15.12.1965

APELSchuß im Büro

Dr. Erich Apel, 48, griff zur Pistole, damit er nicht zur Feder greifen mußte. Mit einem Kopfschuß entzog sich der stellvertretende Ministerpräsident und Vorsitzende der Staatlichen Plankommission der DDR am Morgen des 3. Dezember dem Auftrag, an diesem Tage einen neuen Handelsvertrag mit Moskau zu unterzeichnen.
Gegen diesen Vertrag, der die DDR noch enger als bisher an die Sowjet -Union kettet, hatte der Planungschef bis zu seinem letzten Lebenstag opponiert. Als er einsah, daß er sich gegen Walter Ulbricht und den gleichfalls Moskau-treuen Volkswirtschaftsrats-Vorsitzenden Alfred Neumann nicht durchsetzen konnte, entschloß er sich zum Tod.
Am Tag vor seinem Selbstmord offenbarte Erich Apel Freunden in Ost-Berlin, er werde gegen die Vertragsunterzeichnung in einer Art und Weise protestieren, die internationales Aufsehen mache. Am Morgen darauf, eine Stunde vor der für elf Uhr angesetzten Unterzeichnung und nach einem heftigen Streit mit Alfred Neumann, erschoß sich Apel in seinem Büro im Ost-Berliner "Haus der Ministerien an der Leipziger Straße. Er vc ließ die Bühne, auf der er nach einer Regie agieren mußte, die ihm sinnlos und verhängnisvoll erschien.
Die SED-Führung bot alle Mittel totalitärer Verschleierungskünste auf. Die parteitreue Chefärztin des Regierungskrankenhauses, Helga Wittbrodt, unterzeichnete ein Bulletin, das den Selbstmord des prominenten Funktionärs als "Kurzschlußreaktion" infolge "nervlicher Überlastung" tarnen sollte.
Walter Ulbricht ordnete eine staatliche Trauerfeier an und hielt selber im Allerheiligsten der SED - im ZK-Gebäude am Werderschen Markt - die Totenwache. Ministerpräsident Willi Stoph sprach die Gedenkrede: "Lieber Erich! In dieser Stunde des Abschieds danken wir dir noch einmal für alles, was du für unsere gute sozialistische Sache getan hast."
Doch aller Aufwand war umsonst. Im Westen sagte Willy Brandt: "Er ist nicht schweigend gestorben. Wir alle werden noch von ihm hören, von dem, was ihn bewegte." Im Osten kolportierte eine hohe SED-Charge unter Genossen: "Apel war ein Verbrecher, und er hat mit Gangstern zusammengearbeitet."
Der Staatssicherheitsdienst fahndete mit einer Groß-Razzia nach Apel-Hinterlassenschaften und suchte - vergeblich - nach dem Notizbuch, in dem Apel seine Gedanken zur Wirtschaftsreform der DDR niedergelegt hatte. Angesichts dieser Aktivität sah sich die Partei in der Bevölkerung wachsendem Mißtrauen ausgesetzt. Denn gerade unter den jungen DDR-Bürgern galt Apel als Vertreter jenes fortschrittlichen Funktionärstyps, dem Sachlichkeit mehr bedeutet als einfallsloser Dogmatismus und der Ideen nicht allein schon deshalb für des Teufels hält, weil sie aus dem Westen kommen.
Der Staatswirtschafts-Manager verdankte seinen Aufstieg zumindest nicht allein seinem Parteibuch. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur aus Thüringen - im Krieg V-Waffen-Ingenieur in Peenemünde, danach für sechs Jahre in die Sowjet-Union zwangsverpflichtet - war noch immer parteilos, als er 1953 zum stellvertretenden Minister für Schwermaschinenbau und 1955 zum Chef dieses Ministeriums avancierte. Erst 1957 wurde er in die SED aufgenommen.
Dem Fachmann, der 1960 mit 42 Jahren zum Dr. oec. promovierte, eröffnete sich nun eine Parteikarriere wie keinem anderen Genossen zuvor. Er wurde Leiter der Wirtschaftskommission beim Politbüro der SED (sein Vorgänger im Amt, Gerhart Ziller, hatte gerade Selbstmord begangen) und 1961, nach nur vier Jahren SED-Mitgliedschaft, Kandidat des Politbüros, des höchsten Führungsgremiums der Partei.
Zwei Jahre später, im Januar 1963, stieg Apel an die Spitze des Wirtschafts-Apparats der DDR auf: Ulbricht ernannte ihn zum stellvertretenden Ministerpräsidenten und Chef der Staatlichen Plankommission.
Apel kannte die Risiken, die Staatswirtschafts-Manager in der DDR erwarten: Zwei seiner drei Vorgänger im Amt hatten sich beim Versuch, das stets knirschende Wirtschaftsgetriebe der DDR in Gang zu halten, physisch zugrunde gerichtet. Heinrich Rau, Planungschef von 1950 bis 1952, dann Außenhandelsminister, erlitt 1961, 61 Jahre alt, einen tödlichen Herzinfarkt; Bruno Leuschner, Planungschef von 1952 bis 1961, starb, erst 54jährig, im Februar 1965. Allein Karl Mewis, Planungschef 1961/63, lebt noch.
Doch der neue Mann schonte sich nicht. Gemeinsam mit progressiven Wirtschaftlern entwickelte Apel das "Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft" (Nöspl) - die kommunistische Wiederentdeckung der altkapitalistischen Weisheit, daß die Effektivität der Wirtschaft in erster Linie am erzielten Gewinn gemessen werden muß.
Mit Nöspls Hilfe gelang es dem Plankommissar dann, die ins Stocken geratene Entwicklung der DDR-Industrie wieder zu beschleunigen. Und zugleich versuchte Apel, die beträchtliche Wirtschaftskapazität des Ulbricht-Staates zweitstärkste des Ostblocks, siebtstärkste der Welt - dem Außenhandel besser als bisher nutzbar zu machen.
Er machte gegen die einseitige Ost-Orientierung des DDR-Außenhandels Front und propagierte eine Handelspolitik, die sich ihre Partner nach kommerziellen und nicht nach ideologischen Gesichtspunkten wählt. Politische Begründung: Je mehr Geschäfte die DDR mit dem Westen mache, je eher werde sie auch politische Anerkennung finden.
So einleuchtend diese Argumentation für Anerkennungsfanatiker der SED sein mußte, für Ulbricht war sie nicht akzeptabel. Denn Apels Forderung verstieß gegen das Grundprinzip der Politik des Parteichefs: gegen die bedingungslose Bindung der DDR an die Sowjet-Union.
Zwar gelang es dem Plankommissar im Lauf der letzten drei Jahre, die wirtschaftliche Selbstblockade der DDR gegenüber dem Westen zu lockern - der West-Außenhandel der DDR stieg von 21 Prozent im Jahr 1962 auf 25 Prozent im Jahr 1965. Aber die Hälfte des DDR-Außenhandels wird nach wie vor mit der Sowjet-Union abgewickelt - zu Bedingungen, die trotz zäher Verhandlungen mit Moskau kaum verbessert werden konnten. Noch immer zwingt Moskau Ost-Berlin zum Einkauf über und zum Verkauf unter Weltmarktpreis.
Im September dieses Jahres reisten Ulbricht und Apel in die Sowjet-Union, um einen neuen Handelsvertrag vorzubereiten. Wieder versuchte der Plankommissar, vernünftige Bedingungen auszuhandeln. Die Russen aber wichen allen Kompromißvorschlägen aus, lehnten zudem rundweg sämtliche Kreditwünsche ab und bestanden auf einem Abkommen, das mit einem Volumen von 60 Milliarden Mark bis 1970 die Export-Kapazität der DDR noch stärker als bisher beansprucht und jede Ausweitung des Westhandels verbaut.
Apel warnte, doch Ulbricht akzeptierte. Bereit, seinen Staat noch enger mit der Sowjet-Union zu verfilzen, lud er Moskaus Außenhandelsminister Patolitschew zur Unterzeichnung des Abkommens nach Berlin ein.
Alles, was sich auch im Westen gut verkaufen ließe, geht in den nächsten fünf Jahren zu Vorzugspreisen an die teuren Genossen in der Sowjet-Union: 339 Schiffe, über 8000 Eisenbahnwagen, 100 000 Tonnen Walzwerkausrüstungen, komplette chemische Anlagen und Konsumgüter.
Wieder daheim in Berlin, sah sich Erich Apel nicht nur dem Zorn seines Parteichefs, sondern auch der Schadenfreude seiner Widersacher ausgesetzt. Diese Funktionäre, allen voran der Alt-Apparatschik Alfred Neumann, warfen dem Plankommissar vor, er sympathisiere mit der ökonomischen Los-von-Moskau-Bewegung, die in Rumänien begann und nun in nahezu allen Ländern rings um Rußland grassiert.
Noch gab Apel nicht auf. Erst in der Partei, später gegenüber Freunden erläuterte er seine Bedenken gegen den Handelsvertrag. Er wetterte gegen stumpfsinnige Genossen und versicherte Vertraute seiner Hoffnung "auf eine neue Generation deutscher Sozialisten".
Die Mächtigen in Ulbrichts Reich aber hörten dem, der jahrelang einer der Ihren war, nicht mehr zu. Ulbricht befahl die Unterzeichnung des Abkommens und setzte den Termin auf den 3. Dezember fest.
Mit den Genossen zerstritten und ohne Aussicht, noch etwas ausrichten zu können, beschloß der Plankommissar seinen spektakulären Abgang: Durch seinen Tod wollte er die Partei zwingen, seine Thesen zur Kenntnis zu nehmen und vor der Bevölkerung Farbe zu bekennen.
Seit Mitte letzter Woche verbrauchen die Blätter der SED Hektoliter an Druckerschwärze, um zu beweisen, daß selbst das schlechteste Geschäft mit der Sowjet-Union noch stets das beste sei, das die DDR machen kann. Doch die Zweifel zu bannen, die der Schuß in der Leipziger Straße weckte, gelang ihnen nicht.
Des Planungschefs letzter Plan hat sich erfüllt.
Apel-Totenwache im Ost-Berliner ZK-Gebäude*: Sein letzter Plan ...
DDR-Plankommissar Apel
... ging in Erfüllung
* Links Ulbricht, dahinter Volkskammerpräsident Dieckmann; rechts Stoph, dahinter Politbüro-Mitglied Matern.

DER SPIEGEL 51/1965
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