10.11.1965

NIEDERLANDE / SCHMUGGELGemischte Gemeinde

Der Westfälische Friede von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, kostet den holländischen Fiskus monatlich eine halbe Million Mark.
Diese Summe entgeht dem königlichniederländischen Zoll durch einen schwunghaften Zigarettenschmuggel, gegen den die Beamten machtlos sind.
Denn die unverzollten Glimmstengel passieren eine ungewöhnliche Grenze: den belgischen Flecken Baarle-Hertog, der auf holländischem Territorium liegt.
Vor 317 Jahren hatte Amalie von Solms, Witwe des niederländischen Statthalters Friedrich Heinrich, den Spaniern versprochen, daß die Enklave Baarle-Hertog auf immerdar zu Brüssel gehören solle, das später ein Teil Belgiens wurde.
Die 500 Häuser von Baarle-Hertog, vier Kilometer von der belgischen Grenze entfernt, unterstehen auch heute noch der Regierung in Brüssel. Sie sind aber längst mit der holländischen Ortschaft Baarle-Nassau (800 Häuser) zusammengewachsen, die zur niederländischen Provinz Nord-Brabant gehört.
Belgische Behausungen liegen mitten unter holländischen; zur Unterscheidung wurden auf die Hausnummern -Schilder die jeweiligen Landesfarben gemalt. Lediglich im Gasthof "Holland -Belgien" verläuft die Grenze durchs Haus - mitten über Billardtisch und Fensterscheibe.
Die gemischte Gemeinde hat zwei Bürgermeister, zwei Polizeiposten. Wenn ein Belgier seinen holländischen Hausnachbarn anrufen will, läuft das Gespräch über die nationale belgische Telephonvermittlung. Eine Minute Telephonieren kostet daher 65 Pfennig. Gemeinsam ist in dem zweistaatlichen Dorf nur die Müllabfuhr - und der Schmuggel.
Die Hertog-Belgier kaufen bei den Nassau-Holländern billige Butter. Die Nassauer versorgen sich in Hertog mit Zigaretten. Gewinn pro Packung: 20 Pfennig, nach einer Zollerhöhung vom 1. Januar 1966 an 47 Pfennig.
Baarle-Hertog wurde zum begehrten Ausflugsziel der Raucher ganz Südhollands. Baarle-Hertogs Tabakhändler machen das Geschäft ihres Lebens: Die holländischen Kunden kaufen jeweils mindestens fünf Stangen-Packungen, der Wochen-Umsatz stieg auf zwei bis drei Millionen Zigaretten.
Ohnmächtig sahen die niederländischen Zöllner dem gesetzwidrigen Treiben zu. Um das Grenzgeschäft zu unterbinden, müßten sie vor jedem Haus einen Beamten postieren. An geeigneten Schau-Plätzen bezogen daher Zöllner mit Sprechfunkgeräten, sogenannten Walkie-talkies. Stellung. Durch Ferngläser beobachteten sie die belgischen Tabakläden. Sie machten einen grauen Kombiwagen aus, der besonders lange vor einem Zigarettengeschäft parkte und mit großen Koffern beladen wurde.
Vor dem Dorf stoppten die Zöllner das Auto in Grau. Doch die Kisten enthielten keine Zigaretten - nur Kameras, Lampen und Filmrollen. Die Wageninsassen wiesen sich als Reporter des niederländischen Fernsehens aus. Sie hatten einen Film über den Zigarettenschmuggel in Baarle-Hertog gedreht.
Grenz-Gasthof in Baarle-Hertog
Drei Millionen Zigaretten geschmuggelt

DER SPIEGEL 46/1965
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