29.09.1965

BUNDESLIGAVertraulich

Die Bundesliga, der deutschen Sport -Fans liebstes Sorgenkind, bescherte ihren Anhängern im dritten Jahr, am sechsten Spieltag, einen neuen Rekord: 40 Tore in einer Runde. Und neben den Stürmern leisteten die Schiedsrichter Außergewöhnliches: Sie verhängten bereits 23 Elfmeter.
"Wir haben unsere Schiedsrichter angewiesen, schärfer durchzugreifen", erklärte Hans Paßlack, Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).
Der 90 Kopf starken Elite-Kompanie im 30 000-Mann-Heer der bundesdeutschen Schiedsrichter droht nun bei ungenügenden Leistungen die Degradierung. Denn bei jedem Bundesliga-Spiel begutachten anonyme DFB-Beobachter den Spielleiter auf Schritt und Pfiff.
Bundesdeutschlands Pfeifen-Sportler zittern vor einem weißen Formblatt: Nach jedem Spiel wird der Schiedsrichter in einem offiziellen Fragebogen ("Vertraulich - nicht für Schiedsrichter") mit 49 Rubriken beurteilt. "Übertrieben auffällige Kleidung" trägt ebenso Minuspunkte ein wie "erkennbare Konditionsmängel". Eine Rüge folgt, wenn er "versteckte Fouls nicht erkennt", "überheblich" wirkt oder "nicht diagonal läuft". Provoziert ein Bundesliga-Schiedsrichter dreimal ungünstige Beurteilungen, wird er in die Regionalliga zurückversetzt.
Unter dem Druck des großen DFBBruders griffen die Schiedsrichter härter durch. Gleich am ersten Spieltag der laufenden Saison verhängten sie dreimal die härteste Strafe: Sie schickten drei Fußballsünder, darunter den Hamburger Nationalspieler Gert Dörfel, vorzeitig vom Feld. In den zwei ersten Bundesliga-Jahren waren bis zur sechsten Runde nur jeweils ein Platzverweis und zwölf Elfmeter angeordnet worden.
Die Furcht vor den strengeren Pfeifen-Herren bewog auch die Bundesliga-Kicker zu vorsichtigerem Spiel. Überdies werden neuerdings Fouls sogar dann geahndet, wenn der Schiedsrichter sie nicht gesehen hat. Der beliebteste Bundesliga-Torwart, Petar ("Radi") Radenkovic, wurde vor den DFB-Kadi zitiert, nachdem - ihn ein unbekannter DFBBeobachter bei einem unfairen Tritt ertappt hatte.
Die Strafen sind für die betroffenen Mannschaften schwerwiegend: Ein Platzverweis zieht automatisch eine mindestens vierwöchige Sperre für den ausgeschlossenen Spieler nach sich. Ein Elfmeter bedeutet ein fast sicheres Gegentor. So fanden Stürmer, die bisher bei zu nachsichtigen Schiedsrichtern durch unfaire Tricks am Schuß gehindert wurden, in dieser Saison häufiger freies Schußfeld. An erst sechs Spieltagen wurden schon 190 Tore erzielt, mithin 3,52 Treffer pro Spiel (im letzten Bundesliga-Jahr: 3,1).
Bundesliga-Schiedsrichter in Hamburg: Von anonymen Beobachtern 49 Zensuren

DER SPIEGEL 40/1965
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