27.02.1967

Der Orden unter dem Totenkopf

20. Fortsetzung* Das Ende der SS
Solange Heinrich Himmler die Heeresgruppe Weichsel führte, hatten die Deutschen nur die eine Seite des Januskopfes SS gesehen: den Antreiber zum "Endsieg", den Fanatiker des Führerbefehls. Nach Himmlers Ablösung am 20. März 1945 enthüllte sich zumindest den Eingeweihten die andere Seite, und sie entbehrte nicht bittergrotesker Züge.
Dieselbe Schutzstaffel, die jeden Zweifel am Endsieg brutal abtötete, die mit Standgerichten, pathetischen Appellen und Harakiri-Unternehmungen die Deutschen zum Aushalten auf putschte, suchte durch ein geheimes Paktieren mit dem Gegner ihre Existenz zu retten, weil sie selber nicht mehr an den Sieg glaubte.
In die "Groteske mischte sich das Makabre, denn die kapitulationswilligen SS-Führer hatten sich als Helfer und Unterpfand der eigenen Rettung just jenes Volk auserwählt, das bis zum letzten Mann auszurotten sie angetreten waren. Nur über die jüdischen Geiseln, so kalkulierten sie, ließ sich der Dialog mit dem Westen erzwingen.
Daß sich manche SS-Führer einschließlich Himmlers solchen Illusionen hingaben, war nicht zuletzt das Verdienst eines dicken, geschäftstüchtigen und etwas prahlsüchtigen Balten, der nicht müde wurde, die SS und ihren Reichsführer zum Abfall von Adolf Hitler zu bewegen.
Der Medizinalrat Felix Kersten, Abkömmling einer Familie aus der Mark Brandenburg, geboren 1898 in Dorpat, Bonvivant, Menschenfreund und Masseur, übte auf Himmler seit Jahren einen wunderlichen Einfluß aus, für den es in der
Geschichte nur ein vergleichbares Beispiel gibt: die Faszination des italienischen Astrologen Giovanni Baptista Seni, der Wallenstein erlag.
Wie der kaiserliche Feldherr des 17. Jahrhunderts keinen Schritt unternahm, ohne das Orakel seines Vertrauten Seni befragt zu haben, so zog auch der Reichsführer seinen ausländischen Dauergast stets zu Rate. Brachte dem einen das Fernrohr des Italieners Erlösung vom Alpdruck dunkler Mächte, so befreiten des Balten "Zauberhände", wie sie der französische Schriftsteller
* Diese Serie erscheint Mitte Mai mit erweitertem Text als Buch (etwa 550 Seiten; 28 Mark) im Verlag Sigbert Mohn, Gütersloh.
Joseph Kessel nennt, den anderen von schier unerträglichen Magenschmerzen.
Denn Felix Kersten war die Kunst zu eigen, durch den Druck seiner sensiblen Hände Menschen von ihren Qualen zu erlösen. Er hatte früh in Finnland die manuelle Therapie und jene Heilkunde erlernt, deren Vertreter meinen, viele Krankheiten entstünden durch Nervenspannungen und ließen sich daher durch Entspannung der Nerven wieder kurieren. Mit seinem finnischen Massagediplom war Kersten nach Berlin gezogen und zu einem Modearzt der Berliner Society aufgestiegen.
Der chinesische Meistermasseur Dr. Ko rief aus, als er sich von dem Balten einmal hatte behandeln lassen: "Junger Freund, Sie verstehen noch gar nichts. Aber dreißig Jahre habe ich auf Sie gewartet. Sie sind ein Auserwählter."
Kerstens Zauberhände wirkten Wunder und strichen die einträglichsten Honorare ein, die je ein Heilkundler im Berlin der zwanziger Jahre einkassierte. Der Ruf des Prominenten-Masseurs verbreitete sich rasch in Europa, zumal Kersten seine Heilkunst und ein derbes Profitstreben mit der Artigkeit höfisch-aristokratischer Umgangsformen zu verbinden verstand.
Die Rolle des Leibarztes hoher Potentaten war ihm beinahe schon in die Wiege gelegt worden: Zu seinen Paten gehörte Alexander Westberg, Leibarzt am russischen Zarenhof. Kersten selber wurde 1928 Hofarzt der niederländischen Königsfamilie, und elf Jahre später durfte er sich Leibarzt des gefährlichsten Patienten nennen, den sich ein Heilkundler im Dritten Reich vorstellen konnte: des Reichsführers-SS.
Der Kali-Industrielle August Rosterg, ein Patient Kerstens und Mitglied des "Freundeskreises Reichsführer-SS", hatte den Wunderarzt mit Himmler zusammengebracht. Im März 1939 stellte Kersten -- so berichtet sein Biograph, der katholische Theologe Achim Besgen -- "bei Himmler sehr schmerzhafte Störungen im sympathischen Nervensystem -fest und konnte ihn, da er gerade stark unter Schmerzen litt, in wenigen Minuten von seinen Schmerzen befreien".
Der SS-Chef vermochte die Blitz-Heilung kaum zu fassen. Himmler: "Ich habe viele deutsche Professoren konsultiert und keiner konnte mir helfen. Helfen Sie mir bitte, Herr Professor." Kersten mußte seinen neuen Patienten aufklären, daß er weder Professor noch Doktor sei, dennoch ließ er sich als Leibarzt des Gefürchteten anwerben.
Kersten wich nicht mehr von Himmlers Seite. Er hatte bald begriffen, daß ihm die schmerzstillenden Hände eine Macht über Himmler verlieben, die nur dort ihre Grenzen fand, wo die Magie Adolf Hitlers begann. Sonst aber öffnete sich Himmler allen Einflüsterungen Kerstens -- hatten sich erst einmal die Finger des Masseurs in den gemarterten Leib des Reichsführers gesenkt, offenbarte selbst Himmler, daß er ein Mensch war.
Mit jeder knetenden Bewegung seiner Hände entlockte Kersten dem Patienten ungewöhnliche Konzessionen. Hier war es ein Prominenter, der aus dem KZ befreit wurde, dort galt es, einem Gefährdeten die Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen, in einem anderen Fall ging es um Tausende jüdischer Menschen, die vor der Endlösungs-Maschine bewahrt wurden -- Kersten half fast immer, und oft gelang ihm das Unmögliche.
-- Immer länger wurde die Reihe der Geretteten, die dem Masseur Himmlers ihr Leben verdankten. Er verhinderte die Hinrichtung des späteren schleswigholsteinischen Ministerpräsidenten Theodor Steltzer, er hintertrieb die Judenvernichtung in Finnland, er stoppte den Raub der holländischen Kunstschätze, er schleuste skandinavische KZ-Häftlinge ins neutrale Schweden.
Zugleich aber gelang es dem kosmopolitischen Intimus des SS-Chefs, dessen Vertrauen in so hohem Maße zu erringen, daß er sich 1943 sogar von Himmler völlig unabhängig machen konnte. Kersten durfte sein Gut Hartzwalde im Norden Berlins verlassen und nach Stockholm umziehen, ausgestattet mit dem Privileg, Himmler unter der Kenn-Nummer 145 jederzeit anrufen zu können.
Die Geschichte des Felix Kersten erschien der Nachwelt so phantastisch und unglaubwürdig, daß die niederländische Regierung .1947 eine Historiker-Kommission unter Führung des Professors Nicolaas Wilhelmus Posthumus, Direktor des Reichsinstituts für Kriegsgeschichte, beauftragte, die Tätigkeit des einstigen holländischen Leibarztes Kersten zu untersuchen.
Drei Jahre lang verhörte die Kommission Gegner und Freunde Kerstens, durchforschte die Archive mehrerer Länder und prüfte das 800-Seiten-Tagebuch des Masseurs. 1950 fällte Posthumus sein Urteil: Felix Kersten habe für Menschlichkeit und Frieden so überwältigend viel getan, daß er, der. Professor, zu behaupten wage, die Geschichte kenne kein vergleichbares Beispiel wagemutiger Philanthropie.
Das Verdikt des Professors mochte nicht zuletzt von der Geschicklichkeit beeinflußt sein, mit der es Kersten ab Anfang 1944 verstanden hatte, in Himmler den Irrglauben zu nähren, allein durch einen Stopp des Judenmord-Programms könne sich der Reichsführer Sympathie und Gehör der westlichen Alliierten sichern.
Schritt um Schritt drängte Kersten den zwischen Hitler-Hörigkeit und Überlebensbedürfnis schwankenden SS-Chef vom Kurs der radikalen Endlösungspolitik ab und schürte die groteske Vorstellung, an dem Tag, da Himmler die Judenvernichtung verbiete, würde sich ihm automatisch das Tor zu Verhandlungen mit den Westmächten öffnen. Himmler war nur allzu bereit, die Kersten-Mär zu glauben.
"Im Frühsommer 1944", so ließ sich Professor Posthumus von einem SS-Obergruppenführer berichten, dessen Namen er geheimhält, "brachte Kersten
* Auf Schloß Soestdijk nach Verleihung der Insignien eines Großoffiziers des Oranien-Nassau-Ordens, 1950.
bei einem Essen im Hegewaldheim in Ostpreußen die Judenfrage zur Sprache. Es geschah recht unvermittelt. Die Unterhaltung wurde darum sehr erregt, und es fielen scharfe Worte. Kersten wurde ultimativ ... Ich selbst war dabei. Kersten, zäh wie eine Hirschlaus, ließ nicht los, bis Himmler schließlich zusagte, die ganze Judenangelegenheit grundsätzlich zu ändern. Zu Gunsten der Juden. "Sie werden zufrieden sein Kersten', sagte Himmler."
Endlöser Adolf Eichmann merkte als einer der ersten SS-Führer, daß sich etwas geändert hatte. Er war im März 1944 mit seinen Mitarbeitern Krumey, Dannecker, Wisliceny, Nowack, Hunsche und Abromeit nach Ungarn gereist, den letzten Akt rassistischer Henkersarbeit in Szene zu setzen: die Vernichtung des ungarischen Judentums.
Angesichts der heranrückenden Sowjetarmeen hatte Eichmann die deutschen und ungarischen Endlöser zur Eile angespornt. Ungarns 900 000 Juden waren in Gettos zusammengetrieben, das Land war in sechs Deportationszonen eingeteilt worden; daraufhin hatte der unermüdliche Obersturmbannführer die Todeszüge der Reichsbahn herankommandiert: Der letzte Marsch nach Auschwitz konnte beginnen.
Eichmann bereitete eben den Abtransport der Juden in den ersten beiden Zonen vor, da fiel ihm ein Kamerad in den Arm. Der SS-Hauptsturmführer Otto Clages, Leiter des SD in Ungarn, witterte das herannahende Ende des Tausendjährigen Reiches und suchte nach einem Mittel, das ihm eine Zukunft nach der Katastrophe sicherte.
Seinem Stab in Budapest waren auch Beauftragte der vom SD annektierten Abwehr des Admirals Canaris zugeteilt worden. Von ihnen erfuhr Clages, sie verfügten über Kontakte zu einer zionistischen Organisation, die mit dem Plan umgehe, durch riesige Geldzahlungen die Deutschen zur Beendigung des Judenmords zu bewegen.
Im Januar 1943 hatten sich drei Zionisten -- der Ingenieur Otto Komoly, der Publizist Rezsö Kastner und der Strichwarenhändler Joel Brand -- zu einer Gruppe zusammengeschlossen, die sie "Waadat Ezra Vö-Hazzalah Bö-Budapest" (Waadah) nannten, zu deutsch: Jüdisches Rettungskomitee von Budapest. Sie wollten gefährdeten Juden in Deutschland, Polen und der Slowakei zur Flucht nach Ungarn und zur Ausreise nach Palästina verhelfen.
Bei ihren Rettungsversuchen war den Waadah-Führern die Idee gekommen, man müsse den Endlösungs-Funktionären durch Bestechungsgelder jüdische Opfer abhandeln. Kastner und Brand hatten bald erkannt, daß hinter der Einheitsfassade der SS auch Männer saßen, die durchaus bereit waren, sich kaufen zu lassen. Sie boten Clages ein Geschäft an: Geld gegen Juden.
Clages reichte die Waadah-Offerte an Himmler weiter und empfahl dem Reichsführer, mit dem jüdischen Rettungskomitee über die Lieferung von Kriegsmaterial für die Waffen-SS verhandeln zu lassen. Der Vorschlag des Clages weckte offenbar die Machtgier Himmlers, die Sucht, seine Macht materiell noch stärker zu fundieren, denn alsbald erhielt Eichmann allerhöchste Order, Joel Brand zu kontaktieren.
War es nur Machtgier, die den SS-Chef trieb? Im Anfang, zweifellos. Doch bald scheint Kerstens Argumentation Himmler zu der Spekulation verführt zu haben, über den Zionisten Brand und das Waadah könne der Reichsführer-SS mit den Alliierten ins Gespräch kommen, zumal Brand und Kastner den kecken Anspruch erhoben, hinter ihnen stünden Geld und Macht dessen, was die abergläubischen SS-Männer das "Weltjudentum" nannten.
Dem ungarischen Unternehmer Andreas Biss, einem Vetter Brands, aktivem Helfer des Waadah und kenntnisreichstem Chronisten der Endlösung in Ungarn, enthüllte sich "immer deutlicher das Bild eines Heinrich Himmler, der durch Kontakte zu uns zunächst Waffen und Material zur Verstärkung und zum weiteren Ausbau seiner SS zu erhalten gehofft hatte, dann aber -- bereits wenig später -- eine Rückversicherung in Washington abzuschließen suchte. Und zwar beschränkte sich diese Rückversicherung, wie ich noch später merkte, nur auf ihn selbst und schloß seinen Führer Adolf Hitler vollständig aus
Auch Eichmann muß ein Gefühl des Unbehagens beschlichen haben, als er Himmlers Order las, dem Waadah das mögliche Ende des Judenmords in Aussicht zu stellen. Mißmutig entledigte er sich seines Auftrags. Am 25. April bestellte er Brand zu sich und unterbreitete ihm einen Vorschlag.
Eichmann erklärte, die ungarischen Juden könnten von der Endlösung ausgenommen werden, wenn das Weltjudentum einen Preis zahle, und zwar nicht in Geld, sondern in Gütern. Elchmanns Forderung: Lieferung von 10 000 Lastkraftwagen, zwei Millionen Kisten Seife, 200 Tonnen Tee und 200 Tonnen Kaffee.
Brand solle so verlangte Eichmann weiter -- nach Istanbul reisen und mit den dortigen Vertretern der jüdischen Weltorganisationen über die Lieferungen verhandeln. Zur selben Zeit werde jedoch die Deportation der ungarischen Juden beginnen und erst gestoppt werden, wenn Brand die Zusage des Weltjudentums vorweisen könne.
Das Waadah erklärte sich trotz mancher Bedenken einverstanden, forderte allerdings von Eichmann ein Zeichen des guten Willens: die Entsendung eines "Musterzuges". Die Ankunft Brands in Istanbul müsse mit der Ausreise von 600 bis 1200 ungarischen Juden in ein neutrales Land zusammenfallen. Eichmann stimmte zu, am 17. Mai 1944 reiste Unterhändler Brand ab.
Der Waadah-Delegierte hatte seine Koffer noch nicht gepackt, da begann Eichmann bereits, die Juden Ungarns in die Todeszüge nach Auschwitz zu peitschen. Brand wollte in spätestens 14 Tagen nach Budapest zurückkehren -- bis dahin, so schwor sich Eichmann mußte die Masse des ungarischen Judentums vernichtet sein.
Mit der krankhaften Besessenheit eines Mannes, der sich um den Sinn seines Lebens geprellt glaubt, jagte Elchmann Eisenbahnzug um Eisenbahnzug nach Auschwitz. Sein subalterner Verstand hatte begriffen, daß die Tage der Endlösung gezählt waren; seine unmittelbaren Chefs, Kaltenbrunner und Gestapo-Müller, hielten am Judenmord fest, in Himmlers Weisungen aber klangen neue Akzente auf.
Immer hastiger wurden die Deportationsbefehle Eichmanns, immer schneller leerten sich die ungarischen Gettos. Am 7. Juni waren die Zonen 1 und II geräumt, waren 289 357 Juden in den oberschlesischen Gaskammern ermordet. Am 17. Juni: Zone III geräumt, 50 805 Juden in Auschwitz. Am 30. Juni: Zone IV, 41 499 Juden.
Als der Unterhändler Brand -- von den jüdischen Vertretern in Istanbul abgewiesen, von den Briten auf einer Reise durch Syrien verhaftet -- scheinbar spurlos verschwand, ließ Eichmann jede Hemmung fallen. Mit allen Mitteln versuchte er, den zugestandenen Judentransport ins Ausland zu sabotieren.
Er weigerte sich, für den "Musterzug" ausersehene Juden in Budapest zu sammeln. Er wollte die Zahl der auserwählten Juden ständig verkleinern. Er verbot, die Juden -- wie verabredet -- mach Portugal ausreisen zu lassen.
Vergebens appellierte Kastner an die Vertragstreue des Endlösers, vergebens rief er die Hilfe des SD-Chefs Clages an. Da erfuhren die verzweifelten Waadah-Funktionäre, in Budapest residiere ein Himmler-Beauftragter, in dem Eichmann seinen ärgsten Gegenspieler sehe.
Der Obersturmbannführer der Waffen-SS Kurt Becher leitete einen Ausrüstungsstab des SS-Führungshauptamts und sollte im Auftrag des Kommandoamts der Waffen-SS Nachschubmaterial für die Truppe beschaffen. Eine Laune des Zufalls hatte ihn dem Judenmord-Programm Eichmanns in die Quere kommen lassen.
Auf der Suche nach 20 000 Pferden, die er für die Waffen-SS beschaffen sollte, machte Becher die Bekanntschaft des jüdischen Bankiers Dr. Franz Chorin, eines Aktionärs des größten ungarischen Industriekonzerns, der von Juden gegründeten Manfred-Weiß-Werke. Der Pferdekenner Chorin gab dem passionierten Reiter Becher ein paar nützliche Tips für die Beschaffung guten Pferdematerials, und der SS-Mann revanchierte sich durch manche Artigkeit.
Bald verstanden sich die beiden Reiter derart, daß der Bankier dem SS-Mann die Sorgen der Familie des verstorbenen Industriellen Manfred Weiß anvertrauen konnte. Die meisten jüdischen Mitglieder der Familie Weiß wollten das Land verlassen, ehe sie Elchmanns Todesmaschine erreichte, und Becher sollte dabei helfen -- zu Nutz und Frommen der SS.
Becher und die Firma Weiß schlossen einen Pakt ab: Die SS übernahm treuhänderisch die von den "arischen" Mitgliedern der Familie Weiß verwalteten Firmenanteile (55 Prozent des Aktienkapitals), ließ 48, darunter 36 jüdische, Familienmitglieder nach Portugal ausreisen, zahlte ihnen eine Entschädigung von drei Millionen Reichsmark und behielt neun Familienmitglieder als Geiseln zurück, die Becher in Österreich unter seinen persönlichen Schutz stellte. Am 17. Mai 1944 wurde der Vertrag unterschrieben. die jüdische Industriedynastie reiste in die Freiheit.
Der Vertrag begründete eine Todfeindschaft zwischen Becher und Elchmann, weil nun der Endlöser sein Programm von einem Beauftragten Himmlers gefährdet sah. Monierte schon die von den Deutschen abhängige Regierung Ungarns den Eingriff Bechers in die magyarische Wirtschaft, so meuterte Eichmann gegen Bechers Extratouren, hinter denen er ein von ihm bekämpftes Konzept witterte: Rettung der Juden durch Lösegeld.
Kurt Becher schien den Waadah-Funktionären wie geschaffen dazu; Eichmanns Todesmaschine abzuschalten. "Reichsführers gehorsamster Becher", wie er seine Schreiben an Himmler abzuschließen liebte, besaß einen direkten Draht zu dem SS-Chef, und seine Verhandlungen mit der Weiß-Dynastie entsprachen just dem alten Programm des Waadah.
Kastner gelang es, bis zu Obersturmbannführer Becher vorzudringen und ihn für die Idee des Musterzuges zu gewinnen. Becher flog Ende Juni zu Himmler und erhielt die Genehmigung, an Stelle Eichmanus fortan selber mit dem Waadah zu verhandeln.
Becher trieb das Projekt bei Himmler energisch voran. Himmler forderte eine in Ungarn zu hinterlegende Garantiesumme für den Musterzug; sei der Transport in seinem Bestimmungsland eingetroffen, müsse die Gesamtsumme gezahlt werden. Preis pro Kopf jedes jüdischen Auswanderers: 1000 Dollar. Kastner akzeptierte. Am 30. Juni verließ der Zug mit 1684 Juden Budapest.
Doch Eichmann gab nicht auf. Eigenmächtig ließ er den Juden-Zug nach dem Konzentrationslager Bergen-Belsen umleiten. Himmler aber fiel plötzlich wieder um, weil inzwischen in der britischen und amerikanischen Presse Meldungen über die Mission Joel Brands und das Lkw-gegen-Juden-Angebot erschienen waren, die nur den Schluß zuließen, weder jüdische Organisationen noch die Regierungen der Alliierten würden auf den Handel eingehen.
Triumphierend drohte Eichmann dem Waadah, so notierte sich Biss, "daß die in Bergen-Belsen befindlichen Insassen des Musterzuges binnen einer Woche nach Auschwitz abtransportiert und dort ohne vorherige Selektion in die "Mühle' gebracht würden", wenn sich Joel Brand bis dahin nicht mit der Zusage jüdischer Weltorganisationen in Budapest zurückgemeldet habe.
Als Kastner und Biss ihren Helfer Becher bestürmten, ihnen gegen Elchmann beizustehen, vermochte auch der SS-Reiter ihnen nicht zu helfen. Diesmal aber half SD-Clages: Er erlaubte Biss, ein Memorandum mit neuen finanziellen Versprechungen des Waadah aufzusetzen, und leitete es Himmler zu.
Am 26. Juli 1944 erfuhr Biss von Ciages, "daß mein Memorandum in Berlin günstig aufgenommen worden sei und daß Himmler Anweisung gegeben habe, die Deportationen aus Ungarn bis auf weiteres einzustellen" -- so Biss in seinen Erinnerungen. Ein erster Erfolg war errungen, der Todesmarsch nach Auschwitz unterbrochen.
Jetzt sah. Becher wieder Möglichkeiten und flog abermals zu Himmler. Der SS-Chef genehmigte die sofortige Ausreise von 500 Mitgliedern des jüdischen Musterzuges; über die Finanzierung der Auswanderung aller übrigen Mitglieder sollte Becher mit Vertretern der jüdisch-amerikanischen Hilfsorganisation "American Joint Distribution Committee" in der Schweiz verhandeln.
Endlich sah Himmler das Tor zu Verhandlungen mit den Westmächten um einen winzigen Spalt geöffnet. Die durch das Waadah vermittelte Verhandlungsofferte des Joint bestärkte Himmler, der sich Amerika nicht anders denn als eine Beute des Weltjudentums vorstellen konnte, in dem Glauben, von dem Waadah über das Joint führe ein gerader Weg zum Weißen Haus in Washington und zum Sonderfrieden zwischen Deutschland und den West-Alliierten.
Der Unterhändler Becher durchschaute freilich rasch die Zweckpropaganda des Waadah. Schon das erste Gespräch mit dem Joint-Beauftragten, dem bieder-eidgenössischen Bankier Saly Mayer, am 21. August 1944 im Schweizer Grenzort St. Margarethen hatte Becher gelehrt, daß kaum eine Aussicht bestand, die jüdischen Organisationen für das Juden-gegen-Lkw-Geschäft zu gewinnen; Mayer wollte mit sich erst reden lassen, wenn Himmler offiziell das Ende des Judenmordes verkündet und sämtliche Mitglieder des Musterzuges freigegeben habe.
Ein Bericht Bechers an Himmler hätte genügt. und die Verhandlungen mit dem Joint wären gescheitert. Doch der SS-Obersturmbannführer Becher klärte seinen Reichsführer nicht über die wahre Lage auf. Er beschönigte die Erklärungen des ablehnenden Bankiers Mayer und zog damit den schwankenden, zögernden und ängstlichen Himmler immer tiefer in das Gestrüpp der Anti-Hitler-Kabalen.
Bei einem Gespräch mit Mayer am 1. September ließ Obersturmbannführer Becher seinen Adjutanten, Hauptsturmführer Max Grüson, den Schweizer fast beschwörend bitten, er möge wenigstens ein paar Konzessionen einräumen, selbst auf die Gefahr hin, daß die amerikanische Joint-Direktion Mayer desavouieren werde.
Doch das Joint und Bankier Mayer zögerten jede konkrete Zusage hinaus. Becher hätte das Scheitern seiner Bemühungen eingestehen müssen, wäre nicht Ende September gemeldet worden, US-Präsident Franklin D. Roosevelt habe den Quäkerführer Roswell D. McClellan als seinen persönlichen Beauftragten in die Schweiz entsandt -- mit dem Auftrag, sich in die Joint-SS-Verhandlungen einzuschalten.
Das war just die Meldung, auf die Himmler seit Monaten gewartet hatte. Er reagierte sofort: Noch am 30. September ließ er dem Waadah mitteilen, die Einstellung der "Aktionen" in Auschwitz habe er nunmehr endgültig genehmigt und bestätigt; Mitte Oktober entschied er, der Rest des Musterzuges könne in die Schweiz abreisen, unabhängig von der Zahlung des Kopfgeldes.
Einen Augenblick sah es aus, als honoriere Amerika das Entgegenkommen Himmlers. Roosevelt-Delegat McClellan bemühte sich um eine Unterredung mit dem Obersturmbannführer Becher, und die US-Gesandtschaft in Bern beeilte sich, die schweizerischen Behörden um sofortige Ausstellung eines Einreisevisums für den Himmler-Delegaten zu bitten. Am 5. November 1944 setzten sich Quäker und SS-Mann im Züricher "Savoy Hotel Baur-en-Ville" zusammen.
"Himmler mußte in der Tatsache, daß ein solches Gespräch stattfand, obwohl die Alliierten vereinbart hatten, mit keinem Deutschen zu verhandeln, außer gemeinsam und über die bedingungslose Kapitulation, ein wichtiges -- das bis dahin wichtigste -- Resultat seiner Kontakte zu uns sehen", urteilt Chronist Biss. "Rein formal gesehen bedeutet dieses Zusammentreffen allerdings einen Bruch des Abkommens von Teheran, in dem die westlichen Alliierten mit Stalin einen absoluten Boykott des Dritten Reiches vereinbart hatten."
Indes, die an dieses Gespräch geknüpften Hoffnungen Himmlers und Bechers erfüllten sich nicht. Der SS-Chef rief zwar den Endlöser Eichmann aus Ungarn ab, im Dezember trafen auch die restlichen Mitglieder des Budapester Musterzuges in der Schweiz ein; die weitergehenden Verhandlungen zerschellten jedoch an dem Unwillen der jüdischen Organisationen, Himmlers Gesten mit Geld und Waren zu belohnen.
Gleichwohl inspirierten die Schweizer Verhandlungen einen SS-Führer, der seit geraumer Zeit versuchte, seinen Reichsführer gegen Adolf Hitler mobilzumachen. Der SS-Brigadeführer Walter Schellenberg, Leiter des Ausland-SD, hatte sich seit mehr als zwei Jahren bemüht, Himmler für eine Aktion zu gewinnen, die dem Krieg ein Ende setzte und die SS in die hitlerlose Zukunft hinüberrettete.
Da er ebenso wie Himmler wähnte, die jüdischen Geiseln würden die SS-Führung ins Lager der Alliierten führen, suchte Schellenberg die Bekanntschaft prominenter Juden des Auslands. Er kontaktierte die Brüder Sternbuch in Montreux, zwei orthodoxe Juden, die in der Schweiz den amerikanischen Rabbinerverband vertraten.
Der SD-Chef bot ihnen eine Chance, ebenfalls Juden aus dem Herrschaftsbereich Himmlers zu retten. Von den Sternbuchs führte eine Verbindung zu dem Schweizer Altbundespräsidenten Dr. Jean-Marie Musy, der nicht abgeneigt war, aus Gründen der Humanität auf Schellenbergs doppelbödiges Spiel einzugehen.
Anfang Oktober 1944 erklärte sich Musy bereit, nach Deutschland zu reisen und mit Himmler über das Schicksal der Juden zu verhandeln. In der Nähe Wiens trafen der Schweizer und der SS-Chef zusammen. Nach anfänglichem Zögern erklärte sich Himmler bereit, allmählich sämtliche in deutschem Gewahrsam festgehaltenen Juden freizugeben und in die Schweiz ausreisen zu lassen.
Der Memoirenschreiber Schellenberg behauptete, in seiner Gegenwart habe Himmler damals eine Anweisung an RSHA-Chef Kaltenbrunner diktiert, wonach in allen KZ das Leben der Juden zu schonen sei. Den gleichen Anspruch erhebt allerdings auch der heutige Bremer Getreidegroßhändler Becher, der sich im Nürnberger Prozeß an die Himmler- Worte erinnern konnte: "Ich verbiete mit sofortiger Wirkung jegliche Vernichtung von Juden und befehle im Gegenteil die Pflege von schwachen und kranken Personen."
Wer immer auch zu dem Himmler-Ukas beigetragen haben mag, unbezweifelbar ist, daß der SS-Chef einen Befehl erlassen hatte, der ihn in einen schweren Konflikt mit Hitler stürzen mußte. Der Ukas besagte nichts Geringeres als dies: Die SS werde Adolf Hitler ignorieren, der die Endlösung der Judenfrage ohne Rücksicht auf die Kriegslage weiterhin betreiben wollte.
Heinrich Himmler hatte einen ersten Schritt unternommen, der ihn von seinem Ersatzgott fortführte. Schellenberg stieß nach. Jetzt mußte er die Chance nützen und das Band zwischen Diktator und Polizeichef vollends zerschneiden.
Den nächsten Akt übernahm Kersten der Schellenbergs illusionäre Absetzbewegung mit allen Mitteln unterstützte. Zudem hatte etwa zur gleichen Zeit die schwedische Regierung an den Himmler-Intimus appelliert, das Land aus einer argen außenpolitischen Verlegenheit zu befreien.
Um den wachsenden Pressionen der Alliierten auszuweichen, die Schweden zum Kriegseintritt. auf der Seite der Anti-Hitler-Koalition aufforderten, war von der schwedischen Regierung beschlossen worden, eine spektakuläre Rettungsaktion zu unternehmen. Schweden erklärte sich bereit, KZ-Insassen mit Lebensmitteln zu versorgen und befreite Häftlinge aufzunehmen. Das schwedische Außenministerium war daraufhin an Himmler herangetreten, der jedoch alle Hilfsangebote Schwedens zurückgewiesen hatte. Schwedens Außenminister, von Günther, wandte sich nun an den in Stockholm lebenden Kersten und bat um Hilfe. Der Masseur bearbeitete seinen alten Patienten so lange, bis Himmler nachgab.
Am 8. Dezember schloß Kersten in Himmlers Feldkommandostelle im Schwarzwald-Ort Triberg eine Vereinbarung mit dem Reichsführer. Der SS-Chef genehmigte: Überführung sämtlicher skandinavischen KZ-Häftlinge in ein Sammellager (Neuengamme bei Hamburg), Versorgung durch das Schwedische Rote Kreuz, Freilassung von 1000 Holländerinnen, 800 Französinnen, 500 Polinnen, 400 Belgiern, je 50 Dänen und Norwegern -- abzutransportieren mit schwedischen Autobussen.
Außenminister Günther bedankte sich bei Kersten und ließ Himmler ausrichten, Schweden werde Autobusse und Transportpersonal zur Verfügung stellen. Das war am 1. Januar 1945. Doch die Schweden ließen sich Zeit. Offenbar hofften sie, die sich überstürzenden Kriegsereignisse würden den Schweden die lästige Rettungsoperation ersparen.
Erst am 5. Februar rührte sich Günther wieder und informierte Kersten, die Leitung der Transportaktion werde ein Neffe des Schweden-Königs, Folke Graf Bernadotte, Vizepräsident des Schwedischen Roten Kreuzes, übernehmen. Weitere Wochen verstrichen ereignislos; ungeduldig erwarteten Schellenberg und Kersten die Ankunft des Mannes, dem sie die Rolle zugedacht hatten, Himmler vollends von seinem Führer fortzulocken.
Endlich, am 16. Februar 1945, stapfte Graf Bernadotte über den Flugplatz in Bomma bei Stockholm und flog in das belagerte und brennende Hitler-Deutschland. Der erste SS-Führer, der dem Schweden nach seiner Landung in Tempelhof gegenübertrat, war Walter Schellenberg; der SD-Chef saß auch dabei, als der Graf aus Protokollgründen Kaltenbrunner besuchte.
Bernadotte erkannte schnell, daß Schellenberg nur ein Ziel kannte: das sinkende Schiff zu verlassen. "Ich gebe gerne zu", hat der Schwede in seinen Memoiren festgehalten, "daß ich von Anfang an zu diesem menschlich fühlenden Nazi ein gewisses Vertrauen faßte." Dennoch fiel es Schellenberg schwer, den Schweden für seine und Kerstens Pläne zu gewinnen.
Auch Himmler zögerte, auf Schellenbergs Argumente einzugehen. Ebenso ängstlich wie neugierig sah er dem Kommen des Schweden entgegen, zumal er wußte, daß RSHA-Chef Kaltenbrunner die Schachzüge Schellenbergs argwöhnisch beobachtete. Kaltenbrunner hatte über Fegelein dem Diktator die Frage vorlegen lassen, wie der Bernadotte-Besuch zu behandeln sei. Hitlers Antwort: "In einem totalen Krieg kann man mit einem solchen Blödsinn nichts erreichen."
Schellenberg mußte lange Zeit auf seinen Chef einreden, ehe der sich entschloß, den Schweden zu empfangen. Am 19. Februar holte Schellenberg den Grafen ab und stellte ihn im SS-Lazarett Hohenlychen dem Reichsführer vor. Himmler beteuerte sofort: "Ich habe Adolf Hitler den Treueid geschworen. Als Soldat und als Deutscher kann ich diesen Eid nicht brechen. Deshalb kann ich auch keine Maßnahmen treffen, die den Absichten und Wünschen des Führers zuwiderlaufen."
Nach zweieinhalb Stunden hatte er sich freilich wieder anders entschieden. Er erlaubte, daß Bernadotte einen Teil der skandinavischen KZ-Häftlinge nach Norwegen heimholen dürfe. Auch bestätigte er noch einmal, was er schon Kersten zugebilligt hatte: die Versorgung der nordischen Häftlinge durch das Schwedische Rote Kreuz.
Kaum aber war Bernadotte nach Schweden zurückgeflogen, da setzte Schellenberg seinem Reichsführer die Daumenschrauben einer unermüdlichen Überredungskunst an. Schier pausenlos hämmerte er auf Himmler ein, seine Argumente liefen immer wieder auf die Forderung hinaus: Schluß machen mit Hitler, Schluß machen mit dem Krieg.
Schellenberg ersetzte, so hat der Historiker Trevor-Roper den Vorgang beschrieben, "in Himmlers privatem Heiligenschrein das Hitleridol, das allmählich zerbröckelte, langsam und zögernd und gegen den starrsinnigen und verzweifelten Widerstand des Götzendleners, durch ein neues, noch weniger passendes Bildnis: das Bildnis Himmlers als des gekrönten zweiten Führers, der zweiten Verkörperung des arischen Deutschland".
Unverdrossen drängte der SD-Chef, man müsse sich jetzt des Grafen Bernadotte bedienen und ihn mit einem Kapitulationsangebot in das Hauptquartier General Eisenhowers entsenden. Himmler fuhr entsetzt zurück. Aber die Argumente Schellenbergs hatten ihn schon so aufgeweicht, daß er zumindest seinem Versucher erlaubte, von sich aus Bernadotte für die Mission zu den Alliierten zu gewinnen.
Am 2. April meldete sich Bernadotte abermals bei Himmler. Als der SS-Chef zu einem Telephongespräch ins Nebenzimmer gerufen wurde, nutzte Schellenberg den Augenblick. Schellenberg: "Können Sie sich nicht zu Eisenhower begeben, um mit ihm die Möglichkeit einer Kapitulation an der Westfront zu diskutieren?"
Bernadotte lehnte ab: Die Initiative müsse von Himmler kommen. Jetzt machte sich der SD-Chef daran, den Schweden zu bearbeiten. "Er sprach ununterbrochen auf mich ein. Sein Ton war zugleich gezwungen und vertraulich", berichtete der Graf. Der Schwede aber wollte nur dann zu Eisenhower fahren, wenn Himmler sich zuvor zum Nachfolger Hitlers erkläre, die NSDAP auflöse und sämtliche skandinavischen Häftlinge freigebe.
"Ich für meinen Teil glaubte", so Graf Bernadotte, "daß Himmler diese Forderungen niemals annehmen würde. Aber Schellenberg erklärte sich bereit, seinen Chef zur Annahme dieser Bedingungen zu bewegen." Der SD-Chef ging erneut an die Arbeit, glaubte er doch, der sinkende Stern Himmlers im Führerhauptquartier lasse dem SS-Chef keine andere Wahl, als durch einen Schlag gegen Hitler die eigene Existenz zu retten.
"Sie verlangen also von mir, daß ich den Führer beseitige?" fragte Himmler. Darauf Schellenberg: "Ja." Er wußte freilich, daß sich Himmler nur aufraffen werde, wenn man ihm nachweisen könne, daß Adolf Hitlers Leben ohnehin zu Ende gehe.
Schellenberg schickte seinen Freund Max de Crinis vor, Professor der Medizin und Direktor der Neurologischen Klinik der Berliner Charité der dem Reichsführer erläuterte, Hitler sei ein
* In Bozen, unmittelbar nach der Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien. Neben Wolff: SS-Standartenführer Dollmann, Generaloberst von Vietinghoff.
schwerkranker Mann, er sei nahezu völlig gelähmt und leide an der Parkinsonschen Krankheit. Himmler folgerte: "Schellenberg, ich glaube, es ist mit Hitler nichts mehr zu machen"
Doch Himmler konnte sich nicht entscheiden. Er erträumte sich die Rolle eines Retters Deutschlands und vermochte sich nicht vom braunen Aberglauben zu lösen. Er plante den Tod des Diktators ein und befreite sich nicht von der Suggestion Hitlers. Er sah den Krieg verloren und putschte sich und die Deutschen zum Durchhalten auf.
Noch am 1. April belehrte er Hamburger NS-Stadträte in einem Vortrag, die Uneinigkeit der Alliierten und der bevorstehende "Großeinsatz deutscher Düsenjäger würden eine entscheidende Atempause bringen. Und als er am 13. April die Meldung erhielt, "Wölffchen", der Obergruppenführer Karl Wolff, Höchster SS- und Polizeiführer in Italien, habe in der Schweiz mit dem US-Sonderbeauftragten Allen W. Dulles und dessen klugem Berater Gera von Gaevernitz verhandelt, witterte er sogleich Verrat am Führer.
Noch in der Nacht rief Himmler seinen einstigen Intimus Wolff an, stellte ihn barsch zur Rede und forderte ihn auf, sich unverzüglich bei ihm zu melden. Der Obergruppenführer sagte zu, doch dann schickte er seinem Chef ein Fernschreiben, das Himmler in dürren Worten informierte, Wolff könne nicht kommen.
Am 14. April rief Himmler abermals im Hauptquartier Wolffs am Gardasee an. Zweimal verlangte Himmler die sofortige Abreise des Obergruppenführers, zweimal ignorierte Wolff den Befehl. Dann bat er Dulles um Rat. Der Amerikaner empfahl, Wolff möge sich mit seiner Familie in die Schweiz flüchten, wo ihn der Arm Himmlers nicht erreichen könne.
Noch ehe ihn aber die Antwort des Amerikaners erreichte, hatte Karl Wolff einen anderen Entschluß gefaßt. Der ehemalige Offizier, dem Reichsführer jahrelang als dessen Chefadjutant und Chef des Persönlichen Stabes menschlich "verbunden und in die düstersten Geheimnisse der SS-Führung verstrickt, vertraute seinem entwaffnenden Charme und wagte sich unter die Augen Himmlers.
Durch eine Flucht nach vorn konnte sich Wolff in Sicherheit bringen. Er drang zu Hitler vor, bagatellisierte seine Schweizer Verhandlungen als Gespräche über einen Gefangenenaustausch und machte damit die Kapitulation von einer Million deutscher Soldaten möglich.
Eine Audienz bei Papst Pius XII. im April 1944 war dem NS-Gottgläubigen Wolff zu einem entscheidenden Erlebnis geworden. Der SS-Standartenführer Dr. Eugen Dollmann, Historiker, Dolmetscher und Wolffs Verbindungsoffizier zu Mussolinis Rumpf-Republik, hatte über Beziehungen zur römischen Gesellschaft die Papst-Audienz arrangiert. Der Papst war von dem SS-Führer beeindruckt. Pius XII: "Wieviel Unglück hätte vermieden werden können, wenn Gott Sie früher zu mir geführt hätte."
Nie konnte Wolff die Abschiedsworte des Papstes vergessen: "Sie gehen einen schweren Gang, General Wolff! Darf ich Ihnen auf diesem gefährlichen Weg für Sie und Ihre Familienangehörigen meinen Segen mitgeben?" Schon damals hatte der Obergruppenführer, der deutschen Niederlage längst gewiß, durchblicken lassen, er werde vielleicht einmal durch eine Sonderaktion den Kämpfen in Italien ein Ende setzen.
Im Februar 1945 war es soweit gewesen. Wieder hatte der Italien-Kenner Dollmann mit seinen vielfältigen Beziehungen geholfen. Ein Mann seines Vertrauens, Baron Luigi Parilli, Fabrikant aus Mailand und Freund einflußreicher Schweizer, ließ über Offiziere des schweizerischen Geheimdienstes den in Bern residierenden US-Beauftragten Dulles wissen, daß die Führer der deutschen Italien-Armee an einer Beendigung des Kampfes interessiert seien.
Dulles forderte eine Geste des guten Willens, und prompt ließ Wolff zwei seiner prominentesten Häftlinge, Führer der italienischen Partisanenbewegung, frei. Zunächst fuhr Dollmann in die Schweiz und verhandelte mit den Amerikanern, dann folgte Wolff. Am 8. März 1945 fiel die Entscheidung: SS-Obergruppenführer Wolff sagte die deutsche Kapitulation in Italien zu.
Die deutschen Heeresoffiziere aber, noch immer im Banne einer pervertierten Offizierseid-Mentalität, zögerten die Unterzeichnung der Kapitulation von Woche zu Woche hinaus. Die deutschen Oberbefehlshaber in Italien, erst Generalfeldmarschall Kesselring, dann Generaloberst von Vietinghoff, scheuten zurück, aber Wolff setzte sich durch.
Obergruppenführer Wolff war nicht der einzige SS-Führer, der von Hitler abfiel. Die SS-Obergruppenführer Felix Steiner, Curt von Gottberg und Richard Hildebrandt erwogen den Plan, Hitler zu ermorden und damit dem Krieg ein Ende zu setzen; selbst der Regime-Schützer Kaltenbrunner hatte schon Ende Februar den SS-Sturmbannführer Dr. Wilhelm Hoettl in die Schweiz entsandt und Dulles-Mitarbeitern eine Sonderkapitulation der österreichischen Reichsgebiete offerieren lassen.
Die Waffen-SS offenbarte am deutlichsten, wie sehr das Band zwischen Schutzstaffel und Hitler schon zerschnitten war. Als Ende März der letzte Großangriff der 6. SS-Panzer-Armee des SS-Oberstgruppenführers Sepp Dietrich in Ungarn im Feuer eines hundertfach überlegenen Feindes zusammengebrochen war, hatte Hitler seine Waffen-SS mit Hohn und Wut überschüttet.
Generalfeldmarschall Keitel kabelte an Dietrich: "Der Führer glaubt, daß die Truppe nicht gekämpft hat, wie es die Lage erforderte, und befiehlt daher, daß die SS-Divisionen Adolf Hitler, Das Reich, Totenkopf und Hohenstaufen ihre Ärmelstreifen (mit den aufgestickten Divisionsnamen) ablegen."
Der SS-Grenadiere bemächtigte sich eine solche Erregung, daß sie der Version Glauben schenkten, Sepp Dietrich habe seine Divisionskommandeure zusammengerufen, das Keitel-Schreiben auf den Tisch geknallt und geschrien: "Das ist nun der Dank für alles, was ihr fünf Jahre lang getan habt!" Er wolle seine Orden an Hitler zurückschicken und ihm melden, eher werde er sich selber erschießen, als dem Befehl des Führers zu folgen.
Wahr daran war freilich nur, daß Dietrich die Order des Diktators ignorierte. Was er unterließ, holte ein SS-Obersturmbannführer nach, Kommandeur einer Kampfgruppe, die während der Ungarn-Offensive am weitesten in die feindliche Front vorgestoßen war. Als er von der Hitler-Order hörte, schlug er seinen Führern vor: "Wir nehmen einen Nachttopf, werfen alle unsere Orden hinein und binden einen Ärmelstreifen der Division "Götz von Berlichingen' herum."
Rüder konnte man die Absage an den selbstzerstörerische-n Tyrannen im Beiliner Führerbunker kaum noch formulieren. In Tausenden und aber Tausenden von SS-Männern zerbräch -eine Welt: Kleine Gruppen -von SS-Fanatikern -- kämpften weiter, peitschten sich und andere sinnlos in den Tod, blieben bis zum letzten Atemzug Geißel und Schrecken der Zivilbevölkerung -- aber die Masse des schwarzen Ordens scheute vor dem amtlich dekretierten Opfergang zurück.
"Die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht!" soll der französische General Cambronne 1815 in der Schlacht von Waterloo ausgerufen haben, als Napoleons Alte Garde ihre letzte Munition verschossen hatte und -- von britischer Kavallerie umstellt -- zur Übergabe aufgefordert wurde. Der (unhistorische) Ausspruch galt und gilt als Kennzeichen jeder Garde, als Sinn und Legitimation militärischer Auserwähltheit. Hitlers Garde aber verschoß nicht die letzte Patrone, die Schutzstaffel ergab sich, ehe sie vollends vom Gegner eingekreist war. Zug um Zug gaben die SS-Führer den Kampf auf.
Himmler aber tastete sich blind und selbstquälerisch über die Kraterlandschaft des NS-Regimes, furchtsam hin und her getrieben zwischen den Parolen seines Beraters Schellenberg und dem Schatten im Berliner Führerbunker. Einflüsterer Schellenberg ließ nicht locker, Himmler mußte sich doch einmal entscheiden!
Der SD-Chef hatte inzwischen einen neuen Helfer gefunden, den Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigk. Er beschwor Himmler am 19. April, Deutschland von dem Wahnsinnigen in der Reichskanzlei zu befreien und Frieden zu machen. Derweil entwarfen Schellenberg und der ehemalige "Stahlhelm"-Führer Franz Seldte ein Regierungsprogramm für Himmler: Auflösung der Partei, Beseitigung der Volksgerichtshöfe, Kapitulationsverhandlungen.
Als auch dieser Appell Himmler nicht zur Tat anspornen konnte, ließ Schellenberg einen neuen Helfer anrücken. Aus Stockholm reiste Kersten herbei, und er brachte den denkwürdigsten Besucher mit, den sich ein Reichsführer-SS vorstellen konnte: Norbert Masur, den Vertreter des Jüdischen Weltkongresses. Am Abend des 19. April trafen die beiden in Tempelhof ein, wenige Stunden später erreichten sie Kerstens Gut Hartzwalde.
Doch Himmler war unerreichbar, er fuhr bereits in Richtung Führerbunker. Es war der 20. April 1945, Hitlers Geburtstag. Heinrich Himmler wollte seinem Führer die letzte Reverenz erweisen, der SS-Chef durfte nicht fehlen in jener gespenstischen Geburtstagscour, die der Diktator im Garten der Reichskanzlei abhielt.
Auf der Rückfahrt aber nahm Himmler wieder die Pose des entschlossenen Deutschland-Retters an. "Haben Sie Beziehungen zu General Eisenhower?" fragte er Kersten nach der Begrüßung in Hartzwalde. Kersten verneinte. Darauf Himmler: Ob er zu Eisenhower fahren und mit ihm über eine Kapitulation verhandeln wolle. Kersten, offenbar von Schellenberg instruiert, verwies auf den Grafen Bernadotte, der sei als offizielle Persönlichkeit geeigneter, den Kontakt zu Eisenhower zu schaffen.
Als dem SS-Chef freilich der von Schellenherg herbeizitierte Schwedengraf ein paar Stunden später -- am 21. April -- gegenübersaß, hatte Himmler der Mut wieder verlassen. "Die militärische Lage ist ernst, sehr ernst", flüsterte Himmler aber das Eisenhower-
* Am letzten Hitler-Geburtstag, 20. April 1945, im Garten der Reichskanzlei. Von links: Reichsjugendführer Axmann, SS-Obergruppenführer Fegelein, Hitler-Adjutant Schaub, Generaloberst Krebs, Hitler-Kammerdiener Linge.
Projekt erwähnte er nicht. Verwundert reiste Bernadotte ab.
Kein Mensch im Führerhauptquartier ahnte zu dieser Stunde, wie nahe der Reichsführer-SS. daran war, seinen Führer zu verlassen. Im Gegenteil, alle wahnsinnig-verzweifelten Hoffnungen des in seiner Kanzlei eingeschlossenen Diktators richteten sich auf die SS, buchstabierten sich in einem einzigen Namen: Steiner.
"Steiner, Steiner", murmelte Hitler und fuhr mit seiner Lupe auf der Lagekarte entlang. Hitlers zitternder Finger bohrte sich in die karte, im Nordosten. Berlins, dort, wo der SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Felix Steiner mit einem buntscheckigen Haufen zermürbter Einheiten stand. Von dieser "Armeegruppe Steiner" erhoffte sich Hitler die. Befreiung des von den Sowjetarmeen schon nahezu völlig eingeschlossenen Berlin.
Am 21. April befahl Hitler, Steiner solle mit seinen Einheiten
im Raum Eberswalde sofort nach Süden marschieren, die sowjetische Angriffsflanke durchstoßen und die zerschlagenen deutschen Verteidigungsstellungen im Südosten Berlins wiederherstellen. Hitler zu Steiner: "Sie werden sehen, der Russe erleidet die größte Niederlage, die blutigste Niederlage seiner Geschichte vor den Toren Berlins."
Hitler ermahnte Steiner: "Ein Ausweichen nach Westen ist für alle Teile ausdrücklich verboten. Offiziere, die sich
dieser Anordnung nicht bedingungslos fügen, sind festzunehmen und augenblicklich zu erschießen. Sie selbst mache ich mit Ihrem Kopf für die Durchführung dieses Befehls verantwortlich."
Dann wartete Hitler am 22. April darauf, daß Steiner zur großen Entlastungsoffensive antreten werde. Stunde um Stunde zerrann. Doch der SS-Obergruppenführer weigerte sich, den Befehl zum Angriff zu geben. Mit 10 000 Mann eine feindliche Streitmacht von 100 000 Mann zu attackieren -- das war in den Augen des SS-Generals Wahnsinn.
Immer wieder forschte Hitler, wo Siemers. Angriff bleibe. Die Militärs um den Diktator wußten längst, daß der Obergruppenführer niemals angreifen werde, aber sie behielten ihr Wissen für sich. Erst in den Nachmittagsstunden erfuhr Hitler die Wahrheit.
Da durchzuckte es ihn wie ein Schlag. Kreischend und tobend beschuldigte Hitler seine Mitarbeiter des Verrats und der Feigheit, alle hätten ihn im Stich gelassen, erst die Wehrmacht, nun auch die SS. Die nationalsozialistische Idee sei verloren, es habe keinen Sinn weiterzuleben. Er werde Berlin nicht verlassen, sondern in seiner Hauptstadt -- sterben. Erstarrt blickten die Paladine auf ihren Führer, der sich in Weinkrämpfen wand, aufschrie und plötzlich schlaff in seinen Sessel zurücksank.
Kam jetzt endlich einer auf die Idee, dem Wahnsinnigen den Rücktritt nahezulegen, die Kapitulation? Keiner kam auf die Idee. Jeder versuchte, den gebrochenen Führer aufzurichten, jeder fand ein ermunterndes Wort, allen voran Heinrich Himmler" der am Telephon -- über den Wutausbruch des Diktators informiert -- Hitler beschwor, Berlin -zu verlassen und in Süddeutschland den Kampf fortzusetzen.
Und einer nach dem anderen machte sich auf, den unwilligen Feldherrn Steiner zum letzten Dienst für seinen Führer zu treiben. Generalfeldmarschall Keitel, Generaloberst Jodl, Generaloberst Heinrici -- keiner schreckte davor zurück, den Obergruppenführer in seinem Hauptquartier aufzusuchen und zum Angriff zu bewegen, mit Bitten, mit Betteleien, mit Drohungen.
"Sie müssen angreifen, Steiner. Es ist Ihr Führer", schrie Heinrici. "Er ist auch Ihr Führer!" bellte Steiner zurück. Keitel drohte ihm mit dem Marschallstab, doch Felix Steiner blieb fest: "Nein, ich werde es nicht tun. Dieser Angriff ist Unsinn -- Mord. Machen Sie mit mir, was Sie wollen."
Wieder wartete Hitler auf Meldungen von Steiner. Sie kamen nicht. Steiner griff nicht an. Am 27. April hatte Hitler alle Hoffnung aufgegeben: Er gab Order, Obergruppenführer Steiner -- abzusetzen und durch den Heeresgeneralleutnant Holste abzulösen. Noch einmal sabotierte Steiner einen Führerbefehl. Er bewog den General Holste, ihm weiterhin das Kommando zu überlassen.
24 Stunden später reichte ein Beamter des Reichspropagandaministeriums namens Lorenz eine Meldung in den Führerbunker, die Hitlers Gespensterglauben die rechte Nahrung gab. Lorenz hatte eine Depesche des Reuter-Korrespondenten Paul Scott Rankine aufgefangen, der aus San Francisco berichtete, der Reichsführer-SS Heinrich Himmler habe den westlichen Alliierten die Kapitulation Deutschlands angeboten. Walter Schellenberg hatte doch noch über den ängstlichen Götzendiener gesiegt -- in der Nacht zum 24. April war es ihm gelungen, bei einer Unterredung zwischen Himmler und Graf Bernadotte im schwedischen Konsulat zu Lübeck die Zustimmung des SS-Chefs zum Kapitulationsangebot an die Alliierten zu erlangen.
Die Männer im Führerbunker waren von der Meldung wie gelähmt. Da wurde Promi-Staatssekretär Werner Naumann ans Telephon gerufen. Kurz darauf kehrte er mit einer noch gewichtigeren (allerdings unzutreffenden) Meldung zurück: Radio Stockholm habe soeben durchgegeben, daß Himmler bereits mit dem britisch-amerikanischen Oberkommando verhandle.
Der Diktator blickte auf. Ein weinerliches Geräusch entrang sich seinen Lippen, jetzt hatte sich ihm das ganze Ausmaß der SS-Schurkerei enthüllt. Jetzt wußte er, warum Steiner nicht angegriffen hatte, warum in Ungarn der SS-Angriff gescheitert war, warum Himmler an der Weichsel versagt hatte. Es ·war alles eine riesige Intrige gewesen, geknüpft von dem bösen Intriganten, den er einmal den "getreuen Heinrich" genannt hatte.
Aber noch pulsierte Blut in seinen Adern, noch hatte er die Kraft; die Treulosen zu zerschmettern "Niemals darf ein Verräter mir als Führer nachfolgen!" schrie er und ließ den Generalfeldmarschall Ritter von Greim rufen, der Auftrag erhielt, aus dem eingeschlossenen Berlin auszufliegen und Himmler unter allen Bedingungen zu verhaften.
Keinen SS-Führer wollte Hitler länger in seiner Nähe dulden, jeder SS-Führer war ihm nun verdächtig, erschien ihm als Glied einer riesigen Verräterbande. Als er hörte, sein Schwager Hermann Fegelein, SS-Gruppenführer und Himmlers Chefvertreter, habe eigenmächtig den Führerbunker verlassen und sei in Zivilkleidern angetroffen worden, ließ er ihn im Hof der Reichskanzlei erschießen.
In sein Testament diktierte der todesbereite Diktator: "Ich stoße vor meinem Tode den früheren Reichsführer-SS und Reichsminister des Innern, Heinrich Himmler, aus der Partei sowie aus allen Staatsämtern aus ... Göring und Himmler haben durch geheime Verhandlungen mit dem Feinde, die sie ohne mein Wissen und gegen meinen Willen abhielten, sowie durch den Versuch, entgegen dem Gesetz, die Macht im Staate an sich zu reißen, dem Lande und dem gesamten Volk unabsehbaren Schaden zugefügt, gänzlich abgesehen von der Treulosigkeit gegenüber meiner Person."
Zwei Tage später war Adolf Hitler tot, doch sein ungetreuer Götzendiener glaubte noch immer an eine Zukunft, in der er, Heinrich Himmler, das Schicksal Deutschlands bestimmen werde. Die Alliierten hatten längst die einseitigen Kapitulationsangebote Himmlers abgelehnt, doch der Reichsführer hoffte immer weiter.
Er gründete bereits in Gedanken eine neue NS-Partei (sie sollte "Nationale Sammlungspartei" heißen). Er stellte schon eine Nachkriegs-Regierung zusammen, in der auch der von ihm so lange befehdete Inland-SD-Chef Otto Ohlendorf einen Ministerposten erhalten sollte. Er entwarf ein neues Regierungsprogramm. --
Doch je mehr das Großdeutsche Reich zwischen den Panzerkeilen der Alliierten zerbröckelte, desto schneller schmolzen Wahnideen und Hoffnungen des SS-Chefs dahin. Erst wollte er der Führer eines Nachkriegs-Deutschlands sein. Dann begehrte er den Platz des zweiten Mannes neben dem Hitler-Nachfolger Karl Dönitz, in dessen Flensburger Hauptquartier sich Himmler geflüchtet hatte. Schließlich war er bereit, sich mit dem Posten des Polizeichefs zu begnügen. Und endlich schien ihm der Sessel eines Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein recht.
Als auch das Rumpf-Reich des Großadmirals Dönitz zusammenbrach, wußte Himmler, daß er ein verlorener Mann war. Der Graf Schwerin von Krosigk ahnte, was in dem SS-Herrn vorging, der nur mühsam (Himmler: "Disziplin, meine Herren, Disziplin") seine Fassung bewahrte.
Der Graf mahnte Himmler: "Das darf nicht geschehen, daß der ehemalige Reichsführer-SS -- mit falschen Namen und falschem Bart aufgegriffen -- wird! Es gibt für Sie keinen anderen Weg, als zu (dem. britischen Feldmarschall) Montgomery zu fahren und zu sagen: "Hier bin ich.' Dann müssen Sie die Verantwortung für Ihre Männer übernehmen."
Indes, Himmler kannte keinen anderen Gedanken, als eben dies zu tun, wovor ihn der Graf gewarnt hatte. Am 20. Mai 1945 legte sich Himmler eine Augenklappe an, zog einen Uniformrock der Geheimen Feldpolizei über und steckte sich einen Ausweis ein, der auf Heinrich Hitzinger lautete, einen Mann mit Himmler-ähnlichen Gesichtszügen, der einst vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt worden war.
Dann trat der Reichsführer-SS die Flucht aus der Geschichte an. Mit einigen Getreuen, unter ihnen Ohlendorf, Sekretär Brandt, sein Jugendfreund Karl Gebhardt und Adjutant Grothmann, marschierte Himmler durch Holstein, überquerte die Elbe und suchte sich durch britische Kontrollposten zu schmuggeln.
Doch die Briten paßten auf. Am 23. Mai wurde die Himmler-Gruppe aufgegriffen, um 14 Uhr lieferten britische Militärpolizisten sie im Vernehmungslager 031 nahe Lüneburg ab.
Als Captain Tom Selvester, der Kommandant des Lagers, die Eingelieferten an sich vorbeipassieren ließ, fielen ihm drei Männer auf. Zwei waren hochgewachsene Gestalten, der dritte aber "ein kleiner, schlecht aussehender und schäbig gekleideter Mann", wie sich Selvester erinnert. Der Captain beorderte die drei Deutschen zu sich.
Die beiden größeren Männer schickte Selvester in Einzelhaft, dann -- so der Captain -- "nahm der Kleine die schwarze Augenklappe über dem linken Auge ab und setzte sich eine Brille auf. Es war offenkundig, wer vor mir stand, und er sagte mit einer ganz ruhigen Stimme: "Heinrich Himmier.'" -- Selvester alarmierte den militärischen Geheimdienst, und bald erschienen zwei Offiziere des Intelligence Corps. Ihnen folgte -- noch am gleichen Abend Oberst Michael Murphy, der Leiter des Geheimdienstes im Stab von Feldmarschall Montgomery.
Murphy hatte sofort den Verdacht, Himmler habe Gift versteckt, das er in einem unbewachten Augenblick nehmen werde. Tatsächlich hatten die Briten in Himmlers Kleidung bereits eine Giftampulle gefunden, aber der Geheimdienst-Oberst traute der Sache nicht Er ließ einen Arzt kommen, der Himmler nochmals untersuchte.
Himmler öffnete den Mund. und da sah der Arzt im Halbdunkel der Zelle zwischen Himmlers Zähnen etwas Schwarzes glitzern. Der Arzt wollte den Kopf des Gefangenen ins Licht ziehen, da drehte sich Himmler zur Seite und klappte mit einem knirschenden Geräusch das Gebiß zu. Die versteckte Zyankali-Phiole zersprang -- in wenigen Sekunden hauchte Himmler, am 23. Mai 1945, sein Leben aus.
IM NÄCHSTEN HEFT
Die SS in der Nachkriegszeit: Das Kollektivurteil von Nürnberg -- Die Gründung der Hiag -- Kriegsverbrecherprozesse in der Bundesrepublik -- Schlußstrich unter die Vergangenheit?

DER SPIEGEL 10/1967
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