13.10.1965

HIMMLER-KREISTreue im Chor

Nachmittags schritten die Generaldirektoren und Bankiers durch den Sachsenhain bei Verden an der Aller und dachten an Karl den Großen. Abends stiegen sie zum Quedlinburger Dom hinauf und ehrten König Heinrich in seinem Grab.
Ein anderer Heinrich war immer dabei: Mit einer Thing-Tour wollte der Reichsführer SS Heinrich Himmler einer großdeutschen Auswahl von Wirtschaftsbossen und Geldmännern germanisches Urerbe und SS-Zeitgeist nahebringen.
Doch verbrachten der Reichs- und die Wirtschaftsführer nicht nur mythische Stunden miteinander: Jeden zweiten Mittwoch dinierten sie im Berliner "Haus der Flieger"; bei Reichsparteitagen versammelte die geschlossene Gesellschaft sich im Nürnberger "Grand -Hotel". Einmal wurde auch die Besichtigung eines Konzentrationslagers in das Klubleben einbezogen.
Über die Intimsphäre dieses exklusiven Herrenvereins, des "Freundeskreises Reichsführer SS", haben sich jetzt gleich drei Autoren verbreitet:
- Der Journalist Bernt Engelmann, 44, fügte in einem "Deutschland Report" ein Kapitel über die Himmler-Freunde ein, das eigentlich für das "Panorama" des Deutschen Fernsehens bestimmt war, aber nicht gesendet wurde.
- Der Heidelberger Doktorand Michael H. Kater, 28, fertigte, von Engelmann inspiriert, ein wissenschaftliches Gutachten an, das bisher nicht veröffentlicht wurde.
- Der Hamburger Staatsrat Dr. h. c. Emil Helfferich, 87, gab im vierten Band seines selbstverlegten Memoirenwerks eigene Himmler-Reminiszenzen preis.
Helfferich - Bruder eines Wilhelminischen Staatssekretärs und Vizekanzlers - gehörte einst zu den ersten Kollaborateuren der deutschen Wirtschafts-Aristokratie, die sich den neuen Herren im Braunhemd zur Verfügung stellten.
Schon im April 1932 hatte Hitler dem Ingenieur und Parteigenossen Wilhelm Keppler im Berliner NS-Hauptquartier "Kaiserhof" Order erteilt, unverzüglich Experten anzuwerben, die den NS-Führern wirtschaftlichen Nachhilfe-Unterricht geben sollten, "wenn wir an die Macht kommen".
Keppler - Nachfahre des gleichnamigen Astronomen, der in Wallensteins Lager stand - ließ sich von seinem Firmenkollegen Fritz Kranefuß, Vorstandsmitglied der Braunkohle-Benzin AG (Brabag) assistieren und präsentierte seinem Führer bald darauf ein Hilfskorps von zunächst zwölf Wirtschaftsköpfen.
Dazu gehörten von den Vereinigten Stahlwerken der ehemalige U-Boot -Kommandant Otto Steinbrinck sowie Hjalmar Schacht und Albert Vögler, vom Kölner Bankhaus J. H. Stein der Mitinhaber Kurt Freiherr von Schröder, von den Siemens-Schuckert-Werken der Generaldirektor Rudolf Bingel, von der Ilseder Hütte Ewald Hecker, von der Commerz- und Privatbank Friedrich Reinhart, von der Dresdner Bank das Vorstandsmitglied Professor Dr. Dr. Emil Meyer, von der Wintershall AG August Rosterg, vom Kali-Syndikat Dr. Heinrich Schmidt, Gottfried Graf von Bismarck-Schönhausen und der heutige Buchautor Helfferich, der damals als Aufsichtsratsvorsitzender der Hapag und der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft fungierte und später im Krieg die Esso-Interessen in Deutschland verwaltete.
Hitler nutzte nach seiner Machtergreifung im Januar 1933 allerdings die Dienstwilligkeit des Managerteams nicht und begnügte sich damit, den Anwerber Keppler am 13. Juli 1933 zum "Beauftragten des Führers für Wirtschaftsfragen" zu ernennen. Vom Führer sich selbst überlassen, marschierte Keppler mit seinem hochmögenden Hilfskorps vor Himmler auf, der sich der Berater dankbar annahm.
Wie Memoiren-Schreiber Helfferich berichtet, erwies sich Himmlers Schirmherrschaft bald als "starker Magnet": Dutzendweise traten nun Wirtschaftskapitäne und auch hohe SS-Führer - darunter der spätere KZ-Verwalter Oswald Pohl und der spätere Einsatzgruppenchef Otto Ohlendorf - der Honoratioren-Liga bei, die sich fortan "Freundeskreis Reichsführer SS" nannte.
Unter den Tischgästen im Berliner "Haus der Flieger" saßen jeden zweiten Mittwoch nun auch Karl Blessing, bis 1941 bei der Margarine-Union, Heinrich Bütefisch von der IG Farben, Friedrich Flick, Dr. Ritter von Halt von der Deutschen Bank. Otto Heuer (Portland-Zement) und Richard Kaselowsky aus Dr. August Oetkers Nährmittelfabrik.
Bald mußten im "Haus der Flieger" Tische angebaut werden, an denen der Hamburger Bürgermeister Krogmann und Karl Lindemann vom Norddeutschen Lloyd Platz nahmen. Daneben setzten sich Dr. Olscher (Vereinigte Industrie-Unternehmungen AG), Dr. Rasche (Dresdner Bank), der Rheinmetall-Borsig-Mann Roehnert und der Bosch-Beauftragte Hans Walz aus Stuttgart.
Alle waren "politisch zuverlässige und loyale Leute", wie der SS-Obergruppenführer Pohl im Nürnberger Prozeß nach dem Krieg protokollieren ließ, und nicht wenige avancierten ehrenhalber zu Führern der SA und SS.
"Unerquickliche Erörterungen" gab es, wie Himmler-Kreis-Manager Kranefuß dem Reichsführer brieflich klagte, nur mit Direktor Walz und Reichsminister a.D. Dr. Kurt Schmitt von der Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft.
Von 1937 an überwiesen die Himmler -Männer jährlich rund eine Million Mark auf das Sonderkonto "S" der Kölner Bank ihres Kreis-Mitglieds von Schröder. Der Bankier leitete das Geld auf das Himmler-Konto 30-6640/41 bei der Dresdner Bank in der Berliner Behrenstraße weiter. Dort führte das Kreis -Mitglied Dr. Meyer die Geschäfte. Die Firmen Siemens-Schuckert, IG Farben, Dr. Friedrich Flick, die Wintershall AG, die Vereinigten Stahlwerke und Brabag wurden veranlaßt, Jahresprämien von je 100 000 Reichsmark zu spendieren. Die Deutsche Bank führte 75 000 Mark ab, die Dresdner Bank sowie die Commerz- und Privatbank je 50 000 Mark. Der damals schon betagte Helfferich machte 10 000 Mark für das Gemeinschaftswerk locker.
Die Himmler-Freunde versprachen sich von ihrer Fürsorge den Schutz des schwarzen Potentaten gegen braune Übergriffe. Wie SS-Pohl in Nürnberg bekannte, spekulierten sie darauf, "durch die Polizei und die Partei irgendwie respektiert" zu werden.
Präziser charakterisierte der Himmler -Freund Lindemann seine Klubkollegen. Vor alliierten Richtern stufte der ehemalige Aufsichtsratschef des Norddeutschen Lloyd seinen ehemaligen Tischgenossen Baron von Schröder beispielsweise als einen Nazi ein, "der sich stark ... exponiert" habe. Hamburgs Bürgermeister, so erinnerte sich Lindemann, sei ein "Ultra-Nazi" gewesen.
Den Bank-Professor Meyer klassifizierte Lindemann als Produkt des Nationalsozialismus, das nur durch den Himmler-Kreis zu Ansehen gekommen sei, und auch Ritter von Halt habe den SS-Klub zu nichts anderem benutzt, als sein Fortkommen bei der Deutschen Bank zu fördern.
Doch Lindemann schonte auch sich selber nicht: Er gestand vor den Nürnberger Richtern, "daß auch Schlappheit und Ehrgeiz dabei waren, die mich veranlaßten, dem Freundeskreis treu zu bleiben".
Solche Treue lohnte Schirmherr Himmler nicht allein mit Posten und Titeln, sondern auch mit Freizeitvertreib. Die Herren durften sich Vorträge über den Sicherheitsdienst, über Tibet, die Freimaurer und die Eroberung Englands durch die Normannen anhören. Im Sommer führte er sie geschlossen zu den Reichsparteitagen. Schließlich brachte er sie ins KZ: In Dachau philosophierte er 1936 vor den Getreuen über das Thema. "Warum Konzentrationslager?" Die Geldmänner waren unterschiedlich beeindruckt. Memoirenschreiber Helfferich fand die "Gebäude sauber und hell", sah aber "im Lager kein fröhliches Gesicht".
Fröhliche Gesichter fand Helfferich indessen im folgenden Jahr bei einem Besuch der Münchner SS-Stürme: "Prächtige, junge Männer." Und bei der Vereidigung zur Mitternacht vor der Feldherrnhalle, als die "Tausende bei Fackelschein im Chor den Treueschwur sagten", mußte er sogar mit den Tränen kämpfen. Helfferich, noch in der Erinnerung gerührt: "Wie ein Gebet."
Nachdem Himmler seinem Wirtschaftsgefolge auch in Verden und im Quedlinburger Dom dazu verholfen hatte, daß - so Helfferich - "wir den Geist seiner SS kennenlernten", brach der Krieg aus, der dem Reichsführer nur noch selten Gelegenheit gab, in seinen Freundeskreis zurückzukehren.
Kurz vor der Kriegsweihnacht 1943, am 12. Dezember, als die deutschen Heere in Rußland schon längst auf dem Rückzug waren, entsann sich Himmler jedoch noch einmal seiner Manager -Gilde, lud sie in seinen Sonderzug "Heinrich" ein und ließ sie zu seiner Feldkommandostelle im ostpreußischen Hochwald fahren. Aber die Stimmung war, wie Helfferich überliefert, "trotz der Weißwürste, die uns in der damaligen Zeit gut mundeten ... matt".
Auch Himmler fiel nichts mehr ein. Er begnügte sich damit, seinen Gästen die Unterschiede zwischen erbeuteten Westarbeitern und erbeuteten Ostarbeitern zu erläutern, und ließ schließlich von "jungen, schmalen Soldaten" ein paar Lieder singen. Helfferich: "Alles war ernst. Keine Weihnachtsstimmung."
Nach dem Abschied von Himmler entdeckten die Manager auf ihren Bettlaken im Sonderzug "hübsch ausgestattete Druckschriften zur Wintersonnenwende und Weihnacht" (Helfferich).
Das letzte, was Helfferich von Himmler sah, war ein Jahr darauf ein Pfund Bohnenkaffee, das ein SS-Mann mit besten Julgrüßen vom Reichsführer im Helfferich-Heim, Hamburg, Elbchaussee 159a, abgab.
Nicht alle Himmler-Freunde erreichte das Kaffeepaket, nicht alle konnten auch nach dem Ende der Himmler- und Hitlerzeit sich an die Niederschrift ihrer Erinnerungen machen: Die SS-Freunde Pohl und Ohlendorf wurden von den alliierten Siegern zum Tode verurteilt und hingerichtet, Oetker-Manager Kaselowski kam im Bombenhagel um, Brabag-Brigadeführer Kranefuß und Standartenführer Meyer von der Dresdner Bank nahmen sich das Leben, als die Russen nahten. Generaldirektor Bingel von Siemens-Schuckert verschied in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.
Eines natürlichen Todes starben die Freundeskreis-Mitglieder Keppler, Hekker, Heuer, Lindemann, Graf von Bismarck-Schönhausen, Rosterg und Kurt Schmitt.
Nur wenige blieben übrig: Friedrich Flick, der mit untadeligem Ruf das NS -Reich überdauerte, baute ein neues Industrie-Imperium auf und wurde 1963 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband geehrt. Himmler-Helfer Helfferich zog sich von seinen 21 Ämtern zurück und beschränkte sich auf die Leitung eines familiären Textilbetriebs, Himmler-Kassierer von Schröder privatisiert seit 1945.
Freundeskreis-Mitglied Hans Walz ließ sich wieder in Stuttgart nieder und ging - 1953 von Theodor Heuss mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet - vor einigen Jahren in Pension.
Auch Dr. Ritter von Halt kam wieder zu Amt und Würden und wurde noch einmal Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Ihn zeichnete der Bundespräsident 1956 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern aus, und das Nationale Olympische Komitee berief den Kämpen zum Ehrenpräsidenten. 1964 starb der Ritter.
Himmler-Freund Dr. Heinrich Bütefisch, einst SS-Obersturmbannführer und Mitbegründer des Leuna-Zweigwerks bei Auschwitz, das sich KZ-Häftlinge als billige Arbeitskräfte zuteilen ließ, blieb der Chemie treu und wurde stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Ruhrchemie Oberhausen. Sein Großes Verdienstkreuz verlangte der Bundespräsident zurück, als ein Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozeß auf die NS-Verdienste Bütefischs aufmerksam machte.
Himmler-Freund Blessing - mit dem Großkreuz des Bundesverdienstordens ausgezeichnet - dirigiert als Präsident der Bundesbank die DM-Währung.
Himmler, Freundeskreis im SS-Feldkommando (1943)*: Weißwurst vom Reichsführer
Himmler-Freundeskreis-Mitglieder Halt, Blessing mit Bundesverdienstkreuz**: Orden von der Republik
Himmler, Freundeskreis im KZ Dachau (1936)*: "Warum Konzentrationslager?"
* 1. Reichsführer SS Heinrich Himmler; 2. SS-Obergruppenführer Karl Wolff; 3. Dr. Heinrich Bütefisch (IG Farben); 4. Dr. Karl Ritter von Halt (Deutsche Bank); 5. Fritz Kranefuß (Brabag); 6. Karl Lindemann (Norddeutscher Lloyd); 7. Regierungspräsident Gottfried Graf von Bismarck-Schönhausen; 8. Karl Blessing (kriegsdienst-verpflichtet); 9. Emil Helfferich (Hapag); 10. Kurt Freiherr von Schröder (Bankhaus J. H. Stein).
** Bei der Ordensübergabe durch den ehemaligen bayrischen Ministerpräsidenten Hoegner (ganz links) und Bundeskanzler Erhard.
* 1. Lindemann, 2. Himmler, 3. Helfferich, 4. Flick, 5. Rosterg, 6. Schmidt, 7. Schmitt, 8. Keppler.

DER SPIEGEL 42/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 42/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HIMMLER-KREIS:
Treue im Chor

Video 00:55

Daytona 500 Massenkarambolage bei US-Rennen

  • Video "Auf Grund gelaufen: Havarie inmitten der Donau" Video 01:08
    Auf Grund gelaufen: Havarie inmitten der Donau
  • Video "Hirnforschungs-Selbstversuch: Gefangen im Labyrinth" Video 04:40
    Hirnforschungs-Selbstversuch: Gefangen im Labyrinth
  • Video "Gehörnter Beutelfrosch: Forscher entdecken totgesagte Art" Video 01:53
    Gehörnter Beutelfrosch: Forscher entdecken totgesagte Art
  • Video "Im Klötzchen-Universum: Die irren Maschinen des Lego-Meisters" Video 02:49
    Im Klötzchen-Universum: Die irren Maschinen des Lego-Meisters
  • Video "Bayern-Gegner Liverpool: Die Meisterschaft ist der heilige Gral" Video 04:05
    Bayern-Gegner Liverpool: "Die Meisterschaft ist der heilige Gral"
  • Video "Plastikmüll: Taucherin rettet Fisch aus Tüte" Video 01:09
    Plastikmüll: Taucherin rettet Fisch aus Tüte
  • Video "Russland: Schwarzer Schnee in Kohleregion" Video 01:41
    Russland: Schwarzer Schnee in Kohleregion
  • Video "Regisseur erklärt Szene: Alita - Battle Angel" Video 04:44
    Regisseur erklärt Szene: "Alita - Battle Angel"
  • Video "Videoreportage aus der Lausitz: Was kommt nach der Kohle?" Video 02:49
    Videoreportage aus der Lausitz: Was kommt nach der Kohle?
  • Video "Weltraumschrott: Harpune soll Müll im All aufspießen" Video 02:17
    Weltraumschrott: Harpune soll Müll im All aufspießen
  • Video "Wagemutige Piloten: Heftige Stürze beim Cresta-Rennen" Video 00:59
    Wagemutige Piloten: Heftige Stürze beim Cresta-Rennen
  • Video "Verschollenes U-Boot in der Ostsee: Das Rätsel von U 745" Video 45:00
    Verschollenes U-Boot in der Ostsee: Das Rätsel von U 745
  • Video "Münchner Sicherheitskonferenz: Fünf Sekunden Schweigen gegen Trump" Video 02:07
    Münchner Sicherheitskonferenz: Fünf Sekunden Schweigen gegen Trump
  • Video "Florida: Häftling befreit Kleinkind aus Auto" Video 02:03
    Florida: Häftling befreit Kleinkind aus Auto
  • Video "Stillgelegtes Kraftwerk im Ruhrgebiet: Spektakuläre Sprengung in zwei Akten" Video 02:47
    Stillgelegtes Kraftwerk im Ruhrgebiet: Spektakuläre Sprengung in zwei Akten
  • Video "Daytona 500: Massenkarambolage bei US-Rennen" Video 00:55
    Daytona 500: Massenkarambolage bei US-Rennen