18.09.1967

UNTERNEHMEN / ROLLEIAm Wasserhahn

Das Kästchen, kaum größer als eine Zigarettenpackung, kostet 487 Mark und bricht Rekorde. Es ist der Welt kleinste Kamera mit dem Bildformat 24 x 36 Millimeter und bringt seinem westdeutschen Hersteller im Krisenjahr 1967 ein Umsatzplus von 30 Prozent.
Seit die Braunschweiger Rollei-Werke Franke & Heidecke den teuren Zwerg namens Rollei 35 im Herbst letzten Jahres auf den Markt brachten, mußten sie die Produktion dreimal verdoppeln und haben dennoch zur Zeit Lieferfrist bis Februar nächsten Jahres. "Auch bei Kameras", so Rollei-Geschäftsführer Dr. Heinrich Peesel, 47, zu dem Großerfolg, "gibt es noch Marktlücken."
Elektroingenieur Peesel hatte die Lücke gefunden, durch die das 47 Jahre alte und schon lange stagnierende Unternehmen der Familien Franke und Heidecke wieder in ein "Stadium starker Expansion" (Peesel) eintreten konnte. Vor drei Jahren hatten die Braunschweiger vier Gutachten über die Lage ihrer Firma eingeholt. Am meisten beeindruckt waren sie von der Arbeit des Elektroingenieurs Peesel von der Hamburger Hubstapler-Fabrik Still, und sie engagierten ihn als Chef.
Bis dahin hatte der Betrieb von einer technischen Glanzleistung seiner Gründer und einem weltweit geachteten Namen gelebt. Der Drogist Paul Franke und der Feinmechaniker Reinhold Heidecke hatten sich vor dem Ersten Weltkrieg bei Voigtländer in Braunschweig kennengelernt. Wenig später entwarf Heidecke einen neuartigen Photoapparat, für den sich Voigtländer nicht, wohl aber Franke interessierte: eine Spiegelreflex-Kamera.
Ihre Besonderheit war, daß sie dem Photographen ein großes und klares, durch Spiegel reflektiertes Sucherbild zeigte; es war ohne augenkneifende Zielakrobatik im quadratischen Sucher auf der Oberseite der Kamera zu sehen.
Am 1. Januar 1920 gründeten die beiden Freunde die Firma Franke & Heidecke und etablierten ihre Werkstatt im Tanzsaal der Braunschweiger Gastwirtschaft "Bergschlößchen", wo sie Heideckes Apparat erst unter dem Namen Heidoskop, dann -- nach dem in der Kamera benutzten Rollfilm -- als Rolleidoskop bauten.
"Zunächst blieb der Erfolg gering, denn die Kameras waren für das abseitige Gebiet der Stereoskopie (plastisches Sehen) gebaut; sie machten gleichzeitig zwei Aufnahmen durch zwei nebeneinanderliegende Objektive. Erst nach neun Jahren gelang mit der Normalkamera Rolleiflex der Durchbruch zum großen Geschäft: Paul Franke mußte gleich seine erste Werbereise abbrechen, weil die Aufträge die Kapazität der kleinen Firma überstiegen. Mit den neuen Geräten -- von 1933 an wurde zusätzlich die simplere Rolleicord gebaut -- errang das Unternehmen Weltruhm.
Rollei-Apparate wurden zum bevorzugten Werkzeug der professionellen Photographen. Neben dem brillanten Sucherbild schätzten die Profis das große Format der Negative (6x6 oder 4x4 Zentimeter), das starke Vergrößerung erlaubte, und die makellose Präzision, mit der die Kameras gefertigt waren.
Aber nach 1945 überholte die Konkurrenz Franke & Heidecke auf deren eigener Straße. Japanische Hersteller brachten billigere, schwedische Fabrikanten modernere Spiegelreflex-Kameras auf den Markt. Auch als das System auf die klassische Kleinbildkamera mit 24x36 Millimeter Bildformat angewendet wurde, war Rollei nicht mit von der Partie. Gründer Franke starb 1950, Gründer Heidecke 1960, und immer noch gab es nur Rolleiflex und Rolleicord.
* Vor den Porträts der Firmengründer Franke und Heidecke.
Bis Peesel erschien. Der neue Chef brüstet sich: "Als ich kam, lebte Rollei von der Substanz. Seither ist es ununterbrochen aufwärtsgegangen." Zunächst aber ging es rund.
Im Zuge einer Generalüberholung des veralteten Betriebs ließ Peesel in den Direktionsbüros "Hunderte von Metern Wände" einreißen, verwandte 750 000 Mark allein für "interne Umzüge" und rupfte das "Unkraut an Kosten" aus, das überall wucherte.
Zuerst ging, so Peesel, "das Betriebsklima in die Binsen". Familie Heidecke verließ das Unternehmen. Von den Frankes" die dadurch Alleininhaber wurden, ist nur noch Gründersohn Horst, 54, als "Adviser" in der Geschäftsführung. Aber Peesel kann heute darauf verweisen, daß seine Roßkur der Firma Kostenersparnisse von drei Millionen Mark jährlich eingebracht hat. Der Umsatz stieg binnen vier Jahren um 40 Prozent auf rund 60 Millionen Mark.
Denn der Neuerer möbelte auch Rolleis Sortiment auf. Er ließ "zig Kameras" der Konkurrenz kaufen, stapelte sie auf einen runden Tisch und fragte die führenden Männer des Unternehmens: "Na also, was haben wir denn nun?" Die Mehrzahl der alten Rolleileute meinte, daß man mit Rolleiflex und Rolleicord genug habe. Peesel war anderer Meinung.
Er ließ zunächst eine moderne Rollei 66 entwickeln, die der schwedischen Spiegelreflex-Kamera Hasselblad (sie wird von US-Astronauten benutzt) Konkurrenz machen kann.
Seine Marktstudien hatten gezeigt, daß es für viele zahlungskräftige Käufer immer noch nicht die richtige Kamera gab. Ihnen waren teure Modelle zu kompliziert, preiswerte zu simpel oder zu billig, die meisten zu groß oder, wie etwa die Minox, allzu klein.
So wurde die Rollei 35 entwickelt, die das normale Kleinbildformat beibehielt und damit stärkere Vergrößerung der . Negative gestattet als Kleinstkameras. Sie hat einen eingebauten Belichtungsmesser und ein Zeiss-Objektiv, das den Entfernungsmesser überflüssig macht. Vor allem aber ist sie klein und wiegt nur 390 Gramm.
Der Manager hatte seine Arbeitgeber davon überzeugt, daß sie "den Wasserhahn aufdrehen mußten" (Peesel); die Firma ließ sich allein die Entwicklung von Rollei 66 und Rollei 35 fast sechs Millionen Mark kosten.
Neuestes Produkt der Braunschweiger ist das elektronische Blitzgerät Strobomatic, dessen Lichtmenge automatisch durch einen Computer geregelt wird und das nur 760 Gramm statt der rund fünf Kilo vergleichbarer Geräte wiegt. Der Blitzer wurde von der US-Elektronikfirma Honeywell entwickelt, die Lizenz an Rollei vergeben.
Im warmen Regen des Erfolgs hat sich auch das Betriebsklima geändert. Wenigstens glaubt der Chef zu wissen, was seine Leute von ihm halten: "Wenn der Peesel sagt, wir sollen in der Hölle das Feuer ausblasen, dann würden wir alle mitmachen."

DER SPIEGEL 39/1967
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