02.10.1967

ERZIEHUNG / FÜNFTAGE WOCHE

Kleine Experimente

Auf die Dauer", so sprach Hessens Kultusminister Ernst Schütte, "wird sich die Schule den Auswirkungen der beruflichen Fünftagewoche nicht entziehen können." Vorher freilich müsse experimentiert werden, "wo immer" das möglich sei.

Zehn Jahre lang wird schon experimentiert. Doch das Ergebnis ist mager geblieben: Nur 54 der 35 000 Schulen in der Bundesrepublik geben samstags frei; das stellte jetzt der Frankfurter Pädagoge Dr. Christoph Führ fest*.

Als schulfreie Samstage im Ausland -so in den USA, in Frankreich und England -- schon selbstverständlich waren, öffnete vor genau zehn Jahren, am 1. September 1957, in Kassel als erste Fünftage-Anstalt die Carl-Schomburg-Realschule ihre Tore.

Seither wird dort nach einem System unterrichtet, das der Kasseler Stadtschulrat Herbert Redl einführte. Um trotz der ausfallenden Sonnabend-Stunden die 411 Schüler nicht überfordern zu müssen und dennoch den Lehrplan erfüllen zu können, wurde der herkömmliche Vormittagsunterricht gedrittelt und über Morgen, Mittag und Nachmittag verteilt:

> Von 8 bis 12.45 Uhr wird Unterricht in 80 Minuten dauernden "Blockstunden" erteilt -- um Pausenzeit zu sparen und mehr Konzentration auf das jeweils behandelte Thema zu sichern.

* Christoph Führ: "Schulversuche 1965168". Verlag Julius Beltz, Weinheim; zwei Bände; 694 Seiten; 32 Mark.

> Von 12.45 bis 14.30 Uhr herrscht Mittagsfreizeit, in der die Schüler das von einer Großküche gelieferte Essen einnehmen und anschließend "zu einer sinnvollen Nutzung und Gestaltung ihrer Freizeit" (Schulordnung) angehalten werden: Sport, Spiele, Basteln, Lesen und Teilnahme an Hobby-Gruppen.

> Von 14.30 bis 16.00 Uhr erledigen die Schüler unter Aufsicht der Lehrer ihre Aufgaben, wobei sie sich gegenseitig helfen und die Klassenhandbücherei benutzen sollen. Andere Tagesheimschulen haben den Schultag anders eingeteilt. So werden in der "Schule am Altonaer Volkspark" in Hamburg die Aufgaben nicht, wie in Kassel, nach der Mittagsfreizeit, sondern in normalen Unterrichtsstunden erledigt.

Die Fachleute sind mit den pädagogischen Erfolgen an solchen Schulen zufrieden. Daß sich das gelobte Schulmodell dennoch nur wenig ausbreiten konnte (von den 54 Versuchsschulen sind nur 26 Tagesheimschulen), liegt an den höheren Kosten für zusätzliche Lehrer, Räume und Spielgeräte. So benötigt die Kasseler Schomburg-Schule 25 Prozent mehr Lehrer (22 statt 17) als eine Schule mit herkömmlichem Vormittagsunterricht. Ein Speisesaal mußte angebaut werden, und das Schulessen (für das die Kinder täglich je 1,20 Mark abliefern) schlägt für den Staat mit jährlich 46 800 Mark Zuschuß zu Buch.

Aber auch ohne diese Aufwendungen sollen Schüler in den Genuß von Fünftagewochen kommen können. Dazu erproben die Schulbehörden noch zwei andere Modelle:

> Schulen, bei denen der Unterricht größtenteils an fünf Vormittagen stattfindet und

* Oben: In der Carl-Schomburg-Schule beim Tischtennisspiel während der Mittagsfreizeit. Unten: In der "Schule am Altonaer Volkspark" beim Mittagessen.

nur die Oberstufe auch an ein oder zwei Nachmittagen erscheinen muß.

> Schulen, bei denen der gesamte Unterricht auf fünf Vormittage zusammengedrängt wird und die Nachmittage grundsätzlich frei sind, um Mehrbelastung durch doppelte Schulwege zu vermeiden.

28 dieser Schulen ohne Tagesheimbetrieb werden gegenwärtig in der Bundesrepublik für die Fünftagewoche getestet. Bis auf Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und das Saarland beteiligen sich alle Bundesländer an diesen kleinen Experimenten.

Die Experimente hatten kaum begonnen, da erwies sich bereits: Für das Gros der deutschen Elternschaft scheint der freie Sonnabend eher ein Greuel als eine Gelegenheit zu harmonischem Familienleben zu sein. Schon 1958 fanden Meinungsforscher heraus, daß nur ein Viertel der Bevölkerung die Einführung der Schul-Fünftagewoche guthieß. Über die Hälfte (54 Prozent) protestierte sogar gegen den freien Sonnabend. Begründung: Die Kinder würden

> zu wenig lernen,

> bei gleichem Lehrstoff in nur fünf Schultagen überanstrengt,

> das Übermaß an Freizeit nur zu Dummheiten mißbrauchen oder nutzlos zu Hause vertrödeln.

In dem Maße, in dem sich die Fünftage-Experimente in den Ländern ausbreiteten, wuchs auch die Unlust der Eltern, deren Kinder nicht an diesen Experimenten teilhatten, am verlängerten Wochenend-Idyll:

1964 sprachen sich schon 59 Prozent aller Gymnasiasten-Eltern dafür aus, die Kinder doch lieber samstags in der Schule zu lassen. Bei den Müttern war die Mehrheit, die den schulfreien Sonnabend eher fürchtet als erhofft, noch größer als bei den Vätern.

Und auch die Lehrer argumentieren fast immer gegen das neue Projekt. Schulrat Redl, der vor zehn Jahren die Neuerung einführte, meint einen Grund dafür zu wissen. Redl: "Sie verzichten ungern auf ihre freien Nachmittage, weil sie noch nicht wissen, wie schön ein freier Samstag ist."


DER SPIEGEL 41/1967
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