06.10.1965

ERSTE PERSON EINZAHL

Diese französische Schriftstellerin,
jünger als manche "junge Autoren", zählt heute 58 Jahre. Sie begann zu schreiben, als sie längst über dreißig war, und bemerkt wurden ihre Erzählungen erst nach 1945. Camus und Jouhandeau, Sartre und Genet traten damals für sie ein, vergebens, wenn man Erfolg an Auflagenzahlen mißt. Erst dieses Buch, das als ihr erstes nun Deutschland erreicht, ausgerüstet mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir, hat auch in Frankreich ihren Ruhm in die Breite getragen, in über zweihunderttausend Exemplaren.
Und doch ist "Die Bastardin" aus dem gleichen Stoff gearbeitet wie alles, was die Leduc bisher geschrieben hat: sie ist autobiographisch. Nur zehrt dieser neue Bericht nicht bloß von Episoden ihres Lebenslaufs, sondern bewegt sich vom Jahr 1907, ihrer Geburt in Arras, bis zum Jahr 1944, dem Einmarsch der alliierten Truppen in Paris.
Entstanden ist da eine Autobiographie ohne eingestrickten roten Faden, ohne den handelsüblichen Versuch, gediegenen Sinn, schöne Gesetzmäßigkeit nachträglich in das absolvierte Leben einzuschmuggeln, eine Autobiographie also gegen "Dichtung und Wahrheit" oder den "Grünen Heinrich", aber auch gegen Sartres "Wörter". Dabei ist, was die Leduc erzählt, nicht eben unerhört durch sich selbst. Ein bißchen Interpretation und Überhöhung von oben und hinten her, aus der Rückschau, wäre diesem Rohstoff bequem zu Hilfe gekommen. Sie hat, penetrant ehrlich, darauf verzichtet.
Geboren wurde sie als Kind ohne Vater, unehelich, aufgezogen von der Großmutter eher als von der Mutter, durch diese aber gedrillt in einem Mißtrauen gegen die männliche Hälfte der Welt. Folgerichtig durchläuft sie in ihrer Jugend zwei emphatische Episoden: erst ein erotisches Verhältnis mit einer Mitschülerin, dann mit einer Lehrerin. Das zweite zieht sich verkümmernd in einer Ersatzehe hin. Der Alltag, Paris, die grauen Geschäfte des Geldverdienens reiben die groß geträumte Verbindung auf. Es folgt, noch grotesker, die bürgerlich eingesegnete Ehe mit einem trotzdem unerreichbaren Photographen, dann die "abstrakte" Passion für einen homosexuellen Literaten.
Aus dem Hintergrund scheint, glanzvoll aus der Ferne gesehen, Pariser Haute Couture und Kunst-Boheme durch, wovon Kostproben immer wieder für die Uneheliche aus der Provinz abfallen. Schließlich setzt der Krieg ein, erst in Paris, dann auf dem Lande erlebt. Die Befreiung trifft die Leduc als eine neue Courage, als die aufgeblühte Ausbeuterin der nationalen Not, die erst mit einigen Handvoll Eiern und Butter, später mit ganzen Schweinen das befreundete Paris beliefert.
Das ist alles: Davon erzählt hier eine unermüdlich entsetzte, eine *noch im Entsetzen heitere Stimme. Man wird sie vermutlich' "vital" nennen, diese kleine zähe Monade, die wie blind und immer nur in ihre private Not verstrickt die Zeitläufte hinabtreibt, nur besessen von ihrem Willen, sich trotz ihrer Herkunft, ihrer Häßlichkeit, ihren falschen Glücksregungen am Leben zu erhalten, auch und gerade durch die Nacherzählung dieses Lebens. "Wir leiden", schreibt sie, "und dann helfen wir uns mit einem Vokabular." Genauer, knapper läßt sich das Tausch- und Täuschungsgeschäft der Autobiographie nicht beim Namen nennen.
Immerhin, sie betreibt dieses Geschäft nur mit kleinen Münzen. Nur vorübergehend erliegt sie der Versuchung, sich ganz und gar als "Bastardin", als die schon unglücklich geborene Tochter einer Mutter und einer Großmutter zu stilisieren. Eine solche Generalinterpretation wäre ein schöner großer Hut für ein ungereimtes Leben. Doch die Leduc biegt den bunten Schrott des Erlebten nicht zurecht zum Lehrstück. Sie zeigt sich am Ende nicht schlauer als zu Beginn. Ihr Leben, das ist für sie durchaus keine Karriere in Humanismus. Ungeordnet, jäh Satz neben Satz, sucht sie sich in Sprache zu dokumentieren, nicht mehr und nicht weniger.
Der Schwindel, der Glanz gelingt ihr also immer nur in kleinen. Portionen, doch sie weiß es. Aus ungewissen Erinnerungen treibt sie ihre nervösen, energischen Gefühls- und Sprachsensationen. "Mein Geographiebuch", sagt sie, "gefiel mir wegen des unendlich Winzigen auf seinen Landkarten." Gerade das Winzige, Nichtige nämlich erhitzt ihre Phantasie. Ein dürftig zugeschnittenes Leben, ganz in Atem gehalten von der Sorge um Geld, Geliebte, Kleider, wird in der Nacherzählung zur Odyssee. Die Erinnerung nährt das Erlebte. Es gedeiht überlebensgroß.
Sie ist die Zeitgenossin zweier Weltkriege, doch merkwürdig wenig Geschichtsgeschmack dringt in ihren Bericht ein. Das Wort "Feind", angewandt auf die deutschen Okkupanten, hält sie wie mit einer Pinzette weit von sich weg. Offenbar ist es ihr zu abstrakt. Sie glaubt nicht ganz daran. Diese Leduc ist zum Entsetzen ehrlich: Was sie nicht selbst verletzt, tut ihr nicht weh. Den Krieg fürchtet sie, durchaus realistisch, weil er sie die Lohntüte kosten wird. Doch der Frieden, die Befreiung, befreit sie dann von ihrem frisch wuchernden Schwarzhandel. Sie rechnet jeweils nur nach. Ihrer Blindheit für öffentliches Geschehen, politische Interessen fehlt jeder Anflug von Zynismus.
Ins Deutsche läßt sich solche Ehrlichkeit schlecht übertragen, und zwar kaum wegen sprachlicher, eher aus ideologischen Schwierigkeiten. Leicht wird hierzulande Moralismus verwechselt mit Glaubensbekenntnissen zu irgendwelchen Moralen. Doch die private Egozentrik der Leduc, die sich für nichts jenseits ihrer selbst begeistern kann, ihre Genauigkeit sich selbst gegenüber, das ist zugleich ihre Moral. Da wird dem Leben nicht, wie in den autobiographischen Berichten der Céline, Genet oder Henry Miller, irgendwelche "Weltanschauung" abgezapft, und sei's nur eine handliche Freund-Feind-Ideologie. Die Leduc will niemanden überreden, nichts verurteilen, sie versucht nur unverwechselbar dazusein in ihren kurzen, atemlosen, immer wieder hochfliegenden, aber aus eigener Kraft immer wieder zur Erde abstürzenden Sätzen.
Die Kehrseite dieser durchaus unverschämten Bescheidenheit ist Monotonie. Man liest nicht ohne Lähmung, nicht ohne Widerspruch dieses triumphierend wortreiche, durch und durch feminine Buch. In aller Unschuld und Koketterie ist es auch eine Werbeschrift, so gut wie jede Autobiographie, nur Intensiver. Nicht von irgendwelchen Parolen möchte uns die Leduc überzeugen, doch von sich selbst.
In diesem einen Sinn ist ihr Bericht tatsächlich ein Protest gegen seinen Titel. Sie will keine Bastardin sein, keine Misch- oder Fehlgeburt. Durch ihre Ehrlichkeit appelliert sie an unsere. Denn, wie es im Vorwort der Beauvoir heißt: "Niemand ist ungeheuerlich, wenn wir es alle sind."
Violette Leduc: "Die Bastardin"
R. Piper & Co.
Verlag
München
508 Seiten
26 Mark
Violette Leduc
Von Reinhard Baumgart

DER SPIEGEL 41/1965
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