23.05.1966

Martin MorlockBUMM - BUMM

Eine 15 000-Quadratmeter-Baustelle im Bremer Stadtteil Blumenthal. Ein Häuflein Festgäste, das andachtsvoll in der Maisonne dunstet. Ein blumengeschmücktes Stück Ziegelmauer, davor der Frankfurter Importkaufmann Gualterio Weiß, 42, Präsident der deutschen Sektion des "Spiritual Regeneration Movement" (SRM), auch "Internationale Meditationsgesellschaft e. V." geheißen (deutsche Mitgliederzahl: 7000).
"Friede und Harmonie im transzendentalen Bewußtsein!" ruft der Präsident und tut einen wohlberechneten Hammerschlag. "Doppelte Seligkeit im kosmischen Bewußtsein!" (Schlag) - ,Erfüllung in der Liebe des göttlichen Bewußtseins!" (Schlag). Der Grundstein zur ersten europäischen Meditationsakademie (2850 Kubikmeter umbauter Raum, 84 Klausuren) ist gelegt.
Anschließend sitze ich inmitten frohgestimmter Vereinsmitglieder (Meditanten) verschiedenen Alters und Geschlechts und werde belehrt, daß es außer der in Blumenthal entstehenden nur noch eine Hochschule dieser Art gebe: jene nämlich, wo der Begründer des
SRM, der weise Maharishi Mahesh Yogi, seines Lehramtes walte, irgendwo am Ganges, in einem "Tal der Heiligen".
Auch erfahre ich von Herrn Weiß und seiner Gefolgschaft, was es mit dem Meditieren Günstiges auf sich habe: Es erschließe die Quellen der psychischen Energie, erwecke latent schlummernde Fähigkeiten, fördere das schöpferische Denken und sichere den Frieden, "denn die Atmosphäre der Nation ist die Summe der Ausstrahlung ihrer Individuen".
Die Kunst des Maharishi Mahesh Yogi, diese "Exportausführung indischer Weisheit für abendländische Gehirne", sei, wird mir versichert, von jedermann innerhalb kurzer Frist erlernbar.
Einzige Voraussetzungen: ein "anatomisch intaktes Nervensystem" und die Bereitschaft, "sich hinzusetzen und die Augen zu schließen". Wer diese Bedingungen erfülle, komme in den Genuß einer "sehr schönen Wirkung in Gestalt einer Energiezufuhr" sowie einer "flachen Atmung" und wohlig geweiteter Kapillargefäße.
Ich frage Herrn Weiß, gebürtigen Wiener mit argentinischem Paß: "Was ist Meditation?"
"Die Vereinigung des Bewußtseins mit dem Sein. Der wahrnehmende Geist geht aus der Denkschicht in die feineren Bereiche der
Psyche, bis die allerfeinsten Schichten transzendiert sind."
"Können Sie noch etwas deutlicher werden?" "Leider nicht. Das wäre so, als sollte ich einem dreijährigen Kind eine tolle Liebesnacht schildern."
Herr Weiß zeigt auf die mich umzingelnden Meditanten. "Alle hier wissen, was ich meine." Synchrones Kopfnicken. Ich komme mir vor wie ein Nichtschwimmer bei einer Werbe-Veranstaltung der Wasserwacht.
Schließlich bringe ich in Erfahrung, daß zum Meditieren ein "zu verfeinernder Gedanke", ein Schlüssel-Wort, erforderlich sei wobei die Verfeinerung "nicht auf dem Gebiet des logischen Inhalts, sondern auf dem Gebiet einer Frequenzkombination" liege. "Im Grunde nur ein technischer Trick, nichts weiter."
"Bitte nennen Sie mir einen solchen Schlüssel -Gedanken."
"Das ist sehr schwierig. Das kann nur individuell geschehen."
So entführe ich Herrn Gualterio Weiß aus dem Kreise seiner mir mitleidig nachblickenden Getreuen und offenbare ihm, daß es mein
lang gehegter Herzenswunsch sei, ein Meditant zu werden, so recht nach dem Sinne des großen Maharishi Mahesh Yogi.
Der SRM-Präsident betrachtet mich eine Weile prüfend, dann befiehlt er: "Setzen Sie sich hin und schließen Sie die Augen!" Ich gehorche.
"Der Gedanke, den Sie verfeinern sollen, heißt ,PingPong'."
Mein Geist verläßt willig die Denkschicht, durchmißt die feinsten und die allerfeinsten Seelen-Bereiche, doch beseligenderes als die Assoziation "Tischtennis" will ihm nicht beifallen. Da ich obendrein flacher Atmung entrate, bleibt mein Versagen nicht verborgen.
"Vielleicht war der Gedanke für den Anfang zu schwer", tröstet Herr Weiß.
- "Nehmen wir etwas Einfacheres.
Versuchen Sie 'Bumm-Bumm' zu denken!"
Meine Lider senken sich folgsam, und abermals versagend erinnere ich mich des Hinweises, daß zu rechter Meditation ein "anatomisch intaktes Nervensystem" nötig sei. Sollte mein Psychiater da neulich etwas übersehen haben?
Doch dann glückt mir die Verfeinerung des Gedankens, daß es in der Meditations-Akademie - gegen Lehrgangs- und Logisgebühren - ja auch für mich eine Klause geben wird, und ich scheide in Frieden.
Weiß
Von Martin Morlock

DER SPIEGEL 22/1966
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