auf wie die Behauptung, er sei als junger Mann schon einmal verheiratet gewesen. "Das müßte ich doch schließlich besser wissen!" sagte er erbittert.
Das Weiße Haus wurde zugleich Schaufenster und Heimstätte für Geist und Kultur. Es wurde auch, wie der Präsident einmal scherzte, "eine Art Speisehaus für Künstler. Dabei laden die uns nie ein".
Er hielt Verbindung mit dem Dichter Robert Frost. Er widmete dem französischen' Kulturminister Andre Malraux ebensoviel Aufmerksamkeit wie den Außenministern anderer Nationen. Bei einem Essen zu Ehren der amerikanischen Nobelpreisträger erklärte er: "Dies ist die ungewöhnlichste Versammlung von Talenten ... die das Weiße Haus jemals gesehen hat - vielleicht mit einer einzigen Ausnahme: wenn Thomas Jefferson allein bei sich zu Tische war."
Der Nobelpreisträger, Atomwissenschaftler und Pazifist Linus Pauling bezog noch am selben Tage vor dem Weißen Haus mit einem Plakat Posten, um seiner Sache Publicity zu verschaffen.
Aber der Präsident gratulierte ihm nur dazu, daß er seine Ansichten so kräftig vertrat, und die First Lady schalt den Wissenschaftler, weil Caroline gefragt hatte: "Was hat Daddy denn nun wieder getan?"
Galadiners im Weißen Haus hatten ebensoviel Wärme wie Eleganz. Das offizielle Protokoll blieb auf ein Minimum beschränkt.
Seine Frau und seine eigene Neugier brachten den Präsidenten mit verschiedenen kulturellen Gebieten in Berührung. Tief aber drang er nicht ein. Er hatte ein ausgeprägtes Gefühl für Architektur, gab aber nicht vor, Experte zu sein: Er fing an, sich für französische Stilmöbel zu interessieren, beugte sich jedoch Jacquelines Urteil. Er kaufte alte Skulpturen, war aber mehr von ihrem Alter als von ihrer Form beeindruckt.
Seine Achtung vor jeder künstlerischen. Leistung war größer als sein Verständnis dafür. Er hatte kein Interesse für Opern, nickte bei Symphoniekonzerten ein und langweilte sich bei Ballettabenden. Sein Schallplatten-Geschmack reichte von Broadway-Melodien wie "Camelot" über romantische Balladen bis zu dem Lied "Irish Sing Along".
Musicals und Lustspiele zog er ernsten Schauspielen vor. Er mochte Filme wie "Casablanca" und "Spartacus", jedoch nichts, was sich übertrieben künstlerisch gab oder keine richtige Handlung hatte; er mochte die Seestücke und die Schiffsszenen in seinem Büro, die Western-Gemälde von George Catlin in seiner Wohnung und Impressionisten.
Er hatte ein ausgeprägtes Interesse für Sport, und er traf berühmte Sportler in seinem Büro ebenso gern wie Künstler. Er ließ sich regionale Fernsehübertragungen von Boxmeisterschaften direkt ins Weiße Haus überspielen. Einmal zögerte er seinen Weggang zu einer "geistigeren" Veranstaltung bis zum K.o. hinaus.
Sein Lieblingssport war Football, gleich ob er von Studenten oder von Profis gespielt wurde. Er hatte auch Vergnügen an dem alljährlichen Zeremoniell, mit dem er die Baseball-Saison eröffnete. Aber einmal sagte er zu mir: "Baseball ist ein lahmes Spiel."
Kennedys Lektüre wird am besten durch einen Vorfall charakterisiert, den ein Besucher des Weißen Hauses berichtete. Unter den vielen Aktenbänden und gewichtigen Geschichtswerken bemerkte der Mann die Fachzeitschrift für das Unterhaltungsgeschäft "Variety", deren Chefredakteur Abel Green war. In der Annahme, daß die wenig bekannte Zeitschrift aus Versehen dahin geraten sei, fragte er später den Präsidenten, was die Zeitschrift von Abel Green in seinem Regal zu suchen hätte. Kennedy antwortete mit dem Wortspiel: "Meinen Sie nicht, daß ein Präsident ein Recht auf Variety (Abwechslung oder Variete) hat?"
Abwechslung bestimmte seine Lesegewohnheiten. Trotz der Unmenge von Zeitungen, Zeitschriften und Memoranden, die er täglich verschlang, las er auch im Weißen Haus noch eine erstaunliche Anzahl von Büchern. Geschichte, Biographien und aktuelle Ereignisse beherrschten die Liste.
Er war bereit, in seinen Reden Stellen aus der Dichtung zu zitieren, ließ sie Caroline auswendig lernen und las sie seiner Frau laut vor.
Romane und Kriminalgeschichten las er verhältnismäßig selten, aber manchmal entspannte er sich bei den phantastischen Eskapaden und Fluchtabenteuern von lan Flemings köstlich überkandideltem britischen Geheimagenten James Bond. "Na", soll der Präsident nach der Schweinebucht-Affäre gesagt haben, "hätte das nicht auch James Bond passieren können?"
Am liebsten beschäftigte er sich mit Talleyrand, Marlborough und Melbourne. Er studierte Barbara Tuchmans "August 1914" und empfahl das Buch seinen Mitarbeitern.
Abwechslung bestimmte auch alle seine anderen Interessen und Neigungen. Es machte ihm Spaß, die Tanzgruppe von Jerome Robbins und den Schwergewichtsweltmeister Floyd Patterson kennenzulernen. Er interessierte sich für die Welt von Carl Sandburg und von Frank Sinatra. Er fühlte sich bei Gesprächen auf dem Niveau der Brüder Bundy ebenso wohl wie bei Unterhaltungen mit den Cassini-Brothers*.
Er konnte über witzige Bemerkungen von Ken Galbraith und Dave Powers lachen. Er fand es lustig, daß der Sohn seines Pressechefs einen Ferienkurs für Musik besuchte und der seines Kulturberaters einen Baseballkurs. Er fühlte sich in der Gesellschaft italo-amerikanischer Sängerinnen oder irisch-amerikanischer Politiker gleich schnell zu Hause.
Aber wo immer auch die Grenzen seiner eigenen künstlerischen Talente und Interessen lagen, sie schmälerten seine Achtung vor kulturellen Leistungen nicht und standen seinem Wunsch, sie im ganzen Land zu fördern; nicht im Weg.
John Kennedys Auffassung vom Präsidentenamt war eine seiner wichtigsten geistigen Leistungen. Seine Philosophie vom Regieren war auf Macht ausgerichtet, nicht auf persönliche Macht, sondern auf Macht als nationale Verpflichtung: das Primat des Weißen Hauses innerhalb der Exekutive, die Führungsrolle der Bundesregierung, innerhalb der Vereinigten Staaten und die der Vereinigten Staaten in der Gemeinschaft der Nationen.
Und doch sprach er fast nie von Macht. Macht war kein Ziel, das er um seiner selbst willen verfolgte. Sie war da; sie gehörte zum Weißen Haus, man hatte sie zu gebrauchen ohne Schuldgefühl. und ohne Gier - als notwendiges Mittel.
Er fühlte sich durch Macht weder emporgehoben noch niedergedrückt. Er hatte Freude am Präsidentenamt, nicht weil er dessen Macht, sondern weil er dessen Möglichkeiten erkannte. Zugleich ernüchterte es ihn, nicht weil die Macht, sondern die Verantwortung des Amtes ihn bedrückte.
Er war ein starker Präsident, weil er eine starke Persönlichkeit war. Er war verärgert über das große Aufheben, das die Presse über den Genuß gemacht hatte, mit dem er Dick Neustadts Buch "Die Macht des Präsidenten" gelesen hatte. Darin sind die Aspekte "persönliche Macht und ihre Politik, worin,sie besteht, wie man sie bekommt, wie man sie behält, wie man sie gebraucht", besonders herausgearbeitet.
Neustadt hätte John Fitzgerald Kennedy, dessen Familie schon in der dritten Generation politische Macht ausübte, als erster bescheinigt, daß er die Natur der Macht kannte und ihn weder ihre Bürde noch ihr Glanz irritieren konnte.
Als Senator war Kennedy dafür eingetreten, dem Präsidenten in Fragen der Auslandshilfe, des Handels, des Vetorechts und des nationalen Notstands größere Vollmachten und größere Entscheidungsfreiheit einzuräumen.
Als Autor und Historiker äußerte er sich anerkennend über die Unabhängigkeit des Präsidenten und über die Männer, die des Amtes Grenzen weiter steckten und seine Rechte zu wahren wußten.
Als Präsidentschaftskandidat begann und beendete er seinen Wahlkampf mit Reden, deren Mittelpunkt die Verantwortung des Präsidenten war.
Als Präsident erweiterte er die Befugnisse des Amtes und bediente sich aller offiziellen und inoffiziellen Vollmachten - "aller, die spezifiziert sind. und einiger, die es nicht sind".
Nur wenige Züge der Kennedy-Präsidentschaft sind meines Erachtens so bezeichnend wie sein Konzept vom Amt und wie er es ausübte. Jeder Heraus£orderung seines Amtes begegnete er ohne Schonung und Zögern - ob dem Kongreß wegen des Langstreckenbombers B-70, Chruschtschow wegen Kuba, der Stahlindustrie wegen der Preise oder seiner eigenen Kirche wegen Schulfragen.
Innerhalb der Exekutive übernahm er die Verantwortung für jede wichtigere Entscheidung. Er delegierte wohl Arbeit, aber niemals Verantwortung an das Kabinett, an den Nationalen Sicherheitsrat, die Stabschefs der verschiedenen Waffengattungen, an Mitarbeiter oder Berater. Er wartete nicht, bis Einmütigkeit erzielt war, und gestattete nicht, daß auch nur eine seiner Anweisungen mißachtet wurde. Wenn er dem Kongreß über Maßnahmen der Regierung berichtete, formulierte er seine Botschaften bewußt so: "Ich habe den Minister angewiesen...", statt "Ich habe ihn gebeten..."
Er hatte, wie er sagte, nicht die mindeste Absicht, seinen Stab so arbeiten zu lassen, "daß ich eine vorher fertig ausgearbeitete Vereinbarung vorgelegt bekomme, die am Präsidenterpult lediglich bestätigt wird. Damit bin ich nicht einverstanden".
Als ihm einmal ein hoher Ministerialbeamter erklärte, in dieser Frage fälle er die größte Entscheidung seines Lebens, erwiderte Kennedy trocken: "Von der Sorte haben wir jede Woche eine."
Er hatte sehr klare Vorstellungen von der Rolle der Berater und der des Präsidenten. Die Stabschefs der US-Streitkräfte, so sagte er einmal, "beraten einen so, wie ein Mann einen anderen, der eine Heirat erwägt: Er braucht ja nicht mit dem Mädchen zu leben". Und in dem von drei Fernsehgesellschaften gesendeten Interview vom Dezember 1962, das bemerkenswert offene Ansichten über das Präsidentenamt enthielt, erklärte er:
"Es besteht so ein großer Unterschied zwischen denen, die raten oder reden oder Gesetze machen, und... dem Mann, der ... am Ende die Entscheidung treffen muß ... Berater haben oft völlig verschiedene-Ansichten. Wenn man den falschen Kurs wählt - und das habe ich gelegentlich getan -, so trägt der Präsident die volle Last der Verantwortung. Die Berater können fortfahren, neue Ratschläge zu geben."
Kennedys Entscheidungen waren nicht durch ein "großartiges Konzept" für die Zukunft diktiert. Er begann seine Amtszeit mit einigen grundsätzlichen Überzeugungen und allgemeinen Zielen, geradeso wie ein Wissenschaftler mit dem Glauben an seine Hypothese anfängt.
Aber jede neue Entdeckung und jede neue Erfahrung weiteten seine Sicht und änderten seine Strategie. Da er einen scharfen Blick für das Mögliche hatte, verschwendete er seine Energien und Hoffnungen nicht an Unmöglichem.
Auf die Frage, welcher Art die Welt sein werde, die er seinem Nachfolger 1969 zu übergeben hoffte, erwiderte Kennedy Mitte 1961: "Ich habe noch keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken."
Und doch hatte er eine ungewöhnliche Fähigkeit, auf weite Sicht zu denken. Obwohl von der Vergangenheit fasziniert, richtete er seine Politik auf die Zukunft aus. Seine Reden galten mehr und mehr nicht nur der eigenen, sondern auch der nächsten Generation, und er wollte sicherstellen, daß es die nächste Generation auch gäbe.
"Jeder Präsident", schrieb er, "ist nicht nur der Präsident aller. Lebenden, sondern, in einem sehr lebendigen Sinn, auch aller derer, die noch kommen sollen."
Um der nächsten Generation zu helfen, plante er nicht großartige Entwürfe, sondern einzelne Schritte - für die Abrüstung, die Eroberung des Weltraums, die Entsalzung von Meerwasser und die Bekämpfung von Analphabetentum und Krankheit.
Er sprach davon, daß er jetzt die Fundamente für eine Außenpolitik jenseits des Kalten Krieges schaffen Wolle. Er wolle jetzt Vorkehrungen treffen gegen künftige Wasserknappheit, Ärztemangel, Schulraumnot, Strom-, Holz-, Park- und Spielplatzknappheit.
Er sprach von einer Allianz für den Fortschritt, wie sie in einem Jahrzehnt aussehen sollte, von einer Atlantischen Partnerschaft in der nächsten' Geheration und von Naturschutzparks in einem Jahrhundert.
Und je länger er im Amt war, desto mehr sprach er über die- Greinzen -der Macht. "Jeder Präsident", schrieb er im Vorwort zu meinem Buch ,Decision Making in the White House', "muß sich mit der Kluft zwischen dem, was er möchte, und dem, was möglich ist, abfinden." Er zitierte Roosevelts Ausspruch: "Lincoln war traurig, weil er nicht alles auf einmal bekommen konnte. Das kann keiner."
Er war klug genug zu wissen, daß in einer demokratischen Nation, die durch den Konsensus und nicht durch Kommmando regiert wird, das Wort des Präsidenten allein nicht immer Erfolg hat. Gegen Ende November 1963 schrieb er einen Brief an Professor Clinton Rossiter, dessen Werk "The American Presidency" er sehr bewunderte. Rossiter hatte über sein Buch eine Zeile von Shakespeares Macbeth gestellt: "Methought I heard a voice cry: ,Sleep no more!'" ("Mir war, als rief es: 'Schlaft nicht mehr!'")
Kennedy, der selbst mit der Gefahr schlafen konnte, dem es aber nicht immer gelang, andere zur Wachsamkeit aufzurütteln, fand den Dialog zwischen Glendower und Hotspur aus Shakespeares "Henry IV." passender:
Glendower: "I can call spirits from the vasty deep." ("Ich rufe Geister aus der wüsten Tiefe.")
Hotspur: "Why, so can I, or so can any man; but will they come when you do call for them?" ("Ei ja, das kann ich auch, das kann ein jeder; aber kommen sie, wenn Ihr nach Ihnen ruft?")
IM NÄCHSTEN HEFT:
Die Dossiers der CIA - Niederlage in den Zapata-Sümpfen-Mit der "Rio Escondido" sinkt jede Hoffnung auf Erfolg - "Wie konnte ich nur so töricht sein?"
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* Der Irische Einwanderer John Barry war Mitbegründer der amerikanischen Kriegsmarine und ihr erster Kommodore. Im Unabhängigkeitskrieg (1775 bis 1783) kämpfte er gegen die Engländer.
* Titel der in Deutschland erschienenen Kennedy-Bücher: "Zivilcourage", "Der Weg zum Frieden", "Dämme gegen die Flut", "Glanz und Bürde".
** Washington Post, Washington Star, Washington News, New York Times, New York Daily News, Wall Street Journal, Baltimore Sun, Boston Globe, Boston Herald, Miami Herald, Chicago Tribune, Chicago Sun-Times, Philadelphia Inquirer, St. Louis Post-Dispatch. Die New York Herald Tribune bestellte Kennedy 1962 wegen angeblich einseitiger Berichterstattung ab.
* Oleg Cassini entwarf die Kleider Jacqueline Kennedys. Igor Cassini war Gesellschafts-Kolumnist und Verfasser der Knickerbocker-Kolumne in der Hearst-Presse.
Präsident Kennedy; Außenminister Rusk, Moskau-Botschafter Thompson: "Ich rufe Geister aus der wüsten Tiefe"
Lincoln-Zimmer im Weißen Haus: "Findest du ...
... daß es zu mir paßt?": Arbeitszimmer im Weißen Haus
Caroline, John Kennedy, Vater: "Ja, nein oder vielleicht"
Kennedy-Sekretärin Evelyn Lincoln, Chef
Spielzeug im Schreibtisch
Kennedy-Mitarbeiter Powers, Chef
Bad in der Kuba-Krise
Kennedy-Freund Fay, Freund
Angst vor einem "hole-in-one"
Golfer Kennedy
Wetten bis zum dritten Loch
Ehepaar Kennedy auf der Familien-Jacht: Abstand zum Secret Service
Empfang im Weißen Haust; Heimstätte der Kultur...
... oder "Speisehaus für Künstler"? Gedeckte Tafel im Weißen Haus
Demonstrierender Atomphysiker Pauling
"Was hat Daddy nun wieder getan?"
Autoren von Kennedy-Lektüre Green, Frost, Barbara Tuchman, Igor Cassini, Joseph Alsop,
Fleming: "Könnte das auch James Band passieren?"
Leser Kennedy: Jeden Morgen 3000 Worte vom Geheimdienst
* Für den Schah von Persien und Kaiserin Farah.
Von Theodore C. Sorensen

DER SPIEGEL 40/1965
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