06.06.1966

SPD-PARTEITAGAufgalopp beim Pothast

Der Vulkan Wehner trat so plötzlich in Tätigkeit, daß selbst Kenner dieser politischen Kraterlandschaft erschauerten. Ohne Warnung und wie es schien auch ohne Grund ließ der feuerspeiende Vize der deutschen Sozialdemokraten Glut und Asche auf die Kommunisten aus dem Reiche Ulbrichts herniederregnen.
Doch dies war nicht Chemnitz, sondern Dortmund; dies war nicht der Redneraustausch des 14. Juli, sondern eine Pressekonferenz zur Eröffnung des SPD-Parteitags am Mittwoch vergangener Woche. Dennoch wurde es ein Aufgalopp.
Drei von zwölf DDR-Journalisten, die erstmals seit Jahren wieder auf einem SPD-Parteitag zugelassen worden sind - Harri Czepuck vom "Neuen Deutschland", Werner Micke von der Ost-"Berliner Zeitung" und Günter Pötschke vom Nachrichtenbüro ADN-, stichelten beim westfälischen Pfeffer-Pothast und bei sauren Gurken mit Fragen nach der kompromißlerischen Haltung der drei SPDVorsitzenden Brandt, Erler und Wehner zu den Bonner Notstandsgesetzen. Es waren Fragen, die auch westliche Journalisten, wenn schon in weniger provozierender Absicht, hätten stellen mögen. Gleichwohl brachten sie sowohl bei Wehner als auch bei Erler das ruhige Blut zum Sieden.
Wie von der Bogensehne geschnellt, sprang Wehner auf, hielt die Pfeife im Anschlag, als wolle er aus der Achsel feuern, und verwies dem "Neuen Deutschland" fortissimo und mit bellenden Wortsalven die "dummen Bemerkungen" und die auf Unterwanderung zielenden "Legenden" über die deutschen Sozialdemokraten.
So eröffnete Rechtsausleger Herbert Wehner bereits den Schlagabtausch, ehe noch das letzte Wort über den Redneraustausch (siehe Seite 28) gefallen ist als müsse er um jeden Preis und von allem Anfang an demonstrieren, daß etwas anderes als eine rhetorische Prügelei in Chemnitz gar nicht in Frage komme.
In der Tat erschien der Spiritus rector dieser Konfrontation der deutschen Sozialdemokraten mit den deutschen Kommunisten keineswegs als das Inbild treibender Kraft auf dem Parteitag in Dortmund, auch nicht als der überlegene Taktiker, der den mehr oder weniger getarnt auf ihn zielenden Heckenschützen mit, einer spektakulären Initiative das Pulver naß gemacht hat.
Eher schon wirkte er wie ein Mann, dem das forsche Rumoren der Geister, die er rief, nun die quälende Vision schrecklicher Erfahrungen und drohender Gefahren heraufbeschworen hat. Manchmal schwang in seinen Wortwendungen das unterdrückte Pathos des Schwergeprüften mit, der sich in die Pflicht genommen fühlt, bei der Begegnung mit den Kommunisten abermals - und diesmal namens der Sozialdemokraten - zu erleiden, was er persönlich schon einmal durchlitten hat. Es klang, als gehe Herbert Wehner nach Chemnitz wie ins letzte Gefecht.
Wehners Warnung: "Die SED möchte testen, ob das, was sie sich unter ,sozialistischen Berührungspunkten' zwischen SED und SPD vorstellt, wirksam gemacht werden könnte. Wozu es wirksam gemacht werden könnte? Zur Deformation der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands."
Stecknadelstill und atemlos hörten die Abgesandten der Partei in der Westfalenhalle, wie Wehner am Ende seines nicht beizeiten fertig gewordenen Referats am Donnerstagabend - aus dem Stegreif und vergangenheitsverdunkelt - seine eigenen Erlebnisse zum Beweisangebot machte: "Ich war Kommunist." Und aus solcher Ehemaligkeit vermöge er zu beurteilen und wolle er zu bedenken geben, "wie leicht dort (nämlich bei den Kommunisten) umgeschaltet werden kann".
Die wenigsten in der Halle verstanden wohl den eigentlichen Sinn des Exempels, das Wehner sich, auch sprachlich umdüstert, hier abrang: daß nämlich - die Konfrontation mit den Kommunisten, wenn sie zum unkontrollierten Trend ausufere, für die Sozialdemokratie zu einem Gang auf Leben und Tod werden könnte.
Der Trend aber war da, auch auf dem Parteitag. Er blieb eine Unterströmung. Aber er manifestierte sich dennoch in den Anträgen und Diskussionsbeiträgen einer Minderheit, vornehmlich aus Hessen-Süd und Baden-Württemberg,
die nicht nur den Parteivorstand, sondern auch untere Parteimitglieder in vervielfältigte Kontakte mit den Kommunisten einbezogen sehen wollte.
Und er war schuld daran, daß - trotz des grimmen Streits mit Otto Brenners Metallgewerkschaftlern aus Hessen-Süd um deren Nein zum Notstand - die Deutschlandpolitik zum beherrschenden Thema des Parteitages wurde.
Aber es war nicht mehr Herbert Wehner, der diesen Trend zu fassen bekam; es waren nicht seine- allzu deutlich von selbstquälerischem Pessimismus gezeichneten Warnungen, die der durch Chemnitz ausgelösten Bewegung die gewünschte Richtung vorschrieben. Es war Willy Brandt. Er bekam den Trend zu fassen, indem er ihn formulierte. Ihm gelang, dem Parteitag zu zeigen, daß er - befreit von dem Zwang, einem verkäuflichen Image zuliebe das Blaue vom Himmel über der Ruhr herunterzuholen - zumindest dieses kann: eine Bewegung, die er gar nicht selber in Gang gesetzt hat, auf eine positive Formel zu bringen.
Ganz eingestellt auf sozialdemokratische "Identifizierung mit der staatlichen Gemeinschaft", auf ein "Bekenntnis zur Nation" und ein kräftiges "Ja zum Vaterland" trat der abgedankte Kanzlerkandidat, der vom Parteivorsitz nicht lassen wollte, den Linksabweichungen des Trends in einem Akt der Vorwärtsverteidigung entgegen.
Brandt: "Wir fürchten uns nicht, nach Chemnitz zu gehen ... Aber Herbert Wehner, Fritz Erler und ich gehen nach Chemnitz auch nicht nur, um dort einen rednerischen Ringkampf aufzuführen. Schlagabtausch ja, soweit es nötig ist. Aber Sachlichkeit im Interesse von praktischen Fortschritten, und seien sie noch so klein, soweit es möglich ist."
Den "Tiger der Volksfront" bändigte der Berliner Bürgermeister mit dem kecken Peitschenknall des Dompteurs, der sich darauf verläßt, daß draußen vor dem Gitter des Käfigs genügend pistolenbewehrte Helfer stehen. Sein Rezept: Es gelte,
- davon auszugehen, daß grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten mit den Kommunisten nicht überwunden werden können,
- die Spaltungsbemühungen der Kommunisten zu erkennen und dennoch nicht furchtsam zu sein,
- die Kommunisten in ihrem eigenen Einflußbereich durch feste Haltung zu einer Auseinandersetzung mit den sozialdemokratischen Argumenten zu zwingen.
Die Härte dieser Argumente aber sollte, so Brandt, "im Sachlichen" liegen. "Um auf die Kommunisten zu schimpfen, brauchen wir nicht nach Chemnitz zu gehen. Das kann man hier auch."
Brandt selber beteiligte sich demonstrativ nicht am Schimpfen. Dafür demonstrierte er Härte im Sachlichen, wie seit langem nicht.
Ein veränderter Willy Brandt präsentierte sich der Partei als ihr Vorsitzender: ein Brandt, dem neue Kräfte' zugewachsen sind, seit er sich nicht mehr vor den Augen der deutschen Wählerschaft beständig in Posen werfen muß, die ihm nicht passen; der neue Kondition gewonnen hat, seit er von Wein
und Zigarillos ungeniert zu Bier und Korn und Zigaretten zurückgekehrt ist, die ihm besser schmecken.
Er verkündete keine neue Deutschlandpolitik, allenfalls modifizierte er, mutiger als zuvor, die alte. Aber seine Rede war frei von den Konvulsionen vergeblicher Vergangenheitsbewältigung. Seine rauhkehlige Rhetorik klang modulierter, seine stereotype Gestik war einprägsamer als je im Wahljahr 1965.
Der Dortmunder Parteitag blieb von alledem nicht unbeeindruckt. Während weder Erler noch Wehner noch auch Helmut Schmidt dem Parteivolk ähnlichen Anstoß zum Prestigegewinn gaben, munkelten manche Delegierten: Willy ist wieder wer.
SPD-Parteiredner Erler, Brandt, Wehner: Mit dem Genossen Trend nach Chemnitz

DER SPIEGEL 24/1966
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