13.02.1967

WERFTEN / BLOHM & Voss

Frachter von der Stange

Der Schiffsrumpf ist kantig, als sei er aus Bauklötzen zusammengesetzt. Die Aufbauten stehen auf dem Achterdeck wie ein Fertighaus auf der grünen Wiese. Schön ist er nicht, aber er soll den Frachtschiff-Bau revolutionieren: der Typ "Pioneer", den die Hamburger Werft Blohm & Voss AG (BV) entwickelt hat.

Das Unternehmen auf der Elbinsel Steinwerder, das vor 90 Jahren gegründet wurde, half drei deutsche Kriegsflotten ausrüsten und baute unter anderem die Passagier-Riesen "Vaterland" (1914) und "Europa" (1930). Jetzt will Blohm & Voss beweisen, daß Westdeutschlands Werften angesichts scharfer internationaler Konkurrenz "nicht nur klagen im Sinne Rehwinkels, sondern daß uns auch was einfällt". Dem technischen BV-Vorstandsmitglied Joseph Herrmann Van Riet, 43, war eingefallen, daß in den Handelsflotten der Welt noch rund 600 Liberty-Schiffe fahren. Dieser amerikanische Einheitstyp, im Zweiten Weltkrieg als Vielzweck-Frachter entworfen und nach Fließband-Methoden gefertigt, ist heute überaltert und muß ersetzt werden.

Mit entsprechenden Neukonstruktionen sind englische, japanische und auch westdeutsche Werften bereits auf dem Markt, aber Van Riet fand, daß sie alle noch nicht neu genug waren: "Sie sind zwar technisch auf dem modernsten Stand, aber im ganzen eben doch konventionelle Schiffe."

Gegen das Konventionelle war der gebürtige Belgier Van Riet schon bei seinem letzten Arbeitgeber zu Felde gezogen. Auf der Hamburger Werft des später gescheiterten Industriellen Willy Schlieker hatte er so neuartige Methoden eingeführt wie etwa den Bau von Mittelschiffen, die dann über den Atlantik geschleppt und in den USA mit Vorder- und Achterschiff vereint wurden.

Den Liberty-Ersatz plante Van Riet so, "wie die Flugzeugwerke eine neue Maschine planen; die bauen ja euch nicht für jede Luft-Reederei. ein eigenes Modell". Blohm & Voss ließ von Computern ausrechnen, wie ein möglichst vielseitiges und rationelles Hochsee-Arbeitspferd etwa auszusehen habe, und konstruierte es dann in Gemeinschaft mit dem Hamburger Ingenieurbüro Stummer. Das Ergebnis war der Pioneer, für den die Werft schon mehrere Patente angemeldet hat.

Als erstes wurde der Laderaum entworfen. Er hat nur ebene Flächen, und deshalb entsteht beim Stauen von Stückgut kaum toter Raum. Wenn Schüttgut transportiert wird, läßt sich das Zwischendeck nach beiden Seiten hochklappen. Vor allem aber bietet der Pioneer besonders günstige Voraussetzungen für den Warentransport in sogenannten Containern.

Für diese Behälter in international genormten Größen, die vom Schiff direkt auf Bahn oder Lkw umgeschlagen werden, bestellen die Reedereien gegenwärtig noch Spezialschiffe. Der Pioneer dagegen kann neben seinen übrigen Einsatz-Möglichkeiten zusätzlich als Container-Schiff fahren: Länge, Breite und Höhe seiner Laderäume betragen jeweils ein Vielfaches der Container-Maße.

Die Schiffsform weicht radikal von der überkommenen Tropfengestalt ab; auch sie besteht, bis auf den Wulstbug unter der Wasserlinie" nur aus ebenen Flächen. Dadurch bleibt die ideale Form des Laderaums erhalten; außerdem senkt es die Fertigungskosten erheblich, wenn die Schiffsbleche nicht mehr in komplizierte Krümmungen gebogen werden müssen. Der Kanten-Rumpf bewies bei Schleppversuchen" die wegen der Geheimhaltung im fernen Wien angestellt wurden, daß er die Geschwindigkeit des Schiffes praktisch nicht mindert.

Ähnlich revolutionär ist das System, nach dem Blohm & Voss die Aufbauten in Fertighaus-Art auf Deck setzt. Bei der Entwicklung half, auch das ein Schritt vom gewohnten Weg, Professor Votteler von der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Ein Stahl-Skelett aus vorgefertigten Normteilen nimmt die gesamte Installation auf und wird dann mit ebenfalls genormten Blechen verkleidet. Alle Teile, von den Deckblechen bis zu Bücherregalen und Lichtschaltern, lassen sich mit bloßem Handdruck: in dem Stahl-Skelett festklemmen.

Der Pioneer soll in fünf Größen zwischen 8500 und 21 000 Tonnen Tragfähigkeit sowie mit unterschiedlichen Maschinen und Ladegeschirren in insgesamt 100 Varianten angeboten werden. Dank der rationellen Fertigung könnten die Hamburger Pioniere etwa zehn Prozent billiger sein als vergleichbare Frachter herkömmlicher Bauart

und noch billiger, wenn es zu Großserie kommt. Van Riet: "Wenn wir eines Tages auf zwei Neigen bauen, könnten wir jeden Monat einen Pioneer vom Stapel lassen."

Dann müßten sich allerdings die Reedereien dazu durchringen, nach dem Vorbild der Luftfahrtgesellschaften "Konfektion statt Maßanzüge" (Van Riet) zu akzeptieren. Der Belgier hält das ohnehin für dringend geboten. wenn die Schiffbau-Kosten gesenkt werden sollen.

Zunächst will Van Riet das Pioneer-System allen Reedereien durch eine Broschüre vertraut machen und ihre Meinung dazu einholen. Einen ersten Erfolg konnte er bereits verbuchen: Die Reederei Hamburg-Süd von Rudolf-August Oetker läßt auf sechs Kühlschiffen, die Blohm & Voss herstellt, die Aufbauten im neuen Fertighaus-Verfahren errichten.


DER SPIEGEL 8/1967
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