DER SPIEGEL



Kunst ist eine subversive Kraft

Von Beier, Lars-Olav und Matussek, Matthias

Der Schauspieler Ulrich Mühe, 52, über den Überwachungsstaat DDR und seinen neuen Film "Das Leben der Anderen"

SPIEGEL: Herr Mühe, in Florian Henckel von Donnersmarcks Film "Das Leben der Anderen" spielen Sie den fiktiven Stasi-Hauptmann Wiesler als eine tragische Figur. Darf man so viel Sympathie für einen Mann wecken, der seine Opfer zunächst mit brutalen Verhörmethoden quält, bevor er dann umschwenkt?

Mühe: Solche Menschen hat es in der DDR gegeben, und es war gefährlich für sie. Bis in die achtziger Jahre mussten abtrünnige Stasi-Offiziere damit rechnen, hingerichtet zu werden.

SPIEGEL: Ist Wiesler für Sie ein Held?

Mühe: Ja, allerdings ein zwiespältiger. Aber dieses stille Heldentum war womöglich weiter verbreitet, als wir glauben. Sonst wäre die DDR nicht 1989 innerhalb weniger Monate zerfallen.

SPIEGEL: Der anfangs linientreue Wiesler taucht im Film immer tiefer in das Leben eines Künstlerpärchens ein, das er überwachen soll. Schließlich wendet er sich gegen seinen Staat. Macht Kunst subversiv?

Mühe: Auf jeden Fall. Und ihre subversive Kraft ist so stark, dass sie einen Technokraten wie Wiesler erst zum Menschen macht. Er wird mit Gedanken konfrontiert, die er bis dahin nicht kannte, mit einer Freiheit, die ihm fremd war. Dabei entwickelt er immer mehr Gefühle. Die Schale aus marxistisch-leninistischen Dogmen, an die er so lange glaubte, zerschellt - und Wiesler kann endlich ins echte Leben treten.

SPIEGEL: Die Kunst ist also ein gefährliches Virus?

Mühe: Ja, denn gegen sie gibt es keinen Impfstoff. Bei der nächsten Diktatur müssen wir die Kunst gleich als Erstes verbieten.

SPIEGEL: Sie wurden selbst lange von der Stasi überwacht.

Mühe: Es waren im Laufe der Jahre insgesamt wohl vier IM auf mich angesetzt. Auch meine Nachbarn wurden immer wieder über mich ausgefragt. Da steht dann in meiner Stasi-Akte: "Hat häufig Männerbesuch. Wahrscheinlich schwul." Andere im Haus hatten dagegen eher den Eindruck, dass bei mir dauernd Frauen ein und aus gingen. Also hieß es: "Häufig wechselnder GV (Geschlechtsverkehr)." Es war offenbar eine ganze Menge los bei mir.

SPIEGEL: Hat sich die Stasi den normalen Voyeurismus der Menschen zunutze gemacht und staatlich legitimiert?

Mühe: Das glaube ich schon. Menschen, die freiwillig IM wurden, haben damit ganz sicher ihren eigenen Charakterzügen nachgegeben.

Und das System hat ihnen ermöglicht, auch einige ihrer schlechten Seiten auszuleben. Sie saßen dann mit einem Freund am Tisch und sagten sich: Wir essen hier zwar nett zusammen, aber du hast keine Ahnung, dass ich hinterher noch einen Bericht über dich schreiben werde. Das verlieh ihnen ein Gefühl von Macht.

SPIEGEL: Haben Sie erfahren, wer sich hinter den Decknamen der IM verbarg?

Mühe: Von zweien habe ich die Klarnamen: von Günter Falkenau, einem Schauspieler am Deutschen Theater, und Johanna Glas, die das Ensemble schon 1990 verlassen hatte und für mich nicht mehr zu greifen war. Ein Porträt von Falkenau hing übrigens noch Jahre später in den Wandelgängen des Theaters. Er ist inzwischen gestorben.

SPIEGEL: Haben Sie ihn je zur Rede gestellt?

Mühe: Nein, er war ein Nebendarsteller und Gelegenheitsregieassistent, der sich von seinen Regisseuren oft übel zusammenpfeifen lassen musste. Der war eher eine bemitleidenswerte Figur. Was hätte er zu mir sagen sollen? Aber es tut mir gut, seinen Namen zu nennen. Das Schlimme an Zwangssystemen wie der DDR ist ja, dass sie noch Jahre nach ihrem Zusammenbruch ihre Macht ausüben: über die Scham ihrer Opfer. Das darf man nicht zulassen.

SPIEGEL: Wie haben Sie die allgegenwärtige Bespitzelung empfunden?

Mühe: Eine Intellektuellenparty, wie sie in "Das Leben der Anderen" von der Stasi belauscht wird, habe ich oft erlebt. Da kamen Künstler aus ganz verschiedenen Bereichen zusammen und führten leidenschaftlich ästhetische Debatten. So entstand zwischen uns eine große Nähe. Und doch herrschte auch Misstrauen. Es kam vor, dass im Alkoholrausch jemand bezichtigt wurde, für die Stasi zu arbeiten.

SPIEGEL: Zu Recht?

Mühe:Wir haben bestimmt manchen Menschen Unrecht getan. Ich habe viele gar nicht an mich herangelassen, weil ich sie im Verdacht hatte, IM zu sein.

SPIEGEL: In einem Interview haben Sie gesagt: "Es gehörte zu dem Spiel dazu, dass man bestimmte Leute verdächtigte, die es vielleicht gar nicht waren." War die gegenseitige Bespitzelung ein Spiel?

Mühe: In den achtziger Jahren glaubten wir, am Theater Narrenfreiheit zu genießen. Wenn wir in der Kantine politische Witze erzählten, passierte uns nichts; ein Arbeiter im Zementwerk Rüdersdorf wäre dafür womöglich ins Gefängnis gekommen. Der Staat wusste nicht, wie er mit uns Künstlern umgehen sollte. Aber er hatte uns ständig im Blick.

SPIEGEL: Haben Sie der Stasi auch mal was vorgespielt, um sie zu verwirren - wie im Film "Das Leben der Anderen"?

Mühe: Nein, doch wenn wir ein Telefongespräch annahmen, und es knackte in der Leitung, haben wir denjenigen, der heimlich mithörte, einfach gegrüßt. Wir haben uns die Freiheit genommen, diese absurde Situation etwas lockerer zu nehmen.

SPIEGEL: Konnten Sie sich diese Lockerheit nicht auch deshalb leisten, weil Sie durch Ihre Prominenz geschützt waren?

Mühe: Dieser Schutz war trügerisch. Als ich meine Stasi-Akte einsah, stellte ich fest, dass geplant war, mich im Falle bürgerkriegsähnlicher Zustände in ein Internierungslager zu stecken. Mit so etwas hätte ich niemals gerechnet.

SPIEGEL: Haben die Ostalgie-Shows und DDR-Komödien der vergangenen Jahre diese Härte des Systems oft einfach ausgeblendet und die DDR teilweise verklärt?

Mühe: Ja. "Das Leben der Anderen" dagegen zeigt diese Härte schonungslos und nüchtern zugleich. Deshalb glaube ich, dass der Film auch Stasi-Opfern die Gelegenheit gibt, sich noch einmal mit dem System zu konfrontieren, um danach ein für allemal mit ihm abzuschließen. Das ist ein Film, mit dem man endgültig von der DDR Abschied nehmen kann.

SPIEGEL: Geht das überhaupt? Sie haben gesagt, die Erinnerung an die DDR löse bei Ihnen einen "Phantomschmerz" aus.

Mühe: Wenn man aus einem Land emigriert, ist es danach immer noch da. Und wenn man wieder dort leben möchte, kann man zurückkehren. Die DDR war plötzlich einfach weg, vom Erdboden verschwunden. Die Lebensumstände, die ich gewohnt war, hatten sich komplett geändert, sämtliche Koordinaten hatten sich verschoben. Dies wurde mir immer wieder schmerzhaft bewusst. Doch der Schmerz hat nachgelassen mit den Jahren.

SPIEGEL: Fiel es Ihnen leicht, sich im vereinten Deutschland zurechtzufinden?

Mühe: Nein, denn die Indoktrination, der ich in der DDR jahrelang ausgesetzt war, hatte auch bei mir gefruchtet. Als nach der Wende an den Geschäften statt "HO" und "Konsum" wieder "Fleischerei Meier" stand, dachte ich: Na toll, das ist jetzt aber ein gewaltiger Schritt zurück. Denn ich hatte gelernt, dass der Kapitalismus nur eine Vorstufe des Kommunismus sei, die überwunden werde müsse.

SPIEGEL: Dabei war Ihnen der Kapitalismus nicht fremd: Ihr Vater war in der Modebranche tätig, reiste regelmäßig nach Paris und brachte Ihnen von dort Jeans mit.

Mühe: Die durfte ich aber nur zu Hause tragen! Wir haben auch zu Hause ganz anders geredet. Es gab eine offizielle und eine inoffizielle Sprache, und die inoffizielle wurde nie außerhalb der eigenen vier Wände benutzt. Wir sind mit zwei Zungen aufgewachsen. Für uns Kinder war das ganz normal. Das war eine allgemein akzeptierte Überlebenstechnik.

SPIEGEL: Ist die Vereinigung geglückt?

Mühe: Zumindest hätte ich mir vor 15 Jahren, als ich in Berlin den "Hamlet" spielte, nicht vorstellen können, dass wir eines Tages eine Kanzlerin aus Ostdeutschland haben würden.

SPIEGEL: Hat der Osten den Westen übernommen?

Mühe: Ja, und zwar von langer Hand. Wir haben schon in den siebziger und achtziger Jahren Entwicklungshilfe geleistet, indem wir hervorragende Regisseure und Schauspieler in den Westen geschickt haben.

SPIEGEL: Vielleicht fehlt uns also ein neuer Osten, um die gesamtdeutsche Theaterszene neu zu beleben. Was fehlt noch im vereinten Deutschland? Ein radikaler Denker wie der Dramatiker Heiner Müller?

Mühe: O ja, der ist nicht zu ersetzen. Denn am Ende hatte er mit seinen so hellsichtigen wie düsteren Prognosen immer recht. Wir brauchen wieder einen Apokalyptiker.

INTERVIEW: LARS-OLAV BEIER, MATTHIAS MATUSSEK


DER SPIEGEL 12/2006
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