10.11.1965

„MAN MUSS MUT BEWEISEN“

Der West-Berliner. Raimund le Viseur, 28, ersuchte den Berliner Bischof D. Otto Dibelius, 85, um eine Stellungnahme zu der Bücherverbrennung des Düsseldorfer "Jugendbundes für Entschiedenes Christentum" (SPIEGEL 43/1965) im vergangenen Monat. Die Antwort des Bischofs und ehemaligen, Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) veranlaßte le Viseur, seinen - zuvor angedrohten - Kirchenaustritt zu erklären. Dibelius schrieb:
Mein sehr geehrter Herr le Viseur!
Bei meiner Rückkehr aus dein Urlaub fand ich Ihre Briefe vom 7. und 15. Oktober vor. Ich habe geschwankt, ob ich Ihnen antworten solle. Und das aus zwei Gründen: Erstens werde ich zu diesem Düsseldorfer Vorfall in nächster Zeit öffentlich etwas sagen müssen, wodurch sich vielleicht eine persönliche Antwort auf viele Zuschriften erübrigt, und zweitens deshalb, weil ich auf Briefe, die mit dem Austritt aus der Kirche drohen, nicht zu antworten pflege. Die Evangelische Kirche nimmt von Pressionen grundsätzlich nicht Notiz.
Aber ich habe mich nun doch entschlossen, Ihnen wenigstens ein kurzes Wort zu schreiben. Der Vorfall in Düsseldorf ist meines Erachtens maßlos überschätzt worden. Diese kleine Jugendgruppe für Entschiedenes Christentum bildet in unserer evangelischen Jugendbewegung nur einen ganz kleinen Teil. Daß die jungen Leute, als sie das 19. Kapitel der Apostelgeschichte lasen, das Gefühl gehabt haben: So etwas müßte man auch jetzt wieder tun. Man muß den Mut beweisen, sich auch äußerlich frei zu machen, von allem, woran man innerlich Schaden nimmt - dafür wird jeder rechtschaffene Christenmensch Verständnis haben.
Und dann sind sie als ordnungsliebende Deutsche ganz korrekt den Weg gegangen: Zuerst zur Stadtverwaltung: Dürfen wir das, und wo dürfen wir es? Der betreffende Beamte hat ihnen dann nicht gesagt: Vor 30 Jahren,als ihr noch nicht geboren waret, haben die Nazis auch Bücher verbrannt; die ältere Generation erinnert sich noch daran und wird es in die falsche Kehle bekommen, wenn so etwas Ähnliches von der anderen Seite wiederholt wird; laßt es lieber bleiben! - hätte er so gesagt, hätten diese Jungens und Mädels von ihrem Plan bestimmt Abstand genommen. Der Beamte hat sie aber an das Rheinufer verwiesen,
und dann haben diese Jugendlichen ihren Scheiterhaufen aufgerichtet - ganz ähnlich, wie es Martin Luther im Jahre 1520, auch gemacht hat, und die Studenten im Jahre 1817 auch.
Für mich ist dabei das Erstaunliche nur gewesen, wieviel ausgesprochene Schund- und Schmutzschriften diese Jugendlichen aus -ihren eigenen Häusern zusammengetragen haben! Es war ein kleiner Kreis von Zuschauern dabei, und von diesen haben einige scharfe Augen entdeckt, daß auch Bücher von literarischem Gewicht darunter gewesen sind. Die Leitung der Rheinischen Kirche hat darauf diesen Jugendlichen gesagt: Das, geht nicht an! Ihr seid viel zu jung, um den literarischen Wert eines Buches richtig einschätzen zu können!
Ich bin sehr zweifelhaft, ob dieser Bescheid richtig war.
Man muß m. E. auch Jugendlichen den Spielraum gewähren, ihrem Empfinden freien Lauf zu lassen. Aber darüber mag man verschiedener Meinung sein! Mir persönlich ist es wichtig, daß auf diese Weise ein kleines Protestzeichen gegen eine gewisse Literatur deutlich geworden ist, mit der wir heute überschwemmt werden. Auch nach meiner Meinung ist "Die Blechtrommel" von Günter Graß ein unappetitliches Buch. Für meine Kinder und Enkelkinder wünsche ich mir andere Lektüre. Das ist kein literarisches Urteil, sondern ein Urteil des sittlichen Empfindens, das nicht weiter zu diskutieren ist!
Die ganze Angelegenheit ist so unbedeutend, daß man sich nur darüber verwundern kann, was für einen breiten Raum sie in der Presse eingenommen hat. Ich darf annehmen, daß die ganze Geschichte in wenigen Wochen vergessen sein wird. Mit aufrichtiger Empfehlung Ihr ganz ergebener
gez. Dibelus
Dibelius

DER SPIEGEL 46/1965
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