13.06.1966

BENN-BRIEFE

Bares per Post

SCHRIFTSTELLER

Von mir", behauptete einst Gottfried Benn, "werden einmal keine Briefe auftauchen wie von Rilke - ich bin kein Briefschreiber."

Es war nur eine der kokett-melancholischen Übertreibungen des Berliner Dichters und Arztes (1886 bis 1956). Nach einem dicken Benn-Briefband, einer mit Briefen durchsetzten Benn-Anthologie und einem Bündel Benn-Briefe an seinen Verleger Max Niedermayer hat dieser jetzt noch einen Benn -Band herausgebracht, dessen Herzstück Benn-Briefe bilden: ein sogenanntes Benn-Symposion unter dem Titel "Den Traum alleine tragen"**.

Diese Korrespondenz-Kollektion zeigt einmal mehr, welch ein fleißiger und spontaner Briefschreiber Benn immer gewesen ist, trotz seinem Drang nach Distanz. Er schrieb zwar lieber über das Menü vom Vortag als über sein ".Innenleben". Dennoch durchzieht alle seine Korrespondenzen die "alte Melodie" seines - pessimistischen - "lyrischen Ichs":

1921: "Ich bin total erledigt ... Ich schreibe nichts mehr, man müßte mit Spulwürmern schreiben und Koprolalien";

1933: "Innerlich zum Bersten mit Trümmern und Modder angefüllt";

1937: "Es gibt doch nur ein Glück: im wesentlichen allein sein."

Das neue Benn-Buch spiegelt besonders deutlich einen problematischen Abschnitt in Benns Biographie: die dreißiger Jahre, in denen der Dichter-Doktor, von akuter NS-Sympathie geheilt und von den Nazis als "Kulturbolschewist" verschmäht, sich in die Armee absetzte: Benn: "Die finsterste Epoche meines Lebens, mit der ich gar nichts anzufangen weiß." 1937 berichtete er in einem Brief über sein "Doppelleben" als Wehrmacht-Arzt in Hannover: "Am Tage jawohl u. zu Befehl u. den Hintern rausgestreckt u. abends Destruktion und Rassenschande... Tags Baldur, dem Licht ergeben, u. nachts Loki, den Ratten pfeifend."

Noch mehr aber als in Benns Gedanken zur Zeit bietet Niedermayers Symposion Einblick in des Dichters Umgang mit Damen.

Eine - die Schauspielerin Tilly Wedekind, heute 80, Witwe des Dramatikers Frank Wedekind (1864 bis 1918) - hat nicht nur Benn-Briefe, sondern auch ihre Erinnerungen beigesteuert. Gern gedenkt sie jenes Abends im Jahr 1930, an dem Benn sie -in seiner Berliner Wohnung mit Brötchen und Sekt bewirtete: .Als ein Sandwich herunterfiel, kniete er vor mir nieder, um es aufzuheben. Die Unterhaltung war etwas gequält ... aber sehr bald ging er zu Zärtlichkeiten über."

Das "Tillerl" kaufte sich, Benn

zuliebe ein Auto und kutschierte mit

ihm sonntags ins Grüne. Nach seinem Rückzug in die Armee besuchte sie den Oberstabsarzt gelegentlich in Hannover. Ihr Briefwechsel brach erst ab, als Benn 1937 von anderweitigen Heiratsplänen Mitteilung machte. Erinnert sich Tilly Wedekind: "Ich schrieb ihm einen sehr heftigen Brief - er würfe mich in den Abgrund, wie er es mit allen getan, die ihn geschätzt hatten; ich bedauerte heute schon seine zukünftige Frau, die nur geheiratet werde, um zu kochen, zu tippen und seine Socken zu stopfen; von mir hätte er zum letzten Male gehört."

Die Drohung wurde nicht wahr gemacht, aber mit der Kennzeichnung seiner Heiratsgründe hatte Tilly Wedekind so ganz unrecht nicht. Für Benn, der dreimal verheiratet gewesen ist, war die Ehe auch ein Mittel gegen den "Schüttelfrost der Einsamkeit" und den äußerlichen Verfall. 1947 teilte er Tilly seine dritte Eheschließung mit: "Es ging nicht ohne Frau. Alles verkam, die .Wohnung, ich selbst ..."

Der Briefwechsel zwischen Benn und Tilly Wedekind kam nach dem Krieg wieder in Gang. Sie schickte ihm Blumen, Kaffee und Speck. Er machte ein Gedicht auf sie und fragte die nun 71jährige: "Lebst Du allein oder mit Enkeln (oder mit einem Jüngling . . . verzeih. aber es wäre ja gar nicht schlecht!)? "

"Sein ganzes Leben lang", kommentiert Benns Verleger-Freund Niedermayer, "übten die Frauen auch auf ihn eine starke Anziehung aus';, aber "er scheute Bindungen".

Eine andere langjährige Freundin und Briefpartnerin, die Schauspielerin Ellinor ("Mor") Büller-Klinkowström, beschied der Dichter so: "Übrigens, daß ich Frauen verrückt gemacht hätte - weiß wirklich nichts davon. Immer gegenseitig höchstens und vice versa."

Tatsächlich verstand Benn es gut, erotische Beziehungen zu gegebener Zeit in freundschaftliche umzuwandeln. Seine Briefe - zart, zärtlich, manchmal ironisch und oft betont banal - halfen ihm dabei. An "Mor" schrieb er jahrelang, zeitweise täglich: über Geldsorgen, Ärger mit der Putzfrau, den Sonntagsbraten. Er schickte ihr Geld fürs Porto und fragte nach ihren Weihnachtswünschen - sein Vorschlag: "Bares per Postanweisung.'

Den meisten Charme per Post hat die einstige Feuilleton-Korrespondentin der "Frankfurter Zeitung" Käthe von Porada dem Lyriker entlockt. Benn an "Kati": "Ich schwärme Sie an, wie Sie sehn. Toll! ... Warum laufen Sie eigentlich frei herum?"

Die Journalistin war von dem Literaten-Kreis um -James Joyce und die Zeitschrift "transition' in Paris 1933 entsandt worden, um Benns politische Haltung zu erkunden. Nach ihrem ersten Zusammentreffen in Berlin fühlt er sich ihr "merkwürdig verbunden" und überschüttet sie mit Briefen: Kürzlich fiel mir ein, daß ich gar nicht wußte, was für Schuhe Sie eigentlich trugen, sonst weiß ich alles." Er bittet sie, in Paris niemanden über ihn aufzuklären: "Lassen Sie mich Ihre private Beziehung sein." Er legt sich "Chère Madame" als "treuer Bernhardiner" zu Füßen, schickt ihr ein Baby-Photo von sich und Gedichte.

Wenn er an 'Kindchen, Kati, gnädige Frau" über Bücher und Autoren schreibt, sprüht er Bonmots - etwa über den von den Nazis geschätzten Philosophen ("Der . Geist als Widersacher der Seele") Ludwig Klages: "Außen Mephisto, innen Frida Schanz*. Ein Plattfuß ohnegleichen."

Viele Jahre nach Kriegsende zitiert der einstige "Bär" seinem ehemaligen "Reh' eine Lieblingsstelle aus dem eigenen Werk: "Sich abfinden und gelegentlich auf Wasser sehn."

Letzte Benn-Briefpartnerin im Band "Den Traum alleine tragen" ist die hockeyspielende Limes-Lektorin Marguerite Schlüter, die mit dem Dichter über editorische Details, gelegentlich aber auch über Sportereignisse korrespondierte. Benn am 6. Juli 1954: "Ja. das Fußballmatch war großartig"**.

Und drei Monate vor seinem Tod - er starb am 7. Juli 1956 - noch einmal ein Hauch verkappter Koketterie: "Ich bin ein schäbiger alter Mann geworden, keine Attraktion mehr für Damen (als Ausgangspunkt für neue Liebesgedichte, gibt ja auch schon genug)."

Neue Benn-Briefe wird es immer noch geben. Denn, sagt Verleger Niedermayer, wenn Benn mit der Behauptung, kein Briefschreiber zu sein, "ausdrücken wollte, daß er keine stilisierten Briefe schrieb, hatte er recht, aber was die Menge betraf, dürfte er Rilke kaum nachstehen".

Der Benn-Freund Friedrich Wilhelm Oelze zum Beispiel, Weinimporteur in Bremen, sitzt noch auf rund 2000.

** Gottfried Benn: "Den Traum alleine tragen. Neue Texte, Briefe, Dokumente". Limes Verlag. Wiesbaden; 252 Seiten; 27,50 Mark. * Frida Schanz (1859 bis 1944), Redakteurin bei der Familienzeitschrift "Daheim", schrieb Balladen, Märchen und Jugendbücher. ** Gemeint ist das Weltmeisterschafts-Endspiel Deutschland gegen Ungarn (3:2) in Bern.

Briefschreiber Benn (1933)

"Lassen Sie mich bitte ...

Journalistin Käthe von Porada

... Ihre private Beziehung sein"

Schauspielerin Tilly Wedekind*

"Immer gegenseitig höchstens ...

Schauspielerin Eltinor Büller* ... und vice versa"

* Als Bismarcks Frau (l.) in Wedekinds "Bismarck". - Als Jettchen Gebert" von Georg Hermann.


DER SPIEGEL 25/1966
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