29.12.1965

MARXISMUSNachmittags fischen

Für einen prominenten Genossen aus
dem Zentralkomitee (ZK) der polnischen Kommunisten ist Partei-Mohammed Karl Marx (1818 bis 1883) kein "Prophet" mehr, sondern nur noch ein "Gelehrter".
ZK-Mitglied Adam Schaff, Professor für Philosophie an der Universität Warschau und Chef-Ideologe Gomulkas, entmythologisierte Marx und entrümpelte zugleich den Marxismus.
Schaff in seinem Buch "Marxismus und das menschliche Individuum"* über die kommunistischen Endzeitvorstellungen seines Gelehrten-Kollegen aus dem vergangenen Jahrhundert:
"Eine solche Vision kann niemals den Anspruch erheben, die letzte zu sein, da sie eine Funktion des aktuellen Standes des Wissens über die Wirklichkeit ist und zusammen mit diesem Wissen Veränderungen unterliegen kann."
Der 28jährige Karl Marx hatte prophezeit, die "klassenlose Gesellschaft" des Kommunismus werde den "totalen Menschen" schaffen und die gesellschaftliche Arbeit durch "freie Tätigkeit" ersetzen. Sie werde jedem einzelnen ermöglichen, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden".
Zur gleichen Zeit, da Schaff - für ihn ist nicht die politische Ökonomie, sondern die "Lehre vom Menschen" der Schlüssel zum Marxismus - die Realisierbarkeit der kommunistischen Idylle anzweifelte, unternahm ein sowjetisches Autoren-Kollektiv den Versuch, die Marxsche Vision (die Abschaffung der Arbeit hatte er später widerrufen) im Spiegel der sozialistischen Praxis und des neuen Partei-Dogmas westlichen Lesern zu erläutern**.
Obschon auch die Sowjet-Gelehrten erklärten, die "wissenschaftlichen Fundamente" des Kommunismus blieben "selbstredend nicht unverändert", behaupteten sie doch, das von Marx, Engels und Lenin Vorausgesehene habe sich - vor allem bezüglich des Sozialismus - "vollständig bewährt".
Ebenso, wie "Parteifeind" Trotzki einst Aristoteles, Goethe und Marx zum Normalfall kommunistischer Intelligenz verklärt hatte, verkündeten die Sowjet-Professoren enthusiastisch:
"Der allseitig entwickelte Mensch der kommunistischen Gesellschaft wird geistigen Reichtum und physische Vollkommenheit, hohe Kultur und sittliche Lauterkeit, ausgedehnte wissenschaftliche Kenntnisse und einen entwickelten ästhetischen Geschmack harmonisch in sich vereinigen."
Und die Gelehrten versprachen, die Sowjet-Gesellschaft werde "binnen einer Frist von 20 Jahren unmittelbar dazu übergehen", diesen kommunistischen Supermenschen zu züchten, einen "hochentwickelten, hochkultivierten, hochintellektuellen Bürger".
Solch futuristischer Gedankenlyrik wollte sich Adam Schaff in kritischer Nüchternheit nicht anschließen. Der polnische Philosoph schrieb die These des jungen Marx, der "totale Mensch" werde alles wissen und können und daher seine Tätigkeit nach Belieben wechseln, der "jugendlichen Phantasie und Naivität ihres Autors" zu.
Die Lehre der sowjetischen Marx-Exegeten, im Kommunismus - der nach der seit dem Parteiprogramm von 1961 geltenden Lehre zunächst auf - die Sowjet-Union beschränkt bleiben kann - werde der Staat "gesellschaftlicher Selbstverwaltung" weichen, charakterisierte Schaff als "eine Illusion, der sich die Gründer des Marxismus im reifen Alter nicht mehr hingaben, und schon gar nicht Lenin".
Auch im sozialistischen Staat sieht der polnische Genosse eine "entfremdete Kraft", die als Apparat der "Verwaltung von Dingen" weiterbestehen wird und immer der Gefahr ausgesetzt ist, auf dem Umweg über die Verwalter der Dinge, die Hierarchie der Staatsfunktionäre, wieder - wie in der Zeit des Personenkults - zum Apparat des "Waltens über Menschen" zu werden.
Schaff verwarf den Gedanken, "ein einzelnes Land" könne den Kommunismus verwirklichen, und beschwor seine von Postulaten, Programmen und Plänen faszinierten Sowjet-Genossen: "So darf man die Frage nicht stellen, wenn man nicht an den Grundfesten des Kommunismus rütteln will."
Da es um die ganze Welt geht - nicht allein um die Sowjet-Union - und da diese Welt "in der überwiegenden Mehrheit" immer noch von "hungernden und vegetierenden" Menschen bewohnt wird, betrachtet der polnische Philosoph die Vorstellung, alle Bedürfnisse der Menschen würden sich überhaupt je befriedigen lassen, entweder als "Relikt des Utopismus" oder er verlegt deren "Erfüllung auf jeden Fall in die ferne Zukunft".
* Adam Schaff: "Marxismus und das menschliche Individuum". Europa Verlag, Wien/ Frankfurt/Zürich; 352 Seiten; 26,50 Mark.
**J. P. Franzew (Hrsg.): "Kommunismus heute und morgen". Europa Verlag, Wien/ Frankfurt/Zürich; 456 Seiten; 23,80 Mark.
Marxismus-Kritiker Schaff
In zwanzig Jahren...
Marxismus-Schöpfer Marx
... ein kommunistischer Supermensch?

DER SPIEGEL 53/1965
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