20.06.1966

RUHR / BERGBAUKlar zum Gefecht

Die kleine evangelische Kirche am Markt in Bochum-Werne war festlich geschmückt. Große Wappenschilder mit Hammer und Schlägel hingen im Schiff. Vor dem Altar war eine kleine Kohlenhalde aufgeschüttet, und Traditionsfahnen der Knappenvereine flankierten den segnenden Christus.
Die Bochumer Bergleute waren in ihren Uniformen zu einem Bergmannsgottesdienst eingezogen und sangen: "Wir treten vor Dein Angesicht, o Gott, und lobsingen Dir, Du warst mit uns in jeder Schicht auf unserem Bergrevier."
Vor dem Vaterunser trat ein alter Bergmann neben Pfarrer Leipski und betete: "Herr, wir bitten Dich für alle, die im Bergbau Entscheidungen treffen müssen: Steh ihnen bei, und schütze den Bergbau."
Der Ton war neu. Hundert Jahre lang und länger waren die Gebete der Bergleute immer nur von dem frommen Wunsch erfüllt gewesen, daß ihnen - so eine Festschrift der "Kameradschaft St. Babara" - "bei ihrer nicht ungefährlichen Arbeit gütiges Schicksal und göttlicher Schutz zur Seite" stehen möge.
Was aber die Bergleute am Sonntag vor Pfingsten in Bochum-Werne die schwieligen Finger zu falten zwang, war nicht Sorge um das Leben und den ohnehin geschundenen Leib. Es war
die jähe Angst vor einer Zukunft, die den Bergleuten dunkler erscheint als der dunkelste Streb in ihrem Schacht.
Von dem 450 000 Mann starken Bergarbeiter-Heer sind seit 1956 rund 200 000 demobilisiert und aus den Pütts entfernt worden. Statt damals 175 Schachtanlagen sind heute nur noch 106 in Betrieb. Auf mindestens weiteren 18 Zechen mit einer jährlichen Fördermenge von 14 Millionen Tonnen Kohle werden während der nächsten zwei
Jahre die großen Turmräder stillstehen. Schon jetzt legt ein Drittel der Zechen einmal im Monat eine Sonnabend -Feierschicht ein.
Schuld an allem ist das billige Heizöl, das aus Orient und Okzident die Bundesrepublik überschwemmt. Unverkaufte Kohle türmt sich zu 17 Millionen Tonnen an der Ruhr, und selbst Stahlunternehmen, die eigene Ruhrzechen besitzen, stellen sich auf schweres Heizöl um.
Dennoch schickte sich die Industriegewerkschaft Bergbau und Energie schon zum Jahresende an, ihren Kumpeln auch dieses Jahr höhere Löhne zu ertrotzen. Als Ausgleich für den Kaufkraftverlust der Mark seit dem letzten Lohnabkommen vor 17 Monaten und als Treueprämie für alle, die im unsicher gewordenen Kohlebergbau ausharren, forderte sie eine Einkommens-Aufbesserung um 8,5 Prozent.
Erstmals seit Kriegsende jedoch blieben die Zechenherren hart. Verbandschef Dr. Helmuth Burckhardt bot dem Tarifpartner auch nicht einen Pfennig. Gleichermaßen verwiesen sie auf die hohen Halden wie auf die sommerliche Hitze und entlehnten ihren Spruch bei den Werbern der Getränke -Industrie. Sie empfahlen: "Macht mal Lohn-Pause!"
Bergarbeiter-Chef Walter Arendt, 41, aber unter Tage grau geworden, nannte das Coca-Cola-Angebot "eine ungeheuerliche Provokation". Er rief seine Knappen am 1. Juni zu einer Urabstimmung auf und setzte, nachdem 88 Prozent der Stimmberechtigten für den Arbeitskampf votierten, als ersten Streiktag den 23. Juni fest.
Die Gewerkschaft gab die Parole aus, die letzte Chance zu nutzen, die den Bergleuten Nordrhein-Westfalens Landtagswahl am 10. Juli noch biete (siehe SPIEGEL-Interview Seite 32).
Noch in der vergangenen Woche antwortete Arendt auf die Frage wie lange er seinen Kumpeln Streikgelder zahlen könne: "Das ist nicht eine Frage es Geldes, sondern der Bereitschaft unserer Mitglieder, den Streik durchzuhalten. An Geldmangel wird der Streik nicht scheitern." Und auf die Vermutung, die Mittel würden für vier Wochen reichen, meinte er: "Wir können länger streiken."
Während die Regierung in Düsseldorf ihren Landesschlichter Peter Lauscher einsetzte, um die streitenden Parteien doch noch an den Verhandlungstisch zu bringen, wurde die Krise an der Ruhr zum Hauptthema des sommerträgen Wahlkampfes.
Die Sozialdemokraten rätselten darüber, ob die Bergarbeiterstimmen den Verlust wettmachen würden, den die allgemeine Mißstimmung über den Streik erzeugen könnte. Die Christlichen Demokraten dagegen verweisen den Ruhrkumpel auf Ludwig Erhard, der schon alles richten werde.
Den Freien Demokraten brachte das Thema bislang nur Verdruß, weil Landes-Wirtschaftsminister Kienbaum sich der Schönfärberei widersetzte. Der Wirtschaftsberatungsfachmann erklärte vielmehr, der Ruhrbergbau müsse weiter rationalisieren und auch insgesamt die Förderung drosseln, um eines Tages ohne öffentliche Subventionen leben zu können.
Über die Wahlkampfzeit hinaus wird den Bergleuten und Bergassessoren ein schmerzlicher Anpassungsprozeß nicht erspart bleiben. Denn inzwischen hat die kranke Kohle schon-den Ruhrstahl angesteckt.
Da Deutschlands Stahlwerken der Import billiger amerikanischer Kohle mit Rücksicht auf den Ruhrbergbau verboten wurde, können sie nicht mehr mit den Stahlkochern im übrigen Europa konkurrieren. In den Hütten an den Küstenstreifen der EWG wird importierte Kohle eingesetzt, die um 15 Mark je Tonne billiger als Ruhrkohle ist.
Auch in der Stahlindustrie drohen deshalb Kurzarbeit und Entlassungen. Notfalls, so erklärte Dr. Hans-Günther Sohl, Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl sowie Generaldirektor der August Thyssen-Hütte AG, müsse die deutsche Stahlindustrie ins EWG-Ausland abwandern. Der Kohle wegen auf Jahre hinaus mit roten Zahlen zu arbeiten, sei niemandem zuzumuten.
Ungläubig vernahmen die Ruhrkumpel, daß die Zeiten sich innerhalb eines Jahrzehnts so sehr gewandelt haben. Vergessen sind die ersten Nachkriegsjahre, als der Bergmann der erste Mann im Staate war und die ganze Montan -Union nur einem Ziel dienen sollte: den
europäischen Siegermächten Zugang zur Ruhrkohle zu sichern. Damals wurden der Bundesrepublik hohe Lieferverpflichtungen auferlegt an Abnahmequoten, die heute das schwarze Haldengebirge abtragen könnten, dachte niemand.
Kumpelchef Arendt kennzeichnete den historischen Bühnenwechsel vor 15 000 versammelten Bergarbeitern im Gelsenkirchener Stadtteil Erle: "1945 war der Bergmann der Aristokrat unter den Arbeitnehmern. 1966 möchte man ihn am liebsten in den Hintern treten."
Aus Trotz und Sorge hat sich unter den Ruhrkumpeln so der Knappenvereins-Präsident Hugo Biesewinkel in Herne - eine-Leck-mich-am-Arsch - Stimmung" herausgebildet, die den bärbeißigen Bergleuten sogar die traditionelle Lust an klingendem Spiel verdarb. Auf dem Treffen in Gelsenkirchen-Erle jedenfalls hielten die Fanfarenbläser der Mülheimer Zeche "Rosenblumendelle" ihre Blasgeräte ungenutzt unter dem Arm, und der Spielmannszug rührte nur traurig die Trommeln, während von den rußigen Fassaden schwatze Flore wehten.
In einer Dortmunder Eckkneipe erfuhr der Kumpeldichter Max von der Grün ("Männer in zweifacher Nacht"); was aus seinen Untertagskameraden ins zwischen geworden ist: "Selbst Schalke oder Borussia Dortmund sind uninteressant geworden." Ein Bergmann offenbarte ihm: "Wir sollten uns alle einen gelben Stern an die Jacke nähen, damit jeder sieht, wer wir sind."
Kumpelboß Arendt fühlte sich auch in diese Seelenlage ein und zitierte, was Ruhrpoet Heinrich Kämchen einst gereimt hatte:
Wir sind keine rohe, verwilderte Schar,
Wir wollen nur menschliche Rechte.
Wir krümmen keinem Kind ein Haar,
Doch sind wir auch klar zum Gefechte
Der Rückzug der Kohle bedeutet für die Ruhr den Untergang einer Epoche, die in den Augen zahlreicher Püttologen eben erst richtig zu beginnen schien.
Denn noch vor zehn Jahren deckten die 151 Millionen Tonnen schwarzen Goldes, die dank immer neuer Förderrekorde binnen eines Jahres zutage
gebracht wurden, knapp 80 Prozent des
westdeutschen Energiebedarfs, und die kohle mußte deshalb nicht verkauft, sondern konnte verteilt werden.
Damals schätzte die Montan-Union die bundesrepublikanische Energieproduktion des Jahres 1965 - zu niedrig auf 200 Millionen Tonnen Steinkohlen -Einheiten (SKE) und prophezeite, die Kohle allein werde davon 75 Prozent (150 Millionen Tonnen) bestreiten müssen, während das Öl allenfalls einen Anteil von 4,5 Prozent (neun Millionen Tonnen SKE) erreichen werde.
Der Irrtum der Energie-Experten offenbarte bald der deutschen Kohle ganzen Jammer: Im vergangenen Jahr erreichte der westdeutsche Energieverbrauch 268 statt der geschätzten 200 Millionen Tonnen Steinkohlen-Einheiten. Doch war die Kohle daran nur mit 42,1 Prozent (113 Millionen Tonnen) beteiligt.
Das Mineralöl dagegen, das zehn Jahre zuvor niemand für voll genommen hatte, schwappte in immer mehr Tanks und machte der alten Kohle die Führung streitig: Mit 41,2 Prozent (110,5 Millionen Tonnen SKE) spülte das Öl der Kohle schon um die Hacken.
Weder die Regierung in Bonn noch die Bergherren an der Ruhr waren gegen diesen Ölbrecher gewappnet. Dabei hatte Bonn die Ventile zunächst selbst aufgedreht. Aus lauter Sorge um die prophezeite Energielücke wurde anfangs nicht nur die Einfuhr billiger amerikanischer Kohle erleichtert, sondern durch Streichung des Heizölzolls auch der Heizölverbrauch hochgetrieben.
Das Ergebnis: Schon im August 1958 wuchsen die Kohlenhalden auf 9,4 Millionen Tonnen und türmten sich höher als im bis dahin schlimmsten Krisenjahr 1932. Theobald Keyser, Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau, malte den Teufel an die Wand: 1933 hätten die Ruhrhalden dazu beigetragen, Hitler an die Macht zu bringen, nun könnten sie der schwarzen Ruhr den roten Chruschtschow bescheren.
Daß aus der jahrelang beschworenen Energielücke ein langfristiges Überangebot an Kohle entstanden war, schien den Kohlefanatikern kaum faßbar, den Bonner Regierenden wenig wünschenswert.
Schon hatten demonstrierende Bergleute in Dortmund den Generalstreik gefordert und gerufen: "Uns reicht's, wir zünden die Halden an." Und der damalige Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Heinrich Gutermuth, den seine Kumpel als "eisernen Heinrich" verehrten, sprach in Bonn bei Kanzler Adenauer vor: "Das Ruhrgebiet, Herr Bundeskanzler, war politisch immer sehr, sehr labil." Der Kanzler: "Herr Gutermuth, ich kenne das Ruhrgebiet."
Die Regierung gab den Zechendirektoren und Gewerkschaftsführern, was sie haben wollten, und erhob - wie zuvor die deutsche Landwirtschaft - nun auch den deutschen Steinkohlenbergbau zum Naturschutzpark: Importkohle wurde (bei einem zollfreien Kontingent von nur fünf Millionen Tonnen) mit einem Zoll von 20 Mark je Tonne belegt, auf Heizöl wurde eine Sondersteuer erhoben.
Ärger noch: Unter dem Druck der Bundesregierung mußten Ölgesellschaften und Steinkohlenbergbau ein Kartell bilden, das die Ölexpansion bremsen sollte. Die westdeutschen Mineralölfirmen wurden verpflichtet, mit Rücksicht auf den sozialen Ruhrfrieden Mindestpreise für zunächst zwei Jahre einzuhalten. Das war im Dezember 1958. Schon ein knappes Jahr später freilich, im August 1959, war das Kartell überholt und trat außer Kraft.
Doch die Bundesregierung ließ sich nicht beirren, subventionierte Kohletransporte, zahlte Prämien für die Stillegung von Zechen und gewährte Steuererleichterungen für den Bau von Kraftwerken, die statt Öl noch immer Kohle unter die Kessel bringen wollten.
Nur eins versäumte Bonn: die Bekanntgabe eines Energieprogramms.
Immerhin verfiel Kurt Schmücker nicht in den Fehler seines Amtsvorgängers Ludwig Erhard, der Kapitalisten und Kumpel an der Ruhr noch im April 1965 eine Jahresförderung von 140 Millionen Tonnen versprochen hatte. Zwar hatte Erhard nie erklären können, wie ein solches Kohlengebirge abzusetzen sei. Gleichwohl verstand die schwarze Front das Erhard-Wort als regierungsamtliche Absatzgarantie. Wie Verdurstende hinter einer Fata Morgana, so taumelten die Kohlenleute hinter der 140-Millionen-Ziffer her.
Daran änderte auch nichts, daß seit 1956 insgesamt 43 Schachtanlagen mit einer normalen Jahresförderung von 21,5 Millionen Tonnen und 136 Kleinbetriebe mit einer Kapazität von einer Million Tonnen stillgelegt wurden. 26 Schächte wurden mit anderen Zechen vereinigt.
Zechenstillegungen hatte es auch vorher schon gegeben, doch war damit stets eine enorme Steigerung der Schichtleistung einhergegangen. Auf der Zeche Hugo in Gelsenkirchen-Buer erkannte ein Betriebsrat: "Du ahnst gar nicht, wie wir gewisse Kumpel bremsen müssen. Die hauen rücksichtslos in die Kohle und gucken nicht nach links und rechts."
So auch jetzt: Trotz der Stillegungen sank die Jahresförderung im westdeutschen Steinkohlenbergbau zwischen 1958 und 1965 lediglich um 14 Millionen auf 135 Millionen Tonnen.
Die Leistung je Mann und Schicht unter Tage stieg von 1,7 Tonnen im Jahre 1958 um über 70 Prozent auf 2,9 Tonnen in diesem Jahr. In einzelnen Schächten an Ruhr und Saar durchstießen die Kumpel die Schallmauer von drei Tonnen pro Schicht.
Auch, die künftigen Stillegungen von Zechen, zielen, nicht darauf, die Produktion zu verringern, sondern auf Verbesserung der Wirtschaftlichkeit - und das, obwohl mittlerweile viele Energiefachleute glauben, daß kaum mehr als 90 bis 100 Millionen Tonnen jährlich zu verheizen sind.
Stärker als solche - wirtschaftliche Einsicht war freilich das Vertrauen der Bergarbeiter, man werde es sich aus politischen und sozialen Gründen nicht leisten können, sie auf die Straße zu setzen. Bonn und die Zechen schienen dieses Vertrauen zu rechtfertigen - bis zum 8. Februar dieses Jahres.
An diesem Tage registrierten die Rührblätter den "Knall von Gelsenkirchen": Unvermittelt gab die Leitung des Steinkohlenbergwerks Graf Bismarck GmbH bekannt, sämtliche Schächte der Zeche würden zum 30. September geschlossen werden.
Die Kumpel witterten Verrat: Die Grube, aus der zu Bismarcks Zeiten die halbe deutsche Handelsmarine mit Kohle versorgt worden war, gehört nicht nur zu den leistungsfähigsten, weil modernsten Ruhrunternehmen. Bei einer Jubilarehrung wenige Wochen zuvor hatte die Zechenleitung überdies die Zukunft noch rosenrot gemalt.
Doch das jähe Ende war abzusehen gewesen: 1964 hatte diese Tochter der Deutschen Erdöl-AG (Dea) zwar 2,9 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert und 355 000 Tonnen Koks produziert, doch mit 500 000 Tonnen Kohle lagen über 30 Millionen Mark auf der "Bismarck"-Halde - eine Belastung, die sich die Dea auf die Dauer nicht leisten konnte.
Das "Sonntagsblatt" des hannoverschen Landesbischofs Lilje atmete unfromm auf: "Der Nebel aus Phrasen Vertröstungen, Hoffnungen und energiepolitischer Unentschlosenheit ist weg - die Liquidierung der Kohle beginnt."
Ebenso weg war freilich die Ruhe im Revier. Ein "Bismarck"-Steiger: "Ich habe das Vertrauen zum Bergbau verloren." Auf den Zechen rundum fragten Sich die Arbeiter, wann nun wohl auch ihr Pütt an die Reihe komme.
Die Sorgen der Kumpel sind verständlich. Schon die Feierschichten, die sie einlegen mußten, damit die Halden nicht in den Himmel wachsen, haben an ihrer finanziellen Substanz genagt (Durchschnittslohn unter Tage: 870 Mark monatlich, Spitzenverdienst bis zu 2000 Mark).
Nicht wenige der Bergarbeiter, denen die Existenzangst im Nacken sitzt, waren nach dem Kriege mit der Aussicht auf hohen Verdienst, durch Freßpakete oder schlicht - durch einen Zwangsverpflichtungsbescheid des Arbeitsamts in die Grube verbracht worden.
Ein heute 50 Jahre alter Kumpel erinnert sich: "Gruppenweise wurden wir damals einem Amtsarzt vorgeführt. Wir kamen uns vor wie Häftlinge auf einem Sklavenmarkt. Viele brachen im Verlauf der ungewohnt harten Arbeit zusammen. Ich selbst habe Nächte geweint oder vor Angst, nicht schlafen können."
Zunächst freilich schien sich die Angst zu lohnen. Im Revier, wurde so flott verdient, daß an den Zahltagen fliegende Händler aus ganz Deutschland vor den Zechentoren aufführen und Radios, Ledermäntel und Uhren auf den Kühlern ihrer Autos zum Teilzahlungskauf feilboten. Schneider breiteten ganze Kollektionen Herrnanzüge aus und maßen den Kumpeln Schritt- und Schulterweite auf offener Straße. Ein Berliner Schuhhaus bot Turnschuhe zu 1,75 Mark bei Barzahlung oder zu zehn Wochenraten à 20 Pfennig an.
Auch für die Zukunft der Bergleute war gesorgt: Schon mit 50 Jahren erhält ein Bergmann, der seine schwere Arbeit nicht mehr voll verrichten kann, eine Bergmannsrente in Höhe von 180 bis 250 Mark, bei Berufsunfähigkeit eine Knappschaftsrente von durchschnittlich 480 Mark, bei völliger Erwerbsunfähigkeit von rund 515 Mark. Schon mit 60 Jahren ist ihm ein Altersruhegeld von etwa 715 Mark monatlich sicher.
Voraussetzung für alle diese Zahlungen ist jedoch: 25 Jahre Beschäftigung im Bergbau, davon 15 Jahre unter Tage - eine Bedingung, die naturgemäß längst nicht alle Kumpel erfüllt haben, die sich nach anderen Arbeitsplätzen umsehen müssen, weil ihre Zechen jetzt stillgelegt werden.
Und ein Ende der Misere ist noch nicht abzusehen. Noch zahlreiche Schächte werden vollaufen müssen, wenn künftig nur noch 100 oder 90 Millionen Tonnen Kohle abgesetzt werden können. Einer Armee von etwa 60 000 Bergarbeitern droht die Entlassung aus dem ihnen wider alle Natur liebgewordenen Beruf. Nur etwa 10 000 von ihnen, so befürchtet der Direktor des Ruhrsiedlungsverbandes, Dr. Friedrich Halstenberg, können in der Ruhrheimat kurzfristig eine andere Beschäftigung finden.
Die allgemeine Rührung an der Ruhr, die sogar schon dazu geführt hat, daß die Gastwirte in diesem ewig durstigen Land der tausend Theken einen Rückgang des öffentlichen Bierverzehrs bis zu zwanzig Prozent konstatieren, hat das ganze Gebiet von Ahlen im Osten bis Kamp-Lintfort im Westen, von Hattingen im Süden bis Haltern im Norden erfaßt. Denn seit je hat das Revier nicht nur auf Kohle, sondern seit einem Jahrhundert zunehmend auch von Kohle gelebt. Im gleichen Maß, wie aber der "schwarze
Diamant" seine Strahlkraft verliert, droht dem Ruhrrevier, wo man die Kohle gern als einen Brennstoff ansieht, den Gott für deutsche Ofen bestimmt hat, die Degradierung zu einer Industrielandschaft zweiten Ranges.
Mit der Demontage der Fördertürme, die wie Herrschaftszeichen einer allmächtigen Majestät in den verstaubten Himmel ragen, verbinden die Kohle-Romantiker die freilich niederdrückende Vorstellung, an Ruhr,- Emscher - und Lippe werde es dereinst womöglich wieder so aussehen wie vor anderthalb
Jahrhunderten, als der Fürst von Pückler-Muskau auf einer Reise durch diese Gegend nur eine "anmutige ländliche Natur" und nichts als Dörfer entdeckte, die. "inmitten üppiger Wiesen und belaubter Haine friedvoll gelegen" waren - kaum anders als in jener von Jürgen von Manger geschilderten grauen Vorzeit, in der das Land "nur mit diese ausländische Schachtelpalmen" bedeckt war und "so Dinosaurier hin- und hergepest" sied, "tausend Jahre nur diese Sachen", bis die Wälder "dann eines Tages aus Kohle gewesen" sind, bis auf die siebte Sohle".
Tatsächlich lebten in Dortmund (heute 653 000 Einwohner) Mitte des vergangenen Jahrhunderts erst 9000 Menschen, Gelsenkirchen (378 000 Einwohner) war ein Dorf mit 800 Seelen, und von den insgesamt 380 Häusern Bochums (heute 359 000 Einwohner) waren in jener Biederzeit 135 noch mit Stroh gedeckt.
Allerdings waren die Ruhrdörfler gewohnt, beim Pflügen ihrer Äcker gelegentlich an Kohle zu geraten, die im Süden des Landes über Tage trat und glitzernd zwischen den Runkelrüben lag. Aus dem Jahr 1302 ist ein Vertrag überliefert, durch den ein Haus in Schüren bei Dortmund "mit allem Zubehör", und darum auch mit dem Recht, "Kohlen zu schürfen im Waldgebiet wie in den Wiesen", verkauft wurde.
Die geregelte Ausbeute des Ruhrschatzes - der Vorrat wird auf 65 Milliarden Tonnen geschätzt - begann aber erst 1801, als der Essener Zimmermann Franz Dinnendahl eine aus dem oberschlesischen Tarnowitz gelieferte Dampfpumpe auf der Ruhrzeche "Vollmond" bei Langendreer zusammenbastelte. Mit Hilfe dieser "Feuermaschine", wie das Gerät ehrfürchtig genannt wurde, gelang es, das störende Grundwasser aus den Stollen zu pressen, die man in die Kohlenflöze getrieben hatte. Auf Zeche "Vollmond" wurde dadurch die Rekordtiefe von 46 Meter erreicht. Tiefster Schacht im Ruhrgebiet heute: 1200 Meter (Zeche "Westfalen" in Ahlen).
Im selben Maß, wie die neuen Maschinen es möglich machten, die Kohle in immer größeren Tiefen abzubauen, rückten die Fördertürme von Süden nach Norden vor.
Das sogenannte Schichtpaket des kohleführenden Karbon ist nämlich - in einem Winkel von zwei bis sieben Grad - schräg in die Reviererde gerammt und fällt vom Mittellauf der Ruhr im Süden, der "Ruhrzone", immer tiefer zur Hellwegzone, zur südlichen und nördlichen Emscherzone und schließlich - vierzig Kilometer entfernt - zur Lippezone ab, wo das Deckgebirge aus den darüber lagernden Kreideschichten schon rund tausend Meter dick ist (siehe Karte Seite 28).
Die Schichten aus Magerkohle und Anthrazit, die im Süden mit einem Kehrblech vom Acker gefegt werden können, lagern dort in 3000 Meter Tiefe einstweilen unerreichbar.
Auf ihrem Siegeszug nach Norden verwandelte die Kohle das grüne Land wie mit einem Zauberstab. Sie überzog es mit einem Spinnengewebe aus Straßen, Gleisen und Kanälen, zeugte wie in Zellteilung Kokereien, Hütten, Walzwerke, chemische Anlagen, richtete Hochöfen, Löschtürme und Gasometer auf, grub Häfen und spannte Stromleitungen. Sie machte den blauen Himmel grau, entlaubte die Wälder und verseuchte die Flüsse.
Das schon auf der Landkarte brikettförmige Ruhrgebiet wurde binnen eines guten Jahrhunderts zum deutschen "Kohlenpott", der größten zusammenhängenden, aber auch der am wildesten zersiedelten deutschen Industrielandschaft. Durchschnittlich leben 1106 Ruhr-Menschen auf einem Quadratkilometer (Bevölkerungsdichte der Bundesrepublik: 238).
Wo immer ein Lager Anthrazit-, Mager-, Eß-, Fett-, Gas-, Gasflamm - oder Flammkohle geortet und ein Schacht in die Erde getrieben wurde, sprossen auf der grünen Wiese "in der Sinnlosigkeit des Zufalls" (Ruhrchronist Wilhelm Herbert Koch), ungeachtet kommunaler. Zuständigkeiten, neue Siedlungen und "Kolonien". Ihre Bewohner waren oft von weither angezogen oder angeworben worden.
In einem Gebiet von 5205 Quadratkilometern prägte die Kohle nicht nur Land und Leute, sondern auch Geschichte und Sprache und formte einen neuen Menschenschlag. Sonderzugweise karrte das kaiserliche Deutschland ostelbische Landarbeiter, Schlesier, Polen und Russen vor die Zechentore, wo ihnen Eisen, Fäustel und Häckel in die Hand gedrückt wurden, mit denen sie das schwarze Gestein im Berge losmachten.
Sie standen noch stramm, wie sie es auf den ostischen Gütern gelernt hatten, wohnten wochenlang in Häusern ohne Fenster und Türen, schliefen auf Strohsäcken, die der Zechenherr ihnen hatte hinwerfen lassen, und aßen von der Fensterbank oder aus dem Henkelmann, den ihnen Weib und Kind ans Zechentor brachten.
Ein Dorfgendarm, der das Treiben mit ansehen mußte: "Wenn diese Polen kamen, waren sie noch unterwürfig und küßten die Schuhe. Wenn sie aber erst dreimal Geld erhalten hatten, dann war es aus, dann wurden sie unverschämt."
Die alten Ruhrbewohner, die ihr Leben noch hinter dem Pflug und im Stall verbracht hatten, befanden zu jener Zeit um 1900: "Pütt ist Pütt, tiefer geht's nimmer."
Freilich: 1913 förderten an der Ruhr 400 000 Bergleute - Schichtlohn: 6,82 Goldmark - in 234 Schachtanlagen schon 114 Millionen Tonnen Kohle zutage - ebensoviel wie 1952.
Der verrufene, gelästerte, vermaledeite Pütt wurde Herz und Stolz der jungen Industrienation, der Bruder aus Zeche und Grube wertvoll wie der hinter dem Pflug. Ob Kaiser, Führer oder je ein Kanzler - für alle wurde die Ruhr zum Inbegriff deutscher Kraft und Herrlichkeit, für das Ausland zur Quelle wachsender Furcht (siehe Auszug Seite 25) und der Kumpel zum Nationalhelden der Arbeit. Einer Arbeit indes, über die der Romane schreibende Bergmann von der Grün weiß: "Verfluchte Sauerei. Zuchthaus ist ein Kinderspiel dagegen."
Während bis heute deutsche Schulkinder in ihren Aulen das Lied fiepen: "Wie könnte denn heute die Welt noch bestehen, wenn keine Bergleut' wär'n, Glück auf! Kommt alles von Bergleut' her. Ja, ja, ja, ja, kommt alles von Bergleut' her", liegen die Hauer 200 Stockwerke unter der Erdoberfläche schwitzend und staubverkrustet in ihrem oft nur 50 Zentimeter hohen Streb "vor Ort" und reißen mit Hämmern die Kohle aus dem Flöz.
Den Oberkörper nackt oder nur mit einem Schweißhemd bekleidet, schützen sie sich vor herabstürzendem Gestein und vor den messerscharfen Kanten des Gebirges mit Helmen, Stahlkappen an den Stiefeln, Knöchelschützern und Schienbeinschonern aus Gummi. Vom Gürtel herab hängt ihnen über ihr Gesäß das vielbesungene Arschleder.
Sein Frühstück "buttert" der Kumpel, auf der Gezähekiste mit dem Werkzeug kauernd, im fahlen Licht der Grubenlampe. Den Rest seiner Stullen hängt er an Drähten unter dem Hangenden auf, damit Ratten und Mäuse keinen "Querschlag" in das Handtuch fressen, das er um sein "Karo" geschlungen hat. Seine Notdurft verrichtet er in Kübel oder wirft sie mit der Schippe ins Dunkel des Stollens.
Tabak und Alkohol sind aus Sicherheitsgründen unter Tage verboten, doch war es zumindest früher Brauch, daß die Kumpel ihre Drei-Liter-Kaffeepulle, den "Flachmann", mit einem Teil puren Sprit und zwei Teilen Wasser füllten.
Denn auch heute noch hängen die meisten Untertagelöhner dem Aberglauben an, Alkohol könne sie vor der gefürchteten Staublunge bewahren. So führt sie nach Schichtende der erste Weg meist in die Kneipe, wo sie schnell einen "Klaren mit Speck" - einen Pfefferschnaps - durch die Gurgel jagen.
Denn: "Zehn Prozent Staub hat jeder", behaupten die Knappen, "ohne das kann man gar nicht leben." Mit achtzig oder gar hundert Prozent Staub und einer Zementlunge ist einer "bergfertig". Hugo Biesewinkel, Knappenvereinspräsident: "Einen solchen Bergmann muß man sterben sehen."
Auch die Abbauhämmerkrankheit ("Da hämmert man noch im Schlaf und kann weder Messer noch Gabel halten"), Furunkulose, Augenzittern und Bandscheibenschäden führen dazu, daß die Gesundheit des Bergmanns meist vor der Zeit ruiniert wird.
Überall lauert tödliche Gefahr, denn "hinter der Hacke ist es duster", wie die meistgebrauchte Spruchweisheit der Knappen lautet. Keiner der in der Grube inmitten des ständig knackenden, rumpelnden und in Bewegung befindlichen Berges arbeitenden Armschläger, Bergeversetzer, Lader, Umleger, Stempelsetzer und Wettermänner weiß, was der "Berggeist" mit ihm noch vorhat und was vielleicht schon im nächsten Augenblick passiert.
Früher witterten die in langer Grubendunkelheit erblindeten Pferde, die nur alle halbe Jahr an das Tageslicht und auf die Weide kamen, nahendes Unheil. In Achtstundenschichten treckten sie jeweils acht Kohlenwagen - wurde ein neunter angehängt, blieben sie stehen
- zum Förderschacht.
Durchschnittlich jeweils 555 000 Tonnen Steinkohle wurden 1965 an der Ruhr mit einem Menschenleben bezahlt, durchschnittlich vier von fünf Grubenrekruten kehrten nach kurzem der Knochenarbeit wieder den Rücken. Vier Jahre, so rechnen die Zechenleitungen, braucht ein Neu-Kumpel, bis er sich im
finsteren Pütt so sicher fühlt wie ein
Autofahrer im Verkehrsgewühl und "automatisch schälten lernt" (Grubeninspektor Heitmann von der Consolidation Bergbau AG);
Nach einer Untersuchung der Sozialforschungsstelle an der Universität Münster über "Bergmann und Zeche" ist auch das Verhältnis der Kumpel untereinander "durch die in der Grube weithin herrschende Nervosität zuweilen stark beeinflußt ... Die Leute werden unruhig, aufgeregt, oft streitsüchtig und bekommen aus den nichtigsten Anlässen Händel mit Vorgesetzten und Kameraden, die ihnen selbst später völlig unverständlich sind".
Den meisten Bergleuten ist - wie eine Umfrage der Sozialforscher ergab - die rauhe Behandlung gleichgültig, wenn nur das Gedinge - der Untertage -Akkordlohn - in Ordnung ist: "Lieber mehr verdienen", philosophierte ein Kumpel, "ich bin ja Soldat gewesen, mir ist das egal, ein Ohr 'rein, anderes raus." Und ein anderer "Mich kann hier keiner kränken, über Tage fange ich ein neues Leben an."
Leben über Tage, das sind Familie, Theke, Auto und vor allem des Bergmanns Tauben, denen er Kosenamen gibt, wie es sonst nur alte Tanten mit ihren Fiffis tun.
Mindestens 25 000 Bergleute sind in Brieftaubenvereinen, den Reisevereinigungen, organisiert, basteln ihre Schläge in mühsamer Freizeitarbeit oder kaufen sie zum Preis von 3000 Mark.
Als zu Ostern die diesjährige Reisesaison begann, lasen die Züchter in ihrer Zeitschrift "Die Brieftaube":
Macht auf das Herz, die Welt wird neu,
laßt Freundschaft euch verkünden.
Wir können nirgends so viel Treu wie bei den Tauben finden.
Die treuen Vögel, von denen es rund 25 Arten gibt und die pro Tier zwischen 25 und 2000 Mark kosten, werden an zwölf Sonntagen von Mai bis Juli mit dem Gruß "Gut Flug" in Kraftfahrzeuge verpackt, bis zu 1000 Kilometer weit (Marseille) gekarrt und dort zum Rückflug aufgelassen.
In ihren Schlägen warten die Bergleute mit Konstatieruhren in der Hand auf die Heimkehrer. Am Stammtisch werden danach nicht nur die erfolgreichen Täuber und Täubinnen gefeiert, sondern auch die Taubeneigner, die beim Taubentoto gewonnen haben. Höchsteinsatz: 25,50 Mark, Höchstgewinn: 115 Mark.
Wie Gefahr, Schmutz und die Aussicht auf frühes Siechtum nehmen die Knappen im Dienst auch die starre Vorgesetztenhierarchie als gottgegeben hin. Oberster Boß an der Spitze der militärisch straffen Zechen-Organisation - Schlepper, Hauer, Lehrhauer, Steiger, Obersteiger - ist der Bergassessor, ein Titel, mit dem sich so erfolgreiche Konzernchefs wie Hermann Reusch, Generaldirektor der Gutehoffnungshütte, und Hans-Günther Sohl, Generaldirektor der August Thyssen -Hütte, noch heute bevorzugt ansprechen lassen. Auch Dr.-Ing. Helmuth Burckhardt, 62, seit 1958 Kohle-Sprecher als Vorsitzender des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau, ist Bergassessor.
Bis vor wenigen Jahren entsprach es allgemeinem Ruhr-Komment, daß sich der Bergwerksbesitzer von seinen Arbeitern und Angestellten mit "Mein Bergherr" titulieren ließ.
Und ungebrochen ist das Traditionsreglement bei den obligaten Jubilarfeiern der Zechen. So darf sich beim gemeinsamen Gesang der Verszeile
Wir Bergleute sein kreuzbrave Leut' und tragen das Leder vor dem Arsche bei der Nacht
nur das technische Personal der Grube von den Plätzen erheben. Die Kaufleute müssen sitzenbleiben, bis die Zeile gesungen wird:
Die Kaufleute sein auch kreuzbrave Leut'.
Sie tragen zwar kein Leder,
aber saufen tut ein Jeder.
Bewahrer solcher Riten sind die Knappenvereine, von denen es in jeder Gemeinde der Ruhr einen gibt, außer in Gelsenkirchen, wo der Fußballverein Schalke 04 - genannt "die Knappen" - die Tradition allein hochhält. Knappen-Vize Otto Datt: "'ne echte Bewegung."
Die Traditionsklubs achten nicht nur darauf, daß ihre 70 000 an der Ruhr organisierten Mitglieder bei Feierlichkeiten ordnungsgemäß in Kittel, Hose mit Arschleder, einem Federbusch auf dem Schachthut und Häckel, Meterlatte und Lampe in der Hand aufmarschieren. Sie kümmern sich auch darum, daß Jubilaren nach 25 Jahren Zechenzugehörigkeit eine Armbanduhr mit Gravierung, eine Urkunde und anderthalb Monatslöhne ausgehändigt, daß Mütter beraten und zuweilen schon vom Ruhrstaub mit Asthma behaftete Kinder verschickt werden.
Obwohl der Lohn aller Angst in den Gruben nie übermäßig hoch war, hängen die Bergleute mit fast kindlicher Treue an ihrer Arbeit, so der Althauer Datt, der hüstelnd versichert: "Ich habe mich wohlgefühlt, weil ich da unten frei bin."
Statt frei fühlen sich die meisten nun vogelfrei: Einstweilen mangelt es dem Revier an Möglichkeiten, jene 60 000 Bergleute aufzunehmen, die in nächster Zeit zum letztenmal mit "Glück auf" aus dem Schacht fahren werden. Neue Industriegebiete im Frankfurter Raum, in Württemberg und in Bayern laufen der Ruhr schon den Rang ab. Alle Versuche der Düsseldorfer Landesregierung, neben den Grundstoffindustrien, die hundert Jahre lang die Pfeiler des Ruhrgebiets waren, Ergänzungsindustrien anzusiedeln, haben bislang nur schwachen Erfolg gehabt.
Das eindringlichste Beispiel war der Plan der Kölner Fordwerke, die bei Hamm ein Zweigwerk errichten wollten. Sie bekamen trotz offizieller Unterstützung keine geeigneten Grundstücke und wichen nach Genk in der belgischen Provinz Limburg aus. Die Bergherren fürchteten um ihre jüngeren und leistungsfähigeren Arbeitskräfte.
Gegen den Strumpfmillionär Fritz -Karl Schulte ("nur die"), der bei Gelsenkirchen eine Pulloverfabrik für 2000 Beschäftigte gebaut hat, wurden Flugblätter verteilt: "Ein Dolchstoß für unsere einheimische Wirtschaft!" proklamierte ein Gelsenkirchener Geschäftsmann. Auch er argwöhnte, Arbeitskräfte würden "durch überhöhte Lohnangebote aus anderen Betrieben herausgeholt".
Die Bergherren verfügen über ein wirksames Mittel, Industriebetriebe aus dem Revier fernzuhalten. Ihnen gehört ein großer Teil von Grund und Boden, nämlich rund 440 Millionen Quadratmeter, das sind etwa 20 Prozent des engeren Reviers. Den Gemeinden gehören gerade 15 Prozent.
In einzelnen Städten besitzen die Zechengesellschaften weit mehr. Von Bottrops Grund und Boden beispielsweise gehört die Hälfte den Kohleherren, in Castrop-Rauxel sind 30 Prozent des Bodens in Kohlenbesitz.
Nach dem Kriege haben die Bergbaugesellschaften nur knapp vier Prozent ihres Grundbesitzes an Industrie-Unternehmen verkauft. Der Stadt Bochum gelang die Ansiedlung des Opel-Werkes, das heute über 15 000 Menschen beschäftigt, nur durch einen Trick. Sie erwarb von der Gelsenkirchener Bergwerks-AG das Gelände der Zechen "Dannenbaum" und "Bruchstraße", ohne ihre Absicht bekanntzugeben, das Gelände an den Autokonzern weiterzuverkaufen.
Siemens, das Volkswagenwerk oder der Arzneimittelkonzern Schering hatten weniger Glück. Ihre Pläne, große Zweigwerke im Ruhrgebiet zu errichten, scheiterten, weil keine Grundstücke zu haben waren.
Lediglich kleinere Unternehmen konnten in den letzten Jahren neu gegründet werden. Siemens errichtete in Gladbeck zwei Betriebe für die Herstellung von fernsprechtechnischen Zubehörteilen. Von den inzwischen 3000 Beschäftigten sind drei Viertel Frauen. In Bottrop, dessen 21 000 Arbeiter zu 80 Prozent im Bergbau tätig sind, hat sich vor fünf Jahren die Haushaltsgerätefirma Robert Krups aus Solingen mit einem Zweigbetrieb niedergelassen, der fast 600 Frauen beschäftigt. In Herne errichtet gegenwärtig die Bosch-Tochter Blaupunkt eine Niederlassung, die künftig 500 Frauen Arbeit geben wird.
In Köln wurde Ende Mai ein Gründungsausschuß für die "Aktionsgemeinschaft Deutsche Steinkohle GmbH" gebildet, die den Zechen ihren Grundbesitz abkaufen und an interessierte Wirtschaftsunternehmen weiterveräußern soll. Das Stammkapital der Gemeinschaft wird 200 Millionen Mark betragen, weitere 400 Millionen Mark sollen auf dem Kapitalmarkt aufgenommen werden.
Gesellschafter der Aktionsgemeinschaft werden Unternehmen aus allen Bereichen der Industrie sein, die zwar auf eine Verzinsung ihres Anteils verzichten müssen, ihr dafür aber steuermindernd im Jahre des Erwerbs abschreiben können.
Auch die Aktionsgemeinschaft jedoch verfügt nicht über das Recht, Zechenleitungen zum Verkauf von Gelände zu zwingen, das für den Aufbau von Wachstumsindustrien dienen soll. Wegen der Furcht vor Eingriffen in das Eigentum wurde schon bisher die Zechen-Stillegung nicht nach volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten, sondern nach Konzerninteressen betrieben. Als Folge davon wird manche Zeche geschlossen, die zwar in ihrem Konzern am schlechtesten fördert, aber immer noch mehr Ertrag bringt als Gruben anderer Konzerne, die weiter betrieben werden.
Den Ruhrgemeinden blieb bei ihren Grundstückskäufen nicht nur deshalb der Erfolg versagt, weil die Zechen nicht verkaufen wollten, ihnen fehlte oft auch das Geld. Die wirtschaftliche Machtzusammenballung an, Rhein, Ruhr und Emscher hat die Ruhrstädte nicht wohlhabend gemacht.
Die gesamten Steuereinnahmen der Ruhrgemeinden lagen, bezogen auf die Einwohnerzahl, in den letzten Jahren erheblich unter denen anderer Großstädte. Sie betrugen 1963 pro Kopf in Dortmund 292 Mark, in Oberhausen 275, Mark, in Wanne-Eickel 282 Mark oder in Recklinghausen 269 Mark.
Dagegen nahm Hannover 447 Mark ein; Frankfurt 515 Mark, Leverkusen 560 Mark, Ludwigshafen 580 Mark und Wolfsburg 855 Mark.
Auch das Pro-Kopf-Einkommen der Ruhrbevölkerung lag trotz der sogenannten Spitzenlöhne für die Bergarbeiter immer unter dem Einkommen anderer nordrhein-westfälischer Städte. 1961 entfielen auf jeden Einwohner Duisburgs 3790 Mark, auf den Dortmunder, 3670 Mark, den Gelsenkirchener 3180 Mark und den Bottroper 2950 Mark.
Der Düsseldorfer hingegen brachte 5060 Mark nach Hause, der Remscheider 4870 Mark, der Leverkusener 4710 Mark und der Bonner 4660 Mark.
Das liegt im wesentlichen an den fehlenden Arbeitsmöglichkeiten für Frauen. Zwar sieht der Bergmann seine Frau lieber am Herd als in der Fabrik, aber immerhin meldeten sich in der neuen Pulloverfabrik von Fritz -Karl Schulte in Gelsenkirchen dreimal soviel Frauen, wie Arbeitsplätze vorhanden waren.
Der ungewöhnlich hohe Anteil der Arbeiter an den Gesamtbeschäftigten ist ein Indiz für das Fehlen tertiärer Wirtschaftsbereiche wie Handel, Banken und Versicherungen. Während im Bundesdurchschnitt etwa die Hälfte aller Beschäftigten Arbeiter sind, zählen einige Bergbaustädte bis zu 80 Prozent.
Aber auch niedrigeres Pensionsalter als in anderen Wirtschaftszweigen und ein hoher Anteil von Frühinvaliden unter den Bergarbeitern mindern die Erwerbsquote im Ruhrgebiet.
233 000 Bergarbeiter haben Sorge um Arbeitsplatz und Wohnung. 60 000 von ihnen werden sich einen neuen Posten suchen müssen. Der Bergbau wird sie nicht mehr beschäftigen können. Aber niemand weiß heute, wer seinen Arbeitsplatz verlieren wird.
Sagt Fritz Sureth, Ruhrbeauftragter des Ministerpräsidenten Meybers und ehemals Staatssekretär in Kiel, zum SPIEGEL: "Das Ruhrgebiet braucht Zeit und Ideen. Ich bin nicht pessimistisch." Eine gelegentlich prophezeite Verelendung hält er für ausgeschlossen. Sureth möchte die Kombination Kohle/ Stahl erhalten wissen, ergänzt durch eine Vielzahl mittelständischer Betriebe. Allerdings: "Ich habe keine Zuständigkeiten."
Eine erste Tat hat Sureth, der sich
gern Ruhrlobbyist nennen läßt, schon vollbracht: Er hat das Bundesverteidigungsmininisterium veranlaßt, entlassene ältere Bergleute als Wachmänner einzustellen.
* Bergarbeiter-Demonstration am 25. Februar 1966 in Gelsenkirchen gegen die angekündigte Stillegung von Zechen der Graf Eismarck GmbH.
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* SPIEGEL-Titel 11/1959.

DER SPIEGEL 26/1966
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