12.06.1967

Rudolf AugsteinISRAEL SOLL LEBEN

Die Araber haben nicht ganz und gar unrecht, wie der oberflächliche Zeitungsleser glauben könnte. Sie haben 1948 für ein jahrhundertealtes Sündenregister zahlen müssen, das nicht von ihnen, sondern von europäischen Nationen bestritten worden ist. Kein souveräner Staat, nicht in Europa und nicht in Amerika, hätte den Juden freiwillig ein Gebiet von der Größe Israels abgetreten. Nur im Kehraus des Kolonialismus war es möglich, Israel zu gründen: eine Gründung ohne die unerläßlichen Sicherungen für den jungen Staat, die vom schlechten Gewissen der Schutzmächte begleitet war.
Die Araber haben ihr Land nicht infolge einer jahrelangen Irrsinns-Herrschaft verloren, wie die Deutschen. Einem einseitigen Diktat anderer mußten sie sich beugen. Dies die notwendige Vorbemerkung.
Nun aber sitzen die Israelis seit 1900 (50 000), seit 1930 (175 000), seit 1960 (zwei Millionen) im Land ihrer Ur-Ur-Väter. Was sie, mit Hilfe von außen zwar, aber doch hervorragend durch eigene Tüchtigkeit geleistet haben, füllt ein Legendenbuch.
Blühende Gärten wuchsen im Wüstensand. Die schreckliche Wunde, die Hitlers Leute dem Selbstbewußtsein aller überlebenden Juden beibrachten, hellt ganz unaufhaltsam. Wer den jüdischen Staat und seine Bewohner sieht, weiß: Juden sind nicht, und erst recht nicht notwendig, so, wie der Antisemitismus sie sehen wollte.
Im Gegenteil, ihre Gefährdung scheint nicht die üblen, sondern die edlen Fähigkeiten der Spezies Mensch zu entwickeln. Israel hat während der letzten neunzehn Jahre aller Welt ein Beispiel gegeben, wie die Hilfsquellen der Menschheit zum Nutzen aller erschlossen werden könnten, wenn man die Energien des menschlichen Geistes zu organisieren wüßte.
Dieser jüdische Staat hatte von je nur das Existenzminimum. Man kann ihm nichts wegnehmen, ohne ihn zu ruinieren.
Wäre es so, daß die arabischen Länder eine weitere, eine bewaffnete Bevölkerungsexplosion auf israelischer Seite befürchten müßten, so könnte man präventive Maßnahmen verstehen. Aber Israel, so klein es ist, hat genug Land, ihm fehlen noch Menschen. Auf Erobertes wird es verzichten, wenn man seine Grenzen anerkennt.
Die arabischen Gegner wollten ihm nicht ein Stück Land oder eine Konzession fortnehmen. Sie hatten es auf seine Existenz abgesehen. Das fordert Konsequenzen. Für diesmal war in Kairo Prahlhans Küchenmeister. Aber was wird, wenn Israels arabische Nachbarn, jetzt gedemütigt wie noch nie, wieder zu Kräften kommen? Soll Israel weiter in der Angst vor einem Überfall leben müssen, weiter unter dem Zwang, ständig zum Präventivkrieg gerüstet zu sein?
Dies darf nicht geschehen. Hier hört alle Nicht-Einmischung und Neutralität auf. Die arabischen Staaten müssen lernen, was auch die Bundesrepublik anerkennen muß: daß die derzeitigen Grenzen endgültig sind.
Wer dem Staat Israel die Existenz bestreitet, sollte keine Entwicklungshilfe erhalten, jedenfalls nicht von der Bundesrepublik. Alle Hilfsgelder über den normalen Handel hinaus sind dazu bestimmt, die wirtschaftlichen Kräfte des Empfänger-Landes so zu entwickeln, daß es seine Bevölkerung aus eigenem ernähren kann.
Wer die überschießende Energie hat, Kriege anzuzetteln, bedarf keiner Hilfe aus den Mitteln deutscher Steuerzahler. Er soll sich anderswo Hilfe holen. Daß die Lieferung sowjetischer Waffen eine lohnende Investition war, wird man füglich bezweifeln dürfen.
Die Bundesrepublik hat bisher zwischen beiden Lagern laviert, um die "traditionelle deutsch-arabische Freundschaft" nicht zu gefährden. Solange nicht erwiesen war, daß die Araber Israel erdrosseln wollen, mochte das hingehen. Nun, da die Israelis nur dank ihrer Bravour einer Katastrophe entgangen sind, ist es an uns, ihnen nicht nur mit Worten zur Hilfe zu kommen. Sie haben ein Recht darauf, daß wir das wirtschaftliche Gewicht der Bundesrepublik in die Waagschale des Friedens werfen. Freundschaft mit Deutschland soll sich mit Vernichtung Israels nicht länger vereinbaren.
Die Einwände gegen solch entschiedene Friedenspolitik sind bekannt: Ägypter und Syrer und Iraker könnten die DDR vollgültig anerkennen.
Aber das werden sie demnächst ohnehin tun. Wer Ulbricht anerkennen will, den sollen wir nicht mit Entwicklungsgeldern hindern, und nicht, indem wir Beschimpfungen freundschaftlichst quittieren. Die moralische Entscheidung, die wir nur jetzt und später nicht mehr treffen können, würde uns wiedergeben, was wir so nötig haben wie die (im übrigen etwas löcherige) Freundschaftstradition Nassers und einiger anderer: Selbstrespekt und Handlungsfreiheit.
Israel, der David unter den Völkern, soll leben!
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 25/1967
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