18.07.1966

DOPINGGiftig ohne Gift

Bei jedem Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft in England wird - zum erstenmal in der Geschichte dieses Wettbewerbs - zweimal gelost. Vor dem Spiel entscheidet das Los über die Seitenwahl, hinterher muß es ermitteln, welche beiden Spieler jeder Mannschaft unter ärztlicher Aufsicht Urin in Reagenzgläser abzulassen haben.
Stellvertretend für ihre Kameraden mußten so die beiden deutschen Spieler Siegfried ("Siggi") Held und Franz Beckenbauer nach dem 5:0-Erfolg gegen die Schweizer beweisen, daß deutscher Spielstärke nicht künstlich aufgeholfen wurde: Zum erstenmal wurde die Fußball-Weltmeisterschaft mit genereller Doping-Kontrolle gekoppelt. Bei Verdacht darf der Schiedsrichter noch weitere Spieler auf Einnahme aufputschender Essenzen überprüfen lassen.
"Es ist bedauerlich", sagte der deutsche Bundestrainer Helmut Schön in England, "daß es bei einer Fußball -Weltmeisterschaft so weit kommen mußte."
Jahrelang schien das Doping - Genuß verbotener Drogen zur Leistungssteigerung oder zur Ausschaltung leistungshemmender Faktoren - im wesentlichen auf Sportarten für Einzelkämpfer oder den Pferderennsport beschränkt. Seit einigen Jahren ist jedoch sicher, daß die fragwürdigen Künste des Dopens auch im Mannschafts- und Massensport Fußball heimisch geworden sind.
Durch überraschende Kontrollen entdeckten Beauftragte des italienischen Fußballverbandes vor zwei Jahren bei mehreren Spielern des Berufsspieler -Klubs AC Bologna (dem auch der deutsche Star Haller angehört) Spuren eines Dopingmittels.
Hochleistungssportler, wie etwa Leichtathleten, Boxer oder Schwimmer, pflegten sich mit Hormonen, Kreislaufpräparaten, Pflanzengiften oder Rauschgiften zu hohen Dauerleistungen oder kurzzeitigen Höchstleistungen anzufeuern.
Fußballer bevorzugten sogenannte Weckamine, wie Pervitin, Benzedrin oder Sympamin. Zur Halbzeit eingespritzt oder - sogar ohne Wissen der Spieler - in unverfänglicher Form, etwa in Zitronensprudel, verabreicht, vertreiben Weckamine das natürliche Ermüdungsgefühl und steigern die Aktivität. "So können", erläuterte das Ärzte-Magazin "Selecta", "ohne inneren Krampf alle Reserven bis zur totalen Erschöpfung verausgabt werden."
Neben totaler Erschöpfung drohen Fußballern nach übertriebenem Weckamin-Genuß allerdings Süchtigkeit und
schwere gesundheitliche Schäden. Verantwortungsvolle Mannschaftsbetreuer lehnen daher jegliches Doping ab.
"Wir haben nichts dagegen, daß unsere Spieler untersucht werden", erklärte Schön. "Wir haben nichts zu verbergen." Die Deutschen seien "giftig" genug - ohne Gift.

DER SPIEGEL 30/1966
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DOPING:
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