27.06.1966

KÖNIGGRÄTZEine schöne Schlacht

Der Feldherr hatte Schnupfen. Immer wieder zog er sein rotseidenes Taschentuch hervor, um sich die Nase zu schneuzen. Doch gegen halb ein Uhr mittag steckte Möltke es weg, lenkte sein Pferd zu Preußens König Wilhelm und meldete: "Die Schlacht ist entschieden, und zwar zu Höchstdero Gunsten."
Man schrieb den 3. Juli 1866 und benannte später die Schlacht nach Königgrätz, obwohl in dem Städtchen kein Schuß gefallen war und von dort aus nur "Times"-Reporter W. H. Russell, auf dem Kirchturm sitzend, den Kampf beobachtet hatte.
Wenige Minuten bevor das Taschentuch des preußischen Generalstabschefs (und tatsächlichen Oberkommandierenden) Helmuth von Moltke in dessen Uniformhose verschwand, hatte Otto von Bismarck dem General sein Fernrohr gereicht. Der preußische Ministerpräsident und nachmalige Reichsgründer hatte jenseits der österreichischen Stellungen bei Lipa und Chlum Truppen bemerkt, die von der österreichischen Artillerie beschossen wurden.
Moltke äugte durch das Rohr und wußte dann, daß die preußische II. Armee unter Kronprinz Friedrich Wilhelm endlich auf dem Feld der seit sieben Uhr morgens tobenden Schlacht erschienen war, um - wie er es geplant hatte - den Feind in der Flanke zu packen.
Moltkes strategisches Konzept der "äußeren Linie" hatte gesiegt. Er hatte ganze Armeen - die I. preußische Armee unter Prinz Friedrich Karl, Herwarth von Bittenfelds kleine "Elbarmee" und die II. preußische Armee unter Kronprinz Friedrich Wilhelm - getrennt voneinander, aber mit gleichem Ziel operieren lassen: Konzentrisch aufeinander zumarschierend, sollten sie den Gegner in die Zange nehmen.
Bewußt hatte Moltke dem Gegner alle Vorteile der inneren Linie überlassen:
- kurze Nachrichtenwege,
- den schnellen Einsatz von Reserven,
- die Möglichkeit, die getrennt heranmarschierenden preußischen Armeen nacheinander, also einzeln, mit überlegenen Kräften anzugreifen.
Moltkes Strategie war riskant, und in der Tat war König Wilhelm um halb eins keineswegs so zuversichtlich wie Moltke. Unmittelbar vor dem Roskosberg, wo der König mit seiner Suite die Schlacht beobachtete, tobte ein fürchterlicher Kampf. Die Spitzen der I. Armee hatten gegen halb neun Uhr die Bistritz überschritten. Ihr Angriff war aber im Holawald liegengeblieben. Seit Stunden waren sie dort dem mörderischen Feuer der überlegenen österreichischen Artillerie ausgesetzt. Der König beobachtete den Kampf mit wachsender Nervosität.
Als gegen Mittag der Oberstleutnant von Valentini mit Resten des 31. und 71. Regiments aus dem zerschossenen Wald wankte, fuhr ihn Wilhelm an: "Ich werde
euch noch einmal verschicken, schlagt euch wie brave Preußen."
Kurz vor drei Uhr beurteilte der preußische Befehlshaber im Holawald, Generalleutnant von Schmidt, die Lage als hoffnungslos. Er forderte den Chef des in Reserve stehenden III. Korps, den Generalleutnant von Manstein, auf, mit ihm zusammen den Rückzug anzutreten: Die Schlacht sei verloren.
Auch der Führer der am rechten Flügel der Preußen stehenden ""Elb -Armee", Herwarth von Bittenfeld, war ständig um seine Rückzugslinie besorgt. Jedenfalls ist das die Meinung des amerikanischen Historikers Gordon A. Craig, dessen "The Battle of Königgrätz" soeben auf deutsch erschien*.
Craig, renommierter Kenner preußisch-deutscher Heeresgeschichte, meint sogar, Herwarths Ängstlichkeit sei schuld daran gewesen, daß Moltkes Optimal -Ziel - die Österreicher einzuschließen - nicht erreicht wurde.
Herwarth war im Laufe des Vormittags mehrfach um Entlastungsangriffe für die schwer kämpfende und teilweise moralisch zermürbte I. Armee gebeten worden, Jedoch: Erst gegen drei Uhr - nachdem bereits die durch einen langen Anmarsch ermüdete II. Armee des Kronprinzen in das Zentrum der Österreicher bei Chlum eingebrochen war - wurde auch Herwarth energisch.
Doch versäumte er, so Craig, schließlich das Entscheidende. Obwohl er gegen die Sachsen (die mit den Österreichern verbündet waren) Erfolge erzielte, obwohl er über genügend frische Reserven verfügte, zögerte er mit einem Stoß gegen die Straße nach Königgrätz - und ließ so den Österreichern den Fluchtweg frei.
Als gegen neun Uhr abends der letzte Schuß fiel, waren von den 215 000 Österreichern, die der Feldzeugmeister Ludwig August von Benedek gegen 221 000 Preußen in die Schlacht geführt hatte, immerhin 180 000 dem Zangengriff Moltkes entkommen.
Wenn auch Königgrätz für Preußen ein großer Sieg und für Moltke ein Erfolg seiner neuen Strategie der "äußeren Linie" (Craig: "Eine schöne Schlacht") waren, so gelang den Preußen doch nicht die Einschließung Benedeks.
Nach Craigs Meinung lag dies vornehmlich daran, daß die preußischen Generäle Moltkes Konzept für zu gefährlich hielten. Sie befürchteten, daß Benedek die Vorteile, die ihm seine Stellung auf der inneren Linie gewährte, nützen würde. Sie meinten, Benedek würde im ersten Anlauf die Armeen des Prinzen Friedrich Karl und Herwarth von Bittenfelds in die Flucht schlagen, um sich dann mit allen seinen Kräften auf die Armee des Kronprinzen zu werfen.
Tatsächlich gab es im Laufe der Schlacht einen Augenblick, wo diese Gefahr sich deutlich abzeichnete. Das war gegen Mittag, als die Preußen im Holawald zu wanken begannen und deren Befehlshaber von Schmidt die Nerven zu verlieren drohte.
Seit den frühen Morgenstunden stand Benedek mit seinem Stab auf einer Höhe bei dem Dorf Lipa oberhalb des Holawaldes, etwa drei Kilometer vom Roskosberg, dem Standort Wilhelms und Moltkes, entfernt.
Gegen ein Uhr mittags begann Benedek mit dem Gedanken zu spielen, seine Reserven anzusetzen, um die erschütterte Armee des - Prinzen Friedrich Karl in die Flucht zu schlagen. "Jetzt ist es Zeit, den Stoß auszuführen", murmelte er. Doch dann ließ er sich überreden, noch zu warten.
So versäumte er den Augenblick, in dem er - möglicherweise - die I. preußische Armee noch einzeln hätte schlagen können.
Moltkes Strategie war zweifellos gewagt gewesen. Selbst im preußischen Hauptquartier wurde sie von vielen als Vabanque-Spiel empfunden, und die Erleichterung über den erfochtenen Sieg nahm teilweise komische Formen an. Bismarck in einem Brief an seine Frau über die preußischen Soldaten: "Unsere Leute sind zum Küssen."
Moltkes Sieg gegen Benedek war auch ein Sieg über die Fachleute. Friedrich Engels, der sich damals vielfach als Militärkritiker betätigte, fand Moltkes Strategie der äußeren Linie so miserabel, "daß ein Leutnant, der so etwas bei der Prüfung an der Kriegsakademie vorzubringen wagte, mit seiner Entlassung zu rechnen hätte". Der Artikel erschien ausgerechnet am 3. Juli, dem Tag, an dem Moltke bei Königgrätz siegte.
* Gordon A. Craig: "Königgrätz". Paul Zsolnay Verlag, Wien-Harnburg; 348 Seiten; 22 Mark.
Übergang der Preußen über die Bistritz: Schnupfen am Morgen
Stratege Moltke
Krise am Mittag

DER SPIEGEL 27/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 27/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KÖNIGGRÄTZ:
Eine schöne Schlacht

Video 03:06

Webvideos der Woche Mini-Oktopus findet neues Zuhause

  • Video "EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen" Video 01:08
    EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen
  • Video "Vor 20 Jahren: Der Ku-Klux-Klan" Video 12:25
    Vor 20 Jahren: Der Ku-Klux-Klan
  • Video "Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen" Video 01:17
    Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen
  • Video "Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker" Video 01:27
    Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker
  • Video "Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz" Video 01:19
    Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz
  • Video "Vor 20 Jahren: Model-Mafia in Moskau" Video 10:58
    Vor 20 Jahren: Model-Mafia in Moskau
  • Video "Privater Raumfahrttourismus: SpaceShipTwo für eine Minute im All" Video 01:24
    Privater Raumfahrttourismus: "SpaceShipTwo" für eine Minute im All
  • Video "EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen" Video 01:08
    EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen
  • Video "Postkartenaktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt Ihr Martin Cobb" Video 04:06
    Postkartenaktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt "Ihr Martin Cobb"
  • Video "Filmstarts: Krieg der Städte" Video 07:02
    Filmstarts: "Krieg der Städte"
  • Video "EU-Gipfel zum Brexit: EU will May keine Zugeständnisse mehr machen" Video 03:16
    EU-Gipfel zum Brexit: "EU will May keine Zugeständnisse mehr machen"
  • Video "Frankreich: Festnahmen bei Gelbwesten-Protesten" Video 01:47
    Frankreich: Festnahmen bei "Gelbwesten"-Protesten
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger" Video 03:50
    Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger
  • Video "Von wegen stilles Örtchen: Singende Klofrau begeistert Kaufhauskunden" Video 02:23
    Von wegen stilles Örtchen: Singende Klofrau begeistert Kaufhauskunden
  • Video "Geburt über den Wolken: Baby kommt auf Linienflug zur Welt" Video 00:51
    Geburt über den Wolken: Baby kommt auf Linienflug zur Welt
  • Video "TV-Interview mit Melania Trump: Am schlimmsten sind die Opportunisten" Video 01:23
    TV-Interview mit Melania Trump: "Am schlimmsten sind die Opportunisten"
  • Video "Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg" Video 02:21
    Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Video "Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause" Video 03:06
    Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause