DER SPIEGEL



FUSSBALL / WELTMEISTERSCHAFT

Balla Balla

(siehe Titelbild*)

Die Lufthansa Boeing 727 "Heidelberg" tauchte durch die Wolkendecke über London. Dann, um 14.50 Uhr am Freitag letzter Woche, kurvte die Maschine über das Wembley-Stadion hinweg. "Hier", so dröhnte die Stimme des Flugkapitäns Schlemmer aus dem Bordlautsprecher, "möchten wir Sie spielen sehen."

Neugierig rückten die Passagiere nach Steuerbord und äugten hinab auf die Arena, in der am 30. Juli das Endspiel der VIII. Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden soll: Die deutsche Fußball -Nationalmannschaft befand sich auf dem Flug nach Manchester (siehe Seite 72).

Die Deutschen gehören zu den 16 weltbesten Fußball-Nationalmannschaften, die seit Montag dieser Woche um eine 30 Zentimeter große Göttin kämpfen: um eine faltenreich gewandete Juno, die einen achteckigen Goldpokal auf dem Kopf balanciert. Offizieller Name: "Coupe Jules Rimet"**.

Es ist die zugleich geschmackloseste und begehrteste Trophäe des internationalen Sports.

Um dieses Goldstück (Wert: 34 000 Mark) reiten sich für den Rest dieses Monats Kicker wie Gucker: die 343 nominierten Spieler der Nationalmannschaften, rund zwei Millionen Zuschauer auf den Tribünen der Fußballfelder in sieben englischen Städten und mit

ihnen die halbe Welt. Für 20 Tage tanzt sie Balla Balla.

100 000 Fußball-Fans reisten nach England, um leibhaftig dabeizusein, darunter 10 000 Deutsche (stärkstes Kontingent) und 56 Kommunisten aus Nordkorea (kleinstes Kontingent).

Den TV-Besitzern in 42 Ländern, von Rußland bis Brasilien, steht das Fest der Waden und Gedränge live ins Haus. Für das Endspiel am 30. Juli rechnet die britische Rundfunk- und Fernsehgesellschaft BBC mit 400 Millionen Zuschauern.

Allabendlich kommt nun, wie das Wochenblatt "Christ und Welt" formulierte, "das große Gähnen über Gesamtdeutschlands Straßen und Plätze"

- und fast ganz Europa. Im Dämmerlicht der Mattscheiben reduziert sich das Weltgeschehen auf Fallrückzieher und Flankenläufe. Der Blick der Männerwelt rückt ab vom Weib und hin zu derart unromantischen Körperpartien wie "uns Uwe sin Been", das gemäß einer an der Waterkant kolportierten Volksweisheit nicht nur dem deutschen Nationalmannschaftskapitän Uwe Seeler gehört, sondern offenbar der ganzen Nation.

Denn längst ist der Fußball zu einer Ersatzbefriedigung geworden - für den Trikot-Fetischisten, der seinem Idol das schweißdurchnäßte Hemd stückweise vom Leibe reißt, um so an dessen Erfolg teilzuhaben; für den sonst umgänglichen Familienvater, der seine aufgestauten Aggressionen in die Röhre röhrt. Die britische Wochenzeitung "New Statesman" konstatierte: "Fußball wird mehr und mehr zu einem Kriegsersatz."

Zumal bei internationalen Cup-Spielen - spannender als Olympia, wo sich der Nationalstolz auf 20 Sportarten verzettelt - ientifiziert sich das Fußballvolk millionenfach mit einem Team mit einem Torschützen, mit einem Bein; etwa mit dem linken Stiefel des deutschen Stürmers Lothar ("Emma") Emmerich, der seiner Mannschaft Borussia Dortmund den Europa-Cup erschoß. Sein Schuh wurde, als handele es sich um eine Reliquie, vergoldet.

Umgekehrt: Als die Deutschen bei der Weltmeisterschaft 1958 an der schwedischen National-Elf scheiterten, rissen rheinische Fanatiker- beim Reitturner in Aachen die schwedische Fahne nieder und schlitzten die Reifen schwedischer Touristen-Autos auf. Als die Argentinier, ebenfalls 1958, beim Welt -Pokal ausschieden, wurden sie zu Hause mit faulen Eiern bombardiert und verprügelt.

Nichts Neues für den brasilianischen Anthropologen Gilberto Freyre, der Funde auf einem prähistorischen Fußballfeld so interpretierte: Als Ball sei jeweils, der Schädel des Kapitäns der zuletzt unterlegenen Mannschaft benutzt worden.

Aber für Freyre sind auch die soziologischen Vorteile des Fußballs offenkundig, zumal im eigenen Land, wo der kaffeebraune Edson Arantes do Nascimento, genannt Pelé, unbestritten der beste Fußballer der Welt - vom Slum -Jungen zum Millionär und Nationalidol aufstieg. "Ohne Fußball", findet Freyre, "hätte sich Sao Paulo zu einem brasilianischen Chicago entwickelt."

Der Fußball war es auch, der den Deutschen nach verlorenem Krieg und Nachkriegsmisere im Jahre 1954 wieder einen Hauch von nationalem Selbstbewußtsein zurückgab. Als der Rechtsaußen" Helmut Rahn, der wie Jürgen von Manger spricht und wie ein Mörser schießt, das 3:2 für die deutsche Mannschaft und damit die Weltmeisterschaft erreichte, schnappte die Stimme des Reporters Herbert Zimmermann über, als ob der Zweite Weltkrieg soeben doch noch gewonnen worden wäre. Den Torhüter Toni Turek, der den Ausgleichstreffer der Ungarn kurz vor Spielende vereitelte, machte er - zweifellos in Übereinstimmung mit dem gesunden Volksempfinden seiner Zuhörer - zum "Fußballgott".

Nun haben sich die Deutschen abermals ganz auf Fußball eingestellt: die Opposition, die vorsichtigerweise ihr - mittlerweile abgesetztes - Rededuell mit der SED auf einen spielfreien Tag der Weltmeisterschaftszeit legte; der Kanzler, der hin und wieder wichtige Staatsgeschäfte vertagt, um sich vor dem Bildschirm ballistischen Überlegungen hinzugeben; und mit ihm "taumelndes" Volk mit dem größten Fußballverband der Welt (2,3 Millionen Mitglieder).

Wie bei Klöckner-Humboldt-Deutz in Köln ließen sich Arbeiter von der Abend- auf die Tagschicht umsetzen, um die TV-Übertragung (insgesamt 60 Stunden in beiden Programmen) nicht zu verpassen. Wie die Familie des Niebüller Studienrats Dr. Skambraks, dem die fußballbegeisterten Söhne in den Ohren lagen, änderten Deutsche ihre Urlaubspläne und nahmen Kurs auf Eurovisionsländer.

In München kaufte sich ein ständiger Tribünengast von 1860 sicherheitshalber einen zweiten TV-Apparat - aus Angst, der andere könne im entscheidendsten Augenblick versagen. Das Versandhaus "Neckermann" verzeichnete während der letzten drei Wochen einen 15prozentigen Verkaufsanstieg bei TV Geräten.

Im württembergischen Weingarten spornte die Textil-Firma - "Charmor" (Damenunterwäsche) ihre Vertreter durch einen Verkaufswettbewerb an, bei dem es Reisen zur Weltmeisterschaft samt Bowler-Hut zu gewinnen gab. Die Treibstoff-Firma Aral stellte eine komplette Werbekampagne ("Immer am Ball") auf den Tiger -Instinkt deutscher Fußballer ab, verteilte 30 Millionen Spieler-Photos und ließ an den Tankstellen 11 000 Fußbälle in Netzen baumeln.

Propheten wie die zwei Erhard-Gehilfen, Berlin-Beauftragter Ernst Lemmer und Postminister Richard Stücklen, beide dem Skat wie dem Fußball gleichermaßen zugetan, stärkten die Hoffnung der "erwartungsvoll bibbernden Nation mit dem Endspieltip: Deutschland gegen England. So weit ging ein Computer in England nicht. Immerhin: Als er mit allen verfügbaren Daten über die 16 Endrundenmannschaften sowie mit den Ergebnissen der letzten Probespiele gefüttert wurde, reihte er die deutsche Elf unter die vier Mannschaften des Vorfinales ein - neben Brasilien (Weltmeister 1958 und 1962), Italien (Weltmeister 1934 und 1938) sowie England.

Tatsache ist, daß bislang nur eine einzige Nationalmannschaft (Brasilien) beim Welt-Pokal erfolgreicher war als das deutsche Team. Die Deutschen wurden einmal Weltmeister und, obwohl sie nur an fünf von bislang sieben Weltturnieren der letzten 36 Jahre teilnahmen, je einmal Dritter und Vierter.

Sie verloren kein einziges der 16 Qualifikationsspiele. Sie erreichten stets die Endrunde und auch das Viertelfinale

- mit einer Ausnahme. Das war 1938,

als Trainer Sepp Herberger nach dem Anschluß Österreichs von NS-Funktionären genötigt worden war, auch Wiener Spieler aufzustellen. Die "Mischung aus Marsch und Walzer" ("Hamburger Abendblatt") war disharmonisch. Die Mannschaft schied aus.

Nach dem Kriege errangen Deutschlands Nationalfußballer ihre größten Erfolge, obwohl sie - im Gegensatz zu Engländern und Brasilianern - keine Berufsspieler waren. Der Vollprofi kehrte in Deutschland erst mit der Bundesliga 1963 ein. Von nun an zwang die Spitzen-Konkurrenz die heimischen Star-Spieler zu Dauerhöchstleistungen

- ideale Voraussetzung für eine starke

National-Elf.

Zudem paßten sich die Deutschen, von Haus aus an Disziplin gewöhnt, besonders effektvoll der neuen Spielweise mit ständigem Wechsel von offensiven und defensiven Aufgaben an, wie sie seit 1958 allenthalben praktiziert wird.

Die Hoffnung der Fußball-Fans hängt diesmal denn auch an einer Nationalmischung von Kickern alter wie neuer Prägung - an Senior Hans Tilkowski (Torwart), 31 und noch immer hauptberuflicher Versicherungskaufmann (Ford-Fahrer), wie an Junior Franz Beckenbauer (Mittelfeldspieler), 20 und hauptberuflich Lizenzspieler (Mercedes 230 SL).

Wohl ist noch das "Eiszeit-Idol" mit von der Partie, wie Mannschaftskamerad Karl-Heinz Schnellinger den Hamburger Vertreter und Tankstellenbesitzer Uwe Seeler, 29, nennt. Aber der Typ des Nur-Fußballers bestimmt das Mannschaftsbild immer mehr. Linksaußen Emmerich ist 24 Jahre alt und hat nach eigenem Bekunden "sein ganzes Leben nur an Fußball gedacht". Wie er sind fast alle jungen Stars entschlossen, die kurze Karriere eines Spitzenfußballers zu nutzen, um Kapital fürs Leben anzuhäufen.

Goldige Vorbilder sind ihnen deutsche Spitzenspieler wie Schnellinger, Haller und Brülls (diesmal sämtlich im WM Aufgebot), die schon vor Jahren nach Italien abwanderten und kassierten, was ihnen in Deutschland vor Einführung der Bundesliga nicht bezahlt werden durfte. Schnellinger wie Haller erhielten jeder mehr als eine halbe Million Mark Handgeld und bezogen jährlich - außer dem Gehalt - Prämien bis zu 65 000 Mark (Haller).

Diese drei Deutsch-Italiener allein sind an der internationalen Fußball -Börse mit drei Millionen Mark notiert, die gesamte deutsche Nationalmannschaft mit neun Millionen - sechs Millionen weniger als die Brasilianer, vier Millionen weniger als die Italiener.

Fast jede Nation - nicht die Bundesrepublik, nicht Italien - hat ihren Weltmeisterschaftsspielern für den Fall des Pokalsieges in England hohe Prämien in Aussicht gestellt: 15 000 Mark jedem englischen Profi, 24 000 Mark jedem Argentinier. Die Brasilianer erhielten schon für die Weltmeisterschaft 1962 Bargeld, Grundstücke und Autos im Wert bis zu 200 000 Mark.

Mit Geld geizten die Nationen und die nationalen Fußball-Verbände auch nicht bei der Vorbereitung für das jetzige Weltturnier. Die Brasilianer investierten 8,5 Millionen Mark, der Deutsche Fußball-Bund immerhin 1,2 Millionen, das meiste für das Engagement spielstarker Test-Gegner.

Kapital, Prestige, kriegsartige Strapazen und Knochen sind der Einsatz beim Welt-Cup, der zumindest in Europa und Südamerika den Olympischen Spielen bereits den Rang abläuft.

"Sozusagen als Kampfansage an das Internationale Olympische Komitee" ("Sport", Zürich) hatte der Internationale Fußball-Verband (Fifa) 1928 beschlossen, ein Welt-Turnier für Amateure und Berufsspieler zu organisieren. Die Olympier wollten damals Fußball aus dem olympischen Programm streichen, weil Uruguays Mannschaft 1924 und 1928 mit Spielern die Goldmedaille gewonnen hatte, denen entgegen Olympia-Regeln Prämien zugesteckt worden waren.

Zunächst blieb die Trotzreaktion der gekränkten Fußball-Funktionäre ohne Echo. Erst 1930 übernahm die südamerikanische Rinder-Republik Uruguay (Einwohner: 2,3 Millionen - wie West -Berlin) das Risiko, den ersten Welt-Cup vorzufinanzieren. Die Europäer hielten ihre Kassen dicht geschlossen.

Südamerikanische Equipen hatten willig die kostspieligen Reisen zu den Olympischen Spielen in Paris (1924) und Amsterdam (1928) unternommen. Noch 1932 entsandte Brasilien trotz der Weltmeisterschafts-Krise ein 69 Köpfe starkes Olympia-Team per Schiff zum Olympia in Los Angeles. Um ihre Reise- und Aufenthaltsspesen zu dekken, sollten die Brasilianer unterwegs 50 000 Sack Rohkaffee verkaufen. Der Umsatz war zu gering. Lediglich 24 Olympiateilnehmer erreichten ihr Ziel.

Europas wichtigste Fußball-Mächte geizten dagegen mit Geld. Zum Weltmeisterschafts-Debüt 1930 reisten nur die nicht zur Spitzenklasse zählenden Mannschaften aus Belgien, Rumänien; Frankreich und Jugoslawien auf der italienischen "Conte Verde" (für 60 000 Mark pro Equipe) nach Montevideo. Kein europäischer Journalist berichtete aus Uruguay. Die "Frankfurter Zeitung" druckte während des 18 Tage währenden Turniers vier einspaltige Meldungen. Uruguay wurde Weltmeister. Das Parlament feierte den Sieg durch eine Gedenkminute.

Erst als der zweite Weltmeistertitel 1934 in Italien ausgespielt wurde, beteiligten sich die stärksten europäischen Equipen. Dafür antworteten die Südamerikaner mit einem Gegenboykott. Lediglich Brasilien und Argentinien schickten ihre zweite Wahl.

Die Fußball-Großmacht England, von der die Welt das Kicken und Köpfen gelernt hatte, bewarb sich erst 1950 um die Weltmeisterschaft. Die Kicker -Kolonisatoren erlebten die schmählichste Blamage ihrer Fußballgeschichte. Englands Team spielte überheblich und in Sommerlaune. Es verlor gegen den Fußballzwerg USA.

Auch bei den folgenden Weltmeisterschaften drang keine Mannschaft aus Gtoßbritannien unter die letzten vier vor. Dabei steht den Briten ein traditionelles Privileg zu: England, Schottland, Nordirland und Wales dürfen gesondert antreten. Drei britische Teams fielen in der Qualifikations-Runde zur diesjährigen Weltmeisterschaft durch. England war als Gastgeber - ebenso wie Brasilien als letzter Weltmeister

- von der Ausscheidungsrunde befreit.

Gründlicher als je zuvor bereiteten sich die Engländer (Zuschauer-Spöttelei: "God Save The Team") deshalb auf die Weltmeisterschaft in ihrem Lande vor. Und zudem hoffen sie auf das Gesetz der Serie; Heimmannschaften kämpften bei den Weltturnieren besonders erfolgreich. Uruguay (1930) und Italien (1934) wurden im eigenen Lande Weltmeister, Brasilien (1950) und Schweden (1958) errangen vor den eigenen Landsleuten eine Silbermedaille, und selbst das im Fußball halbstarke Chile schaffte 1962 in Santiago einen dritten Platz. Deutschland wird erstmals 1974 das WM-Turnier organisieren.

Für die englischen WM-Organisatoren stand der Erfolg freilich bereits fest, bevor der erste von 300 gelben, weißen, orangefarbenen und braunen WM Bällen rollte. Sie steckten den britischen Löwen in einen Fußball-Dreß und ließen ihn als "World Cup Willie" gesetzlich schützen. Über die Londoner Firma Walter Tuckwell verkauften sie Lizenzen für die Verwendung Willies (zugleich Maskottchen der englischen Elf) als Warenzeichen.

Baseballmützen und 200 000 Bikinis, Bier und Bonbons, Hosenträger und Handtücher, Kartoffelchips und Krawatten werden mit Willie-Bildern - auch in Deutschland - feilgeboten; über 100 Firmen schütteten Willie-Waren im Werte von 44 Millionen Mark über die Schlachtenbummler aus. Lediglich auf Sport-Suspensorien fand ein interessierter Produzent keinen passenden Platz für das WM-Emblem. Dafür werben als Willies verkleidete Liliputaner, wie zum Beispiel George Clayton aus Wembley, für 60 Mark pro-Stunde.

Willie wird etwa zwei Millionen Mark Lizenzgebühren einbringen. Die Film- und Fernsehrechte an der Weltmeisterschaft wurden für fünf Millionen Mark verkauft. Der wichtigste Posten im WM Budget sind optimal 19,5 Millionen Mark für 2 040 000 Eintrittskarten zu den insgesamt 32 Spielen. Tickets im Werte von 13 Millionen Mark waren bis zum Juni bereits verkauft.

Von den TV- und Eintrittsgeldern profitieren außerdem - nachdem sämtliche Unkosten und zehn Prozent für den Veranstalter abgezogen sind - der Fußball-Weltverband (zehn Prozent) und die an der Endrunde in England beteiligten 16 nationalen Verbände (65 Prozent). Die Gäste partizipieren um so höher an den Einnahmen, je weiter sie im Turnier vorstoßen und je mehr- Zuschauer sie dabei anlocken. Nach der letzten Weltmeisterschaft 1962 buchte beispielsweise der DFB aus vier Spielen einen Anteil von 671 078 Mark.

Den höchsten Gewinn kassierten seit 1958 die zweifachen Weltmeister aus Brasilien. Sie planten ihren jüngsten Fußball-Feldzug wiederum mit preußischer Akribie. Brasiliens Aufstieg begann, als Trainer Vicente Feola die undiszipliiieirten Stars zähmte und ihre eigenbrötlerische, spielverzögernde Trick-Artistik der Taktik und dem Mannschaftsspiel unterordnete.

Zudem zogen die brasilianischen Fußball-Oberen gelernte Psychologen zur Unterstützung heran. Durch sie wurde den Stars eingegeben, daß eigennütziges Spiel dem Gegner einen Erfolg erleichtere, daß dagegen Team-Arbeit die eigene Wirkung und die Erfolgsprämien verdoppeln könnten.

In einer täglichen Sprechstunde analysierten die Psychologen unbewußte Hintergründe privater und beruflicher Probleme. Auf langen Spaziergängen ergründete und behandelte der Equipen-Medizinmann die vermutlichen Ursachen eines Leistungsrückstandes. So mißlangen dem Ballvirtuosen Garrincha zeitweise unerklärlich viele Tricks. Hauptgrund: Er hatte seine Ehefrau und acht Kinder verlassen und sich einer jüngeren Gespielin zugewandt.

Für die Brasilianer wurde ein Fitness -Programm wie für US-Astronauten entworfen. 30 Spezialisten vom Augenarzt bis zum Orthopäden durchleuchteten sie vier Tage lang. Jeder erhielt Fußballstiefel, die nach seinem Abdruck maßgefertigt wurden. Dann erstellten Professor Dr. Ataide Ribeiro und fünf Assistenten Persönlichkeits-Tests. Sie analysierten das soziale Verhalten und die Einstellung der Stars zur Arbeit - die für Mannschaftsspieler wichtigsten Eigenschaften.

Zuerst schied die Mannschaftsleitung alle Spieler aus, die Chefarzt Dr. Hilton Gosling und seine Mitarbeiter für nicht vollkommen fit hielten. Dann wurden Kicker ausgesondert, die nicht in Trainer Feolas taktisches System paßten.

Durch eine neue Taktik: hatten die Brasilianer Europas beste Mannschaften zuerst 1958 überrascht. Sie entwikkelten das sogenannte Vier-Zwei-Vier -System: Dabei operieren zwischen je vier Verteidigern und Stürmern zwei Mittelfeldspieler; die der Situation entsprechend entweder den Angriff oder die Abwehr verstärken. So "versammelten sie am Ort der Gefahr mehr Spieler als der Gegner". (Alt-Bundestrainer Herberger).

In Trainingslagern ließ Feola nur einmal wöchentlich Damenbesuch zu. "Mit den Frauen ist es wie mit dem Rauchen", erklärte er. "Man kann es nicht verbieten, aber wir versuchen die Spieler davon abzuhalten." Brasiliens erfolgreichster Star Pelé (Sowjettrainer Morosow: "Caruso des Fußballs") hatte erst im Frühling geheiratet und anschließend seine Form verloren. "Das ist ganz natürlich", appellierte Feola nach Pelés Flitterwochen an die Öffentlichkeit. "Laßt ihn in Ruhe, wenn Brasilien zum drittenmal Weltmeister werden soll."

Bereits 1964 hatte ein Vortrupp für Pelé und seine Mannschaft Quartier in England gesucht. Das Wohngebäude der Universität Liverpool lehnte Team -Arzt Dr. Hilton Gosling ab. "Es hat zu viele Ausgänge. Ich kenne unsere Burschen - und die Mädchen von Liverpool." Er akzeptierte schließlich das Lymm-Hotel in Cheshire, nachdem eine Abordnung in den Betten probegeschlafen hatte.

Bevor die Brasilianer in Lymm eintrafen, waren sie vier Wochen lang zur Akklimatisierung durch Nordeuropa getrampt. Jedes Probespiel - zuletzt in Schottland und Schweden - brachte den Brasilianern neben Reise- und Aufenthaltsspesen 95 000 Mark ein, alle Testspiele zusammen 2,5 Millionen Mark.

Für die Deutschen war der England -Flug vergleichsweise billig. Die zur WM Finanzierung erforderlichen 400 000 Mark brachte der DFB mühelos auf. Er ist der reichste Sportverband der Bundesrepublik. Detailwütig nach deutscher Art plante der DFB-Stab die WM-Organisation.

Bundestrainer Helmut Schön hatte gegenüber seinem Vorgänger Herberger einen Vorteil: Dessen Spielerkreis versickerte bis zur Einführung der Bundesliga 1963 in fünf regionalen Oberligen mit 74 verschiedenen Klubs. Er bedurfte zahlreicher Vertrauensleute in jeder größeren Stadt.

Für Schön sind die Nationalspieler hingegen in den 18 Bundesliga-Vereinen überschaubar. Er, sein Assistent Udo Lattek und DFB-Trainer Dettmar Cramer überprüften bei den wichtigsten Bundesliga-Spielen ständig Form und Kondition der besten Spieler. Überdies konferierte. Schön zweimal jährlich mit allen Bundesliga-Trainern. Seit der letzten Weltmeisterschaft 1962 sichtete Schön 79 Talente in Lehrgängen, 56 von ihnen setzte er in Probespielen ein. 42 ließ er in offiziellen Länderspielen auftreten, bevor er sich für das endgültige Aufgebot von 22 Spielern entschied.

Außerdem erreichte Schön beim italienischen Fußball-Verband die WM Freigabe der drei Italien-Deutschen Schnellinger, Haller und Brülls. Auch die deutschen Klubs verzichteten für ihre Privatspiele nach Beendigung der Bundesliga-Saison willig auf die von Schön angeforderten Nationalspieler. Jeder Spieler im WM-Aufgebot bringt ihnen eine Pauschale von 5000 Mark ein. Außerdem teilt der DFB den Überschuß aus den Einnahmen der letzten sechs Probespiele - schätzungsweise 700 000 bis 900 000 Mark - anteilig mit den Vereinen der eingesetzten Spieler.

Die deutschen Spieler selber hingegen können nicht auf zählbaren Gewinn rechnen. Ihre Klubs dürfen aus der DFB-Pauschale zwar je WM-Spiel 250 Mark für sie abzweigen. Doch der DFB gewährt in England lediglich zwei Pfund (22,40 Mark) Spesen.

"Für die Spieler ist das Nationaltrikot immer noch eine Ehre", bekundete Fritz Walter, Ehrenkapitän der National-Elf. Nationalspieler Horst Szymaniak versicherte dem Bundestrainer sogar: "Wenn Sie rufen, komme ich notfalls auf eigene Kosten." Aber Szymaniak wurde nicht mehr gerufen.

Nur gelegentlich steckten DFB-Funktionäre der Nationalmannschaft für außergewöhnliche Leistungen eine Prämie zu, erstmals 50 Mark nach einer Qualifikation für die WM 1954 und 500 Mark nach dem 3:2-Sieg im Finale gegen Ungarn.

Über die Gegner der Deutschen sammelte Bundestrainer Schön alle verfügbaren Nachrichten. Seine Schweizer WM-Gegner beobachtete er zweimal selber. Über die Spanier berichtete ihm Bundesliga-Trainer Hermann Eppenhoff, der mit dem Meidericher SV Trainingspartner der Spanier war. Sein Kollege Elek Schwartz informierte Schön über die Argentinier, die er mit der Klub-Elf von Eintracht Frankfurt besiegt hatte. Auf Schöns Wunsch spionierte selbst Alt-Bundestrainer Herberger in der Schweiz und in Italien.

Bereits im November 1965, noch bevor ausgelost worden war, welchem der sieben Spielorte die Deutschen zugeteilt würden, nisteten sie sich in England ein. Die DFB-Planer suchten mit Hilfe englischer Freunde geeignete Hotels in der Nähe aller WM-Plätze.

Am besten gefiel den Spähern das "Stanneylands Hotel" in Wilmslow bei Birmingham. Von dort aus waren vier Spielorte - Birmingham, Sheffield, Liverpool und Manchester - fast gleich gut zu erreichen. Alarmbereit warteten am Tag der Auslosung im Januar 1966 englische Vertrauensleute im DFB-Auftrag: Sie sollten unverzüglich das für die Deutschen günstigste Hotel endgültig mieten, sobald feststand, in welchen Orten die Deutschen antreten mußten.

Deutschland wurde der Spielgruppe Birmingham/Sheffield zugelost. Doch ohne den DFB zu verständigen, hatte das englische Organisations-Komitee das vorgesehene Hotel in Wilmslow den Portugiesen angewiesen. So kreuzte einen Tag nach der Auslosung erneut ein DFB-Trupp durch Mittelengland. Er entdeckte das "Peveril of the Peak Hotel" in Dovedale/Derbyshire. Der Quartiertrupp testete sofort die Fahrzeit nach Birmingham und Sheffield (je 90 Minuten) und buchte bereits Lokale für Kaffee-Stopps während der Juni -Fahrten zu den Spielplätzen.

Während der Weltmeisterschaft wird der eigens engagierte Koch Hans-Georg Damker heimische Gerichte brutzeln und backen. Er bekochte Schöns Aufgebot schon beim letzten Vorbereitungslehrgang in Malente. Die Schön-Schüler sollten sich zeitig an Damkers Kost gewöhnen. Konserven- und Obstsäfte schaffte der Magirus-Bus heran, den der DFB nach England beordert hatte. Den deutschen Chauffeur unterstützt im englischen Linksverkehr ein einheimischer Kopilot.

Das Augsburger Konfektionshaus Max Gutman, das zu seinen Kunden auch den Kölner Komiker Willy Millowitsch zählt; stattete die deutschen Spieler für je 800 Mark aus: Jeder erhielt einen dunkelblauen Maßanzug mit einer zweiten (grauen) Hose und zwei Trainingsanzüge.

Die Firma Saba - zu ihren Repräsentanten gehört Alt-Nationalspieler

Fritz Walter - versorgte jedes der elf Spieler-Doppelzimmer mit einem Tonbandgerät. Die mitgelieferten Bänder sind mit Unterhaltungsmusik bespielt - und mit Ansprachen Herbergers und der Weltmeister-Elf von 1954 zur moralischen Aufrüstung der Mannschaft. "Die anderen kochen auch nur mit Wasser", ermuntert Walter. Der Kölner Hans Schäfer beschwört den "Mannschaftsgeist, der in der Lage ist, Berge zu versetzen", und erinnert an den Kampfspruch von 1954: "Männer, die putze mer weg."

Der Alt-Bundestrainer ist immer noch dabei. Er lebt mit der Mannschaft im Quartier und traf sogar einen Tag früher als beabsichtigt im Trainingslager Malente ein: Herberger hatte sich im Abflugtag geirrt.

Mit Billard, Tischtennis, dem Adenauer-Spiel Boccia, Tischfußball oder Crockett können sich die Spieler sportlich ablenken. Außerdem stecken sechs Schmalfilme mit Krimis und Western im Reisegepäck. In der Reise-Bibliothek stehen neben Simenon-Krimis und lan Flemings Bond-Büchern auch englische Sprachführer für Touristen.

Sogar eine Autogrammstunde ist bereits eingeplant. Wie zu jedem Länderspiel händigte der DFB auch bei der Weltmeisterschaft jedem Spieler zehn frankierte Postkarten aus. Sie werden im Umlaufverfahren von allen zu festgesetzter Stunde signiert. Autogramm -Rekord: 1000 Karten im Februar 1966 vom Länderspiel in London. Die Autogramm-Karten vom Qualifikationsspiel 1965 in Zypern unterzeichneten die Deutschen bereits während des Anfluges auf Nikosia. Der DFB hatte Karten und Marken bereits bei einer voraufgegangenen Vorbesichtigung eingekauft.

Je deutlicher sich die präzise Vorarbeit durch steigende Leistungen auswirkte, um so beängstigender wuchs der Optimismus der deutschen Anhänger. Ärgerte sich Schön über die hochgeputschten Erwartungen: "Warum kommen die anderen überhaupt noch."

Allein im Ausland galten die Deutschen wieder als Außenseiter. Noch im Mai legte die Londoner Wettfirma Ladbroke's Wetten zum Kurs von 27:1 auf einen deutschen Sieg. Denn in den Jahren zwischen den Weltmeisterschaften hatte die deutsche National-Elf sogar gegen Außenseiter wie Holland, Belgien, Irland, Ägypten und Algerien verloren. In den unbedeutenden Länderspielen war experimentiert worden.

Aber: "Bei Weltmeisterschaften", staunte der italienische Verbandstrainer Edmondo Fabbri, "leistet Deutschland immer mehr als erwartet."

Auch in diesem Jahr steigerten sich die Deutschen bis zur Vorrunde ständig: Sie gewannen die letzten sechs offiziellen Probespiele ohne Gegentor mit 14:0. Drei Tage vor dem Abflug erzielte die Schön-Equipe in einem Trainingsspiel gegen Schleswig-Holsteins Amateur -Auswahl ein Handball-Ergebnis: 18:0.

Das alarmierte die Konkurrenten. "Wir sollten Deutschland wie die Masern meiden", warnte der "Sunday Express". Die Londoner Buchmacher nahmen den Wettkurs auf Deutschlands Endsieg drei Wochen vor dem Endspiel im Londoner Wembley-Stadion von 27:1 auf 10:1 zurück.

** Der Franzose Jules Rimet, von 1921 bis 1954 Präsident des Fußball-Weltverbandes, stiftete den Pokal 1928.

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Wembley-Fußballstadion in London: "Deutsche wie die Masern meiden" * Offizieller Weltmeisterschaftsball aus England.


DER SPIEGEL 29/1966
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