01.05.1967

VALENTINGriaß Gott, Herr Hitler

Ich habe oft genug über Ihre Aussprüche herzlich gelacht", sprach Adolf Hitler im Jahre 1937 zum Münchner Volkskomiker Karl Valentin. "Über Eahnane Reden hob i noch nia behn kenna", replizierte der Grantler. "Und jetzt muß i leida gehn. Griaß Gott, Herr Hitler."
Der .50 gegrüßte Führer dämmte die Lachlust alsbald ein -- ein Gutteil der Filme, die Valentin nach seinen skurrilen, wortspielerischen Sketchen drehte, durfte nicht laufen. Und als Valentin am Rosenmontag 1948 gestorben war, galten die meisten seiner 43 Stumm-, Kurz- und Tonfilme als verschollen.
16 von ihnen kamen jetzt wieder ins Licht. Das Österreichische Filmmuseum in Wien, das im vergangenen Jahr schon die amerikanischen Marx Brothers in Erinnerung gebracht hatte, ließ eine erste Valentin-Sammelschau abrollen. "Sie wiegt", taxierte der Wiener Kritiker Fritz Walden, "allein ein Dutzend Filmfestivals auf."
Die Multiplikation ist technisch möglich. Denn wie die Wiener Marx-Brothers-Rückschau weckte der wiedergefundene Valentin das Interesse von Film-Verleihern und TV-Anstalten -- der "Linksdenker" (Kurt Tucholsky) soll weit verbreitet werden.
Das Ziel hatten sich auch die Filmmuseums-Kuratoren Peter Konlechner und Peter Kubelka gesetzt: "Wir wollen die Neubewertung des einzigen deutschen Filmkomikers ermöglichen, der sich mit den Größten dieser Kunst messen kann" -- mit Charlie Chaplin und den Marx Brothers.
Auf der Suche nach den verschollenen Spielen schweiften die Wiener bis Ost-Berlin und Moskau. In sowjetischen Filmarchiven fanden sie den 1913 gedrehten "Lustigen Vagabunden", aus DDR-Magazinen holten sie Valentins einzigen stummen Abendfüller "Der Sonderling" (1929).
Konlechners größter Fund: das Erstlingswerk "Karl Valentins Hochzeit" -- 1912 per Hand und ohne Kunstlicht in die Kamera gekurbelt. Valentin, in Röhrenhosen und Clownslatschen, wird darin von einer monumentalen Frauensperson (Darsteller: ein Mann) nach Slapstick-Art zum Altar gehetzt.
Schon in den technisch stümperhaften Anfangswerken überraschte den Kritiker Walden die "Hofbräuphilosophie des Absurden, verbunden mit einem Höchstmaß an schauspielerischer Präzision und Disziplin" -- Valentin hatte zehn Jahre Bühnenpraxis, als er 1912, damals 30, die erste Münchner Filmfirma gründete.
Aber bevor er die Bretter betrat, mußte er sie hobeln. "Nachdem ich bei verschiedenen Münchner Schreinermeistern Gastspiele gegeben hatte", berichtet Valentin, "entwendete ich bei dem letzten Meister einen Nagel, schlug ihn in die Wand und hing an demselben das goldene Handwerk der Schreiner für immer auf."
Der Paradebayer -- sein Vater war Hesse, seine Mutter Sächsin -- versuchte sich zunächst als Musik-Clown: Er schreinerte ein gewaltiges "Orchestrion" aus 20 Musikinstrumenten, die er dank sinnreicher Vorrichtungen zur gleichen Zeit spielen konnte.
Aber das Multi-Instrument brachte dem Erfinder kein Glück. Er zerhackte das Gerät "in einem Anfall von Löwenbräubierriesenrausch".
Anfang der zwanziger Jahre hatte der "zaundürre, lange Geselle mit den staksigen, spitzen Don-Quichotte-Beinen" (Tucholsky) dann geradezu legendären Ruhm. Deutschlands Intellektuelle saßen in den Bierschenken, in denen er auftrat, und beobachteten sein "bösartiges und verdrossenes" Spiel -- so Bertolt Brecht.
In den 436 verqueren Grotesken, die Valentin allmählich zusammenschrieb, rang er hartnäckig mit Kragenknöpfen, Begriffen und Münchnern, und die vertrackte Dialektik seiner Sketche kam schließlich zu weitreichender Wirkung: Brecht nannte Chaplin und Valentin die Künstler, die ihm beim Stückeschreiben Lehrer waren.
In den besten Kurzspielen ließ sich Valentin abfilmen. Ende der dreißiger Jahre belegte die Reichsfilmprüfstelle dann Valentin-Produkte mit Verboten -- seine Absurd-Komik gemahnte zu stark an die jüdischen Marx Brothers.
Der Sinnierer spielte im kleinen Kreise weiter. Als US-Bombenflugzeuge einmal nicht zur gewohnten Stunde über München erschienen, blickte er sorgenvoll auf die Uhr und murmelte: "Es wird ihnen doch nichts zugestoßen sein?" Und als er öfter nach "Heil" stockte, erklärte er: "Ich kann mir den Namen nicht merken."

DER SPIEGEL 19/1967
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