29.09.1965

WELTMEISTERSCHAFTENAbenteuer in Chile

Im wettkampffreien August schlitterte die erfolgreichste Ski-Nationalmannschaft der Welt in eine schwere Krise. Der Trainer des medaillenschweren österreichischen Teams, Josef ("Pepi") Stiegler, trat aus Protest zurück: Er wollte nicht mitverantworten, daß die besten alpinen Rennläufer ihre nächsten Weltmeisterschaften auf stark lawinengefährdeten Pisten und im August austragen müßten.
Das ungewöhnlichste Experiment der Wintersportgeschichte hatten Ski-Funktionäre in "ihrer unstillbaren Reisesucht auf Kosten anderer" ("Die Zeit") im Mai 1963 - in Athen - beschlossen. Sie vergaben die Alpinen Ski-Weltmeisterschaften 1966 an den chilenischen Andenort Portillo (90 Kilometer von Santiago entfernt).
Selbst Fachleute waren auf den 2800 Meter hoch gelegenen Kordilleren-Ort erstmals ein Jahr zuvor aufmerksam geworden. Chilenische Interessenten hatten während der Weltmeisterschaften 1962 in Chamonix mit den bereits prämiierten Kurven der "Miss Chile" beim Après-Ski für die noch nicht präparierten Kurven-Pisten Portillos geworben.
Tatsächlich bekam Portillo 1963 die Stimmen von 43 Funktionären des Internationalen Ski-Verbands (FIS). Dabei gibt es in Chile nur 9200 organisierte Skiläufer (Deutschland: sechs Millionen). Das Wintersportzentrum Naeba in Japan (fünf Millionen Skiläufer) und der Schweizer Kurort Davos fielen durch.
Die wichtigsten Alpenländer - Österreich, Deutschland und die Schweiz - waren niedergestimmt worden. Frankreich hatte die Alpenfront im Stich gelassen und mit dem Ostblock für Portillo votiert. Über die Stimmenmehrheit verfügten Länder, deren Aktive die Weltklasse nicht erreicht haben, deren Funktionäre hingegen die bedeutendsten Rennen gern als Beobachter besuchen.
"Dieser ,Skisportplatz'", mokierte sich die "Welt" über Portillo, "besteht aus einem Hotel." Das siebenstöckige "Grand-Hotel Portillo" - es gehört den Amerikanern Robert W. Purcell und Richard S. Aldrich - hat 500 Betten. In ihm könnten während der Weltmeisterschaft lediglich Sportler, Betreuer und Funktionäre untergebracht werden. Zuschauer, rieten die chilenischen Veranstalter, sollten im benachbarten Argentinien nächtigen.
Experten warnten vor weiteren Mängeln. Erstmals sollten die nach den Olympischen Spielen wichtigsten Ski-Wettkämpfe im August - dem chilenischen Wintermonat - stattfinden, zu einer Zeit in der sich die alpine Ski-Elite gewöhnlich von den Strapazen der Wintersaison erholt.
Portillos Pisten liegen zudem ungewöhnlich hoch: zwischen 2500 und 3500 Meter. Ohne gründliche Akklimatisierung erzielen Rennläufer in der dünneren Höhenluft nicht ihre normale Leistung - die meisten klassischen Ski-Pisten in den Alpen befinden sich in Höhenlagen von nur 1500 bis 2500 Meter.
Die größte Gefahr in Portillo kennzeichnete der Schweizer "Sport" schon 1963: "Der oberste Teil der Herrenabfahrt, der Damenabfahrt und der beiden Riesenslaloms liegen im Bereich zünftiger Lawinenzüge."
Um alle Bedenken zu zerstreuen, luden die Chilenen für den vergangenen August zu einer Weltmeisterschafts-Generalprobe nach Portillo ein. Doch die Österreicher, Italiener und Amerikaner, die zuerst dort eingetroffen waren, konnten nicht trainieren: Es schneite zu stark. "Wenn es hier schneit", orakelte der frühere österreichische Weltmeister und Leiter der Ski-Schule Portillo, Othmar Schneider, "wird man oft tagelang abgeschnitten. Wir mußten schon verschiedentlich zu den letzten Konserven greifen." Dann lösten sich Lawinen. Sie töteten fünf Ski-Touristen und zerstörten den Ski-Lift zu den Pisten. Drei bis vier Meter hohe Schnee- und Geröllmassen verschütteten an 24 Stellen die schmalspurige Andenbahn, die Portillo mit der Zivilisation verbindet. Ein Journalist starb in Portillos gefährlicher Höhenluft an einer Lungenentzündung, weil er nicht rechtzeitig zu Tal befördert werden konnte.
Die eingeschlossenen Ski-Stars spielten im Hotel-Foyer Fußball, lasen sich durch die dürftige Hotel-Bibliothek-und trieben Gymnastik, indem sie sich mit einem Salto mortale vom Hotelgebäude in den Schnee stürzten. Schließlich schlugen sie sich in einem Zwölf-Stunden-Marsch, das Gepäck auf dem Rücken, durch die Lawinenlandschaft nach Rio Blanco durch. Von dort aus verkehrte die Andenbahn wieder. Aus Portillo hätten die Skiläufer erst vier Wochen später, im September, per Eisenbahn zurückbefördert werden können.
In Rio Blanco waren die anderen Mannschaften, darunter die Deutschen und Franzosen, auf dem Wege nach Portillo steckengeblieben. Die Deutschen hatten allein 35 000 Mark für die mißglückte Chile-Expedition aufgebracht. Da keine Wetterbesserung zu erwarten war, sondern weitere Lawinen-Katastrophen ganz Chile in einen nationalen Notstand- stürzten, wurde die Vor-Weltmeisterschaft abgesagt. Die meisten Mannschaften reisten ab.
Das chilenische Organisationskomitee gab dennoch nicht auf. Es will die Weltmeisterschaften 1966 notfalls kurzfristig nach Farellones (50 Kilometer von Santiago) verlegen. Doch die Katastrophen-Berichte aus Portillo (Österreichs Trainer Stiegler: "Es war ein Schock") schreckten die Funktionäre des Internationalen Ski-Verbands auf. Am vergangenen Wochenende berieten sie erneut über das riskante chilenische Abenteuer. Zu einer Verlegung der Weltmeisterschaften war freilich eine Zweidrittelmehrheit erforderlich.
Skiweltmeisterschafts-Quartier "Grand-Hotel Portillo": Fußball im Foyer

DER SPIEGEL 40/1965
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