29.09.1965

ENGLAND / PRYTZ-TELEGRAMMAugenblick der Schwäche

Über das Grab Winston Churchills auf dem Dorffriedhof von Bladon ratterten im Tiefflug Propeller-Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg - Jagdflugzeuge der Royal Air Force vom Typ "Spitfire" und "Hurricane".
In der Kathedrale von Westminster fanden sich Königin Elizabeth und Prinz Philip ein, versammelten sich Regierung und Opposition Ihrer Majestät, Weltkrieg-II-Piloten, die Witwe Churchills und Sohn Randolph. Die Briten feierten am vorletzten Sonntag den 25. Jahrestag der Luftschlacht um England.
Das Vierteljahrhundert-Jubiläum einer Zeit britischer Stärke wurde jedoch durch Reminiszenzen an einen Augenblick britischer Schwäche getrübt: Die Engländer mußten sich mit einem diplomatischen Dokument auseinandersetzen, das diesen Schwächeanfall enthüllt - das sogenannte Prytz-Telegramm.
Björn Prytz war 1940 Gesandter Schwedens in London. Er vertrat ein Land, das damals unter schwerstem Druck Hitler-Deutschlands stand: Die Reichsregierung forderte von den neutralen Schweden die Erlaubnis für Truppentransporte nach Nordnorwegen. Stockholm weigerte sich.
Da brachen in ganz Europa die Anti -Hitler-Fronten zusammen. Binnen zwei Monaten überrannte die Wehrmacht Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien und Luxemburg. Das geschlagene Frankreich bat um Waffenstillstand. In dieser Situation begab sich Gesandter Prytz - so schilderte es der heute 78jährige Ex-Diplomat im schwedischen Rundfunk - nach Whitehall, um zu erkunden, was England nun tun würde.
Der Gesandte wurde im Foreign Office von dem jungen Staatssekretär Richard Austen Butler empfangen. Und Butler vermittelte Prytz genau jenen Eindruck, den damals fast alle ausländischen Diplomaten in London hatten: England werde Hitler um Frieden bitten.
Der Krieg, so eröffnete Butler dem Schweden, müsse nicht bis zum bitteren Ende ausgekämpft werden. London würde sich "für einen Kompromiß-Frieden interessieren, falls er für England vernünftige Bedingungen enthält".
"Diehards" - also Fanatiker - dürften einer vernünftigen Lösung nicht im Wege stehen, fügte Butler hinzu. Der Staatssekretär zielte dabei auf seinen Premier Winston Churchill, der am gleichen Tage im Rundfunk Albions unerschütterlichen Durchhalte-Willen bekundet hatte.
Die Unterhaltung zwischen Butler und Prytz wurde unterbrochen, als der Staatssekretär dringend zu Außenminister Lord Halifax gerufen wurde. Minuten später erschien der Brite wieder. Er brachte eine Botschaft seines Ministers mit: Gesunder Menschenverstand und nicht Großsprecherei würde Englands Haltung bestimmen.
Das kabelte Prytz nach Stockholm. In der Kabinettssitzung am nächsten Vormittag beschlossen die nordischen Neutralen, sich den deutschen Forderungen zu beugen.
Dann brachte Kriegs-Premier Churchill seine Zauderer auf Vordermann. Der Friedensengel Butler wurde ins Erziehungsministerium abgeschoben. Das nachgiebige Schweden wurde herb gerügt.
1945 wollte die schwedische Regierung ein mit Vorwürfen gespicktes norwegisches Weißbuch mit der Veröffentlichung des Prytz-Telegramms beantworten. London gab jedoch zu verstehen, daß man dies als unfreundlichen Akt auffassen würde.
Der Generalsekretär im schwedischen Außenministerium, Erik Boheman, wollte das Telegramm in seinen 1964 erschienenen Memoiren bringen. Er verzichtete aber darauf, da damals der Staatssekretär von einst - Butler - gerade britischer Außenminister war.
Anfang dieses Jahres zog sich der in seiner politischen Karriere glücklose Butler aus der aktiven Politik zurück. Björn Prytz entschied nun, es sei an der Zeit, die historische Wahrheit zu enthüllen.
Die Briten begannen über die Enthüllung ihres schwachen Moments zu zanken. Der konservative Ex-Minister und Butler-Freund Quintin Hogg attackierte die Nordländer: Sie hätten damals um jeden Preis das Schicksal ihrer Nachbarn von sich abwenden wollen. "Der Versuch, die Verantwortung dafür jetzt Rab Butler und Lord Halifax zuzuschieben, steht ihnen in keiner Weise gut an."
Butler-Feind Randolph Churchill schrieb, das Gespräch vom 17. Juni 1940 sei "fraglos einer der Gründe, derentwegen Butler es nie zum Führer der Konservativen oder zum Premier gebracht hat und - mit erst 62 Jahren die Politik aufgab".
Gesandter Prytz (1940)
Wollte England ...
Prytz-Gesprächspartner Butler
... Hitler um Frieden bitten ?

DER SPIEGEL 40/1965
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