20.03.2006

IRAKGeteiltes Bagdad

Während bei Samarra irakische und US-Truppen Donnerstag vergangener Woche eine Offensive gegen sunnitische Aufständische starteten, zeichnen sich in Bagdad selbst immer deutlicher die Frontlinien eines konfessionellen Bürgerkriegs ab. An den gegenüberliegenden Ufern des Tigris haben sich zwei gegnerische Einflusssphären herausgebildet: Russafa, der zunehmend von Schiiten kontrollierte Ostteil der Hauptstadt, und Karch, der überwiegend von Sunniten besiedelte Westen. Gleichzeitig schwillt auf beiden Seiten der Exodus der jeweiligen Minderheiten an, die vor grausamen Übergriffen fliehen.
Seit der Invasion des Irak konzentrierte sich der sunnitische Widerstand in Stadtteilen, die traditionell von besonders loyalen Anhängern des gestürzten Regimes bewohnt werden: in Ghasalija, das Saddam Hussein in den siebziger Jahren für Beamte des Präsidentenpalasts angelegt hatte, in Amirija, dem Viertel der Armeeoffiziere und Gemeindebediensteten, und in Dschihad,
wo sich viele Geheimdienstler und Diplomaten niedergelassen haben. Diese Viertel im Westen der Hauptstadt seien eine "strategische Basis" für Widerstand und Terror, so ein Anwohner: "Die Kämpfer genießen hier die Unterstützung der lokalen Bevölkerung, und sie haben kurze Fluchtwege Richtung Abu Ghureib und Falludscha" - Hochburgen des Widerstands im angrenzenden Sunnitendreieck.
Das Zentrum des schiitischen Widerstands, der vor allem von der Mahdi-Armee des radikalen Predigers Muktada al-Sadr getragen wird, liegt im Osten der Hauptstadt, in der nach Muktadas Vater benannten Madinat al-Sadr. Dort operieren schiitische Milizen, sie weiten mit jeder Woche ihren Einfluss aus. "Wir verbringen im Augenblick viel Zeit mit dem Studium von Landkarten", berichtet der schiitische Parlamentarier Abbas al-Bajati aus den langwierigen Beratungen zur Regierungsbildung. Dort geht es inzwischen auch um Territorialdispute jenseits der Hauptstadt: Falls die Kurden im Nordirak auf Übernahme der Ölstadt Kirkuk beharren, überlegen die Schiiten, die Städte Samarra und Balad in eine neu zu schaffende Provinz Ost-Bagdad zu integrieren - die dann unter schiitische Kontrolle fiele.
Anders als die libanesische Hauptstadt Beirut, die über 15 Jahre Schauplatz eines Bürgerkriegs war, hat Bagdad kaum Viertel, die ethnisch oder konfessionell homogen sind. Der Großteil des Stadtgebiets ist gemischt besiedelt; an beiden Tigris-Ufern gibt es Exklaven der jeweils anderen Glaubensrichtung. Eine konfessionelle "Säuberung" hätte die Vertreibung von Millionen zur Folge - oder ein blutiges Patt, wie es sich im südlichen Stadtteil Daura abzeichnet: Dort kontrolliert die Mahdi-Armee mehrere schiitische Straßenzüge, während aus dem Umland immer wieder sunnitische Aufständische einsickern. Gemeinsam terrorisieren sie die Reste der christlichen Minderheit in Daura.
Ob die "Operation Schwärmer", ein Luft- und Infanterie-Angriff auf Terrorbasen, die Lage entscheidend verbessern wird, bleibt offen. Washington selbst scheint an eine nachhaltige Befriedung des Sunnitendreiecks nicht mehr zu glauben. Aus Sorge vor ferngezündeten Bomben plant das Pentagon inzwischen den Bau von Umgehungsstraßen, die US-Militärkonvois die Durchquerung der besonders gefährlichen Städte ersparen sollen. Durchschnittlich 40 US-Soldaten fallen jeden Monat den versteckten Sprengsätzen zum Opfer. Die Armee hat den Kongress um 167 Millionen Dollar Straßenbaugeld ersucht - Teil eines 3,3 Milliarden Dollar schweren Pakets, das die Gefahr der mit Infrarot- und Mobilfunksignalen gezündeten Bomben reduzieren soll.

DER SPIEGEL 12/2006
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