22.12.1965

JANSSEN

Zwei Zentner Talent

GRAPHIK

Erst zweimal in seinem Leben, so sagt er, hat er eine Krawatte umgebunden: das erste Mal, als er (zum drittenmal) heiratete; das zweite Mal, als nun die erste repräsentative Ausstellung seiner Bilder eröffnet wurde. Jubelte "Die Zeit": "Wann hat man das Vergnügen, ein Genie vorzustellen ..."

Die Bilder - 178 Holzschnitte, Radierungen, Lithographien, Aquarelle und Zeichnungen - des Hamburger Graphikers Horst Janssen, 36, sind zur Zeit im Haus der Kestner-Gesellschaft in Hannover zu sehen. Sie präsentieren eine phantastische Traum- und Gruselwelt voller Krüppel, Huren, Zwerge und Säufer. Gesichter fließen teigig auseinander, und Frankenstein-Figuren fletschen Zahnstümpfe.

Die Titel sind ähnlich: "Totentanz", "Idiot", "High Society", "Im Suff" (ein Selbstporträt), "Twist tanzende Nutten" oder "Peter Lorre oder einer, der aus Berufung die schöne Aussicht versperrt". Die technisch präzis gearbeiteten Graphiken und kunstvoll fixierten Hirngespinste gehören in die Tradition der Zeichen-Maler Goya und Ensor, Klinger und Munch, Redon und Kubin.

Nachfahr Janssen hatte vor der Janssen-Vernissage in Hannover systematisch verhindert, daß seine Blätter (mehr als 500 Druckgraphiken, über 500 Blei - und Buntstiftzeichnungen) außerhalb Hamburgs bekannt wurden. Er ist publicityscheu. Janssen wies Käufer ab oder vertröstete sie mit selbstgekochter Hühnersuppe und selbstgebrutzelten Pfannkuchen; er verkaufte seine Arbeiten zu

kleinen Preisen - Graphik 50 bis 100, Zeichnungen 200 bis 850 Mark - nur an wenige Sammler. Janssen: "Ich will wissen, wer meine Bilder hat. Aus Eitelkeit. Außerdem liebe ich sie."

Er kann sich die Eigenliebe leisten: "Ich war klug", sagt Janssen, "und habe reich geheiratet." Mit seiner Frau Verena - Enkelin des wilhelminischen Reichskanzlers von Bethmann Hollweg

- und Sohn Philip, 4, bewohnt er in

einem abbruchreifen Haus aus Kaisers Zeit eine Neun-Zimmer-Wohnung.

Dort arbeitet er pro Jahr fünf Monate lang fünf Stunden täglich jeweils in nur einer Technik (Holzschnitt oder Zeichnung oder Radierung). Er will, erklärt er, "herauskriegen, was ich in dieser Zeit zustande bringe". Und: "Wenn das geschafft ist, gammle und saufe ich."

Seine Arbeits- und Freizeitgestaltung war stets genialisch. Nachdem Janssen 1951 erste Holzschnitte an den "Zeit" -Chef Richard Tüngel verkauft hatte, verfuhr er das Geld im Taxi rund um die Hamburger Alster. 1952 eröffnete der ehemalige Zögling einer NS-Nationalpolitischen Erziehungsanstalt, Ex-Student der Hamburger Landeskunstschule und Korntrinker. Janssen eine Halbstarkenkneipe und attackierte, von Eifersucht getrieben, eine Freundin mit dem Messer.

Aus dem Gefängnis wurde Janssen auf Bewährung entlassen; eine Tante, die den Waisen adoptiert und bereits während der Nachkriegsjahre verpflegt hatte, sorgte für Resozialisierung. Janssen: "Als ich schließlich die Nabelschnur zu ihr durchbiß, schenkte ich ihr zum Trost den Neufundländer Hans-Werner."

Zwei Jahre später half ihm der Zufall weiter: Janssen wurde von dem Industriellen Guido Dessauer nach Aschaffenburg eingeladen - er sollte Dessauers Schwiegervater malen. Janssen: "Exzellenz von Keller war um 1900 Botschafter in vieler europäischer Herren Länder, aus denen er einen ganzen Frack voll Frühstücksorden mitgebracht hatte. Die malte ich in Öl nebst dem Porträt des Erwähnten."

In einer komplett eingerichteten lithographischen Werkstatt, die ihm Dessauer zur Verfügung stellte, erprobte und perfektionierte sich Janssen. 1957 eröffnete er in seinem Hamburger Wohn-Atelier eine erste Einzel-Ausstellung mit Holzschnitten und präparierte die ersten großen Radierungen. Es entstanden frühe surreale Schreckbilder, und Janssen entdeckte: "Der kleine Krüppel ist ästhetisch reizvoller." Er zeichnete fortan Blechtrommel-Zwerge, bevor Günter Graß mit dem Blechtrommler Matzerath Wirbel machte.

"Janssen ist", so rühmt Wieland Schmied, Direktor der hannoverschen Kestner -Gesellschaft, "der größte Zeichner außer Picasso. Aber Picasso ist eine andere Generation." Janssen ist mit dem hohen Lob einverstanden: "Es gibt im Augenblick keinen Besseren als mich", sagt er. "Ich kann nichts dafür, ich habe nur Talent."

Das zwei Zentner schwere Talent, 1964 mit dem Darmstädter Kunstpreis (Dotierung: 5000 Mark) ausgestattet, ist indes für den Kunstbetrieb kaum talentiert.

Als die Worpsweder Galerie "Die Insel" im vorigen Jahr einige Janssen -Lithographien ausstellte, fuhr Janssen in Pyjama und Bademantel per Taxi hin und randalierte. Und auf einer Festversammlung in Lübeck, wo sein (von ihm geliebter) Lehrer Professor Alfred Mahlau geehrt wurde, schrie Janssen, nach gewaltsamem Eintritt, böse Beschimpfungen gegen die Festredner.

Der auf Bürgerschreck eingewöhnte Ausfällige, der sich gern in Schlosserdrillich, mit Pudelmütze und Gummistiefel kleidet, wurde schließlich in diesem Jahr für den Hamburger Edwin-Scharff-Preis (5000 Mark) genannt - und abgelehnt: Die Preisverleiher befürchteten Janssen -Radau bei der Preisverleihung.

Vom Frühjahr 1966 an wird Janssen allerdings an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste unterrichten. Janssen: "Ich bin dann dasselbe wie Erhard - Honorarprofessor."

Professor Janssen wird, das weiß seine Frau schon jetzt, auch in der Hochschule "bestimmt keine Krawatte tragen".

Graphiker Janssen

Krawatte für die Schau

Janssen-Graphik*: Pfannkuchen für die Käufer

Janssen-Graphik*

Krüppel für die Kunst

* Oben: "Klee und Ensor, um einen Bückling streitend"; unten: "Tulps Anatomie".


DER SPIEGEL 52/1965
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