02.10.1967

BERLIN / REGIERUNGSKRISE

Cher ami

Es wird das Ende sein, und Ich werde mich fragen, durch was es wohl herbeigeführt wurde. Samuel Beckett: "Endspiel".

Unten, auf dem Schöneberger Wochenmarkt vor dem Rathaus-Portal, war es ein Tag wie jeder andere. Berlins Hausfrauen kauften Kaßler, Kohl und Käse.

Oben, hinter den Rathaus-Fenstern, war es ein Tag wie nie zuvor. Zum erstenmal in der Geschichte West-Berlins mußte ein Regierungschef der 2,2-Millionen-Stadt abtreten. Am Dienstag letzter Wache schrieb Heinrich Albertz, 52, den letzten Brief als Regierender Bürgermeister: "Gemäß Artikel 41 Absatz 4 der Verfassung von Berlin erkläre ich hiermit meinen Rücktritt"

Die Stadt, die "ihre Leiden wie einen Glorienschein" trägt <US-Präsident Johnson), nahm es gelassen. Ohne Erschütterung registrierte auch Partei-Chef Willy Brandt, der in den bayrischen Bergen Urlaub machte, den Bericht vom Abschied seines Nachfolgers. Die Botschaft erreichte ihn auf österreichischem Boden, bei der Mittagsrast im "Wilden Mann" zu Lans bei Innsbruck. Und in Bonn betrachtete ein Regierungssprecher den Rücktritt als Routinesache: "Ein normaler demokratischer Vorgang."

Der Gleichmut, mit dem die Kopflosigkeit Berlins notiert wurde, enthüllte das Dilemma der eingemauerten Metropole: Denn Berlin, das Mahnmal das Kalten Krieges, hat -- so die "Herald Tribune" -- "im Zeitalter der Entspannung immer noch nicht seinen Standort zwischen Ost und West" gefunden.

Berlin borgt Leben und Lebensmut beim Westen. Jede zweite Mark, die der Senat ausgibt, kommt aus Bonn. Und fast jeder Liter Milch, den Berlins Mütter einkaufen, stammt von westdeutschen Weiden.

Der materielle und moralische Beistand aber, den Bund wie Bundesgenossen zwei Jahrzehnte lang den Halbstädtern zuteil werden ließen, erscheint ihren Helfern politisch unrentabel, seit die Stadt durch den Mauerbau ihre Bedeutung als ein Brückenkopf der freien Welt eingebüßt hat. Ein Ausweg bietet sich Berlin nur in der Öffnung nach Osten. Doch dieser Weg würde wiederum die lebenswichtige Bindung an den Westen gefährden.

Jahrelang wollte die Führung der Stadt diesen Zwiespalt nicht wahrhaben, und als sie ihn endlich zu beseitigen suchte, war es zu spät. Dieses Versäumnis brachte Heinrich Albertz letztlich zu Fall.

Zwar hatte sein Vorgänger Willy Brandt die Gefahr, zwischen den Machtblöcken zerrieben zu werden, beizeiten erkannt. Er predigte die Politik der kleinen Schritte, aber er tat kaum einen. Und Heinrich Albertz, der seinen Förderer Brandt am 14. Dezember vorigen Jahres ablöste, zeigte noch weniger Courage, dem längst entzauberten Hauptstadt-Mythos zu entsagen. Als im Januar dieses Jahres die Fortsetzung der Passierscheingespräche von der Beantwortung eines Briefes abhing, den der stellvertretende DDR-Ministerpräsident Alexander Abusch an den Regierenden Bürgermeister geschrieben hatte, schützte Albertz Bonner Bedenken vor; Abusch blieb ohne Antwort.

Unterdessen zerbröselte Berlins ohnehin schmale Lebensbasis. Immer mehr Betriebe wanderten nach Westdeutschland ab. Filialen westdeutscher Unternehmen wurden geschlossen. Institute und Forschungsstätten zogen sich aus der Hauptstadt zurück.

Weder für Arbeiter, die für die Übersiedlung auf die Insel nicht angemessen bezahlt werden konnten, noch für Führungskräfte, für die es nur wenig zu führen gab, ist die Halbstadt noch attraktiv. Die Zuwanderung läßt nach, die Überalterung nimmt zu: Die Zahl der über 65jährigen kletterte schon auf 21 Prozent (Bundesdurchschnitt zwölf Prozent).

Und die Gesinnung der Gemeinsamkeit, einst in Frontstadtjahren gewachsen, zerbrach vollends. Berlins Studenten, die noch lange über den Mauerbau hinaus sich mit den durchhaltewilligen Berlinern einig waren, rebellierten in Hörsälen und auf den Straßen. In der von Anti-Kommunisten gegründeten Freien Universität führten Marxisten das große Wort.

Sowenig es Heinrich Albertz gelungen war, der Stadt Spielraum nach außen zu verschaffen, sowenig vermochte er nun die Spannungen unter Kontrolle zu bringen.

Der Pastor, Pfeifenraucher und dreifache Vater (zwei Töchter, ein Sohn) sehnt sich nach einer heilen Welt, die er nur in den eigenen vier Wänden vorfindet. Er liebt es, abends bei einem Glas Wein zu meditieren, geht gern früh zu Bett und liest dann vor dem Einschlafen in der Bibel oder dem Kursbuch -- im "einzigen Buch, das außer der Bibel wahr ist" (Albertz). Der Unordnung, die er draußen vor der eigenen Tür vorfand, war mit dieser engen Lebensordnung nicht beizukommen.

Bald bar jeder Autorität, geriet der Bürgermeister schließlich in eine Krisensituation, in der er sich -- wie die "Frankfurter Allgemeine" schrieb -- "als hilflos" erwies, "um es gelinde auszudrücken".

Diese Krise ereilte ihn am Abend des 2. Juni, als bei der Polizeiaktion gegen akademische Anti-Schah-Demonstranten der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde.

Erst sagte er "ausdrücklich und mit Nachdruck, daß ich das Verhalten der Polizei billige". Dann besann er sich zu spät darauf, die Ursachen des studentischen Unmuts von Wissenschaftlern ergründen zu lassen. Zu spät auch kam sein Versuch, die wirtschaftliche Strukturkrise durch eine Expertenkommission abzuwenden. Zu spät schließlich entschloß er sich, Wege nach Osten zu suchen und die Antwort an Abusch wenigstens zu konzipieren. Die Partei war seiner überdrüssig geworden.

Am 18. September traten die Parteifreunde vom rechten bis zum linken Flügel, einig wie nie, zur Offensive gegen den hochfahrenden Pastor an, der seine Parlamentarier einmal als "Dorftrottel" bezeichnet hatte. An diesem Tag legte der parlamentarische Untersuchungsausschuß, der die Vorfälle vom 2. Juni zu durchleuchten hatte, seinen Abschlußbericht vor. Fazit: Fehlverhalten der Polizei und Vernachlässigung der Aufsichtspflicht durch den Senat.

Parteivorsitzender Kurt Mattick, Exponent der Rechten, forderte von Albertz ultimativ eine Senatsreform, die den Bürgermeister zu einer Galionsfigur machen sollte: Ablösung des Innensenators Büsch und Verzicht des Finanzsenators Strick auf das Bürgermeisteramt. Matticks Ersatzmann für Innensenat wie Bürgermeistersessel: Sozialsenator Kurt Neubauer.

Albertz war, wie es schien, zur Kapitulation bereit. Noch am selben Tag forderte er Senator Büsch zum Rücktritt auf. Fünf Tage später versuchte Heinrich Albertz, die Parteifreunde doch noch zu überlisten. Als sich die 70 Spitzenfunktionäre der Berliner SPD im Jagdschloß Glienicke versammelten, schlug er zwar Neubauer zum neuen Innensenator vor, meldete aber Bedenken an, Neubauer darüber hinaus auch noch den Bürgermeisterposten zu geben: "Diese Frage müssen wir hier erst einmal ausloten."

Neubauer wich der Herausforderung aus und verzichtete -- auf beide Ämter. Zwei Tage darauf übten die verprellten Genossen Vergeltung. Als Albertz nun seinen Kanzlei-Chef Horst Grabert zum Innensenator vorschlug, lehnte die Partei einmütig ab.

Noch einmal, zum letztenmal, bemühte sich Heinrich Albertz, sein Ansehen und seine Regierung zu retten. Unter der Bedingung, Grabert als Innensenator zu akzeptieren, offerierte er dem Bausenator Rolf Schwedler die Bürgermeister-Würde: Lehne die Partei auch diesen Vorschlag ab, so fügte Albertz hinzu, werde er die Konsequenzen ziehen und zurücktreten.

Dankbar nahm die Partei den Regierungschef beim Wort. Während tags darauf die alliierten Kommandanten von ihrem langjährigen Weggefährten auf einer Routinesitzung gerührt Abschied nahmen (Frankreichs General Binoche: "Cher ami Heinrich"), machte sich unter den siegreichen SPD-Alliierten im Rathaus Ernüchterung breit. Für keinen der Frondeure, die nun auf die Thronfolge hofften, fand sich eine Mehrheit.

Mit Erleichterung nahmen sie zur Kenntnis, daß sich Außenminister Willy Brandt erbot, seinen Staatssekretär Klaus Schütz für das Amt des Regierenden Bürgermeisters freizustellen. Mehr noch als Heinrich Albertz ist Klaus Schütz, 41, dem Parteichef verbunden: Er begleitete Brandts Nachkriegskarriere nahezu vom ersten Tag an auf Schritt und Tritt, organisierte für ihn alle Wahlkämpfe und folgte ihm schließlich ins Bonner AA.

Am Donnerstag vergangener Woche startete Schütz frühmorgens ins Urlaubsquartier Willy Brandts. Am frühen Nachmittag war er in Bonn zurück, versehen mit dem Segen seines Gönners. Schütz: "Wenn ich eine Mehrheit in der Partei finde, bin ich bereit." Und selbstbewußt wie selbstironisch: "Ich gebe zu, daß das Bonner Auswärtige Amt durch meinen Weggang einen riesigen Verlust erleiden würde."

Heinrich Albertz nahm an der Nachfolge-Debatte keinen Anteil mehr. Der "Pastor mit der Sehnsucht nach Preußen im Herzen" <"Der Abend") versah pflichtbewußt seinen Dienst. Öffentlichen Auftritten entzog er sich. Am Abend nach dem Rücktritt trank er daheim mit seiner Frau eine Flasche Wein. Einer Einladung des Schiller-Theaters folgte er nicht.

Auf dem Spielplan stand Samuel Becketts: "Endspiel".


DER SPIEGEL 41/1967
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