07.08.1967

Doch die Mörder leben

Der Österreicher Simon Wiesenthal führt seit 22 Jahren einen fanatischen und erfolgreichen Ein-Mann-Feldzug gegen geflohene NS-Verbrecher. Er entdeckte den geheimen Aufenthaltsort Adolf Eichmanns, spürte den KZ-Kommandanten Franz Stangl auf, sicherte die Spuren zu dem KZ-Arzt Josef Mengele und half dabei, weitere 800 Fälle von Kriegsverbrechen aufzuklären. Die eigene und die Leidensgeschichte des jüdischen Volkes spielten dem heute 58jährigen Architekten aus Galizien die Rolle eines „Detektivs in Sachen Gerechtigkeit“ zu: Er überlebte das KZ-Martyrium in 12 verschiedenen Lagern, 89 Verwandte fielen Hitlers Ausrottungsmaschine zum Opfer.
Als ich den großen olivgrünen Panzer mit dem weißen Stern an der Seite und der wehenden amerikanischen Flagge am Turm sah, war es zehn Uhr vormittags -- der 5. Mai 1945. Ich stand auf dem zugigen Platz, der bis vor einer Stunde der Appellplatz des Konzentrationslagers Mauthausen gewesen war.
Die Sonne schien, der Duft des Frühlings hing in der Luft. Der süßliche Geruch nach verbranntem Fleisch, der sonst ständig über dem Hof gelegen hatte, war verschwunden.
Am Abend vorher hatten sich die letzten SS-Männer abgesetzt. Die Maschine des Todes stand still. In meinem Raum lagen ein paar Tote auf ihren Pritschen. Man hatte sie am Morgen nicht fortgeschafft. Das Krematorium des Lagers war nicht mehr in Betrieb.
Ich weiß nicht mehr, wie ich aus meiner Baracke und auf den Hof gekommen war. Ich konnte fast nicht gehen. Ich stand da in meiner verwaschenen gestreiften Häftlingskleidung mit dem schwarzen "J" auf dem gelben Doppeldreieck.
© 1967 Opera Mundi, Paris; Abdruck, auch auszugsweise, verboten. Der ungekürzte Text erscheint im Herbst bei Droemer! Knaur München.
Der Panzer mit dem weißen Stern war etwa hundert Meter von mir entfernt. Ich hätte gern den Stern berührt, aber ich war zu schwach.
Diesen Tag zu erleben, hatte ich geschafft, aber die letzten hundert Meter waren einfach zuviel für mich. Ich erinnere mich, daß ich ein paar Schritte machte, doch dann gaben meine Knie nach, und ich fiel auf mein Gesicht.
Jemand hob mich auf. Ich spürte den rauhen Stoff einer olivgrünen amerikanischen Uniform über meine nackten Arme streifen. Ich konnte nicht sprechen; ich brachte nicht einmal den Mund auf. Ich deutete auf den weißen Stern. Nachdem ich die kalte, staubige Panzerplatte mit den Händen berührt hatte, brach ich ohnmächtig zusammen.
Als ich meine Augen wieder öffnete -- mittlerweile war offenbar eine geraume Zeit vergangen -, lag ich wieder auf meiner Pritsche. Ich strengte mich an, aufzustehen und allein hinauszugehen. Ich wollte einen Passierschein. Als ich durch den dunklen Gang schlurfte, sprang ein Mann mich an und schlug mich nieder. Ich brach zusammen und verlor das Bewußtsein.
Auf meiner Pritsche kam ich wieder zu mir; ein amerikanischer Arzt gab mir irgend etwas ein. Zwei Kameraden saßen bei mir. Sie hatten mich im Gang aufgehoben und zu meinem Bett getragen. Sie erzählten, daß ein polnischer Funktionär mich geschlagen hatte. Kameraden in Block A sagten mir, ich müsse den Polen bei den Amerikanern anzeigen. Wir waren jetzt frei, waren endlich keine "Untermenschen" mehr.
Am nächsten Tag begleiteten mich meine Freunde zu einer Dienststelle in dem Gebäude, das früher die Lagerleitung beherbergt hatte. An der Tür hing ein handgeschriebener Zettel mit der Aufschrift "Kriegsverbrechen". Wir wurden aufgefordert, in einem kleinen Vorzimmer zu warten. Irgend jemand brachte mir einen Stuhl, und ich setzte mich.
Durch die offenen Türen sah ich amerikanische Offiziere hinter Schreibtischen sitzen. Sie verhörten SS-Leute, die vor ihnen standen, mit den Händen an der Hosennaht. Einige frühere Häftlinge arbeiteten als Schreibkräfte.
Ein SS-Mann wurde in den Raum geführt. Instinktiv drehte ich den Kopf zur Seite, damit er mich nicht sehen könne. Er war ein brutaler Kerl gewesen. Wenn er durch einen der Korridore ging und ein Häftling sprang nicht sofort zur Seite und nahm "Haltung" an, schlug er ihm mit der Reitpeitsche, die er stets bei sich trug, ins Gesicht.
Nun starrte ich ungläubig. Der SS-Mann zitterte, genauso, wie wir vor ihm gezittert hatten. Er hatte die Schultern hochgezogen, und ich bemerkte, daß er die Hände rang. Der war kein Übermensch mehr.
Ich verstand nichts von dem Verhör, das der Amerikaner mit dem SS-Mann anstellte. Er konnte kaum aufrecht stehen, der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Der amerikanische Offizier machte eine Handbewegung, auf die hin ein amerikanischer Soldat den SS-Mann hinausführte.
Ich erstattete meine Anzeige gegen den Polen. Meine Kameraden gaben zu Protokoll, daß sie mich bewußtlos im Gang gefunden hatten. Einer der amerikanischen Ärzte trat ebenfalls als Zeuge auf. Dann gingen wir zurück zu unserem Block.
Am gleichen Abend entschuldigte sich der Pole bei mir in Anwesenheit der Kameraden und streckte mir seine Hand entgegen. Ich nahm seine Entschuldigung an, gab ihm aber nicht die Hand.
Der Pole war unwichtig. Er gehörte bereits der Vergangenheit an. Ich dachte die ganze Zeit an den Auftritt in dem Büro. Mit geschlossenen Augen auf meiner Pritsche liegend, sah ich den zitternden SS-Mann, einen verächtlichen Feigling in graugrüner Uniform.
Jahrelang war diese Uniform ein Sinnbild des Schreckens gewesen. Ich hatte im Krieg ängstliche deutsche Soldaten gesehen, niemals einen ängstlichen SS-Mann. Ich hatte sie immer für starke Männer gehalten, für die Elite einer pervertierten Macht.
Ich brauchte ziemlich lange, bis ich verstand, was ich gesehen hatte: Die Übermenschen wurden zu Feiglingen in dem Augenblick, in dem sie nicht mehr unter dem Schutz ihrer Waffen standen. Ihre Zeit war vorbei. Ich stand von meiner Pritsche auf und wanderte hinaus. Hinter dem Krematorium schaufelten SS-Leute Gräber für unsere dreitausend Kameraden, die nach der Ankunft der Amerikaner an Hunger und Erschöpfung gestorben waren. Ich setzte mich hin und schaute den SS-Männern zu. Vor zwei Wochen noch hätten sie mich halbtot geschlagen, wenn ich es gewagt hätte, ihnen zuzusehen. Jetzt schienen sie sich zu fürchten, an mir vorbeizugehen.
Ich ging zurück in meine Baracke und· hielt Umschau. Die meisten meiner Kameraden lagen apathisch auf ihren Pritschen. Nach einem kurzen Aufflackern ihrer Lebensgeister litten nun viele von ihnen an Anfällen von Niedergeschlagenheit.
Jetzt, da sie leben würden, kam ihnen die Sinnlosigkeit ihres Daseins zum Bewußtsein: Sie waren verschont geblieben -- aber sie hatten niemand, für den sie leben, hatten keinen Platz, an den sie zurückgehen konnten, hatten nichts, für das es sich zu leben lohnte.
Ich mußte irgend etwas tun, damit ich nicht ebenso gleichgültig wurde. Etwas, das mich nachts vor Alpträumen bewahrte und tagsüber vor Wachträumen. Ich wußte genau, was ich tun konnte und was ich tun mußte.
Ich ging in das Büro der Kriegsverbrecherkommission und bot meine Dienste an. Der amerikanische Leutnant hörte mich an und schüttelte den Kopf. Was konnten sie mit mir anfangen? Er sagte, ich hätte doch weder Übung noch Erfahrung.
"Und ganz nebenbei, wieviel wiegen Sie eigentlich?" fragte er. Ich log. "56 Kilo."
Der Leutnant lachte. "Wiesenthal, lassen Sie sich Zeit und kommen Sie dann wieder zu mir, wenn Sie wirklich 56 Kilo wiegen."
Zehn Tage später hatte ich etwas zugenommen. Nun legte ich etwas Schminke auf: Ich hatte ein Stück rotes Papier gefunden und färbte damit meine blassen Wangen. Ein Kamerad fragte mich, ob ich auf Brautschau gehen wolle.
"Einige Leute werden diese Braut nicht mögen", sagte ich. Der Leutnant muß gespürt haben, wieviel mir an dieser Tätigkeit lag, denn er sagte, ich könne sofort anfangen. Er wies mich Hauptmann Tarracusio zu, einem Aristokraten, der aus Georgien stammte und 1918 in die Vereinigten Staaten ausgewandert war. Im Zivilberuf war er Professor für Völkerrecht an der Harvard-Universität.
Ich begleitete Hauptmann Tarracusio auf seiner Suche nach SS-Wachen aus Mauthausen, die sich in der näheren Umgebung versteckt hielten. Ein paarmal forderte Tarracusio mich auf, selbst Verhaftungen vorzunehmen.
Unseren ersten Fall werde ich nie vergessen. Wir fuhren zu einem kleinen Haus, wo ein SS-Mann namens Schmidt wohnte. Er war einer unserer Wächter gewesen, ein unbedeutender kleiner Mann mit einem Allerweltsgesicht, genauso unbedeutend wie sein Name.
Ich stieg hinauf in den zweiten Stock, fand ihn dort und verhaftete ihn. Er versuchte nicht einmal, sich zu widersetzen. Er zitterte. Ich auch, aber aus einem anderen Grunde. Ich war schwach vom Treppensteigen und von der Aufregung. Ich mußte mich eine Weile hinsetzen.
Schmidt half mir, als wir zusammen die Treppe hinuntergingen. Er hätte mit Leichtigkeit davonlaufen können. Wenn er mir nur einen leichten Stoß gegeben hätte, wäre ich die Treppe hinabgestürzt, und er hätte durch den * Im KZ Dachau, April 1945.
Hintereingang des Hauses entkommen können.
Aber Schmidt dachte nicht einmal ans Davonlaufen. Im Gegenteil, er hielt mich bei den Armen und half mir auf den Stufen. Es war verrückt -- als ob das Kaninchen den Jagdhund trüge.
Er saß im Jeep hinter Hauptmann Tarracusio und mir und bettelte um Gnade. Unter Tränen sagte Schmidt, er sei doch nur einer von den kleinen Fischen gewesen. Beschwörend redete er auf uns ein, daß er doch vielen Häftlingen geholfen habe.
Ich sagte zu Schmidt: "Ja, Sie haben den Gefangenen geholfen. Ich habe Sie oft beobachtet. Sie haben ihnen auf dem Weg zum Krematorium geholfen."
Darauf schwieg er. Er hockte da, zusammengekrümmt auf dem Rücksitz, die Finger ineinandergeschlungen, zitternd, bis wir das Lager erreichten und ihn den zuständigen Ermittlungsoffizieren übergaben.
Schmidt war mein erster "Kunde", und ihm folgten viele andere in den nächsten Wochen. Man brauchte nicht lange zu suchen. Man stolperte beinahe über sie. Während der folgenden Monate half ich beim Sammeln des Beweismaterials, das einige Monate später bei den Kriegsverbrecher-Prozessen in Dachau Vor einem US-Militärgerichtshof verwendet wurde.
Nachdem Österreich im Jahre 1945 in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden war, gehörte Mauthausen zur Sowjetzone. Unsere Ermittlungsgruppe wurde nach Linz verlegt, in die US-Zone. Viele der früheren Häftlinge von Mauthausen wurden in ein Lager für Verschleppte gebracht, das in der Volksschule von Leonding errichtet worden war, einer kleinen Stadt in der Nähe von Linz.
Ein Junge namens Adolf Hitler hatte in dieser Schule einen Teil seiner Schulzeit verbracht. Wir schliefen auf Feldbetten in einem Klassenzimmer, von dessen Fenstern aus man ein kleines Haus sehen konnte -- es war einst das Haus von Hitlers Eltern gewesen. Ihr Grab lag auf dem Friedhof am Ende der Straße.
Mir gefiel dieser Ausblick nicht besonders, und so zog ich nach wenigen Tagen um. Ich mietete ein einfaches möbliertes Zimmer in der Landstraße in Linz. Durchaus kein großartiges Zimmer, aber das Fenster ging auf einen kleinen Garten hinaus.
Die Vormittage verbrachte ich im Büro für die Verfolgung von Kriegsverbrechen und die Nachmittage bei dem neuerrichteten Jüdischen Komitee in Linz, das sich später zum Jüdischen Zentralkomitee der US-Zone Österreichs erweiterte. Ich wurde stellvertretender Vorsitzender.
Ich arbeitete für verschiedene amerikanische Dienststellen, für das Amt zur Ermittlung von Kriegsverbrechen und später für den Geheimdienst und den CIC (Counter Intelligence Corps. Amerikas Spionageabwehr) in Naziangelegenheiten. Unsere Unternehmungen wurden jedoch oft durch mangelnde Zusammenarbeit zwischen den Verbündeten in Frage gestellt, wenn nicht gar zunichte gemacht.
Die Amerikaner fielen, wie es ihrem Temperament entspricht, von einem Extrem ins andere. Als erstes schufen sie den "automatischen Arrest": Alle SS-Leute, Mitglieder der Gestapo, wichtige Parteigrößen, Anhänger und Mitarbeiter wurden festgenommen und in Internierungslager gesteckt, wo sie ausreichend Verpflegung, ärztliche Fürsorge und Zigaretten erhielten.
Dort sollten sie warten, bis Ermittlungsbeamte sie vernahmen und so die Schafe von den Böcken sonderten, beziehungsweise die Mitläufer von den Verbrechern. Ich bemerkte jedoch bald die geschickte Art, mit der die Internierten auf die Amerikaner einzuwirken begannen.
Selbsternannte "Sowjetexperten" unter denen, die in der Sowjet-Union gewesen waren, verwickelten die amerikanischen Ermittlungsbeamten in politische Diskussionen. Nicht wenige dieser "Fachleute" wurden aufgefordert, Berichte für die verschiedenen, miteinander konkurrierenden, amerikanischen Nachrichtendienste zu schreiben. 1946 und 1947 entließen die Amerikaner viele Naziverbrecher.
Solange Amerikaner in Europa stationiert waren, die zur kämpfenden Truppe gehört hatten, wurde die Entnazifizierung gerecht und wirksam durchgeführt. Aber mit der Zeit wurden sie abgelöst von anderen, die während des Krieges in den Staaten oder im Fernen Osten gewesen waren. Sie verstanden von den Naziproblemen gar nichts -- für sie gehörte das, was geschehen war, bereits zur Geschichte.
Viele von ihnen machten sich überhaupt nicht die Mühe, Deutsch zu lernen, und so waren sie auf deutsche und österreichische Mädchen als Übersetzer angewiesen, wobei sie oft genug der besten Geheimwaffe der Nazis zum Opfer fielen: den "Fräuleins".
Diese Amerikaner meinten, daß wir, die darauf bedacht waren, der Gerechtigkeit zu dienen, nur auf Rache aus seien, nach dem Wort "Auge um Auge, Zahn um Zahn", und als unverbesserliche Schwarzseher die ganze Welt immer nur wie durch Stacheldrahtzäune betrachteten.
Ein amerikanischer Hauptmann, der beim Programm für die Umerziehung der deutschen Bevölkerung eine wichtige Aufgabe hatte, sagte einmal zu mir: "Es wird immer Leute mit verschiedenen Standpunkten geben. Zu Hause haben wir Demokraten und Republikaner. Hier habt ihr Nazis und Antinazis. Das ist's, was die Welt in Gang hält. Machen Sie sich bloß nicht so viele Sorgen deswegen!"
Ich sah voraus, wohin eine solche Einstellung führen mußte. Während immer mehr Einzelheiten über die Naziverbrechen bekannt wurden, stellte ich mit einem Gefühl der Enttäuschung fest, daß es schwieriger und schwieriger wurde, die Verbrecher zu fassen.
Meine Arbeit nahm mich den ganzen Tag in Anspruch, oft bis spät in die Nacht hinein. Ging ich dann ins Bett und versuchte zu schlafen, so vermischten sich Dinge, die ich tagsüber gehört oder gelesen hatte, mit Erinnerungen aus der Vergangenheit. Oft fuhr ich aus einem bösen Traum auf, unfähig, Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden.
Eines Nachts, im September 1947, nach einem dieser schrecklichen Träume, hörte ich das Trommeln von Fäusten an der Tür. Ich setzte mich im Bett auf. Mein Herz jagte. Nie konnte ich dieses Geräusch vergessen.
Ich machte Licht, der Alpdruck verschwand. Ich war ein freier Mann, lebte hier in Linz mit meiner Frau und meiner Tochter. Ich stand auf und ging an die Tür. Durch das Guckloch sah ich Mischa Lewin; er hatte in der Sowjet-Union eine Gruppe jüdischer Partisanen geführt. Neben ihm standen noch zwei andere. "Mach' auf, Simon!" rief er. "Wir haben Neuigkeiten für dich!"
Sie kamen herein; Mischa stellte sie uns als Mair Blitz und Moses Kussowitzki vor. Sie hatten als jüdische Partisanen mit ihm gegen die Deutschen gekämpft.
"Diese Jungens haben einen großen Fisch an der Angel", sagte Mischa, "Eichmann!" Triumphierend blickte er mich an: "Los, erzählt's ihm."
Blitz und Kussowitzki wohnten im Lager Admont, dem größten Lager für Verschleppte in der britischen Besatzungszone Österreichs. Über zweitausend Menschen, meist Juden aus Polen und dem Baltikum, lebten damals in dieser wunderschönen Alpenlandschaft.
Es war in der Woche vor Jom Kippur, dem Versöhnungstag. Die frommen Juden im Lager Admont hatten sich auf das hohe Fest vorbereitet. Entsprechend dem orthodoxen Ritual würden Männer und Frauen ihre Gebete sprechen, jeder Mann einen Hahn opfern, jede Frau eine Henne -- eine symbolische Wiederholung von Abrahams Opfer, wie das Alte Testament es erzählt.
Nun war damals in Österreich das Geflügel knapp. So hatten Blitz und Kussowitzki beschlossen, bei den Bauern der Nachbarschaft zu versuchen, ein paar Konserven und Schokolade, die sie von den Briten bekommen hatten, gegen Hühner einzutauschen.
"Versuchen Sie's doch mal bei dem dort oben", meinte ein Bauer. "Er hat einen großen Hof und mindestens zweitausend Hühner. Aber es kann sein, daß er Sie hinauswirft. Er haßt die Juden. Er soll ein großer Nazi gewesen sein."
Die beiden sahen sich an. Instinktiv hatte jeder den gleichen Gedanken: Eichmann!
"Das muß er sein", sagte Blitz. Für diesen Tag gaben sie es auf, Hühner zu besorgen. Statt dessen fuhren sie nach Linz und berichteten Mischa Lewin von ihrer Entdeckung. Er meinte, ich sei der richtige Mann für diesen Fall.
"Und hier sind wir nun", sagte Lewin. "Wir haben keine Minute zu versäumen. Wir müssen Eichmann fangen." Alle waren wir von diesem Wunsch besessen. Denn schon damals war er als der gemeinste Naziverbrecher bekannt, der sich noch auf freiem Fuß befand.
Beinahe täglich kamen Leute in das Dokumentationszentrum, das ich nun in Linz eröffnet hatte, und gaben an, Eichmann irgendwo gesehen zu haben. Die Spur führte von einem Internierungslager in Bayern in die britische Zone Österreichs. Dort verlor sie sich. "Warum glaubt ihr, daß es Eichmann ist?" fragte ich.
"Dieser Kerl hat zweitausend Hühner, er haßt die Juden, er war ein großer Nazi. Warum also soll es Eichmann nicht sein?" fragte Blitz mit talmudischer Logik. Er vermochte mich zwar nicht zu überzeugen, aber ich erklärte mich bereit mitzumachen. Denn sicherlich war dieser Mann nicht Eichmann; wohl aber konnte es ein anderer großer Nazi sein.
Am nächsten Morgen besorgte ich für Lewin und für mich die Erlaubnis zur Reise in die britische Zone. Die beiden ehemaligen Partisanen fuhren mit uns. Der große Hof lag im Dorf Gaishorn, über zwölf Kilometer vom Lager Admont entfernt.
Ich hatte keinen offiziellen Auftrag und beschloß deshalb, die österreichische Polizei um Unterstützung zu bitten. Wir hielten vor dem Gendarmerieposten in Gaishorn, der in einem alten Bauernhaus untergebracht war.
Der Kommandant des Postens war ein alter Mann mit einem langen, weißen Bart, wahrscheinlich ein Überbleibsel aus der guten alten Habsburger-Zeit. Wir fragten nach dem Hof oben am Berg. Er stand auf und blickte auf den Plan des Ortes, der an der Wand hing. "Das muß Gaishorn 66 sein. Er gehört Murer. Während des Krieges war er in Polen und in Rußland. Er ist sehr beliebt im ganzen Ort."
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. "Murer? Franz Murer?"
"Ja", sagte der Alte. "Kennen Sie ihn?"
Ich brachte es fertig, den Kopf zu schütteln. Schnell gingen wir hinaus. Keiner sprach ein Wort. Wir alle hatten von Murer gehört. In den vergangenen zwei Jahren hatte ich die Zeugenaussagen vieler Flüchtlinge über Franz Murer gesammelt.
Er war im deutschbesetzten Wilna stellvertretender Gebietskommissar gewesen. Vor dem Krieg hatten 80 000 Juden in der Hauptstadt von Litauen gelebt. Genau 250 waren noch am Leben, als es mit der Herrschaft der Nazis zu Ende ging. Murer war der Mann, der die Hauptverantwortung trug für die Ausrottung der Juden von Wilna. Bei den Flüchtlingen hieß er nur "der Schlächter von Wilna".
Wir fuhren zurück ins Lager Admont. Ich wußte, daß sich unter den Verschleppten dort einige Überlebende aus Wilna befanden. Durch den Lautsprecher wurde bekanntgegeben, daß jeder, der von Wilna her etwas über Franz Murer wisse, sich sofort bei mir melden solle.
Sieben Flüchtlinge kamen in das kleine Büro, in dem ich saß. Meine Mitteilung, Franz Murer lebe auf einem Hof nur wenige Kilometer entfernt, versetzte einige in höchste Erregung. Eine Frau brach zusammen; sie hatte gesehen, wie Murer vor ihren Augen zwei Menschen umbrachte.
Ein Mann, dessen Mutter von Murer ermordet worden war, wurde von der Erinnerung an das Schreckliche so überwältigt, daß man ihn hinausführen mußte. Alle redeten zur gleichen Zeit auf mich ein.
Manche Berichte waren so unbestimmt, daß man sie vor Gericht nicht verwenden konnte, andere hingegen sehr genau -- und fürchterlich. Ein Zeuge sagte aus, eines Tages habe Murer die Bewohner einer Straße im Getto von Wilna zusammentreiben und auf Lastwagen in den nahegelegenen Wald von Ponary fahren lassen, wo sie von litauischer Hilfspolizei erschossen worden seien.
Ein anderer berichtete, wie Murer zwei Häuser in einer Straße des Gettos mit Dynamit zu sprengen befahl. Als man ihm sagte, es seien doch noch Frauen in den Häusern, erklärte er: "Macht nichts" -- er ließ die Häuser in die Luft gehen.
Weitere Zeugen gaben zu Protokoll, daß Murer, ein übler Sadist, wiederholt Leuten die Kleider vom Leibe gerissen und sie geprügelt habe. Nur eine einzige Möglichkeit gab es, seinen Martern zu entkommen: Man mußte sich loskaufen.
Die Juden des Gettos sammelten deshalb immer wieder Schmuck, Silberzeug und Kunstwerke, die sie Murer übergaben. Hielt er solche Bestechungsgeschenke für seiner würdig, so ließ er den Tribut von den Spendern in Kisten verpacken und auf seinen Hof in Österreich schicken.
Ein Zeuge schilderte einen Vorfall, den ich nie vergessen werde, und wer Vater eines Kindes ist, wird mich verstehen. Am Tor des Gettos von Wilna hatte man zwei Gruppen antreten lassen. Die eine war als Arbeitskommando eingeteilt, die andere sollte im Wald von Ponary hingerichtet werden.
Zu ihr gehörte der siebzehnjährige Daniel Brodi. Sein Vater stand hilflosverzweifelt beim Arbeitskommando. Daniel glaubte, sich unbemerkt zu der Gruppe seines Vaters schleichen zu können. Aber Murer sah ihn. Er packte den Jungen am Hals und schlug ihn zusammen. Dann zog Murer eine Pistole und erschoß den am Boden liegenden Daniel vor den Augen des Vaters.
Ich nahm vier eidesstattliche Erklärungen zu Protokoll, ließ die Unterschriften beglaubigen und begab mich zu dem Gendarmerieposten in Gaishorn. Ohne ein Wort überreichte ich die Aufzeichnungen dem alten Kommandanten. Er machte einen völlig entgeisterten Eindruck, als er sie durchlas.
Dann befahl er zwei Gendarmen, auf den Berg zu gehen und Murer festzunehmen, und benachrichtigte den Posten der britischen Militärpolizei. Nach den Gesetzen der Militärregierung mußten alle Kriegsverbrecher den Besatzungsmächten ausgeliefert werden.
Lewin, der ehemalige Partisan, und ich gingen mit den Gendarmen zu Murers Hof. Man wies uns an, in einiger Entfernung zu warten. Die Gendarmen gingen in das Haus. Genau zur rechten Zeit, wie sie uns später berichteten.
Murer war gerade dabei, sich aus dem Staube zu machen. Zwei gepackte Koffer standen an der Tür. Hut und Mantel lagen auf einem Stuhl. Murer war offenbar gewarnt worden.
Er führte sich den Gendarmen gegenüber unverschämt auf: Was das für ein verdammter Unsinn sein solle, ihn zu belästigen. Man schrieb damals Ende 1947 -- der Schock der Niederlage, der unmittelbar nach dem Krieg die großen Nazis gelähmt hatte, verlor sich allmählich.
Die Gendarmen überstellten Murer der britischen Militärpolizei, die ihn im Jeep in das Zentralgefängnis Graz brachte. Ich fuhr zurück ins Lager Admont und verbrachte die Nacht damit, einen zusammenfassenden Bericht über den Fall zu schreiben; die eidesstattlichen Erklärungen der Zeugen legte ich bei.
Im Lager war man empört: Niemand konnte verstehen, warum Murer die ganze Zeit über sich so nahe hatte aufhalten können, ohne daß er von den Engländern aufgespürt worden war. Für mich bedeutete dies keine besondere Überraschung.
In den vergangenen Monaten hatte ich die britischen Behörden mehrmals um Unterstützung bei der Suche nach Kriegsverbrechern gebeten, von denen ich vermutete, daß sie sich in ihrer Zone versteckt hielten. Aber ich hatte nie irgendwelche Hilfe von ihnen bekommen. Deshalb war ich auch zu den österreichischen Gendarmen gegangen; ich hatte befürchtet, daß mir die Militärpolizei in meine Arbeit hineinpfuschte.
Es vergingen einige Wochen. Murer, im Gefängnis von Graz, erklärte, er wisse von gar nichts. Es handele sich um eine Verwechselung. Und dann erreichten mich aus Graz beunruhigende Gerüchte: Die Briten hätten beschlossen, Murer zu entlassen.
Ich hatte Freunde im Stab des Internationalen Militärgerichtshofs in Nürnberg. Mit ihnen führte ich einige dringende Telephongespräche, mit dem Erfolg, daß die Briten offiziell aufgefordert wurden, Murer, den man möglicherweise als Zeugen benötige, festzuhalten.
In der Zwischenzeit versandte ich Rundschreiben an alle Verschlepptenlager in Österreich und Deutschland und fragte nach Zeugen, die bereit waren, gegen Murer auszusagen. In vielen Lagern meldeten sich Personen, mit denen ich in Briefwechsel trat, und von den Lagerleitungen erhielt ich zahlreiche eidesstattliche Erklärungen.
Manche kamen zu mir in mein Büro in Linz, machten ihre Aussagen und unterzeichneten sie. Dieses gesamte Beweismaterial wurde an die Behörden in Graz weitergeleitet. Alles sprach offensichtlich sehr stark gegen Murer.
Jedenfalls lieferten die Briten Murer im Dezember 1948 an die Russen aus, denn er hatte seine Verbrechen in einem Gebiet begangen, das nun zur Litauischen Sowjetrepublik gehört. Das Verfahren gegen Murer fand im Frühling 1949 in Wilna statt.
Die Aussagen aller Zeugen in Österreich waren an die sowjetischen Behörden geschickt worden, die auch eigene Zeugen beigebracht hatten. Murer wurde für schuldig befunden, sowjetische Bürger getötet zu haben, und erhielt eine Strafe von 25 Jahren Zwangsarbeit.
Damit, so dachte ich, sei der Fall erledigt. Im Jahre 1954, fünf Jahre später, schloß ich das Dokumentationszentrum in Linz. Die Folgen des "Kalten Krieges" hatten meiner Arbeit ein Ende gesetzt. Urteile gegen überführte Nazis wurden abgemildert, schwebende Strafverfahren eingestellt.
Nichts wollte mehr recht vorangehen. Ich sandte das vollständige Material, Dokumente im Gewicht von 500 Kilogramm, nach Jerusalem in das Yad-Vashem-Archiv.
Nach dem österreichischen Staatsvertrag von 1955 hatten die Sowjets zugesagt, alle österreichischen Kriegsgefangenen, auch die Kriegsverbrecher, nach Österreich zurückzuschicken. Es war dies jedoch kein Straferlaß. Gemäß den Vertragsbestimmungen verpflichtete sich Österreich, die Verbrecher durch seine eigenen Gerichtshöfe aburteilen zu lassen.
Ich sah mir die Liste der Gefangenen an, die von Rußland in die Heimat zurückgeführt wurden. Der Name Murer war nicht dabei. Entweder war er von den Russen nicht entlassen worden, weil seine Verbrechen für zu schwerwiegend angesehen wurden, oder er war tot.
1960 benötigte ich einige Unterlagen über Murer, um meine Akten zu vervollständigen. Ich rief den Gendarmerieposten in Gaishorn an und bat um ein paar Einzelheiten hinsichtlich Murers Verhaftung im Jahre 1947. Der dortige Beamte sagte, er wisse gar nichts von dem Fall, und schlug mir vor, etwas später noch einmal anzurufen. Er wolle inzwischen Murer befragen.
"Wie bitte? Murer ist also gar nicht tot?"
"Aber nein. Er ist vor vier Jahren zurückgekommen, und seitdem lebt er hier auf seinem Hof."
Ich mußte tief Luft holen: Murer war frei. Ich rief verschiedene Beamte des Justizministeriums an und bat um Auskunft, warum Franz Murers Name nicht auf der Liste der in die Heimat zurückgeführten Kriegsverbrecher gestanden hatte.
Große Verlegenheit. Einige erklärten, sie hätten damit nichts zu tun. Schließlich sagte man mir, Murers Name sei "versehentlich" ausgelassen worden; es handele sich um einen bürokratischen Fehler.
Ich begann nachzuforschen, was aus den anderen Kriegsverbrechern geworden war, die man in die Heimat entlassen hatte. 200 standen auf der Liste; nur drei, alles hohe SS-Leute, waren von den Österreichern vor ein Gericht gestellt worden.
Von den drei SS-Führern waren Hermann Gabriel und Leopold Mitas zu lebenslangem, Johann Pöll zu zwanzig Jahren Kerker verurteilt worden. Mitas hatte man nach zwei Jahren freigelassen, Pöll nach achtzehn Monaten. Nur Gabriel -- ein einziger von 200 -- befand sich immer noch im Gefängnis. Alle anderen Gerichtsverfahren waren durch einen Erlaß des Präsidenten niedergeschlagen worden.
Und Murer? Er war wieder auf seinem Hof, ein angesehenes Mitglied der katholischen Österreichischen Volkspartei. Er war zum Vorstand der Bezirkslandwirtschaftskammer gewählt worden. Er hatte öffentliche Reden gehalten und eine Reihe von Bauern in Gegenwart von Mitgliedern der Regierung ausgezeichnet.
Ich schrieb an den österreichischen Justizminister und fragte an, was er wegen Murer zu unternehmen gedenke. Ich wurde aufgefordert, das "entsprechende Material" der Sektion XI des Justizministeriums einzureichen.
Ich ließ die Akten Murer aus Jerusalem kommen, machte Photokopien und legte 32 beglaubigte eidesstattliche Erklärungen vor. Als wochenlang nichts geschah, rief ich die Sektion XI an.
Ein höherer Beamter, der mit dem Fall vertraut war, teilte mir mit, das Material könne nicht gegen Murer verwendet werden, da er wegen dieser Delikte bereits in Wilna verurteilt worden sei. Ich sagte, er habe doch in Rußland nur einen Teil seiner Strafe verbüßt.
"Ja, ich weiß", war die Antwort. "Aber Murer war sieben Jahre in russischer Gefangenschaft. Wir halten russische Gefängnisstrafen für dreimal so hart als unsere eigenen. Das heißt für Murers Strafe schon 21 Jahre. Und selbst wenn ein österreichisches Gericht ihn zu lebenslänglicher Strafe verurteilt, würde er bei guter Führung nach 20 Jahren entlassen werden."
"Bedeutet das", fragte ich, "daß man Murer hierzulande nicht mehr für einen schuldigen Verbrecher hält?"
"Nein -- nicht hier in Österreich." "Er könnte also theoretisch zum Bundespräsidenten gewählt werden?"
Der hohe Beamte war merklich verdrießlich "Warum quälen Sie andauernd einen Menschen, der schon lange Buße geleistet hat?"
"Ich glaube, wir verstehen uns nicht ganz richtig. Das menschliche Leben ist viel zu kurz, als daß es die Verbrechen sühnen könnte, die Murer in Wilna begangen hat. Ich will keine Rache -- ich will nur Gerechtigkeit. Murer war zu 25 Jahren verurteilt worden. Nach den Bestimmungen des Staatsvertrages hätte vor einem österreichischen Gericht gegen ihn verhandelt werden müssen."
Der Beamte schwieg eine Weile. Dann sagte er: "Na schön. Wenn Sie in der Lage sind, neue Beweise vorzulegen, Herr Wiesenthal, werden wir etwas unternehmen."
Ich nahm Verbindung auf mit dem Verband früherer Einwohner von Wilna, der sich in Israel, Kanada, den Vereinigten Staaten, Südafrika und Australien gebildet hatte. Ich bat um Auskünfte über ganz bestimmte Verbrechen, in die Murer persönlich verwickelt gewesen war, und teilte denen, die voraussichtlich als Zeugen in Frage kamen, nut, daß allgemeine Beschuldigungen nutzlos seien.
Die Wirkung war erstaunlich. Ich erhielt über 20 neue eidesstattliche Erklärungen mit ganz genauen Angaben.
Wolf Fainberg schrieb: An einem Tag im Dezember 1941 sei er am Eingang zum Getto in der Rudnicka-Straße von Murer und dessen Adjutanten, einem Mann namens Hering, angehalten worden; er solle seinen Ausweis vorzeigen. Während Hering den Ausweis kontrollierte, kam ein buckliges, zehnjähriges jüdisches Mädchen die Straße entlang. "Schauen Sie bloß, was es für Mist in diesem Getto gibt", sagte Murer zu Hering, zog die Pistole und schoß das Kind nieder. Am Abend erfuhr Fainberg von Bewohnern der Straße, daß das Mädchen auf der Stelle tot gewesen war.
"Noch immer sehe ich das vor meinen Augen. Ich werde es nie vergessen können", sagte Fainberg aus. "Murer hatte eine braune Uniform an, und Hering trug einen Ledermantel."
Isak Kulkin schrieb von einer Strafvollstreckung an sechs Juden im Getto, gegen Ende des Jahres 1942: "Sechs Männer wurden im Hof des damaligen Lagers aufgehängt. Ich beobachtete die Vollstreckung des Urteils vom Fenster eines nahegelegenen Gebäudes aus. Eines der Opfer fiel zu Boden, weil das Seil riß. Der Mann warf sich Murer zu Füßen und bat um Gnade. Murer gab den Befehl, ihn zum zweitenmal aufzuhängen."
Die neuen Beweise wurden dem österreichischen Justizministerium vorgelegt. Woche um Woche verging -- nichts geschah. In dieser Situation konnte nur ein direkter Aufruf an die Welt helfen, die Sache in Ordnung zu bringen.
Am 2. Februar 1961 berief die Jüdische Gemeinde in Wien eine Pressekonferenz ein mit dem Thema: "Die Mörder sind unter uns." Ich gab den Vertretern der Weltpresse genaue Informationen über den Fall Murer.
Einige Wochen später wurde die Geschichte des Gettos von Wilna beim Eichmann-Prozeß in Jerusalem erwähnt. Als Artikel über den Fall Murer erschienen und der Druck der öffentlichen Meinung sich verstärkte, mußten die Behörden handeln: Murer wurde verhaftet und des Mordes angeklagt.
Murers Festnahme führte zu Unruhen in Gaishorn. Mit Murer befreundete Bauern rotteten sich zu einer Protestkundgebung zusammen. Sie marschierten in das nahe gelegene Liezen und drohten, den Sitz der Bezirkshauptmannschaft zu stürmen.
In wütenden Reden forderte man die Entlassung des "Mitbürgers" Murer. Eine Delegation wurde nach Wien gesandt, um im Justizministerium zu protestieren.
Die Verhandlung gegen Murer wurde im Juni 1963 vor einem Geschworenengericht in Graz eröffnet. Die Anklageschrift bezichtigte ihn des "eigenhändigen Mordes" in 15 Einzelfällen; später brachte der Staatsanwalt noch zwei weitere Fälle vor.
Über ein Dutzend Zeugen waren aus Deutschland, Israel und den Vereinigten Staaten gekommen, darunter als einer der wichtigsten Jakob Brodi, der hatte zusehen müssen, wie Murer seinen Sohn Daniel am Ausgang des Gettos in Wilna erschoß.
Brodi, nun 66 Jahre alt, war nach dem Krieg nach Amerika ausgewandert und lebte auf einer kleinen, abgelegenen Farm in New Jersey. Er war ein einsamer Mann. Er wollte keinen Menschen sehen, führte ein schlichtes Dasein und hatte sich geweigert, die deutsche Wiedergutmachungsleistung anzunehmen, die man ihm zugesprochen hatte.
20 Jahre waren vergangen, seit er gesehen hatte, wie Murer seinen Sohn ermordete, aber die Zeit hatte Brodi nicht helfen können zu vergessen. Jeden Tag und nahezu jede Nacht sah er die Szene am Tor zum Wilnaer Getto vor sich.
Als ich Jakob Brodi zum erstenmal bat, nach Graz zu kommen und auszusagen, hatte er rundweg abgelehnt. Er könne den Gedanken nicht ertragen, dem Mörder ins Gesicht blicken zu müssen. Aber am Tag vor der Verhandlung schickte er mir ein Telegramm: Er komme mit dem Flugzeug und werde zur rechten Zeit dasein.
Vier Tage später saß ich Brodi in einem Zimmer des Hotels "Zur Sonne" in Graz gegenüber, wo alle Zeugen untergebracht waren. Ich sagte ihm, wie froh ich sei, daß er doch noch habe kommen können.
Jetzt sagte Brodi zu mir: "Ich höre, daß Murers beide Söhne und seine Frau in der vordersten Reihe des Gerichtssaales sitzen und sich über die Zeugen lustig machen."
Ich nickte. Die dummen Jungens dachten offenbar, diese Verhandlung sei eine amüsante Vorstellung. Sie lachten und schnitten Grimassen. Zwei ausländische Reporter waren so empört, daß sie den Gerichtsvorsitzenden fragten, warum er die Burschen nicht zur Ordnung rufe. Sie erhielten die Antwort, er habe nichts gesehen.
Brodi sprach ruhig: "Sie werden aufhören zu spotten, wenn ich in den Zeugenstand gerufen werde." Er sah mich durchdringend an und sagte: "Ich bin nicht hierhergekommen, um auszusagen, sondern um zu handeln."
Dabei öffnete er seine Weste und zog ein langes Messer hervor. Brodi sprach ohne Erregung, ein Mann, der mit sich selbst im reinen war: "Ich habe einen Plan des Gerichtssaals erwischen können. Ich weiß, daß der Zeugenstand in der Nähe von Murers Platz ist. Murer hat vor meinen Augen mein Kind getötet. Und jetzt werde ich ihn vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder töten."
Ich sah, daß er zum Äußersten entschlossen war. 20 Jahre, sagte Brodi zu mir, all die vergangenen 20 Jahre habe er darüber nachgedacht. Er glaube nicht mehr an die menschliche Gerechtigkeit. Und er habe auch den Glauben an Gottes Gericht verloren. Er selbst wolle es übernehmen, zu richten.
Ich sagte: "Wenn Sie Murer zu töten versuchen, wird man Sie selbst als Mörder behandeln."
"Ja, aber berühmte Rechtsanwälte werden mich verteidigen."
"Das hat damit nichts zu tun. Ganz gleich, was Ihre Gründe sind, die Welt wird Sie einen Mörder nennen. Die Nazis warten doch nur darauf, daß so etwas passiert."
Brodi zuckte mit den Schultern, ohne überzeugt zu sein. "Denken Sie an Eichmann", sagte ich. "Man hätte ihn in Argentinien umbringen können, ohne eine Spur zu hinterlassen. Aber die Israelis waren sich dessen bewußt, daß es notwendig war, ihn über den Ozean zu bringen, daß man es riskieren mußte, die Weltmeinung gegen
* Der Litauer Kagan im Grazer Murer-Prozeß, Juni 1963.
** Rechts: Gerichtsvorsitzender Peyer.
sich zu haben und des Verstoßes gegen das Völkerrecht beschuldigt zu werden. Warum? Weil Eichmann der Gerechtigkeit überantwortet werden mußte. Der Prozeß war wichtiger als der Angeklagte."
Brodi schüttelte den Kopf. "Ich bin nicht hier für den Staat Israel. Ich bin nicht wegen des jüdischen Volkes hier. Ich bin hier als der Vater meines ermordeten Kindes."
Er starrte mich aus harten, unbarmherzigen Augen an. Ich wünschte mir verzweifelt, daß er weinen könne. Aber der alte Mann konnte wohl nicht mehr weinen.
Ich sagte: "Wenn Sie versuchen, Murer auch nur zu verletzen, wird all unsere Arbeit umsonst sein. Wir können unser Ziel nicht erreichen, wenn wir Ihre Methoden anwenden. Sie haben die Bibel gelesen, Jakob Brodi. Sie kennen das Fünfte Gebot: "Du sollst nicht töten. Ich möchte, daß Murer den Gerichtssaal als überführter Mörder verläßt und nicht Sie."
Wieder schüttelte er den Kopf. "Worte, nichts als leere Worte, Herr Wiesenthal. Für Sie ist das einfach. Ihr Kind ist nicht umgebracht worden. Mein Junge ist ermordet worden. Ich habe Ihnen ja geschrieben, daß ich nicht kommen wollte. Sie haben gemeint, es sei notwendig. Da bin ich nun, und Sie wissen, warum."
Ich wendete mich ab. Ich konnte den Ausdruck seiner Augen nicht ertragen.
Lange Zeit redete ich auf ihn ein, aber
was ich eigentlich sagte, weiß ich nicht mehr genau. Ich sprach von mir selbst, warum ich beschlossen hatte, das zu tun, was ich die vergangenen 20 Jahre getan hatte, einfach weil es jemand tun mußte, für unsere Kinder, für ihre Kinder -- aber nicht aus Haß.
Ich sagte ihm: "Noch immer weine ich manchmal, Herr Brodi, wenn ich höre, was mit den Kindern in den Konzentrationslagern geschehen ist. Ich habe geweint, als ich von Ihrem Jungen hörte. Er hätte auch mein Sohn sein können. Ihr Kind war auch mein Kind. Glauben Sie wirklich, ich könnte mit meiner Arbeit weitermachen, wenn ich nicht so dächte?"
Ich packte ihn bei den Schultern. Plötzlich legte Jakob Brodi seinen Kopf an meine Schulter. Ein krampfhaftes Zucken erschütterte seinen Körper. Er weinte. So standen wir eine Zeitlang, ohne ein Wort zu sprechen. Als wir ein paar Minuten später das Auf der Kärntnerstraße in Wien 1963.
Zimmer verließen, hatte ich sein Messer bei mir.
Jakob Brodi wurde am nächsten Tag in den Zeugenstand gerufen. Er schaute Murer nicht ein einziges Mal an. Mit tonloser Stimme berichtete er von seinen Erlebnissen, als beträfen sie jemand ganz anderen. Im Gerichtssaal war es sehr still.
Sogar Murers Söhne spürten, was dieser einsame alte Mann während seiner Zeugenaussage durchmachte. Ihr spöttisches Lächeln erstarb ihnen auf den Lippen. Die Verteidigung hatte keine Fragen an Brodi.
Nachdem er den Gerichtssaal verlassen hatte, stand Murer auf. Wieder erklärte er, der Zeuge müsse sich getäuscht haben. Er, Murer, habe den Jungen nicht erschossen. Vielleicht sei es irgendein anderer gewesen.
Die Verhandlung dauerte eine Woche. Vor allem die ausländischen Journalisten spürten sehr genau, daß die Stimmung im Gerichtssaal entschieden auf Seiten des Angeklagten war. Den Zuhörern war anzumerken, wie sie sich freuten, wenn es der Verteidigung gelang, Zeugen zu verwirren.
Ein Zeuge wurde von seinen Gefühlen übermannt, als er dem Gerichtshof erklärte, was geschehen war, und brachte die Einzelheiten durcheinander.
Ein anderer Zeuge war sich des Datums nicht sicher. Er schilderte ein von Murer begangenes Verbrechen, aber Murer erbrachte den schlüssigen Beweis, daß er zu dieser Zeit nicht in Wilna gewesen war.
Natürlich wurden die Aussagen dieser Zeugen für unglaubwürdig gehalten. Die Erklärungen der Belastungszeugen quittierte man mit eisigem Schweigen. (Ich wurde von einem Entlastungszeugen als "Menschenjäger" betitelt.)
Frau Towa Rajzman aus Tel Aviv bezeugte unter Eid, daß Murer ihre Schwester erschossen habe, weil sie ein Stück Brot von einer Polin angenommen hatte. In seiner Wut, sagte sie, habe er später noch drei andere Frauen und einen Mann umgebracht, die zufällig daneben gestanden hätten. Als Frau Rajzman diese Szene heraufbeschwor, überkam sie die Erinnerung so sehr, daß sie zu schreien begann.
"Schreien Sie nicht im Gerichtssaal!" sagte der Gerichtsvorsitzende, Hofrat Dr. Peyer.
"Verzeihen Sie mir, Herr Rat", bat Frau Rajzman. "Aber es war schrecklich. Das Blut meiner Schwester lief über meine Füße."
"Könnte es nicht jemand anderes gewesen sein?"
"Nein, Herr Rat. Es war Murer. Ich erinnere mich seiner vom erstenmal her, als er ins Getto kam. Er schlug mich auf der Straße."
Nach vier Stunden Beratung fällten die Geschworenen das Urteil: "Nicht schuldig." In Österreich wird im Gerichtssaal bekanntgegeben, wie die Geschworenen abgestimmt haben. Der Vorsitzende des Schwurgerichts sagte, in zwei von den 17 Fällen habe eine Stimmengleichheit von vier zu vier bestanden -- er hatte also seine Stimme zugunsten Murers abgegeben.
Ein Sturm der Entrüstung ging durch ganz Österreich, Zeitungen nahezu aller politischen Richtungen nannten das Urteil einen Justizskandal, ein Zerrbild der Gerechtigkeit.
In Wien steckten sich katholische Studenten gelbe Sterne an die Jacken und marschierten protestierend durch die Straßen; dabei riefen sie: "Murer ist ein Mörder! Strafe für Murer!" Anschließend besuchten sie eine Bußmesse in der Michaelerkirche, um ihr tiefes Bedauern über die Verbrechen von Christen an Juden zu bezeigen.
Der Staatsanwalt legte gegen das Urteil Berufung ein. Der Oberste Gerichtshof gab der Berufung wegen eines Anklagepunktes statt: Es war ein Fall, den ich ermittelt hatte; Murer war bei der Ausführung eines Mordes von zwei Zeugen gesehen worden, die nichts voneinander wußten und heute in zwei verschiedenen Kontinenten leben. Unabhängig voneinander hatten sie den gleichen Vorfall geschildert.
Gegen Murer wird noch einmal verhandelt werden. Noch kann die Gerechtigkeit siegen.
IM NÄCHSTEN HEFT
Den geheimen Fluchthelfern ehemaliger SS-Führer auf der Spur -- Verschwörerkonferenz im Straßburger Hotel "Maison Rouge" -- Ein jüdischer Waffen-SS-Mann jagt Nazis
Von Simon Wiesenthal

DER SPIEGEL 33/1967
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