02.10.1967

„DIESER POLE STARB GELEGEN“

Der Dramatiker Rolf Hochhuth, 36, hatte in seinem Welterfolgs-Stück „Der Stellvertreter“ den Papst Pius XII. zum Mitschuldigen am jüdischen Martyrium unter Hitler werden lassen. In seinem zweiten Drama, „Soldaten“, das am Montag nächster Woche in der Berliner Freien Volksbühne Uraufführung hat und in England schon verboten ist, wird Premierminister Winston Churchill als Mitschuldiger am Tod des Generals Sikorski dargestellt. Sikorski, Ministerpräsident der polnischen Exilregierung, war aus bislang nicht geklärter Ursache am 4. Juli 1943 mit einem britischen Flugzeug bei Gibraltar abgestürzt. In einem Aufsatz für den SPIEGEL resümiert Hochhuth seine Sikorski-Forschungen. „Das habe ich getan“, sagt mein Gedächtnis; „das k a n n ich nicht getan haben“, sagt mein Stolz. Endlich gibt mein Gedächtnis nach. Nietzsche
Tragödien setzen bekanntlich voraus, erstens, daß jeder ihrer Kontrahenten recht hat; zweitens, daß er sein Recht nicht preisgeben kann. Der Konflikt ist nur gewaltsam zu beenden, einer der Rechtsinhaber muß zur Strecke gebracht werden -- nicht "verbessert", um eine Vokabel zu benutzen, die mehrfach in den Erörterungen zwischen Churchill und Stalin auftauchte, als diskutiert wurde, wie "Großbritannien, die UdSSR und die USA Maßnahmen zur Verbesserung der Zusammensetzung der gegenwärtigen polnischen (Exil-)Regierung" ergreifen könnten.
Zwei Monate nachdem dieser und deutlichere Sätze geschrieben waren, hatte der letzte der Flugzeugabstürze des polnischen Ministerpräsidenten Sikorski in Sondermaschinen von Whitehall eines der zwei Probleme beseitigt, an denen im Sommer 1943 die Große Koalition zu zerbrechen drohte, die Churchill zur Rettung der Zivilisation vor Hitler mühsam geschaffen hatte und mühsamer noch zusammenhielt: das Problem der polnischen Ostgrenzen und die von Stalin geforderte Invasion in Frankreich.
Im Dreiecksverhältnis Stalin -- Sikorski -- Churchill hatte zunächst jeder das Recht auf Anerkennung, daß er seinem Volk kein Opfer ersparte, um den deutschen Aggressor niederzuzwingen. Der hatte -- nachweisbar bereits im Frühjahr 1943 -- Verbrechen begangen, zu denen es in der überlieferten Geschichte Europas keine Parallele gab.
Drei Wochen vor Sikorskis Tod war ein Leutnant Karski, einer der Partisanen der von Sikorski mitgeschaffenen Warschauer Untergrundarmee, über Gibraltar nach Washington gelangt und von Roosevelt empfangen worden. Karski berichtete dem Präsidenten von Oswiecim (Auschwitz), Maidanek, Dachau, Oranienburg, Ravensbrück, Treblinka und Belzec.
Leutnant Karski sprach aber auch seine Gewißheit aus, er und seine Mitkämpfer würden "liquidiert", sobald die Rote Armee die Deutschen aus Polen verjagt habe. Denn keiner dieser Polen hegte Zweifel, daß der Täter von Katyn Stalin sei. Wenn hier dennoch von Stalins Rechten die Rede ist, so ist sein Anspruch auf jene russisch-zaristischen Territorien gemeint, die erst in den Kämpfen an der Weichsel 1920 von den Reitergeneralen Pilsudski und Sikorski den Russen abgekämpft worden waren.
Churchill hatte seit Herbst 1941 nie aufgehört -- aber er predigte vergebens -, den Polen in London verständlich zu machen, daß England nicht für Polens Grenzen, sondern für Polens Freiheit den Krieg an Deutschland erklärt habe. Und daß niemand "die Hunnen" aus Polen vertreiben könne außer der Roten Armee. Und daß die Rote Armee, die täglich zehntausend Mann opfere, nicht heimkehren könne, ohne für Rußland wenigstens Königsberg erobert und jene Landstriche wiedergewonnen zu haben, die ihm in seiner Wehrlosigkeit nach 1917 abgefetzt worden waren.
Sikorski jedoch beharrte in London darauf, sogar noch für ein freies Litauen eintreten zu müssen. Und er hatte zwei mächtige Verbündete: Roosevelt, der bis 1944 auf fast acht Millionen Wähler polnischer und baltischer Herkunft Rücksicht zu nehmen hatte; und Plus XII., der sich zur Stärkung der Londoner polnischen Regierung zum einzigen mutigen Schritt ermannte, den er während des ganzen Krieges getan hat: Er anerkannte die Regierung Sikorski. Und sie allein, keine andere Exilregierung. (General de Gaulle erreichte niemals die Anerkennung durch den Vatikan.)
Wenn es Churchilis entscheidende persönliche Leistung neben dem Sieg in der Battle of Britain war, die Große Koalition geschaffen zu haben und sie jahrelang zusammenzuhalten -- so war er gewiß der letzte, der dulden konnte, daß dieses Bündnis durch Sikorski zerrissen wurde.
Und diese Gefahr war da. Und sie wuchs parallel neben jener anderen zu einer Lawine an, die das Bündnis London-Moskau zu zermalmen drohte, bevor noch Hitler eingestampft war: Die Westmächte brachten die den Russen zugesagte Front in Frankreich nicht zustande.
Sikorski hatte sich bereits am 22. Juni 1941 bei Churchill beklagt, daß der Brite am selben Tag, an dem Hitler Rußland überfallen hatte in seiner bündnisschaffenden Rede, mit der er dem Kreml die Freundschaft Englands anbot, nicht als Bedingung dieser Freundschaft die Respektierung der Grenze des Friedens von Riga (18. 3. 1921) genannt hatte.
Churchill hatte nach seiner historischen Werbe-Rede um die Gunst des Kremls vielleicht zum erstenmal seit zwei fürchterlichen Kriegsjahren wieder unbeschwert atmen können -- es war instinktlos von Sikorski, bereits am selben Tag nach dieser Rede mit gänzlich irrealen Forderungen über Churchill herzufallen. Der konnte, da er Stalin noch lange nichts zu bieten hatte, diese polnische Forderung an den Kreml überhaupt nicht weitergeben.
Stalin war, sofern er die Front gegen Hitler hielt -- was freilich noch niemand voraussehen konnte --, in diesem Moment unfreiwillig als Retter auch Großbritanniens auf dem Kriegstheater erschienen; keineswegs aber Churchill als Retter Rußlands. Als in London Stalins Botschafter schon wenige Tage später eine sofortige Landung der Briten in Frankreich forderte -- mußte Churchill ihn vertrösten mit nichts als Worten.
Im September endlich bot er durch Lord Beaverbrook, den Roosevelts Sondergesandter Harriman begleitete, im Kreml Waffenlieferungen an. Harriman, nach Washington heimgekehrt, mußte dort dem Gesandten Sikorskis umständlich erklären, warum weder er noch der Brite für dieses Angebot von Kriegsmaterial Stalin die Respektierung der polnischen Ostgrenze hatte abfordern können. Denn Stalin hatte sie feindselig empfangen, da ihm britische Bemerkungen zugetragen worden waren, man solle doch gelassen abwarten, bis das deutsche Schwein und der russische Bär sich gegenseitig aufgefressen hätten.
Churchill hatte so zynisch nie kalkuliert. Er nannte es ehrenrührig, dem Kreml nicht beistehen zu können -- und er wußte, daß es hier um mehr ging als um Ehre: Bis zur Invasion in Frankreich, drei Jahre später, fürchteten Churchill und Eden nichts so sehr wie einen Separatfrieden der zu Tode ausgebluteten Russen mit den Deutschen. Allein Waffenlieferungen und die Anerkennung der 1919 als ethnographische Grenze ermittelten Curzon-Linie durch die Polen in London, so glaubten die Briten, könnten Stalin im Bündnis halten.
Sikorski begriff durchaus diese Angst der Engländer. Aber gerade deshalb mußte er Churchill schroff verweigern, dem Kreml territoriale Zugeständnisse zu machen: Sikorski selber war wie Zehntausende seiner Soldaten beheimatet in jener östlichen Hälfte seines Vaterlandes, die der Führer aller Deutschen 1939 durch seinen Lakai des Auswärtigen an Molotow hatte verschenken lassen. Sollte Sikorski noch während des Kriegs Land abtreten, ohne eine Garantie zu haben, daß Polen später durch deutsche Provinzen entschädigt werde?
Eine Tragödienkonstellation von klassischer Ausweglosigkeit. Je überzeugender die Briten Churchill, Eden und Halifax den Polen deutlich machten, Stalin könne durchaus -- wie Kutusow es 1812 gewollt hatte -- den Kampf abbrechen, sobald der Aggressor aus Rußland hinausgeworfen sei oder sich nach Absprache auf Polen zurückgezogen habe -- desto härter mußte Sikorski auf seinem Standpunkt beharren.
Zum Grenzkonflikt kam ein neuer. Am 15. Oktober 1941 bereits vermißte Sikorski etwa neuntausend Offiziere, die nachweislich nach der Zerreißung Polens zwischen Deutschen und Russen in russischen Lagern vegetiert hatten. Sikorski alarmierte Churchill.
Der konnte nicht helfen. Der konnte nur angstvoll beobachten, wie hier ein Kriegsbeil zum Vorschein kam, das sofort begraben werden mußte, wenn es nicht -- aufgegriffen von polnischer oder russischer Hand, und diese beiden Partner konnten es nicht einfach liegenlassen -- das mühsam geknüpfte Bündnis durchhacken sollte.
Sikorski wollte selbst im Kreml nach seinen Offizieren forschen und Stalin außerdem deutlich machen, daß er niemals die Curzon-Linie -- nicht einmal die! -- für Polen akzeptieren könne. Er startete am 30. Oktober, besichtigte den mittelmeerischen Kriegsschauplatz, landete am 2. Dezember in Moskau; es ist noch nicht völlig aufgehellt, ob bereits auf dieser ersten von vier Reisen, die der polnische Ministerpräsident bis zu seinem Tode noch in sogenannten VIPs -- das hieß: Very important person-Maschinen -- antreten sollte, der erste der vier Unfälle sich ereignet hat, die dem Polen hintereinander zustießen und ihn endlich von der Szene räumten.
VIP-Maschinen wurden von Whitehall gestellt und bemannt -- zum Beispiel kam Sikorski später in Edens Maschine um. Solche Flugzeuge, deren es nur wenige für wenige gab, wurden von ausgesuchtestem Personal unter strengster Bewachung bei größtmöglicher Geheimhaltung geflogen. Übrigens mit befriedigendem Ergebnis: Kein einziger prominenter Alliierter kam während des ganzen Zweiten Weltkrieges durch Flugzeugabsturz um, nur Sikorski.
Warum Sikorski als Oberkommandierender der polnischen Streitkräfte -- und Tausende von polnischen Piloten dienten in der RAF -- auf seinen vier Reisen in Sondermaschinen niemals polnische Besatzungen von Whitehall gestellt bekam, aber beispielsweise zu seinem Flug in den Tod als Pilot einen Tschechen: Das wurde gar nicht erst untersucht. Der Russe Maiski in England hatte in englischen Flugzeugen russische Besatzung ... obwohl er nicht wie Sikorski unter zehntausend fliegenden Landsleuten auf der Insel sich seine Piloten hätte auswählen können.
Sikorski drückte Stalin persönlich am 3. Dezember 1941 eine erste Liste mit viertausend Namen verschwundener Offiziere in die Hand. Stalin meinte, die seien womöglich in die Mandschurei entlaufen ... und er versprach, jeden russischen Lagerkommandanten zu "zerbrechen", der etwa aus Mangel an Holzfällern diese Offiziere noch zurückhalte.
Am nächsten Abend gab Stalin dem Polen ein Bankett. Er mochte Sikorski, den Soldaten und Demokraten, den einst Pilsudski in die Pariser Emigration abgeschoben hatte, so daß er für Polens militärischen Zusammenbruch 1939 keine Mithaftung trug; und Sikorski war von allen Londoner Polen noch bei weitem der russenfreundlichste -- allerdings auch der einzige namhafte. Als er tot war, gab es keine störende polnische Autorität mehr, niemand in der Welt kannte Sikorskis Nachfolger.
Stalin begann bald ohne Nachdruck ein freundliches Gespräch über Grenzen. "Schließlich sind die Änderungen, die ich vorschlagen möchte, sehr geringfügig ... Wirklich nur ein kleines "tschut, tschut', was in Rußland eine kaum wahrnehmbare Änderung bedeutet!"
Stalin sprach die Wahrheit -- aber Sikorski entgegnete brüsk, "es bestünde keine Veranlassung zur Diskussion einer Angelegenheit, die schon seit 1921 endgültig geregelt sei".
Als Sikorski in Downing Street von seiner Reise in den Kreml berichtete, Januar und März 1942, da muß Churchill zutiefst erschrocken gewesen sein, daß nicht er selber, sondern der Pole als erstes Staatsoberhaupt aus dem Westen im Kreml Besuch gemacht hatte. Welchen Eindruck mußte Stalin von seinen Waffenbrüdern in England erhalten haben! Stalin war der erste, der seit Churchills Sieg über Hitlers Flugzeuge 1940 "der teutonischen Bestie" einen furchtbaren Schlag versetzt hatte -- soeben, vor Moskau.
England kämpfte um fast nichts als seine Ernährung, die durch U-Boot-Rudel Monat für Monat geschmälert wurde; nicht einmal die Bomberoffensive hatte schon eingesetzt; die USA konnten wenig helfen, denn aus dem Pazifik gingen nichts als Katastrophenbotschaften ein -- man lebte im Westen von der Hoffnung auf Rußland! Dennoch warnte Sikorski vor dem "russischen Imperialismus und vor der Gefahr, Europa an den Kommunismus zu verlieren".
Wer immer Churchill verurteilen will, weil er die Polen "fallen" ließ, nie darf vergessen werden, daß ihm zu dieser Zeit -- und wie lange noch! -- Stalin als Kämpfer auch für Großbritannien unantastbar sein mußte.
Aber Sikorski schloß diese Unterhaltung mit einer unerhörten und charakteristischerweise von ihm selber gar nicht bemerkten Provokation der Briten. Er kündigte seinen Flug ins Weiße Haus an, um sich von Roosevelt garantieren zu lassen, was die Briten den Polen durchaus nicht zu garantieren schienen: den Russen im Krieg weder das Baltikum noch Bessarabien noch die Bukowina noch Diskussionen über polnisches Gebiet zuzugestehen.
Zehn Tage nach dieser Auseinandersetzung mit Churchill trat Sikorski seine drittletzte Reise aus Großbritannien an -- und er sollte noch viermal auf diesen drei Reisen "Zwischenfälle" erleben, bei denen entweder die Maschine in letzter Minute davor bewahrt wurde, in der Luft zu verbrennen (zweimal); oder bei denen sie tatsächlich zu Bruch ging (zweimal).
Als Sikorski aber diesmal lebend wiederkam, da bescherte er Churchill als Mitbringsel, was er versprochen hatte: die erste harte Auseinandersetzung im Krieg zwischen Downing Street und Weißem Haus. Denn Roosevelt untersagte den Briten, das Versprechen einzuhalten, das Eden bei seinem Winterbesuch im Kreml gemacht hatte -- den Sowjets nämlich den Besitz des Baltikums, Bessarabiens und der Bukowina zu garantieren.
Nun durfte ein Pole 1942 in London gewiß forsch auftreten. Jedoch einem Churchill ("Er stand außerhalb der Gesetze", bemerkte sein Leibarzt) die Hölle heiß gemacht zu haben: Das hätte jeden mit Entsetzen erfüllen sollen statt mit Genugtuung.
Und fürchtete Churchill auch kaum die Hölle: Blamiert hatten ihn die Polen! Denn Molotow wartete bereits in London auf Churchills versprochene Unterschrift -- die er jetzt in tiefster Verlegenheit den Russen abschlagen mußte. Abschlagen wie auch noch die zweite, schon ultimativ vorgetragene Bitte Molotows: noch in diesem Jahr 1942 in Frankreich eine Front zu errichten! Durfte Churchill zugunsten der irrealen und anmaßenden Forderungen Sikorskis -- denn mit welchem Recht machte der sich zum Sprecher des Baltikums und Bessarabiens? -, durfte Churchill zugunsten dieses Verbündeten, der ihm damals noch keine hunderttausend Soldaten stellen konnte, die Grenzrevision abschlagen? So kam es immerhin zu einer stillschweigenden Anerkennung der Annexionen, "indem der Vertrag jegliche Erwähnung der Nachkriegsgrenzen vermied".
Die Briten wahrten ihr Gesicht. Brooke, hinzugerufen, erinnert sich: "Offenbar war ich noch nicht genügend abgebrüht gegen die Unaufrichtigkeit von Erklärungen, die Staatsmänner ... bei solchen Gelegenheiten abgeben." Wie lange noch war das vor Sikorski zu verbergen? Aber Churchill handelte nur, wie er mußte. Denn inzwischen häuften sich die Katastrophen -- die überraschendste war der Verlust von Tobruk. "Weder Winston noch ich hatten an solch eine Möglichkeit gedacht, und so war es ein furchtbarer Schlag", schreibt Brooke. Und Churchill: "In Singapur hatten 85 000 Mann sich einer kleineren Anzahl Japaner ergeben, und jetzt legten in Tobruk ... 33 000 kampferfahrene Soldaten ihre Waffen vor einem vielleicht halb so starken Gegner nieder ... Ich versuchte gar nicht erst, mein Entsetzen vor dem Präsidenten zu verbergen ... Niederlage ist eines, Schande, ein anderes ...
Man denkt hier an das Wort aus Burckhardts Betrachtungen: "Schicksale von Völkern ... Richtungen von ganzen Zivilisationen können daran hängen, daß ein außerordentlicher Mensch gewisse Seelenspannungen und Anstrengungen ersten Ranges in gewissen Zeiten aushalten könne." Churchill war dieser Mann. Und keine Frage, daß auch ihm Burckhardt die "Dispensation von dem gewöhnlichen Sittengesetz" zuerkannt hätte, eine Nachsicht, die er etwa Richard 111. ausdrücklich verweigert, denn wenn der einen Mord beging, so war das nur eine Vereinfachung "seiner individuellen Situation". Churchill aber wurde, da sein Gegner der Installateur von Auschwitz war, zum Mann "nach dem Herzen Gottes ... welchem alle Ruchlosigkeit nachgesehen wird".
So wird auch Dresdens Wegbrennung ein familiär-deutscher Trauertag bleiben, bestenfalls -- die Welt, die Geschichte aber interessieren sich nicht im geringsten für die dort Eingeäscherten, Denn Churchill, der das anordnete, schaffte den Hitler von der Erde, und dies allein wird die Zukunft noch beschäftigen.
Churchill empfand die Tatsache, dem Kreml nichts bieten zu können als die wachsende Bomberoffensive, als so schwerwiegend, daß er sich entschloß, den Russen wenigstens zu zeigen, daß eine Landung in Frankreich undurchführbar sei. Montgomery sagte wie Brooke voraus, man werde bei Dieppe "dünkirched" werden. Tatsächlich verloren die Kanadier, die acht Stunden an Land blieben, drei Viertel ihrer Gesamtstärke. Der Kreml sah nun, daß er vorläufig auf Errichtung einer Front in Frankreich nicht hoffen könne; psychologisch war das Scheitern dieses von der Öffentlichkeit nicht als Experiment durchschauten Unternehmens ein brutaler Schlag -- aber das hinderte den Unglücksmenschen Sikorski keineswegs, bereits einen Tag nach Dieppe Herrn Eden aufzusuchen und sich über den gerade in Moskau weilenden Premierminister zu beschweren: Churchill habe "a great mistake" begangen, daß er im Kreml soeben versäumt habe, auf die Lebensinteressen Polens hinzuweisen.
Als Churchill wieder in London war, wenige Tage nur, erneuerte Sikorski seine Beschwerde bei ihm. Und erreichte immerhin, daß Churchill engeren Gedankenaustausch unter den alliierten Regierungen in London versprach. Das war nicht viel. Aber während der klassische Querulant unter den Emigranten, de Gaulle, nur Scherereien machte, doch zufriedenzustellen war, wenn man ihn als Reinkarnation der Jeanne d'Arc respektierte -- brachte Sikorski keine "Scherereien vor, sondern brachte schon damals geballt -- und ohne das vermeiden zu können! -- den ganzen Zündstoff mit, der später den Kalten Krieg auslöste und ernährte.
Und gerade weil Polen den Briten Soldaten von hoher Qualität stellte; weil Polen unter den Deutschen mehr gequält wurde als jedes andere Land Europas; weil es schon durch britische Garantie dazu gebracht worden war, Hitler jede Konzession zu verweigern; weil Sikorski so viel Bereitschaft zeigte, Stalin entgegenzukommen, daß ihm sein erster Außenminister weggelaufen war -- mit einem Wort: weil Sikorski recht hatte, war keine Aussicht, die zwei Probleme zu lösen, die er buchstäblich verkörperte.
Zweifellos sah Sikorski im Herbst 1942 voraus, daß die Briten gar nicht umhinkönnten, Stalin zu beschwichtigen, sobald ihm enthüllt werden müßte, daß die versprochene Invasion in Frankreich nun auch 1943 noch nicht stattfinden werde. Auf wessen Kosten aber war der Kreml zu beschwichtigen? Noch einmal wollte Sikorski Absicherung bei Roosevelt suchen -- aber damit wartete er mehr als ein halbes Jahr. Vielleicht auch deshalb, weil er nun die Flugzeuge mied, er sagte, er werde in einem umkommen -- aber erst später. Denn ihn befriedigte nicht, wie in diesen Monaten nach seiner Rückkehr aus Washington der Untersuchungsausschuß Duff Coopers, dem kein Pole angehörte, die Spinngeschichte überprüft hatte, die sich unterwegs nach Washington in der Maschine Sikorskis zugetragen hatte.
Tatsächlich eine Hintertreppen-Moritat, wie deren im "Hamlet" mehrere vorkommen. Kein Wunder, daß ernsthafte Leute denn auch sofort jenen polnischen Luftwaffenattaché, Wing Commander Kleczynski, wie in jenem Stück den Dänenprinzen als verrückt bezeichneten -- wenn auch keine Polen.
Der Reisebegleiter Sikorskis hatte behauptet, nachts über dem Atlantik durch den Geruch schon brennenden Gummis in seiner Matratze geweckt worden zu sein und in letzter Minute eine Brandgranate unschädlich gemacht zu haben, die sonst Sikorskis Flugzeug vernichtet hätte.
Zwar kann leider die Wahrheit dieser Angaben nicht bezweifelt werden -es sei denn, auch jener Priester habe gelogen, der als stellvertretender Informationsminister Sikorskis auf der gleichen Matratze schlief wie der Attaché, und der dem Chronisten dieser Reise, dem Adjutanten des Generalstabschefs, den Geruch brennenden Gummis bestätigte, der seinen Kameraden veranlaßt hatte, dieses Brandgerät mit einer Zelluloidhülle unschädlich zu machen. Amerikanische Experten, denen die Polen es bei ihrer Ankunft übergeben hatten, zeigten sich beeindruckt.
Zunächst beanstandeten die Engländer, daß die Polen den Amerikanern den Zünder gezeigt hatten, der ja nur ein britisches Standgerät war -- allerdings mit einem Zusatz, der es ohne Menschenhand zünden konnte -, wie es jeder britische Bomber auf Flügen nach Deutschland mitführte, damit bei Notlandungen die Maschine von der Besatzung binnen weniger Minuten vernichtet werden könnte. Der amerikanische Geheimdienst gab dann die Untersuchung an die "Zuständigen" ab -~ an die Engländer, nicht an die Polen, denn es war ja ein englisches Flugzeug, ein englischer Zünder, und die Engländer waren haftbar gewesen für die Sicherheit des polnischen Ministerpräsidenten.
Die Untersuchung zog sich lange hin, denn der Mann, den Sikorski immerhin für fähig gehalten hatte, die polnische Luftwaffe beim Weißen Haus zu vertreten, entpuppte sich in den Verhören durch den Intelligence Service -- bei denen ein Pole nicht zugegen war -- als ein Wirrkopf, Phantast und Morphinist.
Die Briten vermuteten gleich, der Pole selber habe, um sich wichtig zu machen, die Brandgranate in Sikorskis Flugzeug eingeschleppt -- und schließlich gab auch der Attaché das zu. Offenbar hatten die Luftkämpfe in der Battle of Britain, in denen dieser Pole dekoriert worden war, seinen Geist verwirrt -- obwohl seine Reisebegleiter empört waren über diese Version.
Duff Coopers Ausschuß nahm den Polen immer wieder ins Verhör, lange blieb er, obwohl "closely grilled", bei seinen Angaben, endlich aber schrieb er ein Geständnis in verwüsteter Handschrift -- der Historiker David Irving hat es gesehen, das Geständnis. Nicht aber gesehen, daß der Pole es selber geschrieben hat, das hat auch kein Pole gesehen. Duft Cooper aber konnte Sikorski nun mitteilen, die Untersuchung habe das ganze Malheur als gefährlichen Blödsinn entpuppt.
Aber Sikorski war wieder einmal unzufrieden, er kündigte eine Untersuchung durch Polen an, doch zu der konnte es nicht mehr kommen, denn derart närrisch war der Narr und Wing Commander, daß er vor Beginn dieser Untersuchung in Edinburgh auf der Straße totgefahren wurde.
David Irving, auf der Suche nach einem Titel für sein Buch über Sikorskis letzte Reisen, blätterte denn auch in jenem schon genannten Drama, das zwar nichts über Brand durch Kurzschluß enthält -- aber doch ebenso viele Hintertreppen-Zwischenfälle, die der Historiker nur gelten läßt als "untergeordnete Hervorbringungen, die kaum noch zur Literatur gehören", wie Ranke dubiose Quellen zur Ermordung Wallensteins bezeichnete: "Aber auch aus denen läßt sich zuweilen noch etwas lernen."
Irving fand dann auch tu der siebten Szene des vierten "Hamlet"-Akts die Aufforderung des Königs an Laertes, bevor der seine abgestumpfte Klinge mit einer spitzen vertauscht und diese noch vergiftet: "Call it accident." Irving ließ sich das gesagt sein, er nannte sein Buch: "Accident". Unfall. Schlegel war noch feiner als der König, er übersetzt: Zufall.
Nur widerwillig trat Sikorski am 29. November 1942 seine letzte Reise zu Roosevelt an -- den er aber doch noch lebend erreichte, obwohl diese Maschine, die "ihm von Churchill zur Verfügung gestellt worden ... und mit der während des Krieges üblichen Geheimhaltung umgeben war", beim Start nach der Zwischenlandung in Montreal "über einem Feld außerhalb des Flugplatzes abstürzte und zu Bruch ging". Die Briten schlossen Sabotage aus, denn ihre Sicherheitsbehörden waren haftbar gewesen -- vermutlich Vereisung. Aber Roosevelt erhielt sehr rasch von Sumner Welles die Bestätigung seines Verdachts, es sei ein Anschlag gewesen -- und endlich "stimmten auch die Briten zu: In der Tat hätten die Deutschen versucht, Sikorski umzubringen! Hitler muß also daran interessiert gewesen sein, den Mann zu töten, der wie kein anderer im Lager der Alliierten in seiner Person den Keil verkörperte, der das Bündnis Moskau -- London zu spalten drohte.
Sikorski sagte zu Roosevelt, sein vorgesehener Besuch bei Stalin habe Sinn nur dann, wenn er die "vorbehaltlose Unterstützung" des Präsidenten mitbringe. Das war viel verlangt. Roosevelt entgegnete, er dürfe diese Unterstützung nicht allzu klar formulieren, zum Beispiel könne er in einem Brief an Sikorski nicht den territorialen Besitz Polens garantieren. Sikorski begriff.
Der Schluß der Tragödie kommt so termingerecht, daß jeder Autor, der ihn für seinen fünften Akt ausdächte, einer plumpen Benutzung des deus ex machina angeklagt würde: Im April 1943 fanden sich viertausend ermordete Offiziere in Katyn, die Hälfte der vermißten. Goebbels posaunte die effektvollste seiner Propaganda-Nachrichten in die Welt, die auch das alliierte Lager aufs tiefste betroffen machte ... obwohl es In London Karikaturisten gab, die die Polen als Gerüchtemacher verspotteten. Fortsetzung im nächsten Heft

DER SPIEGEL 41/1967
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