20.10.1965

ENTSCHEIDENDE CHRISTENFröhliche Askese

Sie wollten Zeugnis ablegen Wider das
Böse. Sie sammelten Groschenhefte, Pin-up-Photos und allerlei Literatur, die geeignet war, sündige Gedanken zu wecken, und warfen am ersten Oktober -Sonntag alles ins Feuer.
Der Scheiterhaufen brannte am Düsseldorfer Rheinufer; drei Dutzend Passanten schauten zu. Etwa zwanzig Mitglieder des "Jugendbundes für Entschiedenes Christentum" (EC) standen im Kreis, sangen fromme Lieder zur Klampfe und beobachteten, wie die Flammen Bücher des Es-Pe-De-Fans Günter Graß ("Die Blechtrommel"), des düsteren Albert Camus ("Der Fall"), des NS-gebrannten Erich Kästner ("Herz auf Taille"), des Erotomanciers Vladimir Nabokov ("Lolita") und der Tristesse Francoise Sagan ("In einem Monat, in einem Jahr") verzehrten.
Die frommen Feuerwerker hatten an alles gedacht. Das Düsseldorfer Ordnungsamt hatte die Demonstration genehmigt; Photographen und Reporter waren verständigt.
Die Öffentlichkeit mokierte sich über die Brandstifter; Düsseldorfs Boulevard "Mittag": "Es geht schon wieder los" Die evangelische Kirche distanzierte sich; der Konvent der evangelischen Sozialsekretäre im Rheinland monierte: "Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man bald auch Menschen."
Der Bundespfarrer der entschiedenen
Jungchristen, Walter Lohrmann, 36, der erst Mitte des Jahres seine Pfarre im württembergischen Hengstfeld verließ, um sich hauptberuflich dem theologischen Drill von Jugendbund-Führern zu widmen, ist verbittert, weil er von seiner Kirche mehr brüderlichen Beistand erwartet hatte.
Zwar ist der ins Vereinsregister eingetragene EC organisatorisch von der Kirche unabhängig, doch sind fast alle seine Mitglieder auch Mitglieder der Landeskirche, und der Verein ist in den evangelischen Jugendkammern, den Spitzengremien der evangelischen Jugendverbände, vertreten.
Die aus der pietistischen Bewegung stammenden Bünde für entschiedenes Christentum sind über die ganze Welt
verbreitet*. Ende vorigen Jahrhunderts wurden die ersten deutschen Ableger gegründet; 1903 schlossen sie sich zum "Deutschen Verband der Jugendbünde für entschiedenes Christentum" zusammen, und bald darauf entsandten sie die ersten "Heidenboten" in die Südsee.
Rund 10 000 Mitglieder - Jahresbeitrag: zwölf Mark und "freie Opfer"
- bekennen sich heute in Westdeutschland zu den "Entschiedenen Christen". Jedes "tätige Mitglied" ist per Gelübde
zu einem "offenen Bekenntnis zu Jesus
Christus" und zu "fröhlicher Askese" verpflichtet.
Konsequent befolgten die erweckten Düsseldorfer Gottesstreiter denn auch das Bibelwort: "Viele aber, die da vorwitzige Kunst getrieben hatten, brachten die Bücher zusammen und verbrannten sie öffentlich" (Apostelgeschichte Kapitel 19, Vers 19).
So zogen, angeführt von den Diakonissen-Schwestern Brigitte und Christa, 16- bis 25jährige Jungchristen an den Rhein und verbrannten, was "ihre Phantasie zu vergiften" drohte (Lohrmann).
Vier Tage nach dem Graß-Brand zertrümmerte ein Ziegelstein den Schaukasten der Jugendgruppe vor ihrem Heim in Düsseldorfs Prinz-Georg -Straße. EC-Bundespfarrer Walter Lohrmann: "Wir sind sehr betrübt."
Pfarrer Lohrmann und Schwester Brigitte haben sich inzwischen eine Taschenbuch-Ausgabe der "Blechtrommel gekauft. Sie wollen kennenlernen, was ihre Schützlinge am Rhein verbrannten.
Bücherverbrennung in Düsseldorf: Fromme Lieder zur Klampfe
EC-Bundespfarrer Lohrmann
Griff nach der Blechtrommel

DER SPIEGEL 43/1965
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