25.04.1966

ABENDPOSTTod aus dem Ticker

Herbert Heyne, Karikaturist des Frankfurter Boulevard-Blattes "Abendpost", heftete ein Schild an die Brusttasche. Aufschrift: "Verkauft."
Es war eine Spontanreaktion angesichts der Agentur-Meldung, die gerade über Redaktions-Fernschreiber einlief und vom Ende der "Abendpost" kündete. Erst 15 Minuten nach der Todesnachricht aus dem Ticker wurden die "Abendpost"-Redakteure vom eigenen Verlag offiziell davon in Kenntnis gesetzt, daß ihr Blatt zuvor - Donnerstag vorletzter Woche - verkauft worden war.
Käufer ist der Frankfurter Verleger Werner Wirthle, 57, der im Verwaltungsrat der "FAZ" sitzt und dem Verlagshaus Frankfurter Societäts-Druckerei ("Neue Presse", "Nachtausgabe") hauptamtlich als Geschäftsführer dient. Die "Nachtausgabe" (Druckauflage 145 000) aus CDU-freundlichem Hause soll denn auch Anfang nächsten Monats die rote "Abendpost" (Druckauflage 113 000) schlucken; der "Abendpost"-Zeitungstitel erseheint fortan im Zeitungskopf der "Nachtausgabe" als Unterzeile.
Damit verschwindet Westdeutschlands ältestes Boulevard-Blatt mit überregionaler Verbreitung, das der Ex-Berliner Zeitungsmann und Offenbacher Verleger Udo Bintz, 63, ("Offenbach -Post") am 1. Oktober 1948 gestartet hatte. Ein attraktiver Betthase lockte damals auf Plakaten. "Sie werden mich mit ins Bett nehmen - Ihre Abendpost." Man gehorchte. Bintz boxte das Blatt
innerhalb weniger Jahre mit Sex und flotten Reportagen bis zu einer Auflage von 200 000 Exemplaren hoch; das Abendpost"-Feuilleton, pfiffig und intelligent gemacht, ließ keine westdeutsche Premiere von Rang aus.
Doch mit dem bundesdeutschen Wohlstand kam auch "Bild", primitiver und zugleich effektvoller. Allmählich bröckelte die Auflage der "Abendpost". Am 1. August 1963 wechselte das Blatt den Besitzer. Neue Herren der "Abendpost" wurden, zu annähernd gleichen Teilen, der damalige "Revue"-Verleger Helmut Kindler und der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Herbert Allerdt in der Eigenschaft als Treuhänder der sozialdemokratischen "Konzentration GmbH", einer "Interessengemeinschaft von Verlags- und Wirtschaftsunternehmungen", der über zwei Dutzend parteieigene oder der SPD nahestehende Verlage und Druckereien angeschlossen sind.
Allerdt ließ sich in der "Abendpost" -Redaktion nicht sehen, Kindler aber wurde aktiv. Bei seinem ersten Besuch legte er den Redakteuren nahe. Willy Brandt als künftigen Bundeskanzler aufzubauen. Chefredakteur Emil Frotscher und andere Redakteure kündigten daraufhin in der irrigen Meinung, die "Abendpost" werde künftig strikten SPD-Kurs steuern.
Doch Kindler, den mittlerweile genug Sorgen im eigenen "Revue"-Haus drückten, da das Bilderblatt in der Auflage wie im Anzeigengeschäft stagnierte, verlor bald wieder die Lust; er überließ das Blattmachen dem neu angeheuerten "Abendpost"-Chefredakteur Klaus Korn.
Korn, geschult bei "Bild" und dem Schweizer Boulevard-Blatt "Blick", versprach, "endlich den Rost an dieser Zeitung abzuklopfen". Er strich den Feuilleton-Teil (Korn: "Wer geht schon ins Theater?"), kappte den Fortsetzungsroman sowie weitere ständige Rubriken. Gleichwohl wurden schließlich nur noch 88 000 "Abendpost"-Exemplare abgesetzt. Ende Januar dieses Jahres verließ Kindler das lecke Boot; Allerdt übernahm die 46,67 Prozent Kindler-Anteile.
Die SPD-Genossen der "Konzentration" sahen sich im Alleinbesitz der Boulevard-Zeitung, die keine rechte Linie und keine Fortune mehr hatte. Für die sozialistischen Zeitungsmacher, die weder zu personellen noch finanziellen Sondereinsätzen entschlossen waren, verengte sich der wichtigste Markt zusehends - das von "Bild" und "Nachtausgabe" überschwemmte Frankfurt. Und bald sprach sich in der Branche herum, daß die "Abendpost" - als erstes SPD-Blatt im Nachkriegsdeutschland - zu verkaufen sei.
Verhandlungen mit linksliberalen Verlegern zerschlugen sich. Erst dem bürgerlichen Wirthle vom Societäts-Verlag gelang es in den Abendstunden des 14. April schließlich mit SPD-Anwalt Allerdt, der ursprünglich 2,5 Millionen Mark gefordert hatte, bei einer geringeren Summe einig zu werden. Allerdt zum SPIEGEL: "Wir hatten keine Lust mehr." Wirthle verpflichtete sich dafür, die Verträge der insgesamt 77 Verlags- und Redaktionsangehörigen sowie das Inventar zu übernehmen.
In der "Abendpost"-Redaktion fertigten in der letzten Woche die Redakteure lustlos die letzten Nummern ihres Blattes - gelegentlich aufgestört von einem Möbel-Taxator, der sich für die Schreibtische interessierte.
Frankfurter Boulevardblatt "Abendpost"
"Keine Lust mehr"

DER SPIEGEL 18/1966
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