20.03.2006

WOHLTÄTIGKEITDas Gewissen der Welt

Die Superreichen sind spendenfreudiger denn je. Wo Regierungen nicht mehr helfen können oder wollen, engagieren sich karitative Stiftungen. Das lindert vielerorts die ärgste Not - auch wenn die Motive der Spender oft eigennützig sind.
Wenn Paul Hewson bei den reichsten Menschen der Welt vorbeischneit, bei Bill und Melinda Gates, dann weiten sich die Horizonte. In entspannter Atmosphäre streift das Gespräch bald dieses Thema und bald jenes. "Wir lassen nichts aus", verrät Hewson, "von Stand-up-Comedy bis zur Quantenphysik."
Vielseitig interessierte Leute plaudern da in Gates' Hightech-Villa in Seattle. Der Microsoft-Mogul und seine Frau bewirten einen Gast, dessen Künstlername doppeltes Programm ist: Bono Vox, die Stimme von U2 und zugleich das Gute in Person. Pop-Idol und Samariter.
Das Trio hat Gemeinsamkeiten: die Herkunft aus dem Bürgermilieu und einen irrwitzigen Aufstieg in die sonnigen Gefilde der Sorglosigkeit, Geld im Überfluss und den Willen, sich für gescheite Zwecke einzusetzen. Schließlich hat man, in der Lebensmitte stehend, begriffen, dass Erfolg und Ruhm auch verpflichten können.
Bono, mit rosa Designerbrille und Cowboyhut, dreht deshalb das ganz große Rad. Er kontaktiert Regenten und Präsidenten, am liebsten gleich Angela Merkel oder George W. Bush, und wirbt für mehr Gerechtigkeit und Spenden. Für Afrika und alle anderen Gegenden, wo die Straßen keine Namen haben. Bei seinem ersten Besuch in Washington fragte er unverblümt: "Wer ist hier der Elvis? Mit wem muss ich sprechen, um die Welt zu ändern?"
Seither hat Bono ein Netzwerk der Bonhomie geknüpft, an dem viele Künstler seiner Generation mitwirken. Seine Agentur namens Data koordiniert die Aktivitäten und arbeitet mit Lobbyisten zusammen, sogar US-Senatoren lassen sich einspannen. Sie alle versuchen, Entscheidungsträger zu beeinflussen, und die Politik- und Wirtschaftsbosse verschmähen zumindest nicht die gemeinsamen Fototermine. Um in diesen Kreisen besser argumentieren zu können, hat der extrovertierte irische Sänger sich eigens schulen lassen von Jeffrey Sachs, Ökonomieprofessor an der Columbia-Universität und Autor des Bestsellers "Das Ende der Armut".
Und so düst er als Anwalt der Schwächsten und der Ärmsten zu G-8-Gipfeln nach Gleneagles, wo er Oscar-Preisträger George Clooney an seiner Seite weiß, oder nach Davos (und nicht etwa zum alternativen Weltsozialforum nach Caracas, denn ihn zieht es zu den wirklich Wichtigen). Im Schweizer Kurort warb Bono im Januar für das Konzept "Red", bei dem Firmen einen Teil ihrer Erlöse einem humanitären Fonds überweisen. Ende Februar tauchte der Grammy-Gewinner in Chile auf, ließ sich vom scheidenden Präsidenten Ricardo Lagos mit dem Pablo-Neruda-Orden für Menschenrechte schmücken und rockte vor 75 000 Fans, dass Santiagos Nationalstadion wackelte.
Auch das Ehepaar Gates fehlte nicht in Davos. Zuvor hatte es Südasien besucht, im Bombardier-Privatjet, um zu sehen, wo seine Spenden nutzbringend angelegt werden
könnten - und natürlich auch, um Geschäftskontakte zu intensivieren.
"Sehr beeindruckend", murmelte der hagere Software-Unternehmer etwas linkisch, als er in Neu-Delhi einer vierköpfigen Familie vorgestellt wurde und erfuhr, dass sie für ihre fensterlose Kammer 13 Dollar Monatsmiete bezahlt. In Bangladesch besuchten die Gates Krankenhäuser, fütterten für die Kameras bettlägerige Kinder und ließen sich von Hausfrauen über ein bewährtes Kleinkreditprogramm für Existenzgründerinnen informieren.
Die immer stärkere Präsenz privater Wohltäter, vor allem aus den USA, rückt verstärkt jenes globale Elend ins Bewusstsein, um das sich viele Staaten kaum noch kümmern wollen oder können. Denn Bedürftige gibt es auf der Welt mindestens zwei Milliarden, knapp ein Drittel der Weltbevölkerung, das von zwei Dollar am Tag oder weniger leben muss und vom westlichen Lebensstandard nicht einmal zu träumen wagt.
Solchen unverschuldet Unglücklichen widmen sich die "Charity"-Aktivitäten der Megareichen, Programme jenseits offizieller Entwicklungshilfe; und dass die Spender damit auch Werbung in eigener Sache machen, ist ein wesentlicher Antrieb. Öffentlicher Edelmut, das wissen sie nur zu gut, nutzt beiden Seiten.
Bill und Melinda Gates finanzieren seit sechs Jahren - zuvor hatte Microsoft wegen eines Kartellverfahrens erhebliche Imageprobleme - die größte Stiftung aller Zeiten. Sie wird mit demnächst knapp 32 Milliarden Dollar ausgestattet, über der Hälfte ihres auf 50 Milliarden geschätzten Vermögens. Heute setzen sich die 263 Mitarbeiter der Gates Foundation für Bildungs- und Gesundheitsprogramme ein. Schwerpunkte sind Malaria-, Tuberkulose- und Aids-Bekämpfung, sie unterstützen andere wohltätige Organisationen, Büchereien und Wissenschaftler.
Das Carter Center des früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, das unter anderem den parasitären Guineawurm auszurotten versucht, erhielt 25 Millionen Dollar. Der Globalen Allianz für Impfstoffe und Immunisierung, einem Uno-Projekt, wurden 750 Millionen für die nächsten zehn Jahre versprochen. 900 Millionen sollen im selben Zeitraum für die Tuberkulose-Bekämpfung lockergemacht werden.
Insgesamt investierte die Gates Foundation bislang 6 Milliarden Dollar allein für Gesundheitszwecke. Ihr Gesamtetat für 2004 erreichte 3,35 Milliarden und übertraf beispielsweise den Haushalt von Mali oder Haiti bei weitem. Verständlich, dass das Ehepaar Gates gemeinsam mit Bono vom Magazin "Time" zu "Personen des Jahres" 2005 erklärt wurde: Superreiche, die mit ihrem Vermögen auch soziale Lenkfunktionen ausüben, sowie Showstars als unermüdliche Herolde und Geldeintreiber sind das tätige Gewissen dieser Welt.
Schon ist die Rede von einem "Bono-Effekt", auch wenn der schwer zu bemessen ist. Im Mutterland der modernen Philanthropie, den USA, wurde 2004 fast eine Viertelbillion Dollar gespendet, der Löwenanteil übrigens von ganz normalen Bürgern. Zwei Drittel aller Amerikaner eifern der freigebigen Elite nach, die mit Stiftungen gezielt ihr Image oder das der Firma aufpoliert.
Tue Gutes und rede darüber: Der Staat, der sein Sozialwesen beharrlich verschlankt, verzichtete 2004 auf 40 Milliarden Steuerdollar, und dennoch rechnete es sich für ihn. Gespendet wurde nämlich allein von Privatleuten mehr als das Vierfache, an der besonders generösen Westküste umgerechnet 2252 Dollar pro Kopf.
Gates' Vorbild ist der 1937 mit 97 Jahren verstorbene Öl-Krösus John D. Rockefeller. Dieser als "Raubritter" geltende Paradeunternehmer investierte 450 Millionen Dollar in seine Rockefeller Foundation - nicht zuletzt aus Eitelkeit. Er wollte den aus Schottland stammenden Stahlbaron Andrew Carnegie übertrumpfen, der immerhin 350 Millionen abgezweigt hatte und die Meinung vertrat: "Wer reich stirbt, stirbt in Schande." Auch inflationsbereinigt liegt Bill Gates längst vor den beiden.
Die 1936 mit mageren 25 000 Dollar gestartete Stiftung von Henry Ford verwaltet mittlerweile elf Milliarden Dollar. Fünf Milliarden sind es im Fall des Versicherungsunternehmers John D. MacArthur. Noch die Nummer zehn unter den aktuellen Gutmenschen, der New Yorker Medienunternehmer und Bürgermeister Michael Bloomberg, machte 138 Millionen Dollar allein im Jahr 2004 locker.
Auch viele jüngere IT-Großverdiener geben sich neuerdings sozial. Die Stiftung des 41-jährigen PC-Fabrikanten Michael Dell gehört mit rund einer Milliarde Dollar schon zu den führenden der USA. Gleich mit fünf Milliarden wollen sich Intel-Mitbegründer Gordon Moore und Frau Betty profilieren. Börsianer wundern sich, denn das Wirtschaftsblatt "Forbes" schätzt beider Vermögen lediglich auf 3,7 Milliarden.
Gates am nächsten kommt das Spekulanten-Ehepaar Buffett. Warren Buffett, zweitreichster Mensch der Welt, will sogar fast sein gesamtes Kapital von derzeit 42 Milliarden für humanitäre Zwecke einsetzen - allerdings erst nach seinem Tode.
Seit die letzte Börsenkrise überwunden ist, hat das Spendenvolumen ein nie dagewesenes Niveau erreicht, auch infolge des Tsunami und des Wirbelsturms "Katrina". Mögen bei den Stiftungen die Steuervorteile eine vorrangige Rolle spielen - Nutzen und Notwendigkeit der milden Gaben werden kaum bestritten.
Im Gegenteil: Vor allem Dritte-Welt-Staaten sind auf fremdfinanzierte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) geradezu angewiesen. Die Weltbank hält sogar das Ende staatlicher Entwicklungshilfe bis 2030 für denkbar: Agenturen könnten die privaten Gelder projektbezogen bündeln, und weil die Wirtschaft ohnehin mehr vom Controlling versteht, wäre auch die Hoffnung begründet, dass die schlimmsten Korruptionssümpfe austrocknen.
Jedes Empfängerland müsste den Gebern eine präzise Verwendungsstrategie vorlegen, die dann akzeptiert würde oder nicht. Die Nehmer würden auf diese Weise stärker in die Pflicht genommen.
Schon heute verfügen die meisten Stiftungen über ein Aufsichtssystem, das den möglichst direkten, zweckgebundenen Einsatz der Zuwendungen ständig überprüft. Und, typisch Kapitalismus, das Prüfen selbst erweist sich als rentable Sache, zum Beispiel für die Schweizer Société Générale des Surveillance, die gegen Honorar alle möglichen Schwachstellen von Stiftungsaktivitäten abklopft. Sie hat rund 80 Kriterien entwickelt, schaut gierigen Zöllnern auf die Finger oder passt auf, dass dem NGO-Personal im Lande das Geld nicht durch die Finger rinnt.
Das offenkundige Eigeninteresse der reichen Philanthropen wird häufig gleichwohl als Makel betrachtet, zumal manche Hilfsversprechen nebulös bleiben oder gar nicht eingelöst werden. "Da weht leider zu viel Zeitgeist oder auch Heuchelei", sagt etwa Nestlé-Ehrenpräsident Helmut Maucher, 78, der lieber altes Unternehmerethos predigt: "Sozial handelt ein Manager vor allem, wenn er in seine Mitarbeiter investiert, in Aus- und Weiterbildung, in Forschung und Entwicklung, in die Märkte."
Andere Skeptiker sprechen von Ablass-Kapitalismus, vom durchsichtigen Versuch, mit politisch korrekter Attitüde Konkurrenzvorteile zu erzielen. Mit solchen Vorwürfen müssen Philanthropen leben - auch Jeffrey Skoll, 41, einer der beiden Ebay-Erfinder, der sich schon 1998 ins Retiro zurückgezogen hat und sich ausschließlich um karitative Unternehmensinitiativen in aller Welt kümmert.
Denn was ist falsch daran, zu spenden, ohne gleich Selbstaufopferung zu betreiben? Warum sollte Wohltätigkeit nicht auch dem Geber nützen? Wieso sollte Glamour automatisch unglaubwürdig machen?
Wenn sich die Oscar-Preisträgerin Angelina Jolie telegen mit Erdbebenopfern in Kaschmir zeigt, dann mag die Stippvisite befremdlich kontrastieren mit dem Tratsch über ihre Achterbahn-Beziehung zu Brad Pitt. Dennoch erzeugt der Auftritt Wirkung: Nachdem Jolie im Manhattan's Supper Club über Sierra Leone referiert hatte, wurde frohgemut getafelt - aber auch für Westafrika gesammelt.
Zehn Gebote für ökologisch und sozial orientierte Unternehmen hatte Uno-Generalsekretär Kofi Annan 1999 in Davos postuliert. Diese als Global Compact bekannten Prinzipien passen auf ein simples Faltblatt. Mehr als 2000 Firmen sind bisher die Selbstverpflichtung eingegangen und dürfen sich nun mit einem werbewirksamen Uno-Logo schmücken.
Gründliche Kontrollen gebe es nicht, bemängelt zwar die Berliner Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG. Doch dass die Hilfe der privaten Spender dringend benötigt wird, bestreitet niemand ernsthaft. Dass sie kein Allheilmittel ist, weil sie die komplexen Ursachen der Armut nicht beseitigt, ist ebenfalls offensichtlich. Und dass ausgerechnet reiche Wohltäter nur zu gern die Dritte Welt als billige Produktionsstätte ausbeuten - das gehört zu den Widersprüchen, die kein Stiftungswesen auflösen kann. RÜDIGER FALKSOHN
Von Rüdiger Falksohn

DER SPIEGEL 12/2006
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