01.05.1967

HANDEL BIERSchrott in Kisten

Für einen Kinderspielplatz in Willich bei Krefeld spendete Günther Dicker, Direktor der Hannen Brauerei. 10 000 Mark. Dafür darf er auf dem Kirmesplatz der Stadt neun Millionen leere Bierflaschen stapeln, die seine Firma nie mehr benutzen wird.
Auf Dickers Glashalde endet ein ehrwürdiges Symbol deutschen Bier-Brauchtums: das hohe, dickwandige Halbliter-Gemäß mit Bügelverschluß aus Draht, Gummi und Porzellan. Wie Rannen trennen sich die meisten nordrhein-westfälischen Brauereien jetzt in einer Großaktion für immer von der Traditionsflasche und führen einen Neuling ein: die Euroflasche.
Auf diesen Einheitstyp hatten sich Europas Brauerverbände geeinigt, aber die westdeutschen Firmen "mochten die Dinger zunächst gar nicht leiden"
Sie fassen, wie ihre Vorgänger, einen halben Liter Bier, aber sie sind niedriger, leichter und in der Anschaffung billiger (24 Mark je hundert Stück gegen 34 Mark). Statt in schweren Holzkisten, können sie in Kästen aus Kunststoff transportiert werden. Ein Kasten mit 20 gefüllten Euroflaschen ist fast um ein Fünftel leichter und nimmt ein Viertel weniger Lagerraum in Anspruch als eine herkömmliche Zwanziger-Kiste.
Die neue Flasche hat statt des Bügel-Stopfens einen Kronenkorken. Dadurch wird der maschinelle Verschluß beschleunigt, und beim Rücklauf der Flaschen fällt die Reinigung des Schließapparats weg.
Dennoch zögerten die Bierbrauer, die Euroflasche einzuführen. Der Grund: Demoskopen hatten überwältigende Anhänglichkeit der Kundschaft an die gewohnte Flasche gemeldet. Die Umfrage war von der Rheinische Nadelfabriken GmbH in Aachen in Auftrag gegeben worden, die ein blühendes Geschäft bedroht sah; fast 70 Prozent des westdeutschen Biers wird heute in Flaschen abgefüllt, und die meisten davon trugen bislang Bügelverschlüsse der Rheinischen Nadelfabriken.
Die Aachener brachten gegen das kronenverkorkte Bier eine "Arbeitsgemeinschaft Flaschenverschluß" auf die Beine, und auch der Gummikonzern Continental als Produzent der roten Dichtungsringe setzte sich zur Wehr. Auf Plakaten mit fröhlichen Bierzechern tat die Gemeinschaft kund: "Würzig frisch bis zum letzten Schluck ... Natürlich aus der Flasche mit dem Porzellan-Bügelverschluß."
Und gegen die Euroflasche: "Sie läßt sich nicht wieder verschließen." Oder: "Man muß immer einen Öffner haben."
Aber der Rationalisierungs-Drang der Industrie war schließlich stärker. Als erste fielen die Dortmunder Brauereien um. Sie beschlossen Ende letzten Jahres, zunächst zehn Prozent ihres Flaschenbestandes auf Europamaß umzustellen. Anders als die Umfrage erwarten ließ, wurden die neuen Bierbehälter sofort ein Publikumserfolg.
Bald bestanden Bierverleger und Lebensmittelhändler darauf, das Bier nur noch in Euroflaschen zu erhalten. Hannens Günther Dicker: "Die wollen das Alte nicht mehr. Lieber gehen sie zu anderen Lieferanten." Die "Brau-Nachrichten" meldeten: "Bei einigen Brauereien ... führte die neue Flasche sogar zu Umsatzsteigerungen."
Die meisten Firmen verkürzten ihre Zeitpläne für die Umstellung von vier bis fünf Jahren auf ebenso viele Monate. Auf Deutschlands größten Hersteller von Kronenkorken, die Frankenthaler Bender-Werke, ging mitten in der Konjunkturdürre ein Auftragsregen nieder. Die AG der Gerresheimer Glashüttenwerke, neben der Ruhrglas AG Hauptnutznießer des Euro-Booms, verkauft Flaschen "noch und noch". Die Göttinger Alexander Schoeller & Co. KG, führend in der Produktion von Kunststoffkästen mit monatlich bis zu 500 000 Stück, muß die Kundschaft auf acht Wochen Lieferfrist vertrösten.
Westdeutsche Großbrauereien sind schon weitgehend europäisiert: König in Duisburg zur Hälfte, die Dortmunder Actien-Brauerei zu 60 Prozent, die Essener Stern-Brauerei zu 75 und die Dortmunder Kronenburg-Brauerei zu 90 Prozent. Abgeschlossen ist die Umstellung bei der Brauerei Iserlohn und bei Hannen.
Rund 500 Millionen Flaschen alten Typs droht in Westdeutschland die Abwertung zu Glasschrott. Die Veteranen kosten im Ruhrgebiet heute nur noch Iso Mark je 20 Stück samt Holzkiste und finden kaum Käufer. Stoßseufzer eines Halden-Besitzers: "Man sollte sie in Entwicklungsländer exportieren."

DER SPIEGEL 19/1967
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HANDEL BIER:
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