29.09.1965

ELISABETH MANNRingelwurm etwa

Als sie "noch ganz klein war",
schreibt die Autorin, sei ihrer Seele
"eine Wunde geschlagen" worden:
Die dreijährige Elisabeth und ihr zweijähriger Bruder Michael - Kinder des Thomas Mann, beide nach Pagen -Art frisiert, in Russenblusen und kurze Hosen gekleidet - wurden von Mutter Katja Gästen präsentiert, die erraten sollten, wer der Junge, wer das Mädchen sei. "Das ist der Junge", sagte eine Dame, "er sieht ernster aus." Das Mädchen war gekränkt: "Warum mußten Jungen ernster aussehen ... ernster genommen werden als Mädchen?"
Elisabeth, "Mädi" genannt, blickte fortan Besuchern finster wie ein Raubmörder entgegen. Aufgewachsen, behandelte die 1918 geborene dritte Tochter des "Buddenbrooks"-Autors die Seelenwunde noch auf andere Art: Sie schrieb einen Band Kurzgeschichten von entschlossener Unheimlichkeit sowie ein Buch über den "Aufstieg der Frau" und den "Abstieg des Mannes". Beide Werke erschienen zuerst in Amerika; seit kurzem zeugen sie auch in Deutschland für den Ehrgeiz der Autorin, ernst genommen zu werden*.
Leicht macht sie das dem Leser nicht. Ihre Kurzgeschichten von dirigierenden Affen, eingefrorenen Professoren und überwirklichen Schicksalsschlägen ("An allen, die Martha heißen, ist etwas von Verdammnis"), ihre Theorien zur Frauenfrage und zum Männerproblem offenbaren zwar lebhafte Phantasie und Sinn für aparte Spekulationen. Aber an Stilvermögen bleibt Elisabeth Mann auch hinter ihren älteren schreibenden Geschwistern Erika, Klaus, Golo und Monika zurück.
Die jüngste Mann-Tochter hatte ihren Vater einst zu einem lyrischen "Gesang vom Kindchen" (1922) angestiftet. Als Zwanzigjährige heiratete sie 1939 im US-Exil einen italienischen Gelehrten, Giuseppe Antonio Borgese. Professor Borgese war damals 57. Schwiegervater Thomas Mann: "Ein geistreicher ... und sehr wohlerhaltener Mann." Der Professor starb 1952.
Heute lebt die Professoren-Witwe hauptsächlich in Italien. Sie ist Mitarbeiterin der "Encyclopaedia Britannica". Und wie eine Enzyklopädie läse sich auch ihr Werk vom "Aufstieg der Frau" (218 Literaturhinweise), hätte nicht offenbar der Ringelwurm ihr schöpferische Gedanken eingegeben. "Der Ringelwurm etwa", so berichtet sie, "verbringt Kindheit und Jugend als Männchen. Auf der Höhe seiner Reife wird er plötzlich zum Weibchen."
Als eine Art Ringelwurmfortsatz entwirft die Autorin dann am Ende ihres Buches ihr eigenes Utopia: eine vom Fortschritt geprägte Weltrepublik, in der die Schwangerschaft abgeschafft, die künstliche Fortpflanzung allgemeiner Brauch ist.
Mit zwei Jahren, so schildert Elisabeth Mann Borgese diese schöne neue Welt, verlassen die Kunstkinder - sie sind weder Jungen noch Mädchen - die zuständigen Institute und werden von Familiengruppen übernommen. In Alter, von 18 bis 20 Jahren werden die Kinder Frauen. Sie leisten einen vierjährigen Arbeitsdienst und können dann als Erzieher, Manager, Wissenschaftler oder Ärzte weiterkommen. Sie adoptieren neue Synthese-Kinder und wählen ihre Männer. Diese sind allesamt über 45, denn vorher waren sie selber Frauen - die altersübliche Geschlechtsumwandlung geht mühe- und schmerzlos vonstatten.
Ist ein Frauenleben ausgeschöpft, sind die angenommenen Kinder aus dem Haus und ist der Mann gestorben oder - was die Zukunftsautorin für wahrscheinlicher hält - im Kosmos verschollen, so kann die bisherige Frau nun ihrerseits als Mann eine junge Frau an sich ziehen, die ihrerseits wiederum frische Kunstkinder adoptiert.
Sicher ist zumindest, daß diesen Retortensprößlingen ohne Geschlecht nicht widerfahren kann, was Thomas Manns "Kindchen" Mädi einst im Elternhaus kränkte.
* Elisabeth Mann Borgese: "Zwei Stunden. Geschichten am Rande der Zeit". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 212 Seiten; 18,80 Mark. - "Aufstieg der Frau - Abstieg des Mannes?" Paul List Verlag, München; 280 Seiten; 23,80 Mark.
Elisabeth Mann, Eltern (1931)
"An allen, die Martha heißen ...
Schriftstellerin Elisabeth Mann
... ist etwas von Verdammnis"

DER SPIEGEL 40/1965
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ELISABETH MANN:
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