20.03.2006

TIERESerengeti in Sibirien

Vor mehr als 10 000 Jahren jagte der Mensch die großen Säugetiere bis zur Ausrottung. Jetzt wollen Forscher die verlorene Welt wiederauferstehen lassen: in riesigen Eiszeit-Parks.
Waren die Indianer schuld? Erst als das letzte Mammut zu Boden krachte, das letzte Flusspferd verendete und das letzte Riesenfaultier fiel, haben sie offenbar gemerkt, dass sie statt solch großer Beute mehr Kaninchen und Hühnervögel hätten essen sollen.
Die steinzeitlichen Ahnen der Sioux, Apachen oder Cherokee, so haben Wissenschaftler herausgefunden, waren keineswegs jene edlen Geschöpfe, Kinder der Natur, die bis zur Ankunft des Weißen Mannes in tiefem Einklang lebten mit Himmel und Erde. Vielmehr sollen die Indianer-Vorfahren als wahre Ökoterroristen vor mehr als 10 000 Jahren durch gnadenlose Jagd die Ausrottung der Großsäuger betrieben haben - es war das größte Säugetiersterben der Erdgeschichte.
Tatsache ist, dass die meisten vierbeinigen Pelzriesen in der Zeit von vor 50 000 bis vor 10 000 Jahren vom Erdboden verschwanden. Und zwar nicht nur in Amerika - auch in Europa, Asien und Australien blieb am Ende des Pleistozäns nicht viel übrig, was sich als Großsäuger bezeichnen ließe. In Nordeuropa hielten beispielsweise Elch und Braunbär durch; auf der gottverlassenen Wrangel-Insel in der Ostsibirischen See stapfte das Mammut noch ein Weilchen durch die Tundra.
In der Eiszeit war, was heute Deutschland heißt, Kältesteppe; das Revier etwa des Riesenhirschs, dessen Geweih sich von Spitze zu Spitze über 3,60 Meter spannte - die Länge eines Fiat Panda. Wildpferdherden zogen durch die Weiten, gejagt vom Säbelzahntiger, von grizzlygroßen Bären und dem Höhlenlöwen, dessen Schulterhöhe an die des Menschen reichte.
Im Morast sumpfiger Wälder wühlten giraffenhohe Hauerelefanten, Rüsseltiere, deren 1,30 Meter lange Zähne sich vom Unterkiefer aus nach unten bogen. Und weit im Osten des Kontinents drohte das Rhinozeros Elasmotherium, sechs Meter lang und zwei Meter hoch, mit seinem ebenso langen Horn auf dem mächtigen Schädel.
Heute lassen sich nur noch die Skelette der bizarren Eiszeit-Kreaturen bestaunen - im Naturkundemuseum.
Nach wie vor gilt das Sterben der sogenannten Megafauna als eines der großen Mysterien der Wissenschaft. Einige Forscher glauben, dass ein radikaler Klimaumschwung die Tiere getötet habe. Die beginnende Warmzeit, meinen sie, veränderte sämtliche Lebensbedingungen, alle Biotope - vor allem die Vegetation und damit die Nahrung der großen Pflanzenfresser. Konnten sich die Großsäuger nicht rasch genug anpassen an den Wandel ihrer kalten, trockenen Steppen zu wärmeren Wäldern, feuchterer Tundra? Aber warum haben sie dann über Hunderttausende Jahre hinweg ähnliche Klimawechsel von Kalt- zu Warmzeiten so gut überstanden?
Vieles spricht deshalb dafür, dass das Raubtier Mensch die Großsäuger ausrottete. Vor 50 000 Jahren war der Homo sapiens dabei, sich von Afrika aus über den Erdball zu verteilen, zunächst Richtung Europa und Asien, später von dort nach Amerika. Wo er auch auftauchte - es raffte die Großsäuger dahin.
Der amerikanische Paläoökologe Paul Martin war einer der ersten Forscher, der vermutete, dass der frühe Mensch die großen Tiere ausgelöscht hat, und daraus die "Blitzkrieg"-Hypothese formulierte. Jetzt hat der Biologe den aktuellen Wissensstand zum Overkill der Megafauna in einem Buch zusammengefasst*: "So gut wie jedes Aussterben von Wildtieren in den letzten 50 000 Jahren", so Martins Fazit, "ist verursacht vom Menschen."
Ob es am Menschen lag oder am Klima, ist letztlich schwer zu entscheiden - es gibt ja nur Knochen, Haare, Zähne. Was sich aus jenen Überbleibseln lesen lässt, verrät wenig über die Ursachen des Mega-Exitus.
Jetzt hat sich ein russischer Ökologe darangemacht, die Blitzkrieg-Hypothese zu beweisen - und nebenbei die letzten überlebenden Großsäugetiere des Nordens zu retten: in einem gigantischen Feldversuch. Sergej Simow von der Russischen Akademie der Wissenschaften, Direktor der Nordöstlichen Wissenschaftlichen Station, ist dabei, am Ende der Welt einen Eiszeit-Park zu errichten - eine Art Serengeti auf Sibirisch.
Dort, zwischen Wiesen, Wäldchen und Weidenwildnis der Republik Sacha, des ehemaligen Jakutien, sollen die letzten Vertreter der Megafauna zeigen, dass nicht der Klimawandel ihren ausgestorbenen Verwandten die Lebensgrundlage nahm.
Denn Simow glaubt nicht an die Formel: Es wurde wärmer - Wald überwucherte das lebensnotwendige Grasland - Großsäuger starben aus. Es lief ganz anders ab, davon ist der Forscher überzeugt: Der Mensch löschte die Pflanzenfresser aus, zurück blieb eine verwaiste "Mam-
mutsteppe", wie Simow die verlorene Wildnis von einst nennt. Sich selbst überlassen, nicht mehr in großem Maßstab beweidet, überzog sich das Grünland erst dann mit den Büschen, dem Moos und den Bäumen, die sich bis heute dort finden.
Mit dem Eiszeit-Park spielt Simow nun die Geschichte nach, wie sie ohne die Ankunft des Menschen, nur mit wärmerem Klima gelaufen wäre. Dazu lässt er die Tiere - wie vor Urzeiten - unbehelligt in riesigen Herden das offene Grünland abfressen, zertrampeln und düngen. Seine Hypothese: Allein durch ihr Dasein erhalten die großen Vegetarier die Steppe als Steppe - und sichern damit ihr Überleben, völlig unabhängig vom Klima.
Schon ziehen ein paar Elche und dickbepelzte jakutische Wildpferde durch die einsame Eiszeit-Arche. Noch umfasst ihr Revier nur 50 eingefriedete Hektar. "Das lässt sich schwerlich Ökosystem nennen", gibt Simow zu. Aber im Frühling wollen er und seine Mitarbeiter 1600 Hektar fertig umzäunt haben - eine Fläche, groß wie der bayerische Walchensee.
Darauf könnten sich 300 bis 400 Weidegänger und Laubfresser tummeln: Pferde, Elche, Rentiere und Moschusochsen, die einzig überlebende Art von einst mehreren nahverwandten Hornträger-Spezies. Vor allem will Simow einige der in Kanada lebenden und als bedroht geltenden Waldbisons importieren.
Bis auf 75 000 Hektar möchte er den sibirischen Urpark erweitern - der wäre dann so groß wie das pazifische Königreich Tonga. Irgendwann, wenn so viele wilde Gäule durch die Steppen galoppieren, dass ihre Hufe den Permafrostboden zum Zittern bringen, dürfen dann auch Wölfe und Bären, Luchse und Vielfraße die Fohlen und Elchkälber jagen. Noch später soll der Park gar Sibirische Tiger aufnehmen, die nächsten Verwandten des ausgestorbenen Höhlenlöwen.
Simow ist nicht der Einzige, der den ökologischen Nutzen der großen Säuger testet. Das niederländische Landwirtschafts- und Naturschutzministerium hat Oostvaardersplassen, die Marsch nordöstlich Amsterdams, den wilden Weidetieren zurückgegeben. Hunderte kleiner Konik-Pferde, im Verein mit Rotwild und einer ursprünglichen Rinderart, haben hinter den Deichen bereits per Pflanzenfraß ein artenreiches Biotop aus Wäldchen und offenem Grünland geschaffen.
"Was wir brauchen", meint auch Paläoökologe Martin, "sind Orte, an denen wir versuchen, einen Teil der Natur wiederherzustellen, wie sie vor der Einwirkung des Menschen war." Und so streitet mit ihm eine ganze Truppe von US-Forschern dafür, auch die weiten Prärien des Mittleren Westens in ein Eiszeit-Surrogat zu verwandeln. "Wiederauferstehungsökologie" nennt Martin das Konzept.
Spitz- und Breitmaulnashörner Afrikas will der Wissenschaftler nach Amerika holen; auch Kamele, Großantilopen und natürlich jede Menge Pferde und Esel möchte er in den Great Plains äsen sehen. Vor allem aber dürfen jene Tiere nicht fehlen, die laut Martin "so mächtig wie Feuer" Ökosysteme beeinflussen können: Elefanten, die letzten Rüsseltiere der Erde.
Und schließlich sogar Löwen und Geparden? Kenia in Kansas? In solchen Pleistozän-Parks ließe sich, schwärmt Martin, "unsere verlorene Wildnis ebenso ergründen wie feiern" - ein Hauch Romantik weht da durch die Forscherseele.
Aber auch der amerikanische Sinn fürs Business fehlt nicht, wenn Martin vor Publikum für die Sache der Megafauna wirbt: "Wenn also jemand hier einen dicken Geldbeutel hat - bevor der Tag zu Ende geht, sprechen Sie bitte mit mir über die Ansiedlung von Elefanten auf Ihrer Ranch." RAFAELA VON BREDOW
* Paul S. Martin: "Twilight of the Mammoths". University of California Press, Berkeley; 240 Seiten; 28,50 Euro.
Von Rafaela von Bredow

DER SPIEGEL 12/2006
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