10.11.1965

AGENTURENVergnügen dabei

In sechs Montagen des vergangenen
Sommers suchte ein Rechtsberater der Röstkaffee-Firma Tchibo die Zivilkammer 15 des Hamburger Landgerichts auf. Er legte den Richtern die jeweils neu erschienenen Illustrierten vor und erwirkte sechs Einstweilige Verfügungen gegen sechs Nescafé-Anzeigen.
Das juristische Dauerfeuer beeindruckte die Produzenten der Anzeigenserie kaum. Die Schweizer Werbe-Agentur des gelernten Historikers Dr. Markus Kutter, 40, des Graphikers Karl Gerstner 35, und des Architekten Paul Gredinger, 38, ist schon öfters mit dem westdeutschen Werberecht kollidiert. Dennoch stieß die Firma "Gerstner, Gredinger + Kutter" innerhalb von nicht einmal drei Jahren zur kleinen Elitegruppe der auftragsstarken und von großen Unternehmen umworbenen Agenturen vor.
Zu ihren renommierten Kunden in den letzten Jahren zählen außer dem Nestlé-Konzern das Volkswagenwerk, die Deutsche Lufthansa, die Oetker -Gruppe (Gorbatschow-Wodka, Sektkellerei Söhnlein) und die Auto Union. In diesem Jahr verwalten Gerstner, Gredinger und Kutter (GGK) Werbe-Etats von insgesamt 16 Millionen Mark.
Das Erfolgsgeheimnis laut Dr. Kutter: "Es macht uns Spaß."
Die vergnügten Schweizer setzten dem Publikum Gorbatschow-Anzeigen mit langem, russischem Text in kyrillischer Schrift vor, der den Konkurrenzwodka Puschkin auf die Hörner nahm: "Viele meinen, Leo Leontowitsch Gorbatschow sei ein Dichter wie Alexander Puschkin. Das ist nicht wahr. Wahr ist vielmehr, daß Leo Leontowitsch Gorbatschow einen guten Wodka gemacht hat. Das Dichten hat er anderen überlassen."
Das Gericht war nicht amüsiert und erließ eine Einstweilige Verfügung. Exilierte Weißrussen beschwerten sich über die "kommunistische" Sprache, Exilbolschewisten hingegen fanden sie "rückständig" - die Übersetzung stammte von einem Weißrussen aus der Petersburger Mathematikerfamilie Euler.
Vor kurzem brachten die Schweizer eine Audi-Anzeige in Latein. Gredingers ehemaliger Lateinlehrer Wiesmann in Chur, der bereits "Max" und Moritz" latinisiert hatte, zeichnete für den klassischen Satzbau verantwortlich.
Für den VW-Variant dachten sich Gerstner, Gredinger und Kutter die aberwitzigsten Verwendungsmöglichkeiten vom Hundezwinger bis zum Kinderzimmer aus. 23 davon zeigten sie in einem Faltprospekt, der 1,86 Meter lang war.
Die VW-Werbung war Ende 1962 der erste Großauftrag. Bis dahin kannte niemand die Miniaturfirma, die sich vier Jahre zuvor in einer Etage von Kutters Elternhaus in der Baseler Augustinergasse etabliert hatte.
Historiker Kutter hatte zuvor unter anderem einen - mit Schlagzeilen bespickten und teils quergedruckten "synthetischen" Roman verfaßt, dem der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt ein Vorwort schrieb.
Gerstner äußerte sich zur modernen Malerei unter Titeln wie "Spirale 5" und "Kalte Kunst?" und entwarf geometrische Farbkompositionen.
Architekt Gredinger ("Ich habe mich sechs Jahre lang um eine Arbeit herumgedrückt") stieß 1959 zur Firma. Er hatte mit kubistischer Malerei experimentiert und mit Karlheinz Stockhausen serielle Musik für den Nordwestdeutschen Rundfunk geschrieben.
Der erste Werbe-Auftrag war ein Brot-und-Butter-Geschäft: Die Jungwerber bezahlten eine Schreibmaschine mit einem Prospekt für 700 Mark.
Es war Frau Gerstner, die den VW -Auftrag und damit den Erfolg ins Haus brachte. Auf einem Londoner Kongreß von Automobilfachleuten, wo sie dolmetschte, war es ihr gelungen, einen Wolfsburger Manager für das Baseler Team zu interessieren.
Heute sind die Baseler Ideenschmiede in der Werbung arriviert. Die Agentur leistete es sich vor kurzem sogar, einen Millionenauftrag von Shell zurückzuweisen, weil er "mit zu vielen Kleinarbeiten verbunden" war.
Umgekehrt lehnten die Mainzer Blendax-Werke Werbevorschläge von GGK für die Zahnpasta "Blendax -Fluor" als "zu intellektuell" ab. Auf den Anzeigen waren vergibte Familienphotos zu sehen, ("Wenn unsere Eltern Fluor gekannt hätten...).
Dr: Kutter:. "Die Leute sind begeistert, wenn sie die Werbung bei anderen sehen. Stehen sie selbst vor der Entscheidung, fällt ihnen das Herz in die Hosen."
Werbe-Unternehmer Gerstner, Gredinger, Kutter: Vorstoß in die Spitzengruppe ...
mit Latein und Russisch. GGK-Werbung für Audi, Gorbatschow, VW-Variant

DER SPIEGEL 46/1965
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