17.11.1965

ALBERTINE SARRAZIN Schön in der Tinte

Der Pariser Verleger Jean-Jacques Pauvert, der Werke des Marquis de Sade und andere Gewagtheiten vertreibt, kommt ins Schwärmen, wenn er von seiner neuen Autorin spricht. Der Literatur-Kritiker vom "France-soir" schwankt noch in seinem Urteil über Albertine Sarrazin, 28: "Denn es ist
sehr schwer, zwischen ihrem Leben und ihren Büchern zu unterscheiden." Ihr Leben aber, so die Frauenzeitschrift "Elle", ist "wie reinstes Kino".
Die schwarzhaarige, kleine (1,49 Meter) Albertine hat der Pariser Literatur -Saison die nötige Sensation beschert: mit zwei autobiographisch getönten Romanen, "La Cavale" ("Die Flucht") und "L'Astragale", die vom Gefängnisleben handeln, mehr aber noch mit ihrem eigenen Lebenslauf - die junge Frau hat, vornehmlich für Diebstähle und Einbrüche, acht Jahre in neun Anstalten eingesessen; aus der letzten wurde sie vor einem Jahr entlassen.
Die Tochter einer 15jährigen, Spanierin und eines vermutlich arabischen Vaters wurde in Algier geboren. "Oh, meine kleine Mutter", jubelt die "Astragale"-Autorin, "ich danke Gott, daß ich dich nie kennengelernt habe."
Albertine wuchs als Adoptivkind bei einem französischen Militärarzt-Ehepaar auf, landete aber bald in Besserungsanstalten. Mit ihrer Freundin Emilienne riß die 15jährige aus einem Erziehungsheim in Marseille aus.
In Paris fanden die Mädchen sich rasch zurecht: "Der Strich", meditiert Albertine, "geht schnell und braucht keine Lehre." Bald verlegen sie sich mehr aufs Stehlen. Albertine: "Das ist ein saubereres Gewerbe. Außerdem bin ich nicht nuttiger als andere auch."
In der Kleinstadt Aix drehen die jungen Damen ein folgenschweres Ding. Sie dringen, bewaffnet mit einem Revolver, in einen Kleiderladen ein. Während Albertine und Emilienne Mäntel und Kostüme von den Ständern rupfen, greift die Ladenbesitzerin zum Telephon.
"Ich habe gleich gesagt: 'Emilienne, was tust du, jetzt sitzen wir schön in der Tinte'", erläutert Albertine heute den Revolverschuß, mit dem die Freundin die Ladenbesitzerin an der Schulter verletzte. "Aber", so entschuldigt sie die Gefährtin, "Emillenne war sehr emotionell, ihre Mutter war verrückt."
Drei Tage später werden die schweren Mädchen geschnappt. Albertine wird zu sieben Jahren Haft verurteilt. Sie besteht im Gefängnis von Amiens ihr Abitur mit "gut". In einer kalten Karfreitagsnacht klettert sie über die zehn Meter hohe Gefängnismauer. Drei Meter über dem Erdboden verliert sie den Halt. Als sie auf der Erde ankommt, schmerzt sie der linke Fuß.
Albertine kriecht dem Scheinwerferlicht eines Lastwagens entgegen. Der Chauffeur, ein Familienvater, lädt sie zwar nicht auf, hält aber ein anderes Auto an. Dessen Fahrer deponiert die Verletzte auf dem Rücksitz und eine Stunde später im nächtlichen Wald. "Rühren Sie sich nicht vom Fleck, warten Sie", fordert er, "ich komme wieder." Er hinterläßt Streichhölzer und eine Schachtel Gauloises. Er kommt wieder - in der nächsten Nacht.
Der fremde Autofahrer handelt nicht nur mitleidig, sondern auch kollegial: Julien hat selber die meiste Zeit seines Lebens als Einbrecher in Gefängnissen abgesessen. Er versteckt Albertine drei Wochen lang. Als ihr verletzter Fuß vom Wundbrand befallen wird, bringt er sie, unter falschem Namen, ins Hospital. Er bezahlt mit Erlösen aus Einbrüchen drei Monate Krankenhausaufenthalt und vier Operationen. Die medizinische Bezeichnung des viermal operierten Knochens an Albertines Ferse: Astragale.
Ein Jahr später werden Albertine und Julien bei einem gemeinsamen Einbruch ertappt, 1958 heiraten sie - als Häftlinge des gleichen Gefängnisses.
Die Hochzeitsfeier, so erinnert sich die Autorin in ihrem Buch "La Cavale", verlief außerordentlich beschwingt. Die Trauzeugen mußten für die Fahrt zum Standesamt mit den Brautleuten die Grüne Minna teilen und hatten sich vorsorglich mit Schnaps versehen. Sogar der Bräutigam konnte die Flasche ungehindert zum Munde heben - die Wächter hatten ihm ausnahmsweise keine Handschellen angelegt. Die Zeremonie auf dem Standesamt, schreibt Albertine, "vollzog sich im Stil von Gretna Green
- neun Minuten".
Hernach bleiben den Hochzeitern nur fünf Minuten in der Grünen Minna am Straßenrand, um eine Flasche Champagner, Marke "Moet et Chandon", zu leeren. "Cavale"-Autorin Albertine: "Sie hielten mir die Buddel an den Mund. Ich trank und trank, bis mir der Schaum aus den Augen triefte."
Das Ehepaar Sarrazin dient danach noch sechs Jahre Knast ab. Albertine wird ein Vierteljahr eher entlassen als ihr Julien. Sie maust, um sich zu trösten, in einem Selbstbedienungsladen eine Flasche Cognac und wird noch einmal für vier Monate eingesperrt. Als sie im September 1964 das Gefängnis verläßt wartet Julien vor dem Tor, eine rote Rose in der Hand, das in der Haft erworbene Diplom als Geologe in der Tasche.
Den 476-Seiten-Roman "La Cavale" hatte Albertine im Gefängnis mit Tintenstift auf Schulheftpapier gekritzelt, in Miniaturschrift und ohne Absatz, um soviel wie möglich auf eine Seite zu bringen. Wochenweise vertraute sie die Blätter ihrem Anwalt an. Ihr Gefängnis -Psychiater schickte das Manuskript per Post dem Verleger Pauvert nach Paris. Pauvert: "Heutzutage noch ein gutes Manuskript mit der Post zu erhalten, das ist wirklich rar."
"Fluchtgedanken", meditiert die Knast-Romaneière, "wirken im Gefängnis als Impfstoff." Und: "Indem man ständig seinen Drang zum Fliehen beobachtet, legt man sich Gründe zurecht, um dazubleiben." Denn in Albertines "Flucht" flieht niemand. Einmal langen die Fäden nicht zum Strick, einmal wird der Fluchtplan vorzeitig in einem Mantelfutter entdeckt. Zum Schluß hält der Häftlingsmann seine Häftlingsfrau von der Flucht ab, obwohl sie ihm - bei streng überwachten Rendezvous-Küssen - eifrig animierende Kassiber in den Mund schiebt.
Obwohl der literarische Wert dieser Gefängnis-Geschichten von französischen Rezensenten bislang eher geringschätzig beurteilt wurde ("Candide": "Kein neuer Genet"), konnte Verleger Pauvert das Doppelwerk der Sarrazin ("L'Astragale" ist 248 Seiten stark) schon gewinnbringend auf dem internationalen Büchermarkt placieren. Entzückt vom Lebenslauf der Autorin, erwarb es ein amerikanischer Verleger - wie heute mehr und mehr üblich, ungelesen - für 7000 Dollar (28 000 Mark) Vorschuß. Pauvert zum SPIEGEL: "Auch mein deutscher Kollege Kurt Desch hat tief in seine Tasche gegriffen" - Desch hat mit dem deutschen Knast-Autor Henry Jaeger (SPIEGEL 40/1963) gute Erfahrungen gemacht. Der französische Erfolgs-Produzent Raoul Levy ("Die Pariserin") will Leben und Werk Albertines verfilmen. Pauvert: "Nur unser Preis ist ihm noch zu hoch."
Ihren Erfolg in Paris zu genießen, ist Albertine Sarrazin vorerst versagt. Die Polizei hat dem Ex-Häftlingspaar den Aufenthalt an der Stätte zahlreicher früherer Missetaten verboten.
Albertine und Julien (er ist heute 40) leben in einer Zwei-Zimmer-Wohnung
in Montpellier, wo sie sich in Literatur und Geologie fortbilden. Alle zwei Monate muß sich das Ehepaar bei der Polizei melden. "Wenn irgendwo in der Gegend ein Huhn gestohlen wird", sagt die Erfolgsautorin, "kann es passieren, daß sie es bei uns im Badezimmer suchen." Vorsichtig heben die Sarrazins von jedem ehrlich erworbenen Aschenbecher die Rechnung auf.
"Es ist", sinnierte "Le Monde" dem Lebensroman der Albertine Sarrazin nach, "wie ein Chanson aus dem Musical 'Irma la Douce', nur ohne Parodie."
Autorin Albertine Sarrazin, Ehemann Julien (M.): Küsse und Kassiber
Verleger Pauvert
"Wie reinstes Kino"

DER SPIEGEL 47/1965
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