13.02.1967

DAS MONOKEL DER ARMEE

Brandenburgische Dragoner säbelten ein napoleonisches Regiment reitender Jäger zusammen, rissen ihnen die Kaiseradler von der Montur und hefteten die Trophäen an ihre Mützen.
Das Reitergefecht -- 1813 bei Arnheim in Holland -- dauerte 15 Minuten. Aber Napoleons vergoldetes Blech-Emblem, nach der Garnison der siegreichen Dragoner "Schwedter Adler", auch "Schwedter Kuckuck" genannt, überlebte als preußisch-deutsches Traditionszubehör Hohenzollern-Thron, Weimarer Republik und Hitler-Diktatur.
Auch die demokratische Bundeswehr hat sich wieder des napoleonischen Adlers aus dem märkischen Schwedt bemächtigt. Offiziere des Panzeraufklärungslehrbataillons 11, selbsterwählte Traditionshüter der Schwedter Dragoner, schlugen den Traditionsvogel auf dem Truppenübungsplatz Munster an die Kasinowand.
Zwar darf ihr Bataillonskommandeur das Abzeichen kavalleristischer Eitelkeit nicht an den Mützen seiner Panzeraufklärer zulassen, wo er es am liebsten sähe, aber bei Festivitäten stecken sich die Offiziere den exklusiven Putz schon an den Rock.
Der Kuckucks-Kult ist Glied in der Traditionskette, die Kavalleristen von einst mit Panzeraufklärern von heute verknüpft.
Ihr Kampfauftrag einst wie jetzt: der Führung die notwendigen Unterlagen für Lagebeurteilung, Entschluß und Einsatz der Kräfte zu liefern.
Neun der zwölf Heeresdivisionen verfügen schon über ein eigenes Panzeraufklärungs-Bataillon, bestehend aus Stabs- und Versorgungskompanie, zwei Panzeraufklärungs- und einer schweren Kompanie. Gesamtstärke je Bataillon: 750 Mann**.
Ein Bataillon kann bis zu 22 Panzerspähtrupps gleichzeitig gegen den Feind schicken. Da die Sowjetarmee ihre Aufklärungsverbände mit dem Kampfpanzer "T-54" armiert, sind die Panzeraufklärer darauf angewiesen, im Ernstfall ihre Aufträge kämpfend zu erfüllen. So gehören zu jedem Bataillon außer kleinen Schützenpanzern "Hotchkiss" auch 28 "Leopard"-Panzer.
Das alte Aufklärungsprinzip "Viel sehen, ohne selbst gesehen zu werden" gilt nur noch halb. Die Taktik verlangt heute, zwischen Spähen und Kämpfen -- elastisch zu wechseln.
Vielfalt und Bedeutung der Aufklärungsaufträge fordern von der Truppe taktisches Einfühlungsvermögen, Verantwortungsbewußtsein und die Fähigkeit, auch in größeren Zusammenhängen mitzudenken. Die Höhe des Blutzolls, den ihre Kameraden in der Schlacht zu entrichten haben, wird von der Qualität ihrer Aufklärungsergebnisse mitentschieden.
Schon die königlich preußische Reiterei, in der vornehmlich den Husaren und Dragonern ähnliche Aufgaben ge-
* Rekrutenvereidigung in Braunschweig mit Ehrenposten der ehemaligen 17. Husaren.
** Die Fallschirmjäger brauchen keine Aufklärer; Gebirgsjäger und 12. Panzer-Division in Würzburg müssen sich mit der Aufstellung ihrer Bataillone noch gedulden.
stellt waren, schöpfte daraus Selbstvertrauen und Waffenstolz. Kavalleristen und Panzeraufklärer entwickelten beides zur Perfektion.
Vom Auftrag her zum Auge des -- Truppenführers bestimmt, sind die Aufklärer durch Tradition, hohe Selbsteinschätzung und vornehmes Gebaren zum "Monokel der Armee" avanciert.
Zum Monokel gehört das· blaue Blut. Im gesamten Offizierkorps der verbürgerlichten Reichswehr waren 1932 noch 23,8 Prozent der Kameraden adelig, in der Kavallerie jedoch 47,3 Prozent.
Die farb- und stillose Bundeswehr gebietet lediglich über drei Prozent Offiziers-Adel. Fragte ein Panzeraufklärungs-Major: "Warum sind es so wenige?"
Es sind nicht immer so wenige. Im Panzeraufklärungslehrbataillon 11 etwa zählen der Kommandeur, sein Stellvertreter und drei der vier Kompaniechefs zur Aristokratie: Fabian von Ostau, Horst-Hasso von Reichenbach, Clamor von Trotha, Nikolaus von Websky, Aribert von Buch.
Und in den Personallisten des Eutiner Panzeraufklärungsbataillons 6 ("von 6") findet sich eine Vielzahl wohlklingender Namen aktiver oder übender Soldaten: Anton Günther Herzog von Oldenburg, Albrecht Wolfgang Prinz zu Hohenlohe-Langenbung, Georg Ludwig Graf von Kielmansegg, Nikolaus von Puttkamer.
Als dem Oberstleutnant Anton von Mohl 1965 im Kommando "von 6" der Major Erich Schwill-Engelhardt folgte, da seufzten die Eutiner: "Wenigstens ein Doppelname."
Dem blauen Blut ist die gelbe Farbe zugeordnet: Die goldgelbe Waffenfarbe der Reiter-Regimenter gehört heute der Panzeraufklärungs-Truppe.
Manche Doppelmitgliedschaft verzeichnen die "Deutsche Adelsgenossenschaft" und der "Gelbe Kreis", ein feinen Verein alter Kavalleristen und junger Panzeraufklärer, der die Traditionspostille "Die Gelben Blätter" herausgibt. Gelbe Kinderwagendeckchen und Baby-Garnituren zeigen jedermann, daß der Sproß eines waffenstolzen Panzenaufklärers, nicht der eines Grenadiers oder Artilleristen, durch die Stadt gerollt wird.
Im hannoverschen Atelier des renommierten Militärschneidens Traugott Rahne, der schon den deutschen Reiten-Equipe in den Zeit ihrer Turniersiege schnittige Uniformen anmaß, lassen heute die Leutnants der kavallerieträchtigen Panzeraufklänungs-Truppe arbeiten. Besonders begehrt sind Rahnes gelbe Westen, die man -- vorschriftswidrig -- unter dem Waffenroch trägt.
In den Bundeswehr -- Zeitschrift "Kampftruppen" definierte ein Panzeraufklären seine Truppe mit noblem Freimut:
Wer heut' gelbe Spiegel trägt, gern die Traditionen pflegt und sich fühlt als Kavall'rie, saß zwar meist zu Pferde nie, doch dafür auf hohem Roß, -- würdig seiner Ahnen Sproß. Hochgeboren, aufgeklärt, man in schnellen Panzern fährt, nennt sich stolz drum Panzerspäh (auch Monokel der Armee) ... In dem (goldenen) gelben-Kreis man sich Wohl geborgen weiß ... Und drum schlägt in Freud und Schmerz golden stets das gelbe Herz.
Unter den atlantischen Waffenbrüdern hat das Bewußtsein der Panzeraufklärer, an der Spitze aller Waffen zu marschieren, die internationale Verbundenheit der feineren Leute gefördert.
Es war in Roding, einer Aufklärer-Garnison des Bayrischen Waldes. Ein Besucher aus dem Bonner Verteidigungsministerium fragte nach den nächstgelegenen Truppenteilen.
Ein gelber Kavalier antwortete waffenbewußt: "Die nächsten Soldaten, mit denen man verkehren kann, sind das amerikanische Armored Cavalry Regiment 11 in Straubing und das französische Panzeraufklärungs-Bataillon 1 in Speyer." Denn auch dort werden unter dem Rock farbige Westen getragen.

DER SPIEGEL 8/1967
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