24.11.1965

RUFFTadel verpflichtet

Dr. med. Alfred Jahn, 28, Assistent am Physiologischen Institut der Universität Bonn, fand es "unverständlich". Ihm leuchtete nicht ein, daß Studenten Vorlesungen des Bonner Professors Dr. Siegfried Ruff, 58, besuchten. Das war im Juni.
Letzte Woche konzipierte Jahn wegen eben dieser Äußerungen den Antrag auf ein Disziplinarverfahren gegen sich selber: Durch die Selbstanzeige wollte er die Universität Bonn zwingen, Professor Ruffs Qualifikation zum Hochschullehrer vom "rein ethischen Standpunkt" aus zu überprüfen.
Jahn jedenfalls zweifelt Ruffs Qualifikation an: wegen medizinischer Versuche mit KZ-Häftlingen, die den Luftfahrtmedizin-Professor bereits 1946 im sogenannten Nürnberger Ärzteprozeß vor das 1. Amerikanische Militärtribunal brachten und die auch in einer Dokumentensammlung des Heidelberger Professors Mitscherlich nachgezeichnet wurden.
So hatte Dr. Siegfried Ruff als Leiter des Fliegermedizinischen Instituts der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt im Kriege mit Häftlingen des KZ Dachau in einer fahrbaren Druckkammer sogenannte Sinkversuche (Fallschirm-Absprünge) aus großen Höhen simuliert.
Die Reaktionen der Versuchspersonen wurden damals peinlich genau protokolliert. In einem Bericht über einen Sinkversuch aus 15 000 Meter Höhe ohne
Sauerstoffmaske binnen rund 30 Minuten heißt es: "Arme steif nach vorne gestreckt, Pfötchenstellung, Beine steif gespreizt... Agonale Krampfatmung... Klonische Krämpfe, Stöhnen. Schreit laut. Schreit immer noch, krampft Arme und Beine, Kopf sinkt nach vorne. Schreit anfallsweise, grimassiert, beißt sich auf die Zunge." Und schließlich: "Nicht ansprechbar, macht den Eindruck eines völlig Geistesgestörten." In einem 1944 veröffentlichten "Grundriß der Luftfahrtmedizin" stellt Ruff fest, daß bereits bei Absprüngen aus Höhen von 6000 bis 8000 Meter der "Zustand bedenklich und kritisch für das Leben" werde. In Dachau jagte Ruff seine menschlichen Versuchskaninchen in der Unterdruckkammer fast um das Doppelte über die kritische Grenze hinauf.
In Nürnberg befragt, ob er Experimente an wehrlosen KZ-Häftlingen für statthaft gehalten habe, antwortete Ruft: "Juristische Bedenken hatte ich keine, denn ich wußte, daß der Mann, der die Genehmigung zu diesen Versuchen von staatsseite aus gegeben hatte, Himmler war."
Ruft heute über seine Experimente: "Diese Versuche hatten keine Schädigungen oder den Tod zur Folge." Und: "Wenn es in der Medizin keine Menschenversuche gegeben hätte, würden Sie und ich nicht mehr leben."
Ruff wurde In Nürnberg freigesprochen, wenn auch - wie es im Urteil heißt - der "schwere Verdacht" zurückblieb, daß Ruft "in die verbrecherischen Versuche in Dachau verwickelt" war. Doch war "fast alles Beweismaterial, das in diese Richtung läuft, Indizienbeweis".
Auch die Staatsanwaltschaft München II stellte später ihre Ermittlungen gegen Ruff ein. Und der Professor nahm wieder dieselbe Position ein, die er im Dritten Reich innehatte - einziger Unterschied gegenüber damals: Das von ihm geleitete Institut für Flugmedizin verlegte seinen Sitz Inzwischen von Berlin nach Bad Godesberg.
Ausländischen Wissenschaftlern genügte diese Art der Rehabilitierung freilich nicht: Zweimal - 1961 und in diesem Jahr - wurde ein in der Bundesrepublik geplanter Weltkongreß für Luftfahrtmedizin abgesagt und in ein anderes Land verlegt, weil die Ausländer Anstoß an der Teilnahme Ruffs nahmen.
Auch Jungmediziner Jahn fand, daß an dem von der Justiz freigesprochenen Kollegen, der in Bonn wieder zu Ehren gekommen war, ein erheblicher Makel haftengeblieben sei, der ihn als Lehrer der akademischen Jugend disqualifiziere.
Provokation schien Jahn der rechte Weg, Ruffs Vergangenheit wieder ins Gespräch zu bringen: Vor Bonner Studenten erklärte er Anfang Juni unter anderem öffentlich, er finde es "schwer erträglich", an einer Uni arbeiten zu müssen, die Leuten wie Ruff Arbeit und Brot gebe. Doch der Erfolg der Provokation war mager.
Zwar forderte ihn das Bonner Anwaltsbüro Dahs, Redeker und Schön "namens und in Vollmacht des Herrn Professor Ruff" auf, bis zum 21. Juli seine "diskriminierenden Behauptungen" zurückzunehmen und eine "entsprechende Gegenerklärung" abzugeben.
Und Ruff selbst wandte sich beschwerdeführend an Jahns Chef, den Direktor des Physiologischen Instituts Professor Pichotka, der daraufhin dem damaligen Dekan der medizinischen Fakultät, Professor Heymer, in "sachlichen, kühlen Worten" von dem Vorfall berichtete.
Aber als Jahn die Frist ungenutzt verstreichen ließ, blieben die Anwälte stumm. Ruff bestand bald nicht weiter auf Rücknahme der Jahn-Behauptungen. Die Universität, deren damalige Magnifizenz Hugo Moser von dem Vorfall ebenfalls gehört hatte, hüllte sich in "starres Schweigen" (Jahn-Chef Pichotka).
Bonns Studenten waren gleichfalls uninteressiert, und die Studentenzeitschrift "Akut" verzeichnete den Fall lediglich mit einer kurzen Meldung. Jahn stieß bei allen Versuchen, seinen Vorgesetzten eine Äußerung zu entlokken, gegen "eine Wand aus Watte".
Nunmehr ging auch Jahns letzter Vorstoß daneben. Noch bevor der Assistent seine Selbstanzeige endgültig formulierte, wurde er letzte Woche von dem Bonner Professor für Öffentliches Recht, dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Ernst Friesenhahn, belehrt, er könne das Verfahren nur in Gang bringen, wenn ihm vorher von der Uni ein Tadel erteilt worden sei.
Den Tadel bekam Jahn nicht. Stattdessen wurde ihm inzwischen unterderhand mitgeteilt, ein physiologisches Colloquium, das er als Lehrauftrag vor 260 eingeschriebenen Hörern hält, werde im nächsten Semester von einem anderen Dozenten übernommen.
Luftfahrt-Mediziner Ruft
Wand aus Watte

DER SPIEGEL 48/1965
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