13.06.1966

WHO-FELDZUGPistolen gegen Pocken

Irgendein Reisender - niemand weiß, wann und woher er kam - mußte den Erreger eingeschleppt haben. Englands Amtsärzte schlugen Alarm.
Überall auf Flughäfen und an den Übersee-Kais wurden Impfstellen eingerichtet. Die Infizierten wurden isoliert. Trotzdem wurden - zwischen
Februar und Ende Mai dieses Jahres - 39 Engländer von der Epidemie erfaßt. Die Seuche, die einst Hunderttausende von Menschen hingerafft und noch die Überlebenden entstellt hatte, war in den britischen Midlands wiederaufgetaucht: Pocken.
Etwa zur gleichen Zeit, da in der Nähe Birminghams der vorerst letzte Pockenfall gemeldet wurde, faßten im "Palais der Nationen" zu Genf 500 Delegierte aus 116 Ländern einen sensationellen Beschluß: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) will in einem weltumspannenden Zehnjahresprogramm - Beginn: 1967, voraussichtliche Kosten: 720 Millionen Mark - die Pocken ein für allemal ausrotten.
Schon einmal schien die Seuche, zumindest in Europa und den USA, besiegt. Die Krankheit erlosch in diesen Teilen der Welt, nachdem die Schutzimpfung gegen Pocken gesetzlich vorgeschrieben worden war.
Mit dem Anbruch des Massenflugzeitalters nach dem Zweiten Weltkrieg aber wuchs wieder die Gefahr, daß die Seuche unerkannt ins Land kam. Die meisten Pockenalarme, die nach 1945 in europäischen Ländern die Bevölkerung aufschreckten, wurden durch flugreisende Pockenkranke ausgelöst.
Ihren Optimismus, die Pocken nun ein für allemal ausrotten zu können, gründen die WHO-Experten vor allem auf den einfachen Modus, durch den die Seuche übertragen wird, sowie auf neue Konservierungsverfahren, die seit kurzem die Produktion tropenfester Impfstoffe ermöglichen.
Im Gegensatz zur Malaria, deren Erreger auf dem Umweg über die Anopheles-Mücke übertragen werden, sind Pocken einzig auf direkte Weise ansteckend: von Mensch zu Mensch.
Die Infektion kommt innerhalb von zehn bis 14 Tagen zum Ausbruch, und die Kranken sind nur für einen Zeitraum von etwa zwei Wochen ansteckend. Wer die Seuche überstanden hat, wird nie wieder von ihr befallen.
Schon im kommenden Jahr sollen WHO-Helfer 220 Millionen Pocken-Impfungen ausführen: Insgesamt werden die Impftrupps, ausgerüstet mit geländegängigen Wagen und Campingzubehör, 1,8 Milliarden Portionen Impfstoff mittels Impfpistolen schmerzfrei und zeitsparend in Asiaten, Afrikaner und Südamerikaner schießen. Dann, so rechnen die WHO-Planer, müßte die Seuche besiegt sein.
Die veranschlagten Kosten erscheinen mäßig angesichts der Beträge, die derzeit von den heute pockenfreien Ländern für die Schutzimpfung der Kleinkinder aufgewendet - und mithin nach der Ausrottung der Pocken eingespart werden könnten. So geben allein die USA jährlich 80 Millionen Mark für Pockenimpfungen aus.
Trotz aller dabei getroffenen Vorsichtsmaßnahmen lösen Pockenschutzimpfungen heute noch alljährlich eine Anzahl schwerer Erkrankungen von Gehirn und Rückenmark aus, die unter hohem Fieber, unter Krämpfen und Bewußtlosigkeit zu lebenslangem Siechtum oder zum Tode führen können.
In der Bundesrepublik erlitten zwischen 1953 und 1962 381 Kinder eine solche "Impf-Enzephalitis". 112 starben an dem Leiden. Würden die Pocken jetzt endgültig ausgerottet, wären auch solche Opfer nicht mehr zu befürchten.
WHO-Pockenimpfung im Kongo: Hoffnung auf Endsieg

DER SPIEGEL 25/1966
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WHO-FELDZUG:
Pistolen gegen Pocken

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