27.06.1966

TRADITIONHoch fünf

Ernst August, Prinz von Hannover, von Großbritannien und Irland, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, verlor die königliche Kontenance. Zum
SPIEGEL: "Ich habe getobt und geschrien, daß die Sekretärin von nebenan hereinstürzte."
Des Prinzen Gegenüber und Gastgeber, Verteidigungs-Staatssekretär Karl Gumbel, schickte die Schreibdame wieder hinaus und belehrte die Königliche Hoheit: "Wenn Sie sich nicht der Umgangsformen befleißigen, die unter gesitteten Menschen üblich sind, breche ich das Gespräch ab."
Doch Ernst August wurde seines Zornes nicht Herr: Bis abends um halb sieben sei noch Zeit, diese "Perfidie ohnegleichen", diese "gezielte Provokation" zu unterbinden.
Es war am Donnerstag der vorletzten Woche, vormittags um elf. Für den Abend desselben Tages war die Taufe der Fliegerhorst-Kaserne in Stade an der Niederelbe auf den Namen des Generals August Karl Friedrich Christian von Goeben anberaumt.
Und dieser Goeben, in Stade geboren, Sproß einer Familie, die erst 1784 in hannoversche Dienste trat, war auf den Tag genau vor hundert Jahren - am 16. Juni 1866 - als General in preußischen Diensten an der Spitze der 13. Division in das Königreich Hannover eingefallen. Tags darauf besetzte Goeben die Hauptstadt Hannover.
Bis heute haben die Welfen jenen "deutschen Bruderkrieg" nicht verwunden. Sie empört es, daß die Bundeswehr ausgerechnet am Jahrhunderttag des preußischen Überfalls und in der Welfenstadt Stade des artvergessenen Eroberungskriegers Goeben ehrend gedenken wollte - eines Mannes, zu dem Eltern und Bruder nach seiner schnöden Missetat die Familienbande gelöst hatten.
Ernst August, Chef des Welfenhauses: "Das ist eine ungeheuerliche Herausforderung der heimattreuen Hannoveraner. Ich bin verpflichtet, meine Landsleute in ihrem Kampf zu unterstützen."
Aber selbst mit dem Mut seines Stammvaters Heinrich der Löwe richtete der Welfenprinz beim kurmainzerischen Wehrbürokraten Gumbel nichts aus. Der Staatssekretär beschied die Königliche Hoheit hinhaltend, er werde "die harte Kritik an den Mann weitergeben, der zuständig ist" (Bundeswehr-Slogan: "Zuständig sind alle, verantwortlich ist niemand").
Kasernennamen - bislang wurden 141 Kasernen, getauft - gehören zur Kompetenz des Brigadegenerals Wolfgang Köstlin, des Unterabteilungsleiters "Innere Führung" im Führungsstab der Streitkräfte. Sie sind ein Stück praktizierte Traditionspflege in der Bundeswehr, die dem Soldaten helfen soll, "den ihm in Gegenwart und Zukunft gestellten Auftrag besser zu verstehen und zu erfüllen".
Namensvorschläge kommen - auf dem Dienstweg - von den Truppenleitern, oft im Einverständnis mit den lokalen Zivilbehörden. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Freiburg (Breisgau) prüft, ob "Haltung und Leistung" des Benannten die Ehrung rechtfertigen.
Generaloberst Heinz Guderian, großdeutscher Panzervater, fand in Freiburg keine Gnade. Generaloberst Eduard Dietl dagegen, von Adolf Hitler favorisierter Bergheros und Held von Narvik, bestand das Examen. Auch General der Infanterie August Karl von Goeben, der abtrünnige Hannoveraner, habe - so befanden die Militärhistoriker - ein "vorbildliches Soldatenleben" geführt.
Das stand in der Depesche, die General Köstlin am Abend des vorletzten Donnerstag dem inzwischen aus Bonn auf sein Schloß Marienburg (Kreis Hildesheim) zurückgekehrten Bundeswehr-Reservemajor Ernst August nachschickte. Außerdem: Der Name Goeben sei "ein gemeinsamer Vorschlag" von Truppe und Kommunalbehörden, gegen den im Verteidigungsministerium keine "politischen Einwände" bestünden.
Der Welfenchef telegraphierte ohne Verzug zurück: Noch mehr als "das offenbar fehlende Fingerspitzengefühl" enttäusche ihn "die Taktlosigkeit" des Ministeriums, das in Stade "die gezielte Provokation am Tage der preußischen Okkupation" dulde.
Just zu diesem Zeitpunkt weihte das Versorgungsbataillon 76 vor dem Offiziersheim der Stader Fliegerhorst-Kaserne den Gedenkstein für Preußens General von Goeben. Der Stader SPD -Bürgermeister Ernst Reichard hielt eine freundliche Taufrede, gegliedert in "Laudatio" und "Lamentatio".
Oberst Rolf Jürgens, Kommandeur der 7. Panzergrenadier-Brigade und laut Festprogramm der zweite Redner, ging auf das Mikrophon zu. Ein stattlicher Zivilist, sommerlich taubenblau gekleidet, schnitt ihm den Weg ab. Jürgens: "Bitte, nach Ihnen."
Am Mikrophon stand der Landwirt Egon Weseloh, ungeladen, aber seiner Mission bewußt: "Ich spreche zu Ihnen als Vertreter der alteingesessenen Familien des Kreises Stade oder Niedersachsens oder des Königreiches Hannover, ganz wie Sie es haben wollen."
"Ich knüpfe an die Lamentatio meines Vorredners an, der mit großer Virtuosität über den entscheidenden Punkt hinwegglitt. Ich kann Ihnen im Namen der niedersächsischen Heimatbewegung nur sagen, daß wir in aller Form dagegen protestieren, daß hier ein Verräter geehrt wird."
Gemessenen Schrittes marschierte Bauer Weseloh von dannen. Ein Hauptmann nahm sich seiner an und geleitete ihn zum Kasernentor. Weseloh - "durch Generationen welfisch" - klärte seinen Begleiter auf: "Ich bin kein Antimilitarist, kein Kommunist. Ich bin Deutscher hoch fünf, aber ein Niedersachse."
Unterdessen bügelte der Brigadekommandeur Oberst Jürgens die programmwidrige Weseloh-Einlage wieder aus: "Wir leben in einer Demokratie und können so etwas ertragen."
Aber dem Prinzen von Hannover ließ der Welfenstolz keine Ruhe. Ernst August forschte, ob die zivilen Autoritäten von Stade und Umgebung der Schmach an Hannovers Gloria tatsächlich Vorschub geleistet hätten. Regierungspräsident Helmut-Ernst Miericke und Oberkreisdirektor Thassilo von der Decken beteuerten, ihre Behörden seien mit dem Fall Goeben "offiziell" nicht befaßt worden. Von seinem Recht durchdrungen, kabelte Ernst August dem Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel am letzten Dienstag, einen "gemeinsamen Vorschlag" von Truppe und Behörden für den Kasernennamen Goeben gebe es nicht.
Fragte der Prinz den Minister telegraphisch, ob "das Bundesverteidigungsministerium den Geist des Eroberungskriegs, der Okkupation und des Heimatverrats als Vorbild für die Truppe wünscht".
Feier vor der Goeben-Kaserne in Stade*: Nach einem Verrater benannt?
Welfenprinz Ernst August
Zeit bis zum Abend
* Rechts stehend: Bauer Egon Weseloh.

DER SPIEGEL 27/1966
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