06.10.1965

KUNSTSTOFF-HÄUSERSchwebende Zellen

Ein Traum aus Schaum bewegt den Stuttgarter Architekten Rudolf Doernach: luftige "Stadthäuser", schwerelos über Parkanlagen schwebend, zusammengefügt aus Raumzellen", die aus neuartigem Baustoff "geschäumt" werden. Wohn-Einheiten von der Größe einer Drei-Zimmer-Wohnung sollen fertig geformt und so geschwind aus der Maschine kommen wie Brezeln aus einem automatisierten Backofen.
Doernachs Traum-Häuser (von denen bereits mehrere Prototypen im Freien und in einer Klima-Testkammer der Technischen Hochschule Stuttgart überwintert haben) sind komplett, wenn sie auf Güterwagen, Flußkähnen, Lkw oder an Hubschraubern die Fabrik verlassen. Fenster und Fußböden, Wandfliesen, Wasserleitungen, Ölheizung und Stromkabel sind in die Schaumwände mit eingebacken.
Erstmals glaubt der Stuttgarter Architekt damit einen Fertighaus-Typ geschaffen zu haben, mit dem die Tradition des bodenständigen Gemäuers vollends überwunden ist: Doernachs Gehäuse läßt sich in seiner Innenaufteilung beliebig variieren, und jede Wohn-Einheit kann wie eine überdimensionale Fracht-Kiste von einem Ort zum anderen verpflanzt werden.
Mit dieser "totalen. Beweglichkeit" (Doernach) eröffnet sich zugleich die Möglichkeit, den städtischen Siedlungsbau zu revolutionieren: Während herkömmliche Fertighäuser vornehmlich auf Kleinparzellen an den Stadtrand hingetröpfelt werden und den Siedlungsbrei der ausufernden. Städte immer weiter in die Landschaft ausschwemmen, sollen Doernachs Kunststoff-Kuben sich zu lockeren Wohnzentren ordnen. Sie sollen an stählernen Stahlgerüsten aufgehängt werden; ihre Größe und Anordnung läßt sich jeweils nach Bedarf verändern wie der Zellverband einer Pflanze. Doernachs Name für diese neue Form der Stadt -Architektur: "Biotektur".
Tatsächlich sind die Bau-Ideen des Stuttgarters nach Vorbildern in der Natur entwickelt worden. Der heute 36jährige Architekt war Schüler und zeitweise Assistent des prominenten amerikanischen Baumeisters R. Buckminster Fuller, der geometrische Formen aus dem Tier- und Pflanzenreich übernahm, so etwa die Sechsecke der Bienenwaben, die Kugelform von Viren, oder die Facetten-Struktur von Insektenaugen. Fullers "geodätische" Kuppelbauten überspannen mit weniger Materialaufwand größere Räume als je Bauwerke zuvor.
Bestimmte Arten von Kieselalgen(Diatomeen), deren Panzer aus winzigen Kieselsäure-Kugeln aufgebaut ist und dadurch den Wasserströmungen in den Tiefen der Meere besser standhält, waren das biologische Muster für den Baustoff, den Doernach (zusammen mit Chemie- und Bau-Großfirmen) eigens für seine "Stadthaus"-Pläne entwickelt hat: Tonkugeln von 20 bis 30 Millimeter Durchmesser, wie Murmeln in einem Kasten aneinanderliegend, bilden das tragende Gerüst der Doernach-Wände. Die Hohlräume im Kugel-Gerüst werden sodann mit einem schnell härtenden Kunststoffschaum gefüllt, der sich moosartig um die Tonkugeln verteilt und sie verbindet.
Der so zusammengebackene Baustoff - Produktname: "Isoton" - wiegt nur ein Sechstel so viel wie Beton und besitzt zugleich eine weit höhere Isolierfähigkeit als herkömmliches Mauerwerk: Zwölf Zentimeter dicke Doernach-Wände halten Lärm und Kälte ebensogut fern wie eine 30 Zentimeter dicke Ziegelwand.
"Wie im Automobilbau", so lautet Doernachs Planziel, "brauchen wir auch im Wohnhausbau einen Vorfertigungsgrad von 100 oder doch mindestens 90 Prozent." Durchschnittlich haben die derzeit lieferbaren Fertighaustypen, wie der Stuttgarter Architekt erläutert, einen Vorfertigungsgrad von allenfalls 50 Prozent. Noch immer müssen Handwerker aus fünf bis sechs verschiedenen Branchen die vorgefertigten Einzelteile - meist auf herkömmlich gemauerten Fundamenten - zu einem bewohnbaren Haus komplettieren.
Mit dem Baustoff "Isoton" dagegen könnte bei einer Serienproduktion tatsächlich alle, paar Minuten eine bezugsfertige Wohneinheit vom Fließband rollen. Fenster, Türen, Parkettfußböden und alle Versorgungsleitungen werden (zusammen mit- den Tonkugeln) schon vorher in die stählerne Gußform eingelegt und so - ohne daß lästige Fugen bleiben - in den Kunststoff -Schaum eingebettet. Im Innern der Schaumwürfel (Wohnfläche: etwa 100 Quadratmeter. Transportgewicht: rund 15 Tonnen) sind keine tragenden Zwischenwände nötig. Und auch das sogenannte Bauherz, das - gleichfalls vorgefertigt - Küche und Bad enthält, kann beliebig placiert werden.
Leistungsfähige Großfirmen - die Bauunternehmen Krupp und Hochtief sowie die Chemiekonzerne Bayer und Dynamit Nobel - haben sich bereits der Schaumhaus-Idee angenommen. Im kommenden Jahr soll bei den Farbenfabriken Bayer in Leverkusen eine Mustersiedlung mit etwa 30 Schaum-Wohneinheiten aufgebaut werden.
Nach den Berechnungen Doernachs verheißen die "Isoton"-Häuser gegenüber bisherigen Bau-Gebräuchen Kostenersparnisse "von 20 Prozent und mehr". Insbesondere glaubt der Stuttgarter Bauforscher, der auch als Hochschuldozent und als Berater für das Bonner Wohnungsbauministerium tätig ist, daß seine Kunststoff-Kuben dereinst zu einem bedeutsamen Exportartikel werden könnten.
Im Modell-Baukasten hat Doernach schon jene luftigen Wohnzentren aus "Isoton"-Kuben zusammengefügt, mit denen er dem Städtebau der Zukunft "neue architektonische Dimensionen erschließen" will. Auch für seine Stadtbaupläne wählte der schwäbische Tüftler Vorbilder aus der Natur: "Alle hochentwickelten Organismen", so erläuterte er seine "Biotektur"-Idee, "bestehen aus anpassungsfähigen und austauschbaren Zellen, getragen von einem Knochengerüst."
Das Traggerüst für Doernachs Schaumschachteln sind stählerne Stützpfeiler, in denen sich Fahrstühle, Versorgungsleitungen und Treppenhäuser unterbringen lassen. In solche Pfeiler -Gevierte werden die Wohneinheiten ("Raumzellen") in beliebiger Anordnung eingehängt. Der teure und knappe Erdboden darunter bleibt für Straßen, Parkplätze und Grünanlagen frei.
Vor allem aber wäre jeder Zelleneigner in einer solchen Pfahlbau-Siedlung in einem bislang unerreichten Maße freizügig: Jederzeit könnte er mitsamt seinem Schaumgehäuse in einem anderen Teil des Pfeilerwalds in eine höhere Sphäre seines Stahlstützen-Gevierts oder auch in eine andere Pfeilersiedlung umziehen.
"Diese Städtebau-Konzeption", so verkündet Doernach, "entspricht dem urbanen Menschentyp unserer Zeit, der sich als Individualist fühlt und beweglich bleiben möchte." Die bunten Schaumwürfel, mit großen Wohnterrassen und Dachgärten in vielfältigen Formen übereinandergestaffelt, könnten, wie Doernach meint, "die fade Zeilenbauweise aus unseren Städten bannen", deren Eintönigkeit und Einfallslosigkeit das Bild menschlicher Ansiedlungen zunehmend veröden läßt.
Doernach-Siedlung (Modell): Schachteln aus Schaum

DER SPIEGEL 41/1965
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