23.05.1966

VERBESSERUNGSVORSCHLÄGEGefährliche Gedanken

Neunmal hatte ein Schlosser in einem süddeutschen Feinmechanik-Werk seinen Chefs Vorschläge unterbreitet, wie der Arbeitsablauf beschleunigt oder Kosten gespart werden könnten. Nach dem zehnten Vorschlag wurde er entlassen - wegen Störung des Betriebsfriedens.
Es sei gefährlich für den Untergebenen, wenn er sich eigene Gedanken mache, bestätigte der Betriebspsychologe Ludwig Kroeber-Keneth.
Nur in 110 westdeutschen Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen sind Ideen ausdrücklich erwünscht. Ihre 1,8 Millionen Beschäftigten erzielten im vergangenen Jahr mit 77 818 Vorschlägen einen Rationalisierungserfolg von
weit über 100 Millionen Mark. Bei der Robert Bosch GmbH zum Beispiel wagte sich der Elektroingenieur Leo Steinke über sein Fachgebiet hinaus und empfahl einen neuen Werkstoff für Teile einer Küchenmaschine. Bosch spart dadurch fast 40 000 Mark im Jahr.
Im Bertelsmann-Verlag Gütersloh waren vier Leute damit beschäftigt, 30 000 Lesering-Illustrierte für den Versand zu falzen. Dann brachte Expedient Wilhelm Varnholt eine Wäschemangel von zu Hause mit; jetzt falzt ein Mann allein.
Die Wasserrechnung sei zu hoch, fand IBM-Elektroniker Josef Walter beim Lesen des Geschäftsberichts. Auf seinen Rat ließ die Computer-Firma einen eigenen Brunnen bohren und zahlt seitdem im Jahr 65 000 Mark weniger an das Sindelfinger Wasserwerk.
Die Mehrheit der deutschen Direktoren sieht dennoch im einfallsreichen Untergebenen den Anarchisten. Nach einer Befragung durch das Institut für Empirische Sozialforschung an der Wirtschaftshochschule Mannheim
- halten 77 Prozent der Führungskräfte den Leiter einer Abteilung, aus der viele Verbesserungsvorschläge kommen, für unqualifiziert;
- glauben 54 Prozent, der Antrieb für solche Vorschläge sei reine Geldgier;
- wissen nur 32 Prozent Verbesserungsvorschläge zu schätzen.
Betriebliches Vorschlagswesen als Institution, so glauben viele, sei neumodischer Kram aus Amerika. Und ein Betriebsleiter vermerkte im Personalbogen eines Arbeiters, der Bedenken gegen die Zweckmäßigkeit getroffener Anordnungen vorbrachte, schlicht: "Meckerer".
Im Durchschnitt bringen 40 von 1000 Beschäftigten Anregungen, wovon die Hälfte brauchbar ist. In Amerika ist zwar nur jeder vierte Vorschlag von Nutzen und obendrein meist von geringerem Wert als in Deutschland, aber da in den USA die Chefs weniger mißtrauisch und die Arbeitnehmer unbefangener sind, kommen dort zehnmal mehr Ideen aus gleich großen Belegschaften.
Wie seine amerikanischen Kollegen sieht der Generaldirektor der IBM Deutschland, Walther A. Bösenberg, den Ideenwettbewerb sportlich. Er stiftete eine "Wandertrophäe", die monatlich der einfallreichsten Abteilung verliehen und am Ende dem Jahressieger "zur bleibenden Erinnerung überlassen" wird.
Die IBM schüttet dem Verfasser des-Vorschlags 20 Prozent vom erzielten Rationalisierungsgewinn aus (Wasserzähler Walter bekam 13 000 Mark), Bosch sogar 65 Prozent (Elektroingenieur Steinke strich 25 000 Mark Prämie ein). Beim Bertelsmann-Verlag in Gütersloh fließt der finanzielle Nutzen einer Idee zu gleichen Teilen dem Arbeitnehmer, einem Belegschafts-Fonds und der Firma zu.
Fast 70 Prozent aller Vorschläge sind materiell überhaupt nicht zu bewerten; sie dienen der Unfallverhütung und der Sicherung des Arbeitsplatzes.
In den USA erhalten Urheber solcher Anregungen zuweilen eine Belohnung ideeller Art: Ihnen wird für die Dauer eines Jahres der Parkplatz neben dem Auto des Präsidenten eingeräumt.
Ideen-Wanderpreis der Firma IBM
Die Wasserrechnung war zu hoch

DER SPIEGEL 22/1966
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